Partner-TÜV

Es ist wahrscheinlich das schönste Licht der Straße, das in meinen Laden fällt. Ganz gleich, ob die Sonne scheint oder nicht. Immer kann ich mit einem Lächeln die Tür aufschließen, die Rollos hochziehen und mich an meinen Schreibtisch setzen. Dann schalte ich die Musikanlage ein und Jazz erfüllt den kleinen Raum mit Leben. Schon seit neun Uhr habe ich heute geöffnet und noch hat niemand einen Fuß in mein Geschäft gesetzt. Gegenüber, in den Gemüseladen sind schon zig Leute spaziert und auch zum Bäcker und Fleischer weiter die Straße runter. Bei mir schauen sie neugierig herein, studieren meine Werbung und gehen dann weiter.

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Mein Schild »Partner-TÜV« hat bislang eher abschreckende Wirkung, denn anziehende. Letzte Woche kam ein junger Mann zu mir und fragte nach dem Weg zum Marktplatz. Ich erklärte ihm alles und konnte ihm noch einen Flyer in die Hand drücken. Ich weiß nicht, ob er ihn in die nächste Mülltonne geworfen hat oder nicht, aber nicht ohne Stolz besah ich den um ein Faltblatt dezimierten Haufen vor mir. Der erste Schritt war getan und schon bald würden mir die Kunden die Tür einrennen. Vorgestern war endlich der zweite Kunde meines noch jungen Unternehmens bei mir. Obwohl er zu Beginn natürlich noch nicht wusste, dass er mein Kunde sein würde. Er kam zunächst in der irrigen Hoffnung, mir einen neuen Telefonanschluss verkaufen zu können, doch nach einer Weile sprachen wir über die Beziehung zu seiner Freundin. Leider wurde es ihm mulmig und er packte flink seine Sachen zusammen und ging mit der Begründung, er habe noch eine Menge zu tun. Schließlich werde er nach Abschlüssen bezahlt und nicht nach verbrachter Zeit pro Kunden. Es wurde zwar kein Auftrag, aber immerhin habe ich das zweite Werbefaltblatt an den Mann gebracht.
Zu Beginn meiner Überlegungen war ich unschlüssig, ob ich den Schritt in die Selbständigkeit wagen sollte. Schließlich habe ich ein paar Bekannte, die in dieser Daseinsform des Broterwerbs nicht unbedingt einen glücklichen Eindruck machen. Zudem arbeiten sie überdurchschnittlich viel und riskieren dabei die eigene Gesundheit und Familie. Aber ich dachte mir, dass meine Idee genau das ist, worauf die Menschen warten. Nun ist es gemeinhin so, dass die klügsten Ideen immer auf die dümmste Umgebung treffen, doch in meiner Vorstellung musste es einfach klappen. Zudem sagte mir die Dame vom Arbeitsamt, dass ich für neun Monate eine Förderung bekäme. Das war mehrfach bedeutsam. Zum einen sind neun Monate eben genau die Zeit, die auch ein Menschenleben im Mutterleib braucht, um zu reifen und als kleines Wesen zur Welt zu kommen. Und zum anderen gab mir das Geld vom Amt die nötige Sicherheit, um mein Projekt innerhalb dieser Frist zum Erfolg zu führen.
Es ist mir also klar, dass nicht alles gleich zu Beginn klappt. Insgesamt habe ich noch reichlich Zeit und Gelegenheit, mein Unternehmen am Markt zu etablieren. Und wenn es nach der Zeit der Förderung nicht geklappt hat, dann packe ich eben zusammen, bewerbe mich mit meinen alten Qualifikationen und sage allen, ich hätte Zeit für Ruhe und Selbstfindung gebraucht. Das kommt nicht mehