Ein Mann unter Druck 2015

21SGAG793ML._AA115_Ich sitze in einem mintgrünen Wartezimmer. In meinen Ohren säuselt etwas wie ein rauschender Bach, dessen Fluss nur durch meditative Klangschalenromantik durchbrochen wird. In ausgewählten Fachzeitschriften informiere ich mich über Yogaübungen und den Weg zur eigenen Mitte. Ich würde gern wissen, wo ich meine eigene Mitte im Moment lokalisieren kann. Aber die weisen und spirituellen Ratgeber geben mir keine Antwort. Dafür sagen sie mir alle in unterschiedlichen Worten dasselbe. Werde gelassen, finde dich selbst, liebe dich und alles wird gut. Doch ich kann mich nicht mehr lieben. Ich arbeite als Paketpacker in einem großen Versandhaus und in den letzten Monaten habe ich fünfzehn Kilo oder mehr zugenommen. Ich bin nun ein kapitaler, Pakete packender Fettklops, den die anderen nur deshalb nicht hänseln, weil wir nicht mehr auf einem Schulhof unsere Runden drehen. Und weil sie alle so schrecklich vernünftig und leise geworden sind. Dabei stehen ihnen ihre Gedanken auf der Stirn geschrieben.
Ich werde aufgerufen und trete in einer angenehmen Klangschalentrance in das Behandlungszimmer ein. Da sitzt sie. Die Frau Psychologin. Sieht mir direkt in die Augen und hat damit wahrscheinlich schon alle meine Verfehlungen der letzten drei Dekaden entschlüsselt. Einschließlich eigentlich zu verschweigender Schweinereien als pubertierender Möchtegern und Disharmonien meines Daseins in der analen Phase.
»Hallo, Sie sind das also!«
Was heißt das aus dem Mund einer Psychologin? ›Sie sind das also!‹?
›Soso, der Fettsack. Hm, Sie sind aber auch ordentlich fett. Ihr Hausharzt hat mir schon von ihnen erzählt. Sie glauben, dass Sie zu wenig schlafen und zu viel Stress haben. Tatsächlich aber haben Sie ein ganz einfaches ödipales Syndrom mit zusätzlichem Verdacht auf redundanten Tittenfetischismus.‹
Oder was hat mein Hausarzt ihr über mich erzählt? Dass er kürzlich bei der Überprüfung meiner Prostata armtief in mir steckte und uns dabei seine eigene Frau erwischte? Was sagt das über meine Psyche aus? Mangel an zwischenmenschlicher Zuneigung? Anale Verklemmung? Unterdrückte Homosexualität? Das Universum meiner Gedanken und Gefühle liegt ihr zu Füßen und sie braucht sich nur zu bücken, um jede Information aufzuheben und in ihr therapeutisches Körbchen zu werfen, um es später genüsslich zu analysieren.
»Und wer bin ich also?«
»Vielleicht können wir auch diese Frage klären, aber zunächst einmal hat mir ihr Hausarzt von Ihren körperlichen Veränderungen erzählt, die medizinisch nicht zu erklären sind. Er meinte, wir sollten einmal in ihre Seele hineinschauen.«
Dieses Lächeln, diese blauen Augen und ihre hellbraunen Haare, die sie sich kunstvoll hochgesteckt hat. Diese hohen Wangenknochen und diese vollen Lippen. Sie darf überall in mich hineinschauen. Ich erzähle ihr alles, was sich zugetragen hat. Nichts lasse ich aus. Gar nichts. Mir fällt sogar noch ein, wie ich als Zwölfjähriger in einem voll besetzten Bus neben einer Frau stehe, die sich an einer Stange unter der Decke des Busses festhält. Ich kann in diesem Moment wieder ganz genau unter ihre Achseln schauen und an ihnen vorbei mitten rauf auf ihre Brust. Obwohl ich vor der Psychologin sitze, kann ich in diesem Moment wieder die Brustwarze sehen und ich bin wie damals eins mit ihren Atembewegungen. Wie sich der Busen hebt und senkt, hebt und senkt. Leider vermassele ich, wie schon damals, diesen wahrhaft göttlichen Ausblick. Ich passe meine Atembewegungen selbst so viele Jahre danach so offenkundig den ihrigen an, dass es die Therapeutin sogar merken könnte, wenn sie sich in der Teeküche einen Kaffee holen würde. Ich bin ein offenes Buch, das die Frau Psychologin schließlich vehement schließt.
»Gut. Das war ja schon eine ganze Menge für unseren ersten Termin. Aber Anamnese hin oder her, ich glaube, dass Sie im Moment einfach zu wenig schlafen. Sie wirken völlig übermüdet. Bei den meisten Menschen führt das zwar zu mehr Nahrungsaufnahme bei gleichzeitigem Gewichtsverlust. Das heißt aber nicht, dass es bei Ihnen nicht umgekehrt sein kann.«
»Mhm.« Mehr kann ich nicht sagen. Aber aus meiner Sicht ist es sowieso die schönste Antwort, die ein Mann auf alle Fragen geben kann, die ihm Frauen und das Universum stellen.
