Bürgernähe für Lesefaule

Hier ist schon einmal ein kleiner Vorgeschmack auf das neue Buch. Die Geschichte „Bürgernähe“ live und in Farbe. Und mit Ton.

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Monty XI

Ich gehe nach Hause und jeder Schritt fällt mir schwer dabei. Die Muster der Gehwegplatten auf dem Bürgersteig ergeben keinen Sinn. Wie so vieles in meinem Leben. Warum musste ich mich zur Nachhilfe für einen Vollpfosten breitschlagen lassen? Warum halfen die anderen nicht? Warum immer ich? Ist es gut, immer zuerst anderen zu helfen und erst viel zu spät an sich selbst zu denken? Hat Sisyphos eigentlich vorher überlegt, ob er jeden Tag wieder den Stein den Berg hochrollen wird, wohl wissend, dass er das Werk nie erfolgreich beenden wird? Und ist Leo nun der Stein oder der Berg? Ich weiß es nicht und ärgere mich vor allem über mich selbst. Andererseits fühle ich mich seltsam wohl. Ich weiß, dass Leo nie begreifen wird, was ich ihm mathematisch beibringen möchte. Und genau das ist das Beruhigende dabei. Ich kenne mein Schicksal. Es ist sicher und beherrschbar. Ein anderes Ergebnis als die Tabula rasa im Kopf Leos wird es nicht geben. Noch besser ist, dass er diese Ausgangsposition selbst durch noch so viele Schläge auf seinen Kopf beim Boxen nicht verschlechtern wird. Das macht mich schon fast neidisch.
Als ich die Wohnungstür öffne, höre ich bereits das nächste, Mensch gewordene Unheil. Es hat meinen einzigen Rückzugsort besetzt und wird ihn auch so schnell nicht wieder verlassen. Das Wesen wird sich über Tage bei uns einnisten, den Drang haben, alles zu putzen, sich überall einzumischen und omnipräsent zu sein. Wenn ich den Sisyphos in mir weiter pflegen will, dann ist es nun nicht der Felsbrocken, den ich einen Berg hinaufwälzen, sondern der Berg, den ich um den Planeten rollen soll. Wieder und wieder. Der Berg hat einen Namen: Oma Hedwig. Und die Krone ihres Besuchs setzt sie sich immer gleich zu Beginn auf. Sie bringt selbst gemachtes Griebenschmalz mit. Meine Eltern sind ganz versessen darauf und rennen mit einem Strahlen im Gesicht durch die Wohnung, als hätten wir einen Sternekoch als unseren persönlichen Küchenhelfer eingestellt. Dabei glaube ich, dass Oma Hedwig einfach nur in eine Schüssel kotzt, ein paar Kräuter reinwirft, dazu Gelatine und wahrscheinlich noch einen Brühwürfel. Es ist einfach nur eklig. »War das gerade die Tür?«, höre ich sie meine Eltern fragen. Und gleich schwebt sie mir entgegen und wirft ihre Arme um mich. »Ach, Monty, bist du wieder gewachsen!«
Dann lässt sie kurz von mir ab, greift mich an den Armen und schaut mir ins Gesicht. Ihr breites Lachen erstirbt sofort. Sie schreit. »Monty! Was haben sie mit dir gemacht? Hast du dich geprügelt? Du weißt doch, dass du Konflikte nicht auf diese Art lösen sollst! Ich muss mit deinen Eltern sprechen.«
Schon ist sie mit der Geschmeidigkeit einer Zwanzigjährigen bei meinen Eltern und der Schüssel Griebenschmalz, obwohl sie satte achtundsechzig ist. Ich stehe verlassen im Flur und frage mich, warum sie mich nicht gefragt hat, wie es mir mit meinem zerschundenen Gesicht geht. Da es sowieso niemanden interessiert, verdrücke ich mich vorsichtig in mein Zimmer und werfe mich auf das Bett. Leo ist doof. Oma Hedwig und das Schmalz sind zu Besuch und meine Birne schmerzt. Das Leben ist nicht immer einfach. Papa sagt, dass ich in solchen Zeiten immer daran denken soll, dass es definitiv noch schlimmer werden kann. In diesem Moment geht die Tür auf. Kein Klopfen, kein vorsichtiges Hereinstecken eines fragenden Gesichts, nein, einfach nur ein schnelles Vorpreschen. Oma Hedwig steht nach drei Schritten vor mir, ein warmes Lächeln auf ihren faltigen Lippen wie der Weihnachtsmann und ihrer rechten Hand hält sie eine Scheibe Roggenbrot mit Griebenschmalz. Es ist in unserer Familie so etwas wie die Melange eines Festtagsbratens mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes.
Sie hält mir das Brot direkt unter meine Nase.
»Hier, riecht das nicht himmlisch?«, fragt sie, während ihr der erste Sehnsuchtstropfen pawlowschen Speichels aus dem Mundwinkel tropft.
Der Geruch steigt mir in die Nase, von dort wird er verwandelt, landet als furchterregende Information in meinem Hirn und konstruiert Bilder, wie ich riesige Schweine, aus deren Poren stinkendes Fett läuft, einen Berg hinaufschiebe, der mit Exkrementen und Schlimmerem beschmiert ist. Und genau in diesem Moment atomisiert sich der Geruch in meinem Inneren und bringt genügend Teilchen in Bewegung, die es schaffen, meinen Magen zu einer vulkanischen Eruption zu bewegen. Das Ergebnis kotze ich in einem geometrisch so ansprechenden Bogen auf den bis dahin schrecklich farblosen Pullover von Oma Hedwig, dass Leo möglicherweise sofort begreifen würde, was das Geheimnis der Kurvendiskussion ist.

