Monty VII

»Hallo Monty, was hat man dir denn angetan?«, fragt sie schon von weitem. »Du gehst doch nicht wirklich zum Boxen? Das ist ein Sport für Dummköpfe wie Leo, aber doch nichts für dich!«
Typisch Frauke. Superschlau in der Schule, aber keine Ahnung, was für das Leben wichtig ist. Glaubt sie wirklich, dass es auch nur eine Frau kratzt, wie toll ich in Mathe bin? Und gibt es eine, die ausreichend Mitleid mit mir hat, weil ich gegen einen Blinden im Schach verloren habe? Vor allem: Will ich Mitleid? Will ich eine, die auf mich abfährt, weil ich gut in der Schule bin und gegen optisch Benachteiligte beim Schachspiel verliere? Welche Mädchen ziehe ich damit an? Wohl nur solche wie Frauke. Und Frauen wie Frauke will keiner. Sicher, obwohl sie keine Schönheit ist, respektieren wir sie. So, wie sie ist. Und weil niemand auf dieser Welt perfekt ist, hat auch sie einen Nachteil, der zudem ein großer ist. Ihr rechtes Bein nämlich ist etwa drei Zentimeter kürzer als das linke. Zumindest hat sie mir das einmal im Vertrauen erzählt. Ich glaube, dass es mehr Zentimeter sind, aber ich will sie nicht verärgern. Außerdem bin ich manchen Tag ganz froh darüber, dass wir gemeinsam zur Schule gehen. Dann bin ich nicht immer allein. Auch wenn mit ihrem Humpeln länger braucht als ich. Ein paar aus unserer Klasse rufen sie nur noch bei ihrem Spitznamen, der durchaus die Achtung vor ihren geistigen Fähigkeiten widerspiegelt. Aber eben auch ihre Behinderung dokumentiert. Ich glaube, dass es Leo war, der sie als erster »Miss Bildung« nannte. Nur sprach er es so schnell aus, dass zunächst niemand erkannte, dass Leo tatsächlich witzig mit Sprache umgehen konnte. Erst auf Nachfragen und einen ausgeschlagenen Zahn später (es traf Alex, unseren Klassen-Nerd) deklamierte er ganz langsam: »Mann, ihr Penner! Miss … Bildung! Sie ist einfach schlau, oder nicht?«
»Guten Morgen Frauke! Boxen ist nicht nur was für Dummköpfe, glaub mir. Und außerdem habe ich Leo gestern ganz schön zugesetzt.«
Sie legt ihren Kopf zur Seite und ich weiß, dass das nur so wirkt, weil sie einfach dasteht. In Momenten wie diesem glaube ich, dass sie gar nicht so schlecht aussieht, die Frauke. Aber dann kommen solche Ideen in meinen Kopf wie: Monty & Frauke Hannich haben sich heute das Ja-Wort gegeben. Furchtbar! Ich sollte Norman um seine Meinung fragen, vielleicht kann er mir einen sinnvollen Rat geben.
»Ich weiß nicht«, sagt Frauke, »gesund siehst du jedenfalls nicht aus. Ohne die Beulen und blauen Flecken gefällst du mir besser.« Wenn man es sehen könnte, wäre ich jetzt knallrot im Gesicht.
»Heute Nachmittag gehe ich übrigens wieder zu meiner Oma. Sie will mir wieder eine Geschichte erzählen. Magst du mitkommen?«
Eigentlich würde ich schon mögen, aber andererseits komme ich mir immer ein bisschen kindisch vor, wenn ich mit Frauke vor deren Oma sitze und im Grunde schönen Geschichten zuhöre. Andererseits ist das sowas von abgrundtief unmännlich. Eher ausweichend frage ich:  »Weißt du schon, worum es dieses Mal gehen wird?«
»Nein, sie hat immer eine neue Geschichte auf Lager, die sie sich nur für mich und einmalig ausdenkt. Und für dich auch, wenn du dabei bist.«
»Du solltest sie aufschreiben, sammeln und veröffentlichen, meinst du nicht?«, weiche ich noch viel weiter aus. Mein Papa wäre bestimmt stolz auf mich. Ich weiß, wie man mit Frauen redet.
Frauke bleibt stehen und grinst mich an. Ihr Kopf ist wieder in einer deutlichen Schräge. Ich lege meinen Kopf in die gleiche Richtung und lache sie an.
»Nein, das werde ich nie tun. Ich trage sie lieber in meinem Herzen. Es mag egoistisch sein, aber es sind nur meine Geschichten. Sie gehören mir und denen, mit denen ich sie direkt teilen will.«
Manchmal macht mir Frauke furchtbar Angst.
Wir kommen in der Schule an, alle übersehen mich und meine Verletzungen und schon sind die ersten beiden Stunden vorbei. In der Pause stehe ich allein in einer Ecke und es fällt natürlich noch immer keinem Menschen auf, dass ich heldenhaft meine Beulen zur Schau stelle. Leo hat nicht einmal eine Schramme und läuft wie immer sein Revier auf dem Schulhof ab. Wenn Leo nicht trainiert, baggert er Mädels an. Keine ist vor ihm sicher, nicht einmal Emma. Wobei ich gar nicht darüber nachdenken will, was passiert, sollte er sich Emma nähern. Leo besitzt nicht einmal das Gen, das einen normalen Teenager rechtzeitig vor Enttäuschungen und unbedachten Annäherungsversuchen warnt. Er geht drauf los und ist präsent. Den Rest besorgen Zufall, Glück, Gott, die Dummheit der Weiber und was weiß ich noch. Es gibt zum Glück eine Schwachstelle in Leos Leben, doch die kommt meistens zu spät raus. Zumindest zu spät für die Mädels, die ihm völlig erlegen sind. Leo ist im Grunde doof. Richtig doof. Er mag ein Instinktboxer von außergewöhnlichem Talent sein, aber Algebra hält er mit Sicherheit für eine schlecht schmeckende Arznei. Ich verdrücke gerade mein Pausenbrot, da klingelt es schon wieder.

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Fleisch ist mein Gemüse!

Ich habe es schon seit vielen Jahren gepredigt, aber niemand hörte meine Worte. Sie verhallten im Nirwana einer Bagage von Vegetariern und Veganern, die uns Carnivoren an den Rand der Gesellschaft drängten und stigmatisierten. Nun bekomme ich spät, aber hoffentlich nicht zu spät, Bestätigung. Und das aus berufenem Munde! Niemand geringerer als Kadir Nurmann, der Erfinder des Döners, hat den Niedergang der gefüllten Teigtasche beklagt: „Meiner Meinung nach sind zu viele Zutaten in den Dönern“, sagte der 78-Jährige. „Wenn das Fleisch gut ist, braucht man keine Tomaten oder Gewürze.“ In seinem Anfang der 70er Jahre erfundenen Döner waren nur Hackfleisch und Zwiebeln.