»Also. Ab heute gehen Sie jeden Abend um zehn ins Bett und schlafen mindestens bis halb sieben in der Früh. Das sind immerhin achteinhalb Stunden und somit mindestens zwei Stunden mehr als Sie jetzt haben.«
Was diese Psychologen nicht alles wissen!
»Das klingt schon verlockend. Aber was, wenn ich nicht einschlafen kann?«
Vielleicht schaue ich beim vorsichtigen Formulieren meiner Frage ein wenig zu deutlich auf die offenkundigen Versprechungen ihres sagenhaften Körpers und insbesondere auf ihre tollen Beine. Sie holt meinen Blick gekonnt ab und schaut mir sündig in meine Augen.
»Dann zählen Sie Schafe. Oder trinken Sie eine heiße Milch. Sie können auch ein ermüdendes Geräusch auf eine CD aufnehmen und es sich selbst als Endlosscheife vorspielen.«
»An was denken Sie da? Rein inhaltlich meine ich?«, frage ich schelmisch.
Was kann in der Gegenwart dieser Frau Psychologin schon ermüdend sein?
Wenn ich beim künftigen Einschlafen an meine Therapeutin denke, wird Schlaf wohl kaum möglich sein.
»Das ist bei jedem verschieden. Bei dem einen ist es das Brummen des Kühlschranks, bei dem Anderen die Litanei seiner Frau, bei ihr ist es sein Grunzen beim Sex.«
»Dann schaue ich mal nach, was ich so finden kann.«
»Nicht schauen. Hören müssen Sie.«
Ihr Lehrerton macht sie sehr sexy. Und ihre 80 B ist mir schon lange aufgefallen. Rosiger Warzenhof, feste Spitzen, ein Traum für Nippelsauger, diagnostiziere ich gedankenschnell. Eine ganz wohlige Form. Voll, aber dennoch nicht hängend. Warzen, die dich direkt anschauen und nicht auf deine Füße blicken. Eine glasklare Oberschichtbrust. Sehr gepflegt einschließlich Salbungen mit feinsten Cremes. Aber warum ist sie unter diesen Voraussetzungen Psychologin geworden? Brustevolutionstechnisch steht ihr die Welt eindeutig völlig offen. Wahrscheinlich gibt es einen Makel, schlussfolgere ich. Ganz klar. Sie zupft sich hässlich drahtige Haare von den Brustwarzen! Alle zwei Monate zückt sie die Pinzette und dann wird gezupft. Drei, vier Härchen, wirklich nicht die Welt, aber eben an einer strategisch ungünstigen Stelle. Meine Anamnese ist allerdings zu offenkundig. Ich muss noch ein wenig die Intensität meiner Beobachtung trainieren. Ich hebe meinen Kopf und sie schaut mich fröhlich an.
»Sex geht natürlich auch. Danach schlafen Männer für gewöhnlich sehr gut. Und vor allem schnell.«
Habe ich da ein Zwinkern in ihren Augen gesehen? Ich rutsche nun sehr unruhig in meinem Sessel hin und her und ahme ihre Haltung nach, um ihr getreu einigen psychologischen Ratgebern näher zu sein. In einem sehr realistischen Tagtraum sehe ich sie schon mit ihren frisch gezupften Oberschichtbrüsten über meine Pforte schweben.
»Ich bin im Moment Single«, sage ich im Stile eines Hochstaplers und überaus zuversichtlich. Es einfach im Raum zwischen uns stehen zu lassen, halte ich für unbeschreiblich wirkungsvoll. Dazu meine Haltung, mein Blick, der mögliche attraktive Kern meines vom Fett nur kurzfristig überwucherten Körpers. Wenn ich nur erst wieder ausgeschlafen und damit schlank bin; meine Botschaften müssen einfach ankommen. Auch wenn das mit dem Single natürlich eine Lüge ist und meine Freundin Claudia mich steinigen würde, wenn sie meine Worte hören könnte. Vielleicht wandelt sich meine Aussage aber schon bald in Wahrheit. Denn wenn ich es mir genau überlege, gibt es trotz der geregelten Arbeit in körperlicher Hinsicht immer weniger Gründe für Claudia, noch bei mir zu bleiben.
Meine Therapeutin lächelt mich an, verschränkt langsam und genüsslich ihre Beine, wobei sich ihr Busen wie von Zauberhand getragen hebt. Sie beugt sich ein Stück weit zu mir, tausend Schweißperlen entstehen auf meiner Stirn, ungehörige Bilder  in meinem Kopf und sie haucht mir zart schmelzend ins Gesicht:
»Masturbation geht natürlich auch.«

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