 

Auf der Suche nach dem Bestseller

Der Herr Verleger ruft an.
»Na, Jischinski, wie geht es mit dem neuen Projekt voran?«
Ich, noch erschrocken über das Klingeln des Telefons und mich langsam auf dem Sofa aufsetzend: »Geht so. Bin gerade bei der genauen Figurenentwicklung, aber der Plot steht und die ersten Seiten sind auch schon fertig.«
Auf dem Rechner schaue ich auf das Blinken eines schmalen schwarzen Striches auf einem weißen Blatt Papier ganz oben links.

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»Ich habe nochmal nachgedacht über das kundenorientierte Schreiben!«, brüllt der Verleger durch den Hörer.
«Und?«, frage ich, weil ich das Gefühl habe, dass ich in dieser Pause etwas sagen muss.
»Wir müssen uns mehr auf die Zielgruppen einstimmen. Also, wer liest eigentlich unsere Bücher?«
»Frauen!«, entfährt es mir in der Hoffnung, fünfzig Prozent aller Konsumenten auf einen Streich zu erschlagen. Ich kann das Stirnrunzeln des Verlegers durch das Telefon hören.
»Jischinski, so platt geht das nicht. Wir müssen schauen, ob wir die multioptionale, effizienzorientierte Leistungselite, das adaptiv-pragmatische Milieu, die liberal-intellektuelle Bildungselite mit postmateriellen Wurzeln oder vielleicht eher die spaß- und erlebnisorientierte untere Mittelschicht erreichen wollen.«
Ich starre auf den Bildschirm und finde nun auch durch meinen Mund keine Worte mehr.
»Jischinski, wir müssen die Zielgruppe so segmentieren, dass sie möglichst gleichartige Reaktionen auf unsere Marketingmaßnahmen zeigen, denn nur so ist erfolgreiches Produzieren, Publizieren und Vermarkten möglich!«
»Manchmal glaube ich, dass Sie der Einzige sind, der meine Bücher liest. Und sie auch noch mag«, entfährt es mir schon leicht bedrückt.
»Papperlapapp, Jischinski, ich habe in den letzten drei Monaten eins von Ihren Büchern verkauft. Es gibt da schon noch welche, die solche Bücher lesen, da draußen in der Milieuwelt.«
»Hmm, nur wissen wir nicht, wer. Sollte ich nicht für möglichst alle lesenden Zielgruppen schreiben? Also im Grunde für Frauen?«
»Sie immer mit den Frauen, Jischinski! Glauben Sie denn, dass Männer nicht lesen?«
»Ich habe neulich mit einer Freundin gesprochen, die mir erzählt hat, dass ihr Freund, wenn er überhaupt mal Zeit hat, Sport macht, sie befummelt oder Fernsehen schaut. Zeit der Komplentation verbringt er damit, dass er isst oder aber auf dem Sofa liegt und einen fahren lässt. Für das Lesen ist da kaum Raum und Zeit.«
»Aber Jischinski, wir reden doch hier über die Bildungsbürger, nicht über die um Orientierung und Teilhabe bemühte Unterschicht!«
Nun runzle ich die Stirn. »Sie sollten bedenken, dass wir Männer aus Frauensicht ALLE zu dieser Schicht gehören!«
»Da könnten Sie Recht haben, Jischinski. Schreiben Sie halt was für das klassische Establishment und den leistungs- und anpassungsbereiten Mainstream.«
»Rosamunde Pilcher fährt mit Harry Potter in 80 Days nach Panem, durchquert dabei die Shades-of-Grey-Feuchtgebiete, trifft auf einen Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwindet dann mit ihm ein ganzes halbes Jahr, um schließlich vegan for fit auf der Insel Amazon zu leben?«
»So doof sind Sie doch gar nicht, Jischinski! Dann fangen Sie mal an!«

Shoppingqueen

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Karla will shoppen gehen. Am Samstagnachmittag. Zur Entspannung, wie sie immer sagt. Den merkantilen Aspekt scheint sie immer wieder gern zu verdrängen. Die Notwendigkeit von textilen Neuanschaffungen offenbart sich bereits, als sie vor ihrem überquellenden Kleiderschrank steht und nicht einmal weiß, was sie für den Einkaufsbummel anziehen soll.
»Soll ich mich schon mal umziehen oder brauchst du noch etwas Zeit?«, frage ich vorsichtig, um nicht wieder in voller Montur im überheizten Flur vor mich hin zu schwitzen.
»Ich bin gleich soweit. Zieh sich ruhig schon einmal um«, bescheidet sie mir, ohne mich eines Blickes zu würdigen, obwohl ich splitterfasernackt hinter ihr stehe und den Samstagnachmittag durchaus auch mit partnerschaftlicher Zuwendung verbringen könnte. Ebenfalls zur Entspannung. Trotz aller Paarungsbereitschaft, die ich signalisiere, nimmt Karla keine Notiz von mir. Also kann ich mich auch anziehen. Unterwäsche, Socken, T-Shirt, Jeans und ein Kapuzenshirt, schon stehe ich gestriegelt und gespornt hinter ihr.
»Wegen mir können wir los«, sage ich, wohlbedacht darauf, keinen Vorwurf in meine fünf Worte zu legen.
»Nun hetz’ mich mal nicht so!«, faucht sie mich an. Sie ist keinen Deut weitergekommen und steht noch immer halbnackt und verführerisch vor dem Schrank, der offenkundig keine tragbare Wäsche enthält. Um nicht schon vor unserem Entspannungseinkauf eine deeskalationswürdige Situation heraufzubeschwören, gehe ich in den Flur und setze mich auf unseren bequemen Sessel.
Ich nicke kurz weg und bemerke beim Augenöffnen, dass es bereits dunkel und mir sehr warm ist. Plötzlich aber wird Licht, denn Karla hat selbiges eingeschaltet und steht nun vor mir, gekleidet wie die unerreichbare Göttin eines herrschaftlichen Balles. Noch bevor ich ihr sagen kann, dass ihre Kleidung vielleicht etwas zu viel des Guten für einen netten Einkaufsspaziergang ist, scharrt sie mich an: »SO kannst du natürlich nicht mitkommen!«
Es ist einer dieser kostbaren Momente, in denen ich geneigt bin, mich im Geiste mit Dr. P. J. Möbius zu verbünden, der in seinem Werk »Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes« in etwa ausführte: »Der Instinkt nun macht das Weib tierähnlich, unselbständig, sicher und heiter. In ihm ruht ihre eigentümliche Kraft, er macht sie bewundernswert und anziehend. Mit dieser Tierähnlichkeit hängen sehr viele weibliche Eigentümlichkeiten zusammen. Zunächst der Mangel eigenen Urteils. Was wahr und gut ist, das ist den Weibern wahr und gut.«
Soll ich dieses Zitat anbringen? Wird die Freude über meine Belesenheit überwiegen oder aber der Instinkt über sie siegen? Es ist mir als modernen Mann selbstredend bewusst, dass wir Männer schon bei Kleinigkeiten nicht auf uns achten. Die Frau kleidet sich selbst für einen Besuch bei Freunden wie zu einem Staatsempfang und wir Kerle schlumpfen daneben rum, als ginge es zum Saufen mit den Kumpels. SO kann ich natürlich nicht mitkommen. Meint Karla also. Wir Menschen haben so viele Erfindungen gemacht, aber der Beziehungsschiedsrichter war noch nicht dabei. So ein androgynes Wesen, das aus dem Schrank geschnellt kommt und ganz und gar unparteiisch sagt: »Karla, hast du sie noch alle? Ihr wollt shoppen gehen und nicht zum Theaterball! Und Mark, du gehst nicht ins Fitnessstudio, also nimm’ wenigstens ein Hemd!« Dann könnte es so etwas wie ein Unentschieden in der Beziehung geben. Doch ein Remis ist bei dieser Institution wahrscheinlich nicht vorgesehen. Ich bin noch ganz in Gedanken, als ich es in meinen Ohren schalmeien höre: »Ziehst du dich bitte um? Wenigstens ein Hemd und Jackett wirst du ja anziehen können, oder?«
