Vollendung

Die Aufgabe war ganz einfach. »Schreib doch bitte mal einen Wunschzettel, was du zu deinem Geburtstag haben möchtest. Ich werde immer gefragt, was du dir wünscht.«

Also habe ich mich hingesetzt, ein weißes Blatt Papier zur Hand genommen und dazu einen Stift. Gänzlich unbescheiden dachte ich, dass das Format A4 ausreichen dürfte, meine Wünsche vollständig aufzunehmen. Nach einer Stunde legte ich den Stift entnervt zur Seite, gequält und glücklich zugleich. Es stand nicht ein Wunsch auf dem Blatt und so sehr ich auch darüber nachdachte, es fiel mir keiner ein.

Wenn ich eine kurze Inventur der messbaren Größen meines Lebens mache und den merkantilen Blick darauf werfe, kann ich nur feststellen, dass ich alles habe, was für ein würdevolles Leben im 21. Jahrhundert notwendig ist.

Gut, ich habe kein iPhone. Aber dafür habe ich über dreihundertsechzig Facebook-Freunde. Ansonsten verfüge ich über alle mehr oder weniger notwendigen Dinge des täglichen Lebens, die man sich schenken könnte. Bücher und CDs sind für mich Lustobjekte und ich kaufe sie mir, wenn mir danach ist. Als logische und sehr sachliche Schlussfolgerung bleiben als Geschenke also nur Bücher- und CD-Regale. Wie hübsch! Und endlich mal eine ordentliche Größe für Geschenke! Ich merke also nicht erst seit der gestellten Aufgabe, dass ich keinen klassischen Geschenkewunsch habe. Ich könnte mich nun damit abfinden, dass ich, im Endspurt auf Ende 30, meine Begehrlichkeiten verändern sollte. Socken, Unterhemden und Taschentücher sind ebenso adrett wie nützlich. Rasierwasser kann man immer gebrauchen und Gutscheine sind geradezu universell einsetzbar. Nicht zu vergessen Alkohol! Ich trinke in letzter Zeit eh zu wenig davon.

Da bleiben also noch die großen Wünsche.

Mehr Leser für meine Bücher zum Beispiel. Hm. Vielleicht sollte ich erst einmal anfangen, besser zu schreiben, dann geht das von allein.

Mehr Zeit. Dann sollte ich genau das tun, wovon ich weiß, dass es zu tun ist.

Mehr Sport wäre auch nicht schlecht. Gleiche Antwort.

Es ist im Ergebnis so, dass ich für alle nicht in ein Paket verschnürbare Begehrlichkeiten die Lösung genau kenne. Nicht zuletzt rate ich diese Dinge beruflich sehr häufig anderen Menschen und bedenke sie mit einem kritischen Blick, wenn sie die vereinbarte Marschroute nicht einhalten. Warum tue ich es selbst nicht? Die Knechtschaft des Dienstleisters? Die Qualität des eigenen Schuhwerks, wenn man sich auf den Spruch des Schusters und seiner Leisten zurrückbesinnt?

Gut. Dann fange ich einfach mal an.

Ich wünsche mir zu meinem Geburtstag die Macht, nicht an mein Telefon zu gehen, wenn es klingelt. Ich möchte das tun, wonach mir gerade ist, ohne Rücksicht auf andere zu nehmen. Ich will einen Tag nur für mich. Das ist ein tolles Geschenk! Wenn ich über das Telefon nachdenke, ist es schon gruselig. Wir erfinden immer mehr Dinge, die uns das Leben erleichtern sollen, aber schlussendlich verkomplizieren sie es. Das Telefon ist nur ein Beispiel von vielen.