Meine Rede! Wenn das Fleisch gut ist, braucht es kein Gemüse, keine Zwiebeln, keine Soße, ja sogar die Teigtasche drumrum ist entbehrlich! Serviette und Fleisch – das muss auch mal reichen!! Wenn hier schon der gastronomische Untergang des Morgenlandes eingeläutet ist, was wird dann aus dem Abendland?

Monty VI

»Guten Morgen, Schläger«, antwortet mein Erzeuger, ohne mich anzuschauen. Genüsslich liest er in seiner Zeitung, wie er es jeden Tag tut. Ich könnte wahrscheinlich morgens mit einer Perücke und geschminkt wie die letzte Transe am Tisch sitzen, er würde nur dann Notiz davon nehmen, wenn ihn Mama darauf aufmerksam macht. Oder eben schreit.
»Gerd, wolltest du nicht etwas sagen«, ermahnt ihn meine Mutter. Gleich wird er wieder mosern, dass er es hasst, wenn sie ihm vor seinem Sohn Anweisungen gibt, was er zu mir sagen soll oder nicht. Dann wird sie sagen, dass er gar nichts sagen würde, wenn sie ihn nicht dazu ermuntern würde. Danach wird er sagen, dass es aber wie nachgeplappert aussähe und ihr gemeinsamer Sohn kein Volldepp sei. Wobei es natürlich heute sein könnte, dass meine Mutter einwenden wird, dass man das nun nicht mehr genau wisse.
»Gibst du mir bitte mal das Müsli«, versuche ich das Gespräch auf die elementaren Dinge im Leben zu lenken. Mein Vater schaut zu mir rüber und lässt vor Schreck seine Zeitung fallen. Noch geistesgegenwärtig greift er zur Müslischachtel und reicht sie mir rüber.
»Kannst du schon kauen, Rocky?«
Manchmal ist mein Erzeuger echt witzig. Vielleicht sollten sich alle Eltern eine Art Zeugungsberechtigung holen. Die wird nur unter der Voraussetzung erteilt, dass sie sich Monty Python zwanzig Mal vor und zurück angeschaut haben.
»Ich werde es versuchen. Und glaub mir, es ist nicht so schlimm, wie es aussieht.«
»Schlimmer?«
»Nein, es geht wirklich. Und, ob ihr es glaubt, oder nicht, es war wirklich toll. Ich habe Sparring gegen Leo gemacht und ihn auch ab und zu getroffen. Der Trainer meint, dass ich bald meinen ersten Kampf machen kann.«
Meine Mutter horcht auf. »Erster Kampf? War das beim Training keiner?«
Vater schaut zu ihr und erklärt: »Das war nur Sparring. Wenn unser Thronfolger einen richtigen Kampf hat, schlägt der andere noch stärker zu als im Sparring. Es geht um Leben und Tod. Und wenn er überlebt, hat er eben seinen ersten Kampf gewonnen. Als Initiationsritus ist das durchaus …«
»Papa!«, unterbreche ich ihn energisch, »ihr müsst das nicht toll finden. Ihr habt eure Vorurteile und ich habe meine. Es sind auch schon genügend Menschen beim Joggen gestorben«, sage ich, meinen Blick auf Mama gerichtet.
»Beim Kegeln sterben statistisch gesehen die meisten Menschen«, springt mir mein Vater zur Seite.
Mutter schaut zu ihm hinüber und hat diesen Blick drauf, der noch nie etwas anderes als Ungemach brachte. Der männliche Teil unserer Familie sieht sich immer vor, diesen Blick von ihr tunlichst zu vermeiden. Die einfache Taktik meines Vaters ist in der Regel ein zustimmendes »Ja, Schatz!« und ich komme schon ganz gut durchs Leben, wenn ich mich einigermaßen ordentlich an den Hausarbeiten beteiligte.
»Jetzt mal ehrlich«, ereifert sich Mama und wird sich ihrer Führungsrolle in der Familie wieder voll bewusst, »das ergibt doch überhaupt keinen Sinn! Zwei Menschen prügeln aufeinander ein und es gewinnt der, der den anderen richtig vermöbelt. Ist das nicht zu archaisch? Das ist doch gar nicht mehr zeitgemäß!«
Vater schaut kauend zu ihr und ich zeige mit meinem Mund zeitgleich, dass Abstammung keine hohle Phrase ist. Mama schaut abwechselnd in unsere kauenden Gesichter.
»Vergesst es einfach. Streicht, was ich gesagt habe. Monty, lass dir ruhig weiter dein hübsches Gesicht zertrümmern und dein Hirn weichklopfen. Aber sagt bitte nicht, dass ich euch nicht gewarnt hätte. Und denkt daran, dass es mir in der Seele weh tut!« Jetzt beißt sie in ihr Frühstücksbrot und schaut betreten zum Fenster hinaus. Das macht sie immer so. Wir haben nun zwei Möglichkeiten. Entweder pflichten wir ihr bei und gestehen unsere Fehler ein, was wir selten tun, oder aber wir warten ab. Unsere übliche Strategie gewinnt. Also geht unser Frühstück wortlos zu Ende. Lediglich zu Sachfragen wird noch das Wort aneinander gerichtet. »Gibst du mir bitte die Butter, die Milch, einen Apfel? Kann ich aufstehen? Ich muss jetzt gehen.«
Ich verabschiede mich von meinen Erzeugern, werfe mir meine Schultasche auf den Rücken und laufe los. Es ist ein herrlicher Herbsttag. Die Sonne strahlt, aber es ist kühl und die Luft ist klar. Ich laufe mit einem straffen Schritt zur Schule und trage stolz mein Gesicht emporgereckt zur Schau. Hoffentlich sieht mich bald jemand. Es fällt so doll auf, dass ich darauf angesprochen werden muss. Und nicht nur das. Meine Visage muss dazu führen, dass ich anerkennende Blicke ernten werde.
Doch wen treffe ich? Frauke, unsere Klassenbeste. Gerade sie! Wenn jemand garantiert nicht in der Lage ist, meine Gesichtsveränderung zu würdigen, dann sie.

Der Kunde ist König!

