Der Rost einer alten Liebe

Neulich habe ich Marta wieder getroffen. Sie saß auf einer Bank auf dem Spielplatz gleich bei mir um die Ecke und genoss die Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht. Ich hätte sie fast gar nicht erkannt. Erst als sie mich rief, und ich sie genauer ansehen musste, fiel es mir wieder ein. Dieses Sommersprossengesicht, das sich sogar heimlich Ohrlöcher hat stechen lassen können, weil die Löcher neben den Pigmenten gar nicht aufgefallen sind. Aber da war einiges anders an ihr. Früher trug sie eine furchtbar dicke Brille, die ihre Augen so groß erscheinen ließ, dass man glaubte, sie könne alles im Umkreis von Kilometern und 360 Grad auf einmal sehen. Nur sie wollte eben keiner sehen, damals in der Schule. Marta war nicht nur erwachsen geworden. Sie war nun eine richtig schöne Frau. Und ich war baff.
»Ich hätte dich nie erkannt! Du bist so, so, so anders. Viel, ähm … «
»Ja, ich habe mich verändert. Das mit dem Entchen könnte wohl stimmen, oder?«, sagte sie mit einem umwerfenden Lächeln.
Natürlich, dachte ich bei mir. Vor mir saß nun ein richtig schöner Schwan. Ich hatte sie damals unterschätzt. Hätte ich sie nur einmal angesprochen. Aber sie wollte eben keiner haben. Das wäre glatt peinlich geworden gegenüber den anderen Jungs, wenn ich mein Glück versucht hätte.
Während wir auf der Bank saßen und über alte Zeiten, tolle Erlebnisse und vergessene Träume sprachen, vergaß ich bei ihrem Anblick die Zeit und irgendwann stand dieses völlig hässliche Kind vor uns. Es gibt ja immer diesen Moment, in dem die glücklichen Eltern ihren Nachwuchs präsentieren und man fühlt sich in die Enge getrieben wegen einer entsprechend würdevollen Äußerung der Süßigkeit, Drolligkeit oder Schönheit des Fortpflanzungsergebnisses. Manchmal muss man aber einfach feststellen:
Das Kind ist hässlich, basta.
Aber man sagt es natürlich nicht. Vielleicht nur so etwas wie: Oh, das sind aber hübsche Schuhe! Nun also, dieses hässliche Kind berührte mich insofern, dass ich wieder beruhigt war, Marta eben doch nicht angesprochen zu haben, schließlich wäre unser Kind möglicherweise noch hässlicher geworden als das vor uns. Freundlichkeit heuchelnd stammelte ich etwas wie:
»Hallo, wer bist du denn? Du hast aber eine hübsche Jacke an!«
»Ich bin die Ruth!«
Während ich ihr halb buchstabierend meinen Namen sagte, fragte ich mich, wer seinem Kind diese Schmach anzutun in der Lage ist, einen Namen wie Ruth zu vergeben. Das arme Kind. Hässlich und dann auch noch Ruth. Da konnte Martas freundlicher Blick durch ein technisches Meisterwerk von Kontaktlinsen auch nichts mehr kitten.
»Und woher kennst du meine Tante Marta?«
Tante??? Marta war also nicht für die Zeugung dieses, dieses, na sagen wir Kindes zuständig?? Die Erleichterung konnte man mir sicher ansehen, als ich sagte:
»Ich bin mit deiner Tante in die Schule gegangen!«
»Aber du siehst ganz anders aus! Viel älter als die Tante Marta!«
Ich wusste gleich, dass mir die hässliche Göre suspekt war.
»Wenn man so schön ist wie deine Tante, sieht man eben jünger aus als die anderen.«
Martas Lächeln verjagte ein paar Krähenfüße aus ihrem Gesicht. Mann, sah sie gut aus. Zum Glück verdrückte sich Ruth schnell wieder und ich konnte aufgrund veränderter Rahmenbedingungen einen Annäherungsversuch starten.
»Hast du eigentlich eigene Kinder, oder bist du nur mit deiner Nichte hier?«
»Schau mal dort rüber!«
Auf der Schaukel saß ein kleines Mädchen von etwa vier oder fünf Jahren, mit einer Brille, die ihre Augen so groß erscheinen ließ, dass sie größer waren als der Kopf in dem sie lagen. Sie hatte lauter Sommersprossen in ihrem Gesicht. Sie lachte und der Wind spielte mit ihren braunen Haaren. Selbstvergessen, wie nur ein Kind sein kann, schaukelte sie hin und her. Sie war augenscheinlich glücklich.
Aber vor allem war sie wunderschön.