Ich bündele meine Gedanken der letzten Sekunden in einem allumfassenden »Hm«.
»Und jetzt schau mich nicht so mürrisch an! Du wusstest die ganze Zeit, dass wir einen entspannten Einkaufsbummel machen wollten und hattest genügend Zeit. Ich kann auch nichts dafür, dass du dich SO gehen lassen musst. Was sollen denn die Leute denken, wenn sie uns SO miteinander sehen?«
Ich schaue sie an und habe urplötzlich ein unglaublich großes Schlafbedürfnis. Ich könnte sofort wegpennen. Aber das würde den Nachmittag völlig verhageln und die mögliche Belohnungszweisamkeit, die ich als Preis für meine Aufoperungsbereitschaft mindestens verdient habe, ins Reich der Phantasie befördern. Ich bin gedanklich schon dabei, mich zu erheben und dabei möglichst kein genervtes Gesicht zu machen, als die Sirenen in Fahrt kommen.
»Wie lange brauchst du denn nun? Wenn du so lange zum Umziehen brauchst, wie für das Erheben aus dem Sessel, haben die Geschäfte geschlossen und dann brauchen wir gar nicht erst los. Und du weißt genau, wie ich mich auf das Shoppen gefreut habe! Außerdem gibt es bei Taylor diese todschicke Winterjacke, die ich unbedingt anprobieren möchte. Und Jana hat mir gesagt, dass …« Am Anfang ihres Monologs habe ich versucht, die Worte zu zählen, doch ich gebe auf. In meiner Erinnerung suche ich nach einer Erklärung Möbius’ und finde sie gleich: »Die Zunge ist das Schwert der Weiber, denn ihre körperliche Schwäche hindert sie, mit der Faust zu fechten, ihre geistige Schwäche lässt sie auf Beweise verzichten, also bleibt nur die Fülle der Wörter.«
Ich schlendere ins Schlafzimmer und nehme ein Hemd aus meinem Schrank, dazu ein Jackett. Beim Umziehen denke ich darüber nach, was für eine Witzfigur ich eigentlich bin. Statt Karla zu sagen, dass sie gelinde gesagt einen Schatten hat, kusche ich vor ihr, wie ein gut apportierender Hund. Ein Schoßhund. So einer mit einem Wollpullover für den Winter und mit einer Schleife im Haar. Einer, der bellt wie ein Babyspielzeug, auf das man drückt. Ich bin fertig umgezogen und schaue in den Spiegel. Dabei versuche ich, den Mann in mir zu sehen. Den, der rausgehen würde, Karla ein paar Takte sagt oder sie einfach in die Höhle zieht. Oder an den Herd. Stattdessen sehe ich dieses resignierende Etwas. Was haben wir eigentlich mit dieser gesamten Mann- und Fraugeschichte, mit Gendermainstreaming und dieser übertriebenden Gleichstellungsmache erreicht? Es kommt mir im Moment so vor, als würde mit aller Macht versucht, die Ungleichheit der Geschlechter zu kaschieren. Konsequent zu Ende gedacht, müsste es bereits in Schule und Kindergarten neben der Mädchen- und Jungentoilette eine Tür mit der Aufschrift »Ich weiß es nicht!« geben. Ich glaube, die ganze Sache liegt an uns Männern. Wir müssen uns wieder rückbesinnen. Nicht auf Möbius, um Gottes willen. Ganz einfach nur auf uns. Im Gegensatz zu einem Mann weiß eine Frau, was sie will. Sie plant, sie agiert. Wir reagieren.
Ich gehe jetzt einfach raus und sage ihr meine Meinung. Sage ihr, dass sie keine neuen Klamotten braucht, dass ich ihr die, die sie jetzt anhat, vom Leib reißen und sie dann vernaschen werde. Danach werde ich sie zum Italiener ausführen. Mein Spiegelbild sieht gleich deutlich besser aus. Ich fühle mich wieder wie ein Mann! Derart gestärkt schwinge ich die Tür zum Flur auf, bereit, mich auf meine Beute zu stürzen. Karla sitzt auf dem Sessel und aus ihren Augen treffen mich Laserblitze.
»Wie lange hat das denn gedauert? Jetzt brauchen wir auch nicht mehr los!«

Mehr Farbe für trübe Tage

Endlich im gut sortierten Hygiene-Fachhandel: Die Mark-Jischinski-Tampon-Edition „color“! Sie bringt Farbe in trübe Tage. Bestellen Sie einfach und diskret bei der Hygiene-Fachverkäuferin Ihres Vertrauens. Denn bunt macht türkise Tage leichter.

DSCF5312Und hier noch die versprochene Antwort vom Branchenriesen auf mein Schreiben von gestern:

Sehr geehrter Herr Jischinski,
wir freuen uns, dass Sie sich die Zeit genommen haben, sich mit uns in Verbindung zu setzen und bedanken uns für Ihr Interesse an unserem Unternehmen und an unseren Produkten.
Ihre Anregung, o.b. Tampons mit farbigen Rückholbändchen anzubieten, haben wir mit großem Interesse gelesen.
Da wir stets daran arbeiten, die Qualität unserer Produkte zu verbessern und den sich wandelnden Bedürfnissen der Verwender anzupassen, sind Ihre Anmerkungen eine wertvolle Bereicherung unserer Arbeit. Durch Hinweise und Anregungen, wie die Ihrigen, erhalten wir Einblicke in die Wünsche und Vorstellungen zu unseren Produkten und dies ist uns sehr wichtig.
Da hier aber unterschiedlichste Aspekte zu berücksichtigen sind, ist es in naher Zukunft eher unwahrscheinlich, dass ein o.b. Tampon mit einem farbigen Rückholbändchen auf den Markt kommt.
Die Idee, dem Rückholbändchen eine andere oder sogar verschiedene Farben zu geben, wurde auch schon mehrfach an uns heran getragen, jedoch bisher nicht umgesetzt.
Das türkisfarbene Rückholbändchen ist das typische Erkennungszeichen eines o.b. Tampons – die Farbe ist also sehr stark mit dem Produkt bzw. der Marke o.b. selbst verbunden.
Im Gegensatz zu Slipeinlagen oder Binden, die außen am Körper vorgelegt werden und in der Wäsche ungesehen bleiben sollen, wäre eine „wäschegerechte“ Färbung des Rückholbändchens auch nicht erforderlich: Das Rückholbändchen ist beim Tragen des Tampons normalerweise durch die Wäsche nicht zu sehen. Wir wissen, dass einige Frauen beispielsweise das Bändchen „zusammenfalten“ und so in den Schamlippen platzieren, dass es nicht sichtbar ist.
Wir bedanken uns jedoch für Ihren Ideenreichtum und freuen uns auch in Zukunft über weitere Anregungen zu unseren Produkten. Als Dank für Ihre Bemühungen übersenden wir Ihnen und Ihrer Freundin gerne noch eine kleine Aufmerksamkeit unseres Hauses und verbleiben
Mit freundlichen Grüßen …

Ein kleiner Nachtrag: Ich bekam tatsächlich ein Paket mit drei Probepackungen Tampons in einer türkisen Aufbewahrungsbox im Muscheldesign und dazu (aus noch nicht vollumfänglich geklärten Gründen) eine Handcreme.

 

o.b. color – (m)ein Geschenk an die Weiblichkeit

Dies ist mein Brief an o.b. Die Antwort des Unternehmens folgt morgen.

Sehr geehrte Damen (und Herren),

ich als ständig um das Wohl meiner Freundin besorgter Mann bin dieses Wochenende auf ein immens wichtiges Problem gestoßen, bei dem es mich wundern würde, dass ich der Erste wäre, der sich damit an Sie wendet. Folgendes trug sich also zu: Meine Freundin schickte mich zum Einkaufen mit der Bitte, ihr eine Packung o.b. mitzubringen. Diesen Wunsch erfüllte ich ihr natürlich gern und schreckte auch nicht davor zurück, mir in einer Mußeminute die Bedienungsanleitung durchzulesen. Interessant war dabei, dass in dieser erläutert wird, wo sich die Scheide befindet. Ich frage mich zwar, ob man (oder besser Frau) in der Lage ist, sich ein o.b. auch in die Harnröhre oder den After zu schieben, doch das war ja auch nicht das Problem, das sich mir vordergründig stellte.
Viel wichtiger ist nämlich das türkise Bändchen (laut Anleitung „Rückholband“). Wissen Sie, ich als besorgter Verbraucher, werbetechnisch verseuchter Konsument und an Menstruation und Ovulation meiner Freundin interessierter Mann weiß doch, dass es bei Slipeinlagen die enorm wichtige und bis zu ihrer Markteinführung wirklich jeder Frau fehlende Erfindung der schwarzen Slipeinlage, sogar in Tangapassform gibt. Nun kann meine Freundin zum schwarzen Spitzenslip eine mich jederzeit erregende schwarze Slipeinlage tragen. Doch was ist mit unserer Lust und visuellen Anziehung während der Tage? Es ist doch wahrlich eine große Überwindung vonnöten, wenn durch einen rassig geschnittenen schwarzen Spitzenslip, wahrlich nur ein Hauch von Stoff und pure Sünde, ein türkises Bändchen schimmert!
Es muss doch möglich sein, einen Tampon auch mit einem schwarzen Bändchen zu versehen, oder? Und was ist mit der roten und grünen Unterwäsche, der weißen? Oder darf meine Freundin nur noch doppelt gewirkte Baumwollschlüpfer statt Spitzenslips tragen?
Ich denke, dass sich hier eine Marktlücke, was sage ich, ein Marktloch, ja ein Marktkrater aufgetan hat. Denkbar wäre also das Produkt „o.b. colour“, bei dem in einer Packung Tampons mit verschiedenfarbigen Bändchen zu finden sind, die ganz nach Farbe der Unterwäsche störungsfrei für visuelle präkoitale Erkundungen meinerseits getragen werden können.
Nach meinen klärenden Erläuterungen sind Sie nun endlich in der Lage, der weiblichen Weltbevölkerung ein Produkt anzubieten, das sie wirklich dringend braucht – mindestens genauso wie schwarze Slipeinlagen.
Auf Ihre wohlwollende und den Produktionsbeginn vermeldende Antwort hoffend verbleibe ich

mit freundlichen Grüßen
Mark Jischinski

Für Granatsplitter könnte ich töten

Termin beim Verleger. Er sitzt majestätisch in einem Ledersessel, zwischen uns ein überdimensionierter Schreibtisch aus Echtholz in Kolonialoptik. Hinter ihm stehen in wandhohen weißen Regalen Bücher, bei deren Zahl ich mich frage, ob er die alle gelesen hat, oder ob sie bei einem Verlagsmenschen bloße Dekoration sind. Aber der Herr Verleger hat sie wahrscheinlich alle gelesen. Manche zweimal. Bestimmt. Vielleicht kommt er endlich einmal darauf zu sprechen, dass sich meine Titel super entwickeln und er die Tantiemezahlung noch vor Weihnachten anweisen wird. Ich schaue deshalb gebannt zu ihm.
»Jischinski, Jischinski«, lässt er meinen gedoppelten Namen klangvoll im Raum verhallten. Ich habe sofort das ungute Gefühl, dass ich gleich einen Doppelten brauchen werde. Nun legt er die Hände vor sich auf den Tisch und faltet sie wie ein Gläubiger zum Gebet.
»Jischinski! Mit Ihrem Frauen- und Männerzeuch; alles gut und schön. Aber das kauft keine Sau. Die Leute haben schon genug Ärger zu Hause, einen Drachen als Frau, einen Säufer als Mann, sie sind frigide oder impotent oder beides, da braucht niemand dieses Gewäsch, das Sie auch noch mit einer pseudopsychologischen Mixtur anrühren.«
Meine Vorfreude verebbt wie die Erektion eines Impotenten. Er blättert in ein paar Seiten Papier.
»Die Verkaufszahlen unserer Bücher sind schlecht. Ach, was sage ich. Sie sind unterirdisch. Wenn wir Glück haben, können wir alles verramschen und haben wenigstens keinen Totalverlust.«
So war das nicht geplant. Gedanklich hatte ich schon alle Weihnachtsgeschenke zusammengekauft und es blieb sogar noch etwas für mich übrig. So aber scheint die zehnprozentige Beteiligung am Verkaufspreis meiner Bücher nicht einmal für ein Marzipanbrot zu reichen.
»Und was machen wir nun?«, höre ich mich verzweifelt fragen.
Der Herr Verleger schaut aus dem Fenster, dann zu mir, danach in eine Zeitschrift, die er vor sich aufgeschlagen hat. »Haben Sie sich schon einmal die Bestsellerlisten angeschaut, Jischinski?«
»Nein. Das mache ich ganz bewusst nicht, um mich nicht unter einen kommerziellen Druck setzen zu lassen und dem Mainstream will ich auch nicht blind folgen. Ich will mit meinem Herzen schreiben.«
Er mustert mich wie etwas, das er nach einem carnivorischen Festmahl aus seinen Zahnzwischenräumen pult.
»Jischinski, sind Sie wirklich so naiv? Mit dem Herzen schreiben! Nun hören Sie doch auf! Schauen Sie sich einmal an, was wirklich gelesen wird! Erotik, Kochbücher, Krimis, phantastische Bücher und Tiere. Tiere gehen auch immer. Sie könnten mit Ihrem Psychogedöns was über die Psyche der Hunde schreiben. Oder machen Sie was im Ratgeberbereich. Sport und so. Die Leute werden immer fetter. Was aber kein Wunder ist. Erst kaufen sie sich die Kochbücher, dann geht es in die Lifestyle- und Sportabteilung und als letzte Hoffnung bleibt die Erotik in Gedanken, die sie in einem Heim unter Fetten nicht mehr haben.«
Ich sehe durch ihn hindurch.
»Jischinski? Was ist nun mit Sport und Tieren? Haben Sie da was?«
»Ich könnte mir auch einen Hund zulegen und mit ihm Synchronschwanzwedeln üben. Wenn ich dann noch schreibe, dass mir das dabei hilft, meine Komplexe zu verarbeiten, mit Frauen zu kommunizieren, könnte das was werden.«
Der Verleger schaut nachdenklich an die Decke. »Hört sich interessant an. Können Sie auch Krimis?«
»Ich habe da schon länger eine Idee. Ein Gera-Krimi.«
»Ach du heilige Scheiße! Hören Sie bitte damit auf. Das liest kein Mensch. Ich habe mal ein Bild von der Oberbürgermeisterin gesehen, da kam mir der Jugendweihekaffee hoch. Wie heißt die gleich? Kapaun?«
»Hahn.«
»Hm. Ist ja auch egal, irgendwas ohne Eier halt. Aber die musst du in einem politischen Amt haben. Und als Schriftsteller übrigens auch, Jischinski. Und da wir gerade bei Eiern sind. Wie steht es mit Erotik oder Kochbüchern?«
»Ich glaube, dass Erotik nicht so mein Ding ist.« Während ich das sage, überlege ich, mir ein Pseudonym zuzulegen und dann richtig vom Leder zu ziehen. »Angus Cock« schreibt den Bestseller »Die Sakrale Pforte« über den schwulen Geistlichen Helmut Wimmerl, der sein Coming-out während einer Trauung erfährt und sich unsterblich in den Bräutigam verliebt. Der Messdiener Fred Sauerbier wird eifersüchtig, verliebt sich auch in den Bräutigam, der aussieht wie Westerwelle und zu dritt treten sie in die FDP ein. Den Schluss sollte ich vielleicht noch überdenken, aber der Plot steht. Der Verleger inzwischen auch. Er stützt sich auf den Schreibtisch und kommt mit seinem Gesicht ganz nah zu mir. Ich kann seinen widerlichen Raucheratem riechen, während er flötet:
»Krimi geht nicht und Erotik auch nicht. Können Sie mit einem Kochbuch dienen? Macht heute eigentlich jeder Idiot. Für eine Autobiographie sind Sie noch zu jung. Außerdem haben Sie nichts zu erzählen. Also, was kochen Sie so? Oder backen Sie? Weihnachten ist ja bald.«
»Meine Mutter ist Bäckerin!«, entfährt es mir hoffnungsvoll.
»Jetzt lassen Sie aber mal Ihren Mutterkomplex beiseite und beantworten Sie mir meine Fragen.«
»Ja, ich kann backen und kochen.«
»Dann schreiben Sie was darüber. Handwerklich sauber und nachvollziehbar. Dann schauen wir mal, ob es was taugt. Mögen Sie etwas ganz besonders?«
»Ja! Für Granatsplitter könnte ich töten!«
Der Verleger sitzt nun wieder, hat sich einen Stift aus einem Köcher geangelt und kaut darauf herum.
»Jischinski, ich habe da eine Idee. Den Titel haben Sie gerade gesagt und dann machen Sie sich an ein politisches Kochbuch. Ganz aktuell, die NSA unter den Kochbüchern gewissermaßen. Rezepte für Amerikaner, die Sie auf einen Kameruner legen und schließlich backen Sie einen Granatsplitter, damit es kracht. Und wenn Sie den Granatsplitter noch im Teigmantel kreieren, haben Sie einen muslimischen Schläfer. Der Schiite sozusagen. Die Leipziger Lerche können Sie mit einem Berliner unterbuttern und so weiter.«
Er schaut mich streng an. »Sagen Sie mal, sind Sie eigentlich der Schriftsteller oder ich? Ich liefere Ihnen hier Ideen für echte Bestseller und Sie schweigen. Verstehen Sie eigentlich, was ich meine?«
»Ich mache dann doch das mit dem Hund«, höre ich mich sagen, während ich mich erhebe.
»Wie auch immer«, sagt mein Verleger, »die Abrechnung für das erste Halbjahr der gedruckten Bücher kommt nächste Woche per Post und die E-Book-Abrechnung habe ich hier … Moment …«
Er wühlt in seinen Papieren. »Ein Euro Sechsundsechzig! Was sagen Sie nun?«
»Ich nehme den Granatsplitter.«