Noch eine Viertelstunde länger und ich wäre geplatzt. Endlich sehe ich das Schild mit dem Hinweis auf eine Raststätte in fünf Kilometer Entfernung. Ich trete das Gaspedal durch, keinen Gedanken an die Umwelt, denn gerade geht es um mehr. Es geht um mich und mein Wohlergehen. Meine Blase drückt schon an den Gurt und ich überlege kurz, ob ich den Gürtel meiner Hose öffnen sollte. Doch ich lasse es sein, weil ich ihn beim Aussteigen wieder schließen müsste und das könnte seltsam auf andere wirken. Ich setze den Blinker und bremse ab. Auf der Abbiegespur fahre ich noch hundert Sachen, den Weg zum Parkplatz bringe ich mit einer runden sechzig hinter mich. Das Auto steht, ich steige aus, schließe ab und renne in die Raststätte. Eine kurze Unterbrechung zur Orientierung und schon weiß ich, wohin ich gehen muss. Im Keller finde ich eine hochtechnisierte Anlage, bei der ich zunächst siebzig Cent in einen Schlitz stecken muss, bevor ich ein Drehkreuz passieren kann. Nach wenigen Schritten erreiche ich eine Box, gehe hinein, schließe die Tür, reiße mir Hose und Slip runter und setze mich. Von lebensbedrohender Körperspannung zur puren Erleichterung sind es manchmal nur Sekunden. Ich atme noch etwas schnell, weil ich rennen musste, doch langsam macht sich Ruhe in mir breit. Plötzlich höre ich aus einem Lautsprecher eine Stimme. Störend. Nervtötend. »Willkommen bei Sanifair. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt. Um ihre Zeit bei uns so angenehm … « Das alles mit einer esoterisch angehauchten Melodie im Hintergrund.
Ich halte meine Hände an die Ohren. Das kann doch nicht wahr sein! Kann die mediale Volldröhnung nicht wenigstens hier aufhören? Oder muss das bei einem Preis von siebzig Cent einfach sein? Ist das der Zusatznutzen, den ich gar nicht bestellt hatte? Singt jetzt gleich Queen »Under pressure« in der Acoustic-Version? Oder Keimzeit »Lass es laufen den Berg hinunter…«? Haben die noch nie etwas vom stillen Örtchen gehört? Ich komme mir vor wie im Flugzeug. Warum nicht gleich die Sache richtig angehen? Ich lehne mich zurück, und beginne zu träumen.
In eine Sanifair-Bedürfnisanstalt der Zukunft kommt ein nervöser Mann, von einem Bein auf das andere tretend. Ein persönlicher Sanifair-Betreuer empfängt ihn freundlich: »Guten Tag! Ich möchte Sie im Namen von Sanifair bei uns begrüßen und Ihnen einen angenehmen Aufenthalt wünschen. Ich heiße Jochen Kulke, aber meine Freunde nennen mich Jo. Mein Team und ich werden Sie heute begleiten. Wollen Sie mir bitte folgen?«
Der nervöse Mann wird noch nervöser, sieht Jo aber in die richtige Richtung gehen. Die Erlösung von seinen Qualen scheint nicht mehr weit. Jo dreht sich um. »Darf ich Sie noch fragen, welche unserer Leistungen Sie gedenken, in Anspruch zu nehmen?« Der nervöse Mann vernimmt ein Knurren in seinen Gedärmen und spürt erhöhten Druck in der finalen Strecke seines Verdauungstrakts. Er denkt: ›Kann man hier nicht einmal in Ruhe kacken?‹, doch er sagt es nicht. Jo schaut ihn durchdringend an: »Welche Leistung, der Herr?«
Der Mann reagiert nicht. Nicht ohne Grund ist Jo für solche Momente geschult. Deshalb unterstützt er gern. »Wird es bei Ihnen eher etwas größeres oder etwas kleineres? Oder, anders gefragt, können Sie dabei stehen oder müssen Sie sich setzen?«
Der Mann presst mit hochrotem Kopf durch die Lippen: »Ich würde mich gern setzen.«
Jo setzt sein verbindliches Lächeln auf. »Gern!« Er strahlt den Mann an, als habe er soeben in einem Sternerestaurant die Bestellung für Jakobsmuscheln entgegen genommen. »Dann darf ich Sie nun in die Obhut von Hans, Ihrem persönlichen Betreuer geben.«
Der Mann zögert. Der zweite Betreuer? Ist das nicht etwas übertrieben? Doch Jo scheint seine Gedanken lesen zu können. »Wir bei Sanifair haben ein ganzheitliches Konzept, um unseren Gästen ein Optimum an Kundenservice zu bieten. Sie werden merken, dass Sie Hans gar nicht bemerken. Er ist nahezu unsichtbar und doch nah genug bei Ihnen, um für Ihr Wohlergehen zu sorgen.«
›Aber meine Güte, ich will doch bloß kacken‹, denkt der Mann, der gerade sehr schmerzhaft von seinem Enddarm an den Grund seiner Begegnung mit Jo und Hans erinnert wird. Da kommt sein persönlicher Betreuer auch schon um die Ecke. Ein gut trainierter und gebräunter Sonnyboy um die dreißig, weißes T-Shirt, eine Idee zu Slimfit, eine weiße Hose und Birkenstocksandalen. Er streicht sich eine seiner schwarzen Locken hinter das Ohr und reicht dem Mann die Hand. »Ich bin Hans. Folgen Sie mir bitte zu unseren Premium-Boxen.«
»Premium-Boxen?«, entfährt es dem Mann erstaunt.
»Sind Sie kein Premium-Kunde?«
»Nein. Nicht, dass ich wüsste.«
Hans schaut streng zu Jo und zieht eine seiner perfekt gezupften Augenbrauen nach oben. Jo zuckt mit seinen Schultern und zischt ihm zu: »Ich dachte schon.«
»Was muss ich denn tun, um Premium-Kunde zu werden?«, fragt der Mann.
Die Mienen von Jo und Hans hellen sich deutlich auf. Jo zieht von irgendwoher einen Flyer und reicht ihn dem Mann. Hans zückt einen Kugelschreiber und sagt: »Sie müssten bitte hier einen Antrag auf eine Sanifair-Goldcard ausfüllen.«
Der Mann sieht die beiden erstaunt an. Krämpfe durchzucken seinen Bauch. Er kann kaum noch stehen. »Und was habe ich davon?«
Jo scheint nur auf diese Frage gewartet zu haben. »Sie haben eine Eins-zu-Eins-Betreuung, bekommen trockenes und feuchtes Toilettenpapier in zwei Duftrichtungen und brauchen nicht mehr selbst zu spülen. Wenn Sie wollen, bekommt Ihre Partnerin auch eine Karte. Dann dürfen Sie unsere Partnerboxen nutzen. Zeit für Partnerschaft in höchst intimen Momenten gehört zu unserem Credo, gerade in Zeiten der Vereinsamung, der Entfremdung und fortschreitender Individualisierung«, proklamiert er politikeresk.
