Gute Vorsätze

Ich laufe durch diese Bar und die Blicke der Frauen treffen mich wie etwas, das mich streichelt und zu sich zieht. Es fühlt sich gut an, wie sich das Training der letzten Wochen auswirkt. Ich muss den Bauch kein bisschen einziehen, sondern laufe einfach so durch die Gegend. Ja, regelmäßiges Training, weniger Stress, mehr Schlaf, so einfach ist das. Ich komme zurück zu meinem Barhocker und setze mich. Die Hose spannt nirgends und ich kann auf einen wundervollen Tag zurückblicken. Alle Arbeit ist getan, noch dazu mit Freude, und morgen werde ich wieder aufstehen und wissen, dass alles möglich ist. Der Gemüsecocktail vor mir schmeckt zwar wie eine alte Biosandalette, aber er wirkt, als würde ich ein Serum für Männlichkeit und Wohlbefinden in mich aufnehmen. Durch das Menschengetümmel hindurch kann ich sie sehen. Sie hört sich das Gelaber von irgend so einem Typen an,  wirkt dabei furchtbar gelangweilt, ist aber trotzdem so höflich, alles über sich ergehen zu lassen. Als er endlich weg ist, gehe ich zu ihr.
»Hallo« sage ich, ohne meine Stimme zu verstellen, »das mag jetzt überraschend sein, aber ich sehe keine Möglichkeit, es dir schonend beizubringen. Also, ganz direkt. Ich stehe hier vor dir, weil ich dich interessant finde und dich kennenlernen will. Ich bin den weiten Weg von meinem Platz dort drüben zu dir gekommen, um dich anzubaggern.«
Sie lacht mich an: »Und wann geht es los?«
»Jetzt gleich.«
Wir unterhalten uns lange und sie lacht über das was ich sage und lustig meine. Ihr Lachen verzaubert mich und ich hänge an ihren Lippen. Sie interessiert sich für mich und mein Leben. So, wie ich etwas über sie wissen will. Längst habe ich ihren Körper als eine Landkarte voller Versprechungen vermessen, wohl wissend, dass es Höhen und Täler an ihr gibt, die himmlische Vergnügungen garantieren.
Natürlich bringe ich sie nach Hause bis vor ihre Tür. Aber ich zerstöre diesen wundervollen Abend nicht mit so etwas Banalem wie einem One-Night-Stand. Ich küsse sie zum Abschied in dem Wissen, dass wir uns wiedersehen werden, schon bald. Auch meine enttäuschte Erektion sieht das an diesem Abend noch ein.
Am nächsten Tag stehe ich kurz nach Arbeitsbeginn im Büro meines Chefs. Er gießt uns beiden viel zu trockenen Sekt ein, aber zu Ehren meiner Beförderung einschließlich Gehaltserhöhung lasse ich auch das über mich ergehen. Nach meinem Tagwerk sitze ich in einem Café und lese ganz in Ruhe die FAZ. Doch meine Konzentration ist getrübt, denn immer wieder sehe ich sie vor mir. Ich träume ein wenig von ihr und male mir aus, wie unser Rendezvous am Abend aussehen wird. Auf dem Weg nach Hause kaufe ich ihr einen Strauß roter Rosen. Sie wird mich lieben dafür, bin ich mir sicher.
Ich rufe Tom an, um zu hören wie es ihm geht. »Klar«, sage ich, »es ist immer schwierig, Zeit für die wichtigen Dinge im Leben zu haben, aber unmöglich ist es nicht.« Wir reden noch über seinen bevorstehenden Umzug und den Ärger, den er mit seinen Kollegen hat. Ich baue ihn auf, und als ich auflege, glaube zumindest ich daran, dass es ihm besser geht.
Danach ziehe ich mich um und gehe ins Fitnessstudio. Knappe zwei Stunden nehme ich mir Zeit, um meine Kondition und Kraft weiter zu verbessern, auch wenn das im Moment kaum noch möglich ist. Ich dusche und salbe mich, als würde ich einen Preis für Reinlichkeit erwarten. Dabei sind Teile meiner Gedanken reichlich schmutzig, als ich wieder zu Hause sitze und die letzten Lektionen meiner Fernstudieneinheit durcharbeite.
Ich hole sie ab, aber wir kommen nicht in das Restaurant. Wir fallen übereinander her wie zwei Unwetterwolken, die sich ausregnen müssen.  Wir landen am Ende in ihrem Bett, wo ich mir ausgiebig Zeit nehme, all ihre Schönheit zu erfassen, sie mit allen Sinnen zu erfahren.
Im Moment der höchsten Ekstase greife ich nach ihr und will sie nie wieder loslassen. Aber sie ist nicht mehr da. Meine Hände landen auf meinem Bauch, aber die möglicherweise in tieferen Schichten lauernden Sixpacks lassen sich nicht ertasten. Irgendwie klatschen meine Hände bloß auf eine riesige Masse Fett. Langsam entfernen sich die wundervollen Bilder aus meinem Kopf. Ich wache auf und schleiche ins Bad. Ich stelle mich vor den Spiegel und öffne vorsichtig meine Augen. Eine behaarte Murmel mit einem Kopf sieht mich verstört an. Und ich denke nur: Na toll, wieder nur geträumt. Morgen wird wieder ein Scheißtag im Büro sein. Es gibt wieder eine Woche, in der ich nur arbeiten werde. Keine Beförderung, kein Sport und natürlich auch keine Zeit für Tom. Es wird alles so sein, wie es schon immer war. Die FAZ wandert ungelesen in den Müll, die Studienunterlagen hinterher und von dieser Frau bleiben nur meine Träume. Höchste Zeit also, dass ich meine guten Vorsätze endlich in die Tat umsetze.

 

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