Advertisements

Magische Momente

Sie hatte diese wunderbare Art, mit der Frauen selbst etwas ganz Schlichtes in einen magischen Moment verwandeln können. Wenn sie zum Beispiel ein Glas Rotwein trank, dann führte sie den Rand des Glases ein paar Millisekunden länger als notwendig wäre, an ihren Lippen vorbei. Vielleicht merkte sie das nicht einmal bewusst. Und in dieser Zeit bildete sich ein Rotweinfilm zwischen ihren Lippen und dem Glasrand, der eine so erotische Wirkung entfaltete, wie man sie nie hätte in einem Film oder in einem Buch entstehen lassen können. Ich habe mich oft gefragt, ob ich sie die ganze Zeit nur durch eine rosarote Scheibe hindurch betrachtet habe und alles an ihr wundervoll fand, gleichwohl sie vielleicht für einen Außenstehenden völlig banale Dinge tat. Natürlich habe ich ihr nie gesagt, dass ich sie sehr mochte. Eines Tages saß sie allein zu Hause. Sie rief mich an und fragte, ob ich nicht zu ihr kommen wolle.
»Ja gern«, sagte ich, »einfach so oder gibt es einen Anlass?«
Sie sagte mir, dass es schon einen Anlass gäbe, aber so richtig freuen könne sie sich nicht darüber. An jenem Tag hatte sie Geburtstag und niemand rief sie an. Wenn ich es vorher gewusst hätte, na klar, dann wäre ich mit Sicherheit ein Anrufer gewesen. Der Einzige.
Warum sind die Besonderen eigentlich so oft allein? Und was macht sie so traurig?
Als ich bei ihr eintraf, hatte sie schon eine halbe Flasche Rotwein getrunken und saß mit ziemlich zerwuselten Haaren vor einem selbst gebackenen Kuchen.
»So jung?«, fragte ich mit einem Blick auf die einzige Kerze.
»Nein, nur so allein.«
Ich setzte mich zu ihr. »Wenn du einen Wunsch frei hättest, den ich dir erfüllen könnte, was würdest du dir wünschen?«
»Einen, für den du dich anstrengen müsstest oder einen einfachen?«
»Ganz gleich.«
»Ich würde mir eine Reise ans Meer wünschen. Um mich herum tanzen Menschen, wir singen zusammen und haben jede Menge Spaß. Am Abend gibt es Pizza und Wein und dann sitzen wir einfach so da und lauschen dem Meer.«
Wir fuhren sofort los. Ich schnappte sie mir, setzte sie in mein Auto und fuhr sie ans Meer.

IMG_2432

Es war kein Mensch dort, der mit uns tanzte und sang, aber wir kauften uns eine Pizza, tranken Wein und hörten dem Meeresrauschen zu. Mehr taten wir nicht. Es waren Stunden der Ruhe und Momente des Glücks. Sie saß an meiner Seite und ich wärmte sie an ihrem Geburtstag. Jeder für sich war weniger allein. Als es uns zu kalt wurde, packten wir unsere Sachen zusammen und fuhren wieder zurück. Ich brachte sie nach Hause und wir verabschiedeten uns. Sie sagte noch, dass es der schönste Geburtstag war, den sie je hatte. Ich bekam einen warmen Kuss auf meine Wange.
Dann ging ich mit einem wohligen Gefühl im Bauch nach Hause.
Ich habe sie danach nie wieder gesehen. Wir haben uns aus den Augen verloren und die Zeit legte eine dicke Staubschicht über die Bilder unseres gemeinsamen Tages am Meer. Wenn ich aber die Hand auf die Stelle an meiner Wange lege, kann ich die Wärme ihres Kusses noch spüren.
Immer, wenn ich an ihrem Grab stehe, frage ich mich, ob ich ihre Blässe gesehen hätte, wenn ich diese rosarote Scheibe vor meinen Augen nicht gehabt hätte. Ob ich etwas hätte tun können. Ich frage mich, ob der Tag am Meer nicht doch zu beschwerlich war oder aber eben ein ganz wichtiges Erlebnis für sie. Aber es kann gar keine Scheibe zwischen uns gewesen sein, denn ich weiß noch genau, wie der Kuchen bei ihr roch. Wie der Rotweinfilm auf ihren Lippen glänzte und wie schön sie aussah, als sie mit einem zarten Lächeln auf den Ozean blickte.
Erst jetzt, viele Jahre später, erinnere ich mich an einen Satz von ihr, den sie einfach so an jenem Abend sagte. Mittendrin in unserem innigen Schweigen.
»Was das Leben so wertvoll macht, ist nicht das, was wir bekommen, sondern das, was wir verlieren.«
Einer dieser magischen Momente mit ihr, die ich erst viel später und vor allem nur durch sie verstanden habe.