Dem Mann steht inzwischen der Schweiß auf der Stirn. »Können wir das nachher noch klären? Ich würde dann gern einfach nur … «
»Natürlich«, ereifert sich Hans nun, »Ihr Wohl steht selbstverständlich an allererster Stelle. Darf ich vorausgehen? Sie bekommen einfach eine Premium-Betreuung, damit Sie gleich merken, was das für ein Vorteil ist.«
Der Mann nickt, Jo nimmt ihm Flyer und Stift ab und verabschiedet sich mit einem freundlichen Grinsen. Dann folgt der Mann Hans. Selbiger bleibt nach wenigen Schritten vor einer Box stehen, öffnet diese und macht eine ausladende Handbewegung in das Innere. »Bitteschön!«, sagt er wie ein Hotelpage. Doch als der Mann eintreten will, stellt sich Hans in den Weg. »Wenn ich Sie nun noch mit unseren Sicherheitsvorschriften vertraut machen darf?«
Der Mann greift sich auf den Bauch und schaut mit sehnsüchtigem Blick auf die Kloschüssel direkt vor ihm. »Aber ich will doch einfach nur … !«
»Ich weiß,« sagt Hans, »denn Ihre Bedürfnisse stehen im Mittelpunkt unserer Bemühungen. Doch die Sicherheitsvorschriften sind nun einmal verpflichtend. Sonst bekommen wir wieder Ärger.« Der Mann stützt sich an der Wand ab und spannt alle Muskeln südlich seines Steißes an. »Dann machen Sie schon«, presst er hervor.
Hans baut sich vor ihm auf, öffnet eine kaum sichtbare Tür in der Wand und entnimmt dieser einen Koffer. »Also. Im Falle einer Notsituation sind die Fluchtwege ausgeschildert.« Er hebt beide Arme und verweist mit ihnen zum Ausgang und auf grüne Leuchtleisten am Boden. »Unser Fluchtwegesystem garantiert Ihnen, auf schnellstem Wege außerhalb dieser Anlage zu sein.« Dann öffnet er den Koffer und entnimmt diesem eine Atemschutzmaske. »Sollte der Druck in Ihrer Kabine abfallen, oder aber der Rauch- und Duftmelder unangemessene Gase im Luftgemisch feststellen, ertönt ein Warnsignal und Sie setzen sofort diese Maske folgendermaßen auf.« Er macht es dem Mann vor und bleibt mit der Maske auf seinem Gesicht vor ihm stehen. »Haben sie alles verstanden?«
Der Mann spürt, wie ihm Schweiß auf seinem Rücken abwärts läuft. Er atmet jetzt stoßweise. Dann presst er hervor: »Darf ich jetzt?«
»Gern!«, sagt Hans etwas zu laut durch seine Maske, »denn schließlich steht Ihr Wohlergehen im Mittelpunkt. Wenn ich Ihnen die Brille noch einmal desinfizieren darf?« Und schon ist er zur Toilette geschnellt und hat einen Knopf bedient. Die Spülung ist zu hören und die Klobrille dreht sich einmal durch ein Reinigungsgerät. »Bitte«, sagt Hans und zeigt auf die Schüssel. Der Mann drängt sich an ihm vorbei, öffnet unter Schmerzen seine Hose. »Würden Sie dann bitte gehen?«, fragt er. Hans schaut ihn verwundert an. »Warum?«
»Weil ich jetzt ungestört hier sitzen möchte und einfach nur … «
»Wie Sie wünschen. Wir gehen ganz auf unsere Kunden ein. Ich warte dann vor der Tür.« Hans verlässt die Box und schließt die Tür. Der Mann lässt die Hosen und den Slip runter und setzt sich. Er versucht krampfhaft die Vorstellung loszuwerden, dass da jemand vor seiner Box steht. Das strengt ihn wahnsinnig an. Es stört ihn. Doch Stück für Stück verschwimmt das Bild vom Hans vor der Tür und Entspannung tritt ein. Er merkt, wie der Druck in seinen Därmen nachlässt.
»Wenn Sie mich brauchen, sagen Sie es einfach. Ich bin für Sie da«, ruft ihm Hans eine Nuance zu fröhlich von draußen zu. Offenbar hat er auch seine Maske wieder abgesetzt.
Alle Entspannung ist dahin. »Lassen Sie mich endlich in Ruhe scheißen!!«, schreit der Mann wütend nach draußen. In diesem Moment entspannt er völlig. Dann folgt Stille.
»Darf ich Ihnen nun das feuchte Papier reinreichen?«, fragt Hans durch die Tür.
»Nein!«, brüllt der Mann, während er das normale Papier abrollt und es seiner Bestimmung zuführt. Endlich ist er fertig, sein Bauch ist noch immer aufgebläht, aber er spürt keine Schmerzen mehr. Er betätigt gerade die Spülung, als es von außen dröhnt: »Aber das hätte ich doch machen können!«
»Das schaffe ich schon!«, ruft der Mann. Dann öffnet er die Tür, schaut mit einem bitterbösen Blick auf Hans und sagt: »Danke, Sie können jetzt reingehen. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.« Hans geht tatsächlich in die Box und der Mann will gar nicht wissen, was er dort zu tun gedenkt. Am Tresen empfängt ihn Jo. Lächelnd kommt er auf ihn zu. »Und, wie hat es Ihnen bei uns gefallen?«
Der Mann schaut zu ihm. »Etwas aufdringlich fand ich alles.«
Jo freut sich. »Gern nehme ich auch Ihr negatives Feedback entgegen. Wenn ich Sie bitten darf, hierzu unseren Fragebogen zur Verbesserung der Kundenzufriedenheit auszufüllen? Es sind nur fünfzig Fragen und gerade Menschen wie Sie werden uns helfen, unseren Service in Zukunft noch besser auf die Bedürfnisse unserer Kunden abzustimmen.«
»Nein danke. Nehmen Sie ihren albernden Fragebogen und wischen Sie sich damit … «, der Mann stockt, »ach, vergessen Sie es einfach. Auf Wiedersehen.«
Gerade will der Mann sich an Jo vorbeipressen, als Hans von hinten kommt und ruft: »Jo, du musst den Mann aufhalten. Er muss noch nachzahlen.«
»Nachzahlen?«, entfährt es dem Mann.
Hans steht inzwischen vor ihm. »Ja, das müssen Sie. Unsere allgemeinen Geschäftsbedingungen hängen am Eingang aus. Und danach sind in den Kosten von siebzig Cent nur fünfhundert Gramm Stuhl enthalten. Und bei Ihnen hat unsere integrierte Waage mehr gemessen.« Dann schaut er ihn durchdringend an: »Deutlich mehr!«
Jo schüttelt seinen Kopf. Der Mann schweigt. Dann presst er sich an Jo und Hans vorbei, rennt zum Ausgang, immer weiter bis zu seinem Auto, startet es und rast davon. Auf der Autobahn versucht er alles zu verarbeiten, doch es gelingt ihm nicht. An der nächsten Raststätte fährt er ab, um einen Kaffee zu trinken. Er parkt das Auto, geht zum Restaurant und öffnet die Tür.
Eine junge Frau tritt ihm entgegen. »Willkommen bei Tank und Rast. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt. Um ihre Zeit bei uns so angenehm wie möglich … « Dem Mann wird schwarz vor Augen und er fällt.

