Amerikaner für den Frieden

Der Frieden ist eine sehr fragile Angelegenheit. Rebellen rebellieren, kleinwüchsige Koreaner mit freudschen Komplexen drohen Supermächten und Flüchtlingslager füllen sich. Es ist ungemütlich auf der Welt, doch dieser Zustand ist nicht neu und auch Kriegsgegner haben es nicht immer leicht. Bereits vor einigen Jahren habe ich einen Amerikaner gegessen. Ich habe mir nichts weiter dabei gedacht. Was wir halt Hunger nennen, hatte mich überkommen, und es sollte mal kein Döner sein. Wegen meiner damaligen Diät und man wusste zu dieser Zeit auch nie, ob so ein talibanöser Döner nicht eine Gefahr für Leib und Leben darstellte, manche Menschen sollten damals schon durch den Genuss von Brezeln Lebensgefahr durchlitten haben. Außerdem hatte ich Appetit auf etwas Süßes. Das war schon alles. Was soll ich sagen – der Amerikaner war nicht besonders schmackhaft. Genau genommen war er innen hohl. Und von außen sah er aus wie eine Tellermine. Die bröselige und wohl der Verschönerung dienende Zuckerglasur am Boden konnte den pappigen Geschmack nicht bessern. Doch egal, ich hatte ihn halt bezahlt und würgte diesen trockenen Pamps runter. Rums! – fällt er in den Magen, dachte ich noch amüsiert. Doch bald darauf brannte es wie ein Buschfeuer in meinem Bauch. Kurze, schwere Attacken, die meinen Verdauungstrakt bombardierten. Ich war wie gelähmt, sah zu, dass ich schnell nach Hause kam und legte mich erst einmal in mein Bett. Was tun, dachte ich verstört. Kamillentee trinken, Zwieback knabbern und Magentropfen nehmen? Und das alles nur wegen einem Amerikaner? Nein, unmöglich! Ich würde mir doch nicht wegen einem Amerikaner meine Art zu leben diktieren lassen! Ich war schließlich ein mündiger Bürger und hatte es nicht nötig, mir von so einem Eindringling sagen zu lassen, was ich tun oder lassen sollte! Und wenn er meinen Magen ausbrennen, meinen Dünndarm zerfressen und meinen Dickdarm zerschießen würde, ich würde mein Leben leben! Patriotisch erhob ich mich aus meinem Bett und schlüpfte energisch in meine Pantoffeln. Doch da geschah es! Der Amerikaner schickte mich mit einem gezielten Dünndarmstich zu Boden. Ich krümmte mich und robbte militärisch in die Küche. Dort angekommen, überlegte ich mir eine Strategie zur Bekämpfung des unangenehmen Eindringlings. Es gab nur eine: Mutter anrufen!
Ich schleppte mich zum Telefon und wählte hastig ihre Nummer. Nach dem zehnten Klingeln meldete sie sich endlich.
»Hallo Mutti! Mir geht’s nicht gut!«
»Was hast du denn, mein Junge?«
»Ich habe Probleme mit einem Amerikaner!«
»Wer hat die heutzutage denn nicht, mein Sohn! Hast du mal Nachrichten geschaut? Die bombardieren gerade Bagdad!«
»Mutti, was interessiert mich Bagdad? Mein Bauch tut höllisch weh!«
»Also weißt du, wir haben dir vieles beigebracht und manches auch nicht. Aber politische Arroganz und Augenverschließen kommen nicht von uns!«
»Ja, Mama, du hast ja recht. Ich schau nachher gleich N-TV, okay? Aber nun muss ich erst mal meine Bauchschmerzen loswerden.« Das Nachdenken meiner Mutter konnte ich durch den Hörer wahrnehmen.
»Von einem Amerikaner, sagst du? Nur von einem oder waren es ein paar mehr?«
»Es war nur einer, Mama! Wirklich nur einer!«
»Weißt du, mein Sohn, du bist ein ganz schöner Waschlappen. Ein Amerikaner genügt, um dich schon in die Knie zu zwingen! Was sollen die armen Kinder in Bagdad sagen? Die verlieren Arme und Beine wegen Hunderten und du jammerst wegen einem! Wärst du mal zu einer richtigen Armee gegangen und nicht bloß zur Bundeswehr!«
»Du hast ja recht, aber davon gehen meine Bauchschmerzen auch nicht weg.«
»Leg dich einfach hin, trink Kamillentee und knabbere an Zwieback. Dann wird es schon. Wir werden jedenfalls ab heute Abend eine Kerze für den Frieden entzünden und in unser Fenster stellen. Ich höre morgen früh wieder nach dir und deinem Amerikaner. Ruh dich aus, Junge. Wir haben dich lieb.«
Sprach sie und legte auf. Also doch Kamillentee? Nicht mit mir! Ich würde diesem Ami zeigen, dass er unerwünscht war. So lange musste ich gar nicht wühlen, bis ich die CD in meinen Händen hielt. Ich legte mich ins Wohnzimmer und drapierte meinen Bauch direkt vor die Box der Stereoanlage. Dann drehte ich den Lautstärkeregler voll auf. Die »Kleine weiße Friedenstaube« stach mit voller Wucht in meinem Bauch und schiss den Amerikaner zu. Drei mal spielte ich das Lied ab, die Nachbarn klopften schon an die Tür, doch meinen Amerikaner konnte dieses Vöglein nicht besänftigen. Also mussten härtere Bandagen her. Ich wechselte die CD und presste meinen Bauch bündig zur Box. Schwere Marschmusik dröhnte in meinen Gedärmen – »Swjatschtschennaja Woina« – »Der heilige Krieg«, tiefe russische Männerstimmen setzten dem Eindringling zu und befreiten mich vom Schmerz. Gelöst setzte ich mich vor den Fernseher und besah mir die Nachrichten aus dem Zweistromland. Die Amis und Briten begnügten sich nicht nur damit, die Irakis weg zu mähen, sondern sorgten mittels freundlichen Feuers für Verluste in den eigenen Reihen. Zapp! Ein anderer Kanal. Angela »Ich bin eine New Yorkerin« Merkel verwirrte mich. Obwohl sie anerkannte Kriegsbefürworterin war, zeigte sie in ihrem Äußeren die hässliche Seite des Krieges. Zapp! Auf CNN betrachtete ich giftig-grüne Aufnahmen von flackernden Geschossen und Einschlägen. So in etwa musste es in meinem Bauch aussehen. Ich rieb kurz über ihn und schielte drohend rüber zur CD. Auf einer Textzeile, auf der sonst nur Börsenkurse flimmern, wurde gemeldet, dass die Alliierten einen Hubschrauber vermissten. Aha, die Stunde der Verteidiger war gekommen! Höchste Zeit, meine Mutter zu informieren.
»Hallo Mutti, meine Bauchschmerzen sind weg! Ich habe meinem Bauch russische Militärmusik vorgespielt, dann ging es wieder!«
»Ach Junge, Opa wäre so stolz auf dich!«
»Du, Mutti, hast du schon gehört, die Amis vermissen einen Hubschrauber!«
»Das wundert mich nicht, schließlich habe ich gelesen, dass zweihundert Polen in den Irak aufgebrochen sind!«
»Och Mutti, aber weißt du was!? Ich bin froh, dass Deutschland nicht mit zu den Alliierten gehört!«
»Na das fehlte auch noch, dass wir uns in einen Angriffskrieg einmischen!«
»Nein, Mutti, es ist viel schlimmer! Wenn wir nämlich Alliierte wären, hätten wir uns 1945 selbst befreit! Das wäre doch grotesk!«
»Leg dich mal hin! Der Ami hat dir wirklich schlimm geschadet!«
»Es kommt noch besser, Mutti! Meinst du wirklich, es geht da ums Öl?«
»Ja, worum denn sonst?«
»Na sieh doch mal, was der Irak, Iran, Afghanistan, Nordkorea und Texas gemeinsam haben!«
»Na was denn?«
»Mutti, behalt es aber für dich! In diesen Ländern ist Analverkehr gesetzlich verboten und letztlich haben wir es mit der Achse der analen Verklemmung zu tun, die den Rest der aufgeklärten Welt von zart gehegten griechischen Gedanken abbringen will. Deshalb auch diese Ablehnung Europas, weil doch Griechenland schließlich die Wiege des Euro … , Mutti?«
Sie hatte aufgelegt. Dabei fand ich meine Theorie so schlecht nicht. Ich wackelte gedankenverloren und unverstanden ins Bad. Als ich dort stand, entsetzte mich ein furchtbarer Gedanke. Wenn dieser Amerikaner in mich eingedrungen war, musste er ja auch wieder aus mir heraus! Wie würde er das wohl machen? Eine Taktik der verbrannten Därme? Shock and Ohw für meinen Anus?
Nachdem ich meine Abendtoilette im Zustand ständiger Anspannung und tatsächlicher analer Verklemmung verrichtet hatte, legte ich mich ins Bett und hörte in mich hinein. Nichts zu hören. Feuerpause.
Der Wecker blinkte nervös auf 4:45. Der Amerikaner schoss zurück und meldete sich schmerzhaft zur Torpedierung. Wie eine lasergesteuerte Rakete schoss ich mich aufs Klo und sah zu, dass ich meinen Aggressor los wurde. Kurz vor halb acht schlich ich ausgemergelt und mit einer schweren Verwundung in meiner Körpermitte aus dem Bad und holte tief Luft. Von wegen, nur konventionelle Waffen! Völlig entkräftet tastete ich nach dem Telefonhörer und wählte die Nummer meiner Mutter. Sie ging nicht ran. Daraufhin ging ich ins wieder Bad und sorgte für eine erste Wundversorgung mittels Penatencreme. Bei der Gelegenheit besah ich mir noch einmal den Amerikaner. Ich hatte extra nicht gespült. Er sollte einen langsamen Tod sterben. Er hatte dieselbe Form wie vor seinem Angriff, kaum verändert. Aber niemand mehr würde den Amerikaner in ihm sehen, der er vor diesem Angriff war. Ich lächelte ihn mit so einem Gewinnerlächeln an, während ich mich mit einem kirschkerngroßen Klecks Penaten erstversorgte. Da klingelte es. Es war inzwischen kurz vor acht. Ich erwartete niemanden und selbst die Zeugen Jehovas standen so früh nicht auf. Ich ging zur Tür und sah durch den Spion. Vor meiner Wohnung standen meine Mutter und mein Vater. Ich öffnete und sah sie erstaunt an. »Was macht ihr denn hier?«
Meine Mutter heulte fast und mein Vater stand fassungslos neben ihr. Leise sagte mein Vater:
»Wir sind hier, weil wir etwas für den Frieden getan haben.«
Ich verstand gar nichts.
»Habt ihr demonstriert? Mitten in der Nacht? Die Bombardierung von Texas gefordert?«
»Nein, wir haben nur eine Kerze für den Frieden ins Fenster gestellt. Zuerst haben nur die Gardinen Feuer gefangen und schließlich ist das ganze Haus bis auf die Grundmauern niedergebrannt.«

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