Die Königin der Lust

IMG_3248

Wenn ein Magazin mit dem Titel »Klitoris – die Königin der Lust!« als Aufmacher erscheint, kann ich es einfach nicht links liegen lassen. Sicher, es handelt sich um die »Emma«, und ich muss 7,50 EUR für ein Magazin ausgeben, dessen Inhalt mir bislang fremd war.  Und die Herausgeberin ist Frau Alice Schwarzer! Selbige hat einmal verlauten lassen, dass Sex Arbeit sei und ich frage mich seitdem, ob eine sexuelle Belästigung im Grunde nicht mehr ist, als eine Bewerbung im arbeitsrechtlichen Sinne.  Doch seit eben diese Belästigung in der Maßeinheit von einem Brüderle gemessen wird, muss man etwas vorsichtiger sein. Die Dirndl-Geschichte könnte man wohl als Konstante mit »einem Brüderle« versehen und je nach der Ausprägung der sexuellen Belästigung kann der Ausschlag erfolgen. »Sie haben aber richtig geile Titten« wären dann zum Beispiel drei Brüderle auf der nach oben offenen Brüderle-Skala. Ich frage mich in diesem Zusammenhang, ob der intellektuelle Mann als solcher mit der soliden Smalltalk-Einlage von »Sagen Sie, ist es nicht interessant, dass die Klitoris über achttausend Nerven hat?«, überhaupt von der Brüderle-Skala erfasst wird. Wenn nicht, wäre es doch eine willkommene Abwechslung im verbalen Austausch, wenn ich in Zukunft darüber hinaus mit dem Wissen aus der Emma glänze, dass das Skrotum im Grunde nicht mehr ist, als eine übertrieben große Schamlippe. Oder, noch besser, dass zwei mit der Klitorisspitze verbundene Stränge von Daumenlänge zwei zwiebelförmige Schwellkörper umfassen, die tief in den Körper der Frau reichen, teilweise bis an die Vorderwand der Vagina. Ist das dann noch sexuelle Belästigung oder einfach nur echtes Interesse am anderen Geschlecht? Stellen wir uns also vor, der Brüderle hätte die gute Dame nicht mit der Dirndl-Geschichte belästigt, sondern so etwas wirklich Bildungsbürgerliches von sich gegeben, wie zum Beispiel: »Sagen Sie, ist das nicht interessant? Im Jahr 2005 wurden 50 Frauen vermessen und dabei wurde deutlich, dass die äußeren Genitale in Form und Färbung stark variieren. Die Ausdehnung der kleinen Schamlippen zwischen Klitoris und Damm lag zwischen 2 und 10 cm. Die Länge der kleinen Schamlippen betrug zwischen 7 und 55 mm.« So kommt man politisch weiter! Nicht gleich die Titten der Gegenüber auf den möglichen Füllgehalt im Hinblick auf die Volumina von irgendwelchen Dirndln reduzieren, nein! »Emma« lesen und mit sachkundigem Hintergrundwissen die Dame vom Hocker hauen. Wenn der Brüderle dann noch gewusst hätte, dass die Länge der Augenbrauen mal die Breite der Ohrläppchen dem Oberflächeninhalt der Schamlippen entspricht, hätte er – rein politisch gesehen – wesentlich besser punkten können. Denn, mit dem Wissen der »Emma« gesegnet, würde man nicht in den Generalverdacht geraten, Possen über die Weiblichkeit mit einem Maß von drei, vier oder mehr Brüderle zu reißen, sondern vielmehr würde man es als Verständigungsversuch zwischen den Geschlechtern werten. Wenn wir uns also in Zukunft dem vermeintlich schwachen Geschlecht nähern, dann nicht mit dem schnöden Spruch: »Jo mei, Ihre Hupen können aber locker ein Dirndl ausfüllen«, sondern weltmännisch, belesen, aber trotzdem spontan: »Also, die achttausend Nerven in Ihrer Klitoris können nicht annähernd wiedergeben, wie stark mein Penis pulsiert, wenn ich Sie sehe«. Das zeigt, dass wir uns mit dem anderen Geschlecht beschäftigen und die Vulva so würdigen, wie es sein muss. Ich habe sowieso das Gefühl, dass hier noch eine Menge Aufklärungsarbeit geleistet werden muss. Als Kind wurde ich nicht selten als Gast bei den Müttern meiner Mitschüler darauf aufmerksam gemacht, dass es im Bad Handtücher für »oben« und »unten« gab. Und dieses »unten« haben diese Mütter immer so ausgesprochen, als ginge es gerade nicht um ihr Allerheiligstes, das damals noch auf meiner Augenhöhe war, sondern vielmehr um den Keller. »Da unten« hörte sich immer wie etwas ganz schmutziges an. Wenn ich damals schon die »Emma« gelesen hätte, dann hätte ich sicher so etwas gesagt wie: »Sie wollen doch nicht etwa die achttausend Nerven Ihrer Vulva mit diesem viel zu wenig flauschigen Handtuch malträtieren?« Und dann, ja dann, wäre meine Jugend in sexuell-politischer Hinsicht sicher ganz anders verlaufen. Ein »Emma«-Abo gehört also in das gut sortierte Zeitschriften-Portfolio eines jeden Haushalts. Wenn schon nicht uns, dann sollten wir es unseren Kindern schuldig sein.