Monty V

»Aaaaa!«
Ich stehe sofort im Bett. Ein markerschütternder Schrei hat mich geweckt. Meine Mutter steht vor mir, die Hände inzwischen vor ihren Mund gepresst, die Augen aufgerissen und das blanke Entsetzen verbreitend. Langsam komme ich zu mir, setze mich und schaue sie an.
»Mama, was ist los?«
»Du fragst, was los ist? Hast du dich mal angeschaut?« Sie schnappt hörbar nach Luft. »Dein linkes Auge ist blitzblau und blutunterlaufen, deine Wangen und deine Stirn sind geschwollen und deine Nase kann es von der Größe her mit einem Gorilla aufnehmen! Und dann fragst du, was los ist? Wahrscheinlich haben sie dir bei der Gelegenheit auch noch das Hirn weich geklopft!«
Ich betaste vorsichtig mein Gesicht. Es fühlt sich größer an als sonst und es schmerzt. Dass es ganz schön doll schmerzt, würde ich natürlich nie zugeben. Deshalb sage ich in beruhigendem Tonfall zu meiner Mutter: »Das hat niemand. Und es geht mir gut, mach dir keine Sorgen. Es tut noch ein kleines bisschen weh, aber morgen sieht das alles schon ganz anders aus, glaube mir.«
Ich schwinge meine Beine aus dem Bett, finde meine Latschen und schleppe mich ins Bad. Nach dem Pinkeln schaue ich blinzelnd in den Spiegel. In Ordnung, ich sehe nicht gerade aus wie der Gewinner eines Boxkampfes. Und Werbung für den Sport bin ich auch nicht. Wenn ich mit der Visage aber aufrecht und mit einem Lächeln in die Schule gehe, stelle ich schon was dar. Meine Mutter steht inzwischen hinter mir.
»Wir sollten uns das mit dem Boxen noch einmal überlegen. Warum spielst du nicht weiter Schach? Das ist bei Weitem ungefährlicher.«
Ich bin überhaupt kein Morgenmuffel. Aber gerade verschlechtert sich meine Laune deutlich. Was mir niemand glauben wird, nicht einmal das Jugendgericht bei einer möglichen Entgleisung der Situation, ist, dass es nicht meine, sondern ihre Schuld ist.
»Mama,« herrsche ich sie an, »das mit dem Schach hat sich erledigt. Ein für alle Mal! Das ist mein letztes Wort!«
»Aber warum denn? Du warst doch gut!«
Ich war wirklich gut. Stadtmeister im Schach und im Blitzschach im selben Jahr, Landesmeister der Jugend und in meinem Alter spielte ich schon in der Männermannschaft in der Landesliga. Das ist alles andere als schlecht. Was meine Mutter aber nicht weiß: Ich habe ein ganz entscheidendes Spiel verloren. Ein popeliges Landesligaspiel an Brett drei. Doch mein Gegner war nicht irgendwer. Er war deutscher Meister. Im Blindenschach. Mann, Mutter! Ich habe im Schach gegen einen Blinden verloren! Das ist, als ob du im Boxen gegen jemanden ohne Arme verlierst. Wenn ich gegen einen Blinden nicht gewinnen kann, wie soll mir das gegen Sehende gelingen? Ich war nach dieser Niederlage am Boden zerstört. Klar hatte ich auch einen Riesenrespekt vor meinem Gegner, der sich das komplette Spiel und dessen Entwicklung, den Standort aller Figuren, die nächsten Spielzüge und die gesamte Taktik lediglich in seinem Kopf vorstellte. Man kann so schon etwas übersehen und was machte der? Spielte das Spiel auf einem Nebenbrett mit Blindenschrift auf den Feldern nach und machte mich platt. Das tat viel mehr weh, als die Schwellungen in meinem Gesicht. Und meine Eltern mit ihrer Monty-Python-Veranlagung durften von dieser Sache nie etwas erfahren. Ich kann mir ihre Bemerkungen dazu auch ohne ihre Kommentare aus einigen Folgen der Pythons zusammensuchen.
»Mama, ich war sicher nicht schlecht. Aber ich will auch was für meinen Körper tun. Und außerdem ist Boxen unglaublich cool!«
Sie schaut mich an, legt ihren Kopf zur Seite und wartet. Das kenne ich zur Genüge. Sie wird jetzt wieder anfangen, so eine Familiengeschichte draus zu machen. Sie macht eigentlich aus allem eine Familiengeschichte. Das ist mir auch immer noch lieber, als die Phasen, in denen sie mir Probleme einreden will, über sie ich mit ihr reden sollte. Allerdings habe ich gerade weder ein Problem, noch will ich mir ihr darüber reden. Das heißt, wenn ich eins hätte, will ich als Allerletztes darüber reden und wenn schon, dann nicht mit meiner Mutter. Allenfalls Norman müsste sich mein Leid anhören. Er hat ja auch das meiste Verständnis für mich. Wir kennen uns halt schon ewig.
»So etwas tust du mir also an! Glaubst du nicht, dass ich es verdient hätte, anders von dir behandelt zu werden? Monty, ich habe dich unter Schmerzen geboren! Ich habe deinem Vater fast die Hand zerquetscht und hätte es auch getan, wenn der nicht ohnmächtig geworden wäre! Das haben wir alles für dich getan! Und was machst du? Setzt deine Gesundheit, deinen Grips und dein Leben aufs Spiel, weil etwas cool ist!«
Mit einem bedeutungsschwangeren Blick lässt sie mich stehen und ich schaue wieder in den Spiegel. Ich lächle mich an. Sieht ausnehmend bescheuert aus, weil nicht ein Muskel reagiert wie üblich. Und nun soll ich also zum Frühstück mit meinen Eltern gehen. Toll! Aber wie hieß es so schön bei »Das Leben des Brian«: Lass uns zur Steinigung gehen! Obwohl bei mir der Dialog besser passt:
»Habe ich eigentlich eine große Nase, Mama?«
»Hör endlich auf, immer nur an Sex zu denken!«
Ich spritze mir etwas Wasser ins Gesicht, trockne mich ab und gehe aus dem Bad in die Küche. Dort sitzen meine Eltern. Das Tribunal meiner Steinigung. Vorwurf: Verfall der Sitten, Hirnverlust, Sohn wird zum schlagenden Asi.

15 Minuten

Da ist nur ein ganz schwaches Licht, das in sein Büro fällt. Es gibt dem Raum eine angenehme Weichheit und selbst den kantigen, grauen Möbeln verleiht es eine Spur Wärme. Martin sitzt an seinem Schreibtisch, auf dem Ordner und Papiere mit kleinen Klebezetteln liegen. In Greifweite vor ihm steht eine Coladose. Bis auf das Rascheln von Papier in seiner Hand ist nichts zu hören. Der Monitor flimmert und nur schwach ist daneben das Bild einer Frau zu sehen. Sie lächelt und er verliert sich für einen Augenblick in ihr. Aber er hat keine Zeit für Sentimentalitäten. Schnell wendet er sich wieder den Zahlen auf dem Bildschirm zu, die am nächsten Tag ein sinnvolles Ganzes ergeben müssen. Die Präsentation wird um zehn Uhr sein und er riskiert dieses Mal womöglich seinen Arbeitsplatz, wenn er es nicht rechtzeitig und absolut korrekt schafft. Für den Moment ergeben die unendlichen Zahlenreihen vor ihm aber noch keinen Sinn. Ganz egal, wie herum er sie auch liest. Martin sitzt bereits seit der Mittagspause an seinem Schreibtisch. Ohne Pause. Doch es gibt kein Entkommen. Er muss es in jedem Fall beenden.
