Zur Schwarzen Witwe

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Wenn wir ganz unten sind und es uns richtig beschissen geht, dann gehen wir zu Edgar. Er ist der Wirt unseres Lieblingslokals, wenn der Arbeitstag im Eimer ist, wenn die Frau zu Hause Stress macht oder das Leben ganz allgemein wenig erstrebenswert scheint. Das Schild über der Tür hängt völlig schief, aber das passt ganz gut. »Zur Schwarzen Witwe« hat Edgar seinen Laden so treffend genannt. Er steht immer hinter dem Tresen. Jeden Tag trägt er denselben schwarzen Anzug, ein weißes Hemd und eine schwarze Krawatte. Auf unsere Nachfragen hin erklärt er, dass er es von Einstein oder einem anderen dieser Wissenschafts-Nerd-Typen hat und dass er sich diese Klamotten in siebenfacher Ausfertigung gekauft hat. Wir brauchen also gar nicht zu denken, dass er jeden Tag aufs Neue in die schmutzigen und versifften Klamotten des Vortags steigt. Sie sind immer ganz frisch. Sagt Edgar. Ich sitze an einem der vielen freien Tische und studiere die Speisekarte. An der Bar sitzt Fred und trinkt einen Zombie nach dem anderen. An einem Tisch am Fenster mir gegenüber sitzt Bernd und nuckelt am Strohhalm, der in einem »Adios Motherfucker« steckt. Ich kann es Fred und Bernd ansehen. Stress mit ihren Frauen. Die Armen. Edgar kommt zu meinem Tisch.
»Na, so traurig? Was ist los?«
»Ein Scheißtag bei der Arbeit.«
»Ich denke, so ein Schriftsteller arbeitet nicht, sondern lässt sich den ganzen Tag von der Muse küssen, wenn sie sich nicht gerade breitbeinig auf seinen Schoß setzt?«
»Hast du ’ne Ahnung! Diese Musen küssen manchen Tag wie hässliche Jungfrauen.«
»Also hast du heute nichts zusammenbekommen, ja? Dann schau dir doch mal die beiden an.« Er zeigt zu Fred und Bernd. »Die haben Ärger mit echten Musen, wobei es bei denen wohl eher Sirenen sind. Also, was magst du essen? Ich habe einen leckeren Kummer. Lebendig gekocht, schön rot außen und saftig innen. Macht in jedem Fall nicht heiter, sondern ordentlich traurig.«
»Mir ist heute eher nach etwas richtig schön Herzhaftem. Hausfrauenkost, wie man es von einer Schwarzen Witwe erwarten kann.«
Edgar überlegt und reißt dann die Augen auf. Freudig sagt er: »Für Menschen für dich, also von Musen und anderen Weibern enttäuschte Seelen, habe ich heute etwas ganz Tolles. Magere Rente mit Todkohl und Trauerklößen.«
»Das klingt verlockend. Noch was außerdem?«
Edgar blickt an die Decke, als würde dort die Speisekarte ganz virtuell stehen. Ich weiß natürlich, dass er sich mit dem Blick nach oben die Speisekarte tatsächlich visuell vorstellt. Das erinnert mich an die Schule, als wir Schüler ausgeschimpft wurden, wenn wir, an der Tafel stehend, mit dem Blick nach oben Antworten auf die Fragen der Lehrer suchten. Dann fauchten sie uns ein »Da oben steht’s nicht!« entgegen. Dabei hätten wir ihnen sagen müssen: »Doch! Gerade dort werde ich es finden!«
Edgar schleudert mir mit ernstem Blick eine andere Möglichkeit entgegen: »Wir hätten auch ein schmerzhaftes Schnitzel, gefüllt mit Trübsal und dazu eine hohe Bürde. Alles gut gewürzt mit Kümmernis.«
»Das hört sich gut an! Ich hätte gern das schmerzhafte Schnitzel. Und danach nehme ich etwas von der leckeren Pein mit einer Krise Salz und etwas Verdruss.«
Edgar zieht die Stirn in Falten. »Kannst du alles haben«, sagt er schließlich. »Aber ich empfehle dir als Nachspeise unseren hausgemachten Jammer, allerdings nur ein paar Gram. Und als Getränk dazu ein Glas frisch depresste Melancholie oder lieber einen trockenen Schwermut? Was ist dir lieber?«
»Von dem Schwermut habe ich letztens so einen wahnsinnigen Schädel bekommen. Ich nehme nur den Jammer, der bekommt mir bestimmt besser als die flüssige Nahrung.«
Edgar hat sich die Bestellung notiert und ist in der Küche verschwunden. Es bleibt zu hoffen, dass dort heute nicht schon wieder Ingrimm Dienst hat. Der haut nicht selten zu viel Jähzorn und Verdruss ins Essen. Aber das macht eh nichts mehr. Nicht eine vernünftige Zeile habe ich zu Papier gebracht. Wenn es die »Schwarze Witwe« nicht gäbe, würde ich an den Musen verzweifeln.

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