Wenn ich nun über meinen Geburtstag sinniere, durchflutet mich schon ein ganz angenehmes Gefühl. Das Handy ist aus und ich habe einen freien Tag. Am Morgen kommen meine Kinder zu mir und beglückwünschen mich. Sie geben mir selbst gebastelte Geschenke, über die ich mich sehr freue. Was sie nicht wissen ist, dass sie gar nichts hätten basteln müssen. Sie sind jeden Tag ein Geschenk. Vielleicht nicht gleich jeden, denn es gibt durchaus Momente, da möchte ich sie wieder zurückgeben. Allerdings bereue ich diesen Gedanken recht schnell. Ihre Liebe und das schöne, mich bereichernde Gefühl, ihr Papa zu sein, ist etwas, das mich immer ein wenig größer, oder einfach nur besser macht. Vielleicht ist der Gedanke an kommende Geburtstage und das damit einhergehende Alter nicht so reizvoll, weil ich weiß, dass ich das Beste im Leben bereits vollbracht habe. Doch ich freue mich darauf, dass sie weiter wachsen, habe gedanklich schon die große Keule hinter mir, wenn ihr erster Freund durch unsere Wohnungstür will, aber andererseits sehe ich sie manchen Tag schon vor mir: erwachsen, ganz in weiß und überglücklich.

Genau an der Schwelle zu meinem Geburtstag wird meine Frau mich mit ihren Geschenken überraschen. Und ich weiß, dass diese wieder ganz besonders sein werden. Mit viel Liebe ausgesucht, gestaltet und verpackt. Das größte Geschenk ist die Person, die die kleinen und großen Päckchen überreicht. So viele Menschen suchen in ihrem Leben nach einem Partner für die Ewigkeit. Scheidungsquoten und fortschreitende Individualisierung lassen mehr und mehr den Glauben daran verblassen. Es ist auch nicht einfach, einen Partner auf Augenhöhe zu finden. Und vor allem strengt es wirklich an! Aber auf eine Weise, die trotz allem nicht anstrengend ist. Weil das Aneinanderreiben immer wieder zu Einsichten führt, die ich ohne meine Frau nicht hätte. Auch wenn es nicht immer schön ist, kritisiert zu werden, ist es doch ein Geschenk, dass ich ihr so wichtig bin, dass sie sich mit mir auseinandersetzt. Wie viele Paare setzen sich ernsthaft miteinander auseinander? Wie viele begreifen den Partner als Chance der gegenseitigen Weiterentwicklung und Vervollkommnung? Ich wäre nicht der, der ich bin, wenn es meine Frau nicht gäbe. Und erfreulicherweise bin ich sehr gern, der, der ich bin. Und so weiß ich, dass dieses Blatt Papier wunderbar unbeschrieben bleiben darf. Dass ich meinen Wunschzettel so lassen kann. Weil ich meinen Geburtstag mit den drei Frauen verbringen werde, die mich vervollständigen.

(Veröffentlicht am 8. Januar, aber auch nur deshalb, weil ich am 9. Januar keine Zeit haben werde.)

 

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Aus aktuellem Anlass…

Endlich war es soweit. Sein erstes Mal. Er hatte die Sache sorgfältig durchdacht, lange geplant und er war auch überaus aufgeregt. Zudem hatten ihm ein paar Freunde berichtet, dass sie es auch schon getan hätten und sehr zufrieden mit dem Ergebnis waren. Bisher hatte er sich an den Vorgang noch nicht so recht heran gewagt. Zu viele Geheimnisse und Vorurteile rankten sich darum. Würde er noch derselbe sein, wenn er es hinter sich hatte? Was würde seine Partnerin sagen, wenn er seinen Vorschlag an sie heran trug? Das waren die Fragen, die ihn vorher beschäftigten. Überraschenderweise reagierte seine Partnerin völlig gelangweilt auf seine Mitteilung, endlich auch zu denen zu gehören, die die Sache selbst machten. Völlig ohne fremde Hilfe. Es war dabei allerdings fast so, als hätte sie gar kein Interesse daran, als wäre es ihr egal! Und er hatte sich vorher extra reichlich belesen und ganze Nächte mit der theoretischen Vorbereitung auf die Angelegenheit zugebracht. Am Ende stand er mit seiner Begeisterung ganz allein da. Am Abend vor dem großen Ereignis ging er mit seinen Kumpels noch einmal ordentlich einen trinken. Es war, als würde er alles hinter sich lassen und endlich zu einem Mann, ja mehr sogar, zu einem erwachsenen Staatsbürger, zu einem vollwertigen Mitglied der Gesellschaft werden. Seine Freunde hänselten ihn noch ein wenig, weil er sich schon so lange dagegen wehrte und eine gewisse Scheu an den Tag legte.
Mit einem ordentlichen Brummschädel gesegnet, machte er sich am folgenden Sonntag an die Arbeit. Er fragte seine Freundin noch, ob sie dabei sein wolle, aber sie winkte nur ab und verdrückte sich ins Fitnessstudio.
Er hatte sich alles nach Hause schicken lassen und nun lag der diskrete Umschlag unschuldig vor ihm. Ein unscheinbares Braun, das davon zeugte, dass der Versender sein Handwerk verstand. Was sollten auch die Nachbarn denken, wenn sie vom Inhalt erfuhren? Er strich noch ein wenig gedankenverloren darüber, bevor er ihn genüsslich öffnete. Er entnahm dem Umschlag alles und breitete es vor sich aus. Das war also das große Mysterium! Nun lag es vor ihm und genau wie seine Bekannten würde er alles ganz allein tun, völlig ohne fremde Hilfe.
Er überlegte kurz, ob er einen billigen Kuli nehmen sollte oder den Kalligrafiefüllhalter, den ihm seine Freundin zum Geburtstag geschenkt hatte und der bislang noch auf seinen ersten Einsatz wartete. Er entschied sich aber für einen Bleistift, falls unerwartet ein paar Fehler auftraten. Die Ernüchterung folgte nach einer reichlichen Stunde. Das also war sein erstes Mal. Völlig enttäuschend! Wie haben die anderen das bloß gemacht? Ganz allein, ohne fachlich versierte Hilfe? Er hatte sich durch ein wahres Labyrinth gekämpft und auch nicht davor zurückgeschreckt, die sterbenslangweilige Bedienungsanleitung zu studieren. Er gedachte sogar der armen Geschöpfe, die ihrem Geist einen solchen Unsinn abringen mussten. Wurden die dafür entschädigt, oder machten sie das auch noch gern?
Das erste Mal wurde ihm unheimlich. Bis zu diesem Zeitpunkt war er immer der Meinung, über einen gesunden Menschenverstand zu verfügen, der den normalen Ansprüchen eines bürgerlichen Lebens Genüge tat. Nun aber war er mit seinem Latein am Ende. Insbesondere, weil sein Freund Joachim damit prahlte, es sich schon seit Jahren selbst zu machen und dass sich die Sache bei ihm immer auszahlte. Das Einzige, das er aber bekommen würde, wäre eine schwere Hirnhautentzündung, wenn er seinen Geist weiterhin damit quälte. Er nahm sich alles für einen letzten Versuch vor.
Es war zum Verzweifeln. Nach einer weiteren Stunde ungläubigen Staunens gab er endgültig auf. Er kramte seine Buntstifte hervor und malte auf allem rum,  füllte Kästchen aus und peppte die Bedienungsanleitung auf. Ein bisschen wie Malen nach Zahlen, bloß mit bildungsbürgerlichem Anspruch. Es sah am Ende richtig schick aus. Völlig erschöpft bettete er sich zu einem Mittagsschlaf. Als er aufwachte, lagen neben seinem Kopf ein Zettel und eine Visitenkarte. Auf dem Zettel stand: „Hallo Schatz, bin Kaffee trinken mit Moni. Sie kennt einen guten Steuerberater. Ruf dort einfach an. Sie sagt, dass der unsere Steuererklärung machen kann. Übrigens: Tolles Bild!“