»Sie schaffen das doch bis Donnerstag, nicht wahr?«, waren die Worte seines Chefs. Als hätte es eine Ausrede dagegen geben dürfen.
»Ach, wissen Sie, ich habe eine Freundin. Sie heißt Claudia. Und wenn ich nicht bald die Kurve kriege und mehr Zeit für sie habe, dann wird sie mich verlassen. Also sagen Sie doch bitte unserem Mandanten, dass es Wichtigeres für mich gibt als seine blöde Bilanz. Denn wenn Claudia mich verlässt, weiß ich eigentlich auch nicht mehr, warum ich hierher kommen soll.«
Das wäre eine schöne, vor allem passende und richtige Antwort gewesen. Stattdessen stimmte Martin eilfertig zu und hatte sich wieder einmal eine Arbeit an Land gezogen, die unendlich lang dauert, die er nie angemessen vergütet bekommt und für die er schlussendlich seine Beziehung aufs Spiel setzt. Martin schiebt sich die Brille mit beiden Händen auf die Stirn, reibt sich die Augen und blinzelt auf den Bildschirm. Unten rechts kann er die Zeit deutlich sehen. Zwanzig Uhr. Claudia sitzt zu Hause und wartet auf ihn. ›Vielleicht sollte ich sie anrufen und sagen, dass es später wird.‹
Doch diesen Gedanken schiebt er beiseite. Sie würde ihm nur eine Standpauke halten und dadurch würde er noch mehr Zeit verlieren. Natürlich hätte sie Recht mit allem, was sie sagen würde. Aber er konnte das unmöglich zugeben. Es ist nun Zeit für eine Pause. Eine kurze Auszeit zum Verschnaufen und Durchatmen. Eine weitere Cola vielleicht, mit einer doppelten, oder besser dreifachen Menge an Koffein. Dazu einen Happen zu essen, nichts Belastendes, etwas Leichtes, das beflügelt. Zu neuen geistigen Leistungen. Oder zur Bewältigung der Aufgabe. ›Vielleicht sollte ich eine Viertelstunde lang nichts tun.‹ So, wie er es neulich in diesem Ratgeber gelesen hatte. 15 Minuten pro Tag gar nichts machen. Nach innen wenden und sich überraschen lassen. Von der eigenen Müdigkeit, von den Entdeckungen, von sich selbst. Theoretisch ganz einfach und ein paar Tage lang hat er es auch geschafft. Doch es ging so schnell, dass er die Zeit nicht mehr fand und nun kehrt nur noch die Erinnerung an dieses Buch zurück.
Er sieht sich um in seinem Büro. Ohne Brille ist es noch trister als mit. Die weißen Raufaserwände und das Grau der Möbel sehen im winterlichen Abendlicht besser aus als sonst, aber Wohlfühlatmosphäre entsteht deshalb nicht gleich. Und was helfen ihm seine vergrößerten Fotos vom letzten Urlaub in der Toskana? Was nutzt das tolle Meer an der Wand, wenn sich das Gefühl von damals nie wieder einstellen will? Vor allem, da er nie die Muße hat, einen Blick darauf zu werfen. In diesem Moment scheint ihm das alles furchtbar unwirklich. Dieses Bild und der Urlaub, der wahrscheinlich schon fünf Jahre vergangen ist. Auch der billig gerahmte Kunstdruck mit einem Kandinsky an der Türseite des Büros scheint ihm nur wie die letzte Bastion eines über das berufliche Denken hinausgehenden Geistes, der mehr kann, als bloß ein paar Bilanzen zu erstellen. Über alles erhaben dagegen scheint der riesige Terminplan in der widerlichen grün-grauen Gestaltung der Kanzlei, die ihn bezahlt. Mit deutlich fett markierten Strichen sind die Termine zur Abgabe von Abschlüssen diverser Mandanten gekennzeichnet. Verschiebungen unmöglich. Irgendwo dazwischen sollen zwei Wochen Urlaub Platz finden, doch auch in diesem Jahr wird es wieder nichts werden. Er blickt noch einmal hinüber zur Toskana. Genau. Ganze fünf Jahre ist es jetzt her, dass er mit Claudia dort war. Ihr letzter gemeinsamer Urlaub. Und überhaupt, Claudia. Er schaut wieder auf das Bild von ihr.
Er streicht über ihr Gesicht. »Ich habe keine Zeit mehr für dich. Meine Versprechungen, dass es bald besser wird, sind hohle Phrasen und ich glaube dir, dass du es dir nicht vorstellen kannst, mit mir eine Familie zu gründen«, sagt er vor sich hin. Vor ihrem Bild ist das einfach. Er denkt tagsüber so oft an sie. Bloß am Abend, wenn er völlig fertig neben ihr einschläft, merkt sie davon nichts. Dabei denkt Martin nicht nur an die Anfangszeit ihrer Beziehung, die immer leicht ist. Auch an die Jahre, die folgten. An all das, was ihn sicher auch nervt, das er aber mit der gleichen Intensität lieben kann. Es ist so schön, diesen Ort zu haben, zu dem er jederzeit heimkehren kann. Und es wäre sicher noch viel schöner, wenn dieser Ort einer wäre, an dem Claudia nicht nur den Martin bekommt, den die Arbeit für sie übrig lässt. Vielleicht wäre es auch gut, diese 15 Minuten ihr zu widmen. Lausige 15 Minuten. Doch selbst das schafft er nicht. Noch dazu müsste er es auch bewusst tun. Nicht als diese Kopie seiner selbst, die abends gespenstisch in die Wohnung schleicht, um langsam auf dem Sofa einzuschlafen.
Martin drückt beide Hände gegen die Schläfen. ›Wie soll ich das nur anstellen? Wie kann ich den Erwartungen hier genügen und dabei als Partner nicht versagen?‹
Er schaut auf den Bildschirm, der weder auf diese Fragen, noch auf die eigentliche Aufgabenstellung eine Antwort gibt. Weisheiten, wie es theoretisch alles besser laufen könnte, hat er so viele in seinem Kopf. Aber so richtig kommen sie in seiner Realität nicht an. Wenn er sich in Claudias Position begibt, wirkt es sogar noch befremdlicher, als es so schon ist. Es ist mit Sicherheit schlimm genug, dass sie beide die Tablette des Alltags jeden Tag brav schlucken, um beschwerdefrei ein Leben zu ertragen, dass sie beide nicht mögen. Aber, wenn es darum geht, dass die Kanzlei etwas veranstaltet, dann ist Martin natürlich mit dabei. Nach der Arbeit noch einen Absacker? Gar kein Problem. Irgendwann nach Hause kommen, ganz gleich wann? Scheinbar auch egal. Mit den eigentlich nervenden Kollegen einen Bowlingabend durchziehen? Jederzeit, auch wenn der Abend immer total langweilig ist und die einzig ansprechbare Kollegin ihn immer wieder abweist. Wenn er dann zu einer von ihm frei gewählten Zeit nach Hause kommt, gibt es immer wieder lang andauernde Diskussionen, die ihn nur nerven und bei denen er glücklicherweise meistens einschläft. Wenn er sich mit den Augen Claudias sieht, ist es unglaublich. Langsam lichtet sich der diffuse Schleier seiner männlich verkrüppelten Wahrnehmung und legt so den Blick auf seine eigene Unfähigkeit, seine Wort- und Machtlosigkeit offen. Und wie er sich so sieht, ist er einfach nur erbärmlich. Etwas zieht seinen Hals zusammen und sein Bauch verkrampft dabei auch. Etwas Saures bahnt sich von dort seinen Weg nach oben. Ja, natürlich. Er ist schuldig! Und im Grunde ist Claudia nicht mehr als seine Normalität. Er sieht sie nicht mehr mit den Augen des Verliebten. Sie ist da. Sie ist selbstverständlich.
›Und ich bin genau so ein Idiot geworden, wie all die anderen, die hier arbeiten.‹ Seine Gedanken tragen ihn zu den verlebten Gesichtern seiner Kollegen, zu den Geschiedenen, Fremdgängern und Alkoholikern. Zu den Ausgebrannten und den Zynikern.
Er schaut hinaus aus dem Fenster. ›Ich kann nicht so weiter machen. Ich gehe hier drin kaputt. Eines Tages sehe ich genauso aus wie die Anderen und denke auch so einen Schrott.‹ Seine Gedanken lassen ihn frösteln. Warum nicht einfach aufstehen und gehen? Jetzt? Wenn er die Arbeit nicht schafft, was wäre dann? Die Welt würde sich weiter drehen und am nächsten Tag würde die Sonne wieder aufgehen. Es müsste eine kluge Entschuldigung für den Mandanten gefunden werden. Oder aber, er würde sich vor ihn stellen und ihm sagen, dass er es einfach nicht geschafft hat. Weil es zig andere Termine für ihn gab und weil er es vielleicht am Abend zuvor hätte schaffen können, es aber vorgezogen hat, etwas für seine Beziehung zu tun. Weil er endlich einmal er selbst war und auf sein Gefühl vertraut hat.
Genau! Martin erfasst plötzlich ein fast vergessenes Gefühl. Der Hals ist wieder frei und es hat alles etwas Erhabenes. Er wird einfach Feierabend machen und zu Claudia gehen. Einen schönen Abend mit ihr haben und am nächsten Morgen als jemand Anderes zur Arbeit kommen. Als jemand, der sich wieder ein bisschen mehr ansehen kann. Als jemand, der weiß, dass er noch nicht ganz verloren ist.
Martin steht beschwingt auf und geht im Zimmer auf und ab. Einfach gehen, ist doch nicht so schlimm. Computer ausschalten, Licht ausmachen, mit dem Fahrstuhl nach unten fahren. Das ist alles. Er geht auf den Flur und schaut sich um. In drei Zimmern brennt noch Licht, das Klicken von Tastaturen ist zu hören und irgendwo wirft ein Drucker Berge von Papier aus.
Und er will sich einfach so davon stehlen? Die Anderen haben sicher auch Partnerinnen, vielleicht sogar Kinder. Martin steht unsicher vor seinem Zimmer. Ein aufbauendes Gespräch mit einem Kollegen wäre vielleicht auch eine Möglichkeit. Doch er verwirft diese Idee sofort wieder. Für Martin steht auf jeden Fall fest, dass seine Kollegen und Vorgesetzten nichts von seinem Seelenleben mitbekommen. In Diskussionen am Mittagstisch werden alle privaten Probleme gemieden und die Arbeit steht gemeinhin im Vordergrund. Also bemüht er sich, ab und zu etwas zum jeweiligen Thema beizutragen und ansonsten sieht er zu, dass seine Arbeitsergebnisse dem Durchschnitt entsprechen. Das ist in seiner Lage schon ein voller Erfolg.
Er geht wieder zurück in sein Zimmer und schließt die Tür. Doch wieder arbeiten und im Grunde kneifen vor dem, was eigentlich richtig ist? Also irgendwie durchkommen, bis das Leben wieder anfängt. Doch wann dies sein wird, weiß er nicht. Martin denkt noch einmal an seine Kollegen zurück. Alle kommen sie zu ihrer Arbeit. Mit ihren glatten Visagen und gebeugten Leben. Ihren Unleben, ihrer Verzweiflung, ihren Ängsten und unerfüllten Träumen. Niemand gibt sich zu erkennen. Keiner springt auf und brüllt seinen Schmerz hinaus. Den Schmerz seiner Seele und den seiner Augen, wenn er die Erbärmlichkeit der anderen sieht. Natürlich ist Martin klar, dass nur so eine Gesellschaft funktionieren kann. Indem alle in den stillschweigenden Pakt einstimmen, jeden Tag aufs Neue die große Maschinerie am Laufen zu halten. ›Wo kämen wir denn hin, wie würden wir leben, wenn sich jeder erst finden muss? Wenn jeder erst die eigenen Gefühle ordnet, sich seinen Ängsten stellt? Wenn sich jeder erst als Mensch erkennt?‹
Es brodelt wieder in ihm. Er schaut auf den Monitor, auf die Ordner auf seinem Schreibtisch und die immer noch unerledigte Arbeit. Ihm wird warm und er atmet tief durch. ›Ist das das, was ich immer wollte? Will ich dafür leben? Um Bilanzen zu erstellen? Um meinen Arbeitgeber immer reicher zu machen? Es ist also meine Bestimmung, meinen Chef Jahr für Jahr fetter zu machen, dessen Hausraten abzusichern, dazu die Gehälter für Haushaltshilfe und Kindermädchen und nicht zu vergessen den einen oder anderen Urlaub, den ich wiederum nicht nehmen kann.‹
Martin schaut noch einmal nach draußen in die von den Straßenlaternen und Ampeln erleuchtete Stadt. In den sein Abbild reflektierenden Fenstern sieht er die Vision seines Lebens als flammendes Inferno seiner einstmals gehegten Träume und Wünsche. Er wird also nach einem arbeitsreichen Leben abtreten. Möglicherweise wird er, wenn es weiter so geht, immer fetter werden und systemerhaltend freundlich kurz vor seiner Pensionierung an einem Infarkt sterben. Allein sterben. Ohne Claudia, denn die hat sich inzwischen einen Mann genommen, der alles rechtzeitig verstanden und vor allem auch gehandelt hat. Die Firma wird hastig einen Nachruf verfassen und die Erde über ihm ist nicht einmal richtig fest, da wird ein Neuer an seinem Platz sitzen und zusehen, dass er rechtzeitig bei seiner Frau zu Hause ist, damit er keinen Ärger bekommt. Vielleicht ist es aber auch ein Glückspilz, der den Spagat einfach schafft, der dem Leben die Stirn bietet und Willens genug ist, immer er selbst zu sein.
Dieses Zittern macht ihn einfach nur fertig. Jede Pore ist in Aufruhr und diese Unruhe wird ein Weiterarbeiten unmöglich machen. Wenn er aber darüber nachdenkt, ist es eigentlich ganz einfach. Es geht um Wahrhaftigkeit und Verbindlichkeit und darum, dass sein Leben zu jedem Moment keine Probe ist, sondern immer schon die entscheidende, einmalige Aufführung. Kein zurück auf Los und keine Rückspultaste. Er kann keine 15 Minuten Pause machen von einem Leben, das eigentlich keins ist. Er kann sich nicht eine Viertelstunde täglich erholen, um den Rest des Tages zu leiden. Es wird Zeit, den Spieß herum zu drehen. Eine Viertelstunde Leiden wäre genug.
Während er voller Zweifel in seinem Zimmer steht und aus dem Fenster schaut, scheint es ihm, als würde sein Kopf gleich platzen. All die Gedanken, das ewige Für und Wider. Es ist zu viel. Er atmet ein paar Mal tief ein und aus, versucht sich zu beruhigen und bekommt mehr und mehr das Gefühl, als würde sein Kopf langsam herunter fahren. So wie es der Computer am Ende eines jeden Arbeitstages tut. In seinem Kopf entfernen sich die Bilder von Claudia, seine Arbeit und alle Probleme immer weiter, bis nur noch wohltuende Leere vorzufinden ist. Sein Betriebssystem schaltet ab. Ein Moment zum Sterben schön. Am nächsten Morgen werden sie ihn dort finden. Der Monitor wird noch flackern und die Arbeit ist nicht beendet. Man wird ihn wegtragen und zu seiner Beerdigung kommen nur noch Claudia und seine Eltern, weil er sonst keine Freunde mehr hat. Für die hätte es eben mehr Zeit bedurft als einen Anruf pro Jahr und eine Karte zum Geburtstag. In seiner mehr als kurzen Grabrede wird erwähnt werden, dass er sehr fleißig war und die Arbeit sein ein und alles.
Langsam kriecht von irgendwoher wieder ein Impuls in seinen Kopf, sein Hirn regt sich. Jetzt einfach wieder hochfahren, Betriebstemperatur erreichen und weiter. Doch mit der Wiederherstellung seiner geistigen Kapazität stellt sich ein hämmernder Schmerz ein. Als will sich dort etwas Luft verschaffen. Eine Kraft, die freigelassen werden muss. Es ist dieses Gefühl aus seinem Bauch, das immer bis ganz nach oben in den Schädel drängt, das er aber versucht, mit aller Kraft herunter zu schlucken. Irgendwie muss es nun auf anderem Wege emporgestiegen sein, denn schließlich landet es wie jedes Mal mit kleinen Hammerschlägen hinter seiner Stirn. Er weiß doch alles. Dass diese Arbeit unmöglich die Erfüllung seiner Träume sein kann. Dass es schwer ist, ganz von vorn anzufangen, wenn ein paar Annehmlichkeiten sein Leben standardisiert haben. Wenn die Pause für die Sinnsuche mit Entbehrungen verbunden ist und am Ende nicht klar ist, wohin der Weg führt. Diese leblose Arbeit ohne Gefühl kann unmöglich all das kompensieren, das in ihm schlummert, aber nicht herauskommt. Als würde er seine gesamte Gefühlswelt wie Wirtschafts- und Steuerrecht normieren und in einem Gesetzbuch verankern. Einschließlich diverser Anwendungsvorschriften, wann welche Gefühlslage zugelassen ist und wann nicht. Er schließt die Augen, atmet tief durch, öffnet sie wieder und schaut sich um. Seine Umgebung ist nicht schöner geworden. Er muss raus aus diesem scheußlichen Büro. Wenigstens für ein paar Minuten. Eben diese Viertelstunde vielleicht. Einfach nur weg. Am besten gar nicht wieder kommen. Soll der Mandant doch am nächsten Morgen sehen, woher er seine Zahlen bekommt. Martin ist es egal. Er steht auf, schnappt sich seinen Mantel und verlässt das Büro. Der Rechner läuft noch und erhellt das Zimmer.
Trotz des dicken Mantels umschließt ihn die eisige Kälte fest und kleine Eiskristalle stechen in jede Pore seiner Haut. Der Schnee knirscht unter seinen Füßen und er muss an einen Spaziergang mit Claudia vor ein paar Jahren denken. Es war genauso kalt, aber sie haben so viel miteinander gelacht, dass ihnen die Kälte nichts ausmachte. Er denkt noch einmal an all die Vorwürfe, die sie ihm macht. Dass er zu wenig Zeit für sie hat, dass die Arbeit über allem, vor allem über ihr steht und dass er sie nicht achtet. Dabei ist sie alles für ihn. ›Claudia, ich habe endlich verstanden‹, denkt er, lächelt und geht über die Straße.
Das Auto fährt zu schnell. Der Fahrer bremst viel zu spät und erwischt den Passanten im Mantel, der so versonnen lächelt, voll. Martin wird über das Fahrzeug geschleudert, fliegt durch die Luft und prallt gegen einen Laternenmast. Der heftige Aufprall führt zu sofortigen inneren Blutungen. Die Mediziner werden später sagen, dass bei einem Mann mit 90 Kilogramm Körpergewicht schon 4 Liter Blutverlust ausreichen, um den klinischen Tod herbeizuführen. Dass schon beim Verlust des ersten Liters der Blutdruck absinkt. Dass sich der Pulsschlag beschleunigt, um das verringerte Schlagvolumen auszugleichen. Später schafft es der faszinierende Regelungsmechanismus des Körpers nicht mehr, den Blutverlust auszugleichen. Sie werden sagen, dass das der Moment war, als Martin bewusstlos wurde und ins Koma fiel.
Als erstes versagt dann die Funktion seiner Hirnrinde. Die Atmung wird noch aufrechterhalten, weil Stammhirn und Rückenmark ein wenig länger durchhalten. Doch etwas später hört das Herz auf zu schlagen. Die Agonie beginnt und langsam erlischt das Leben. Alles in allem keine 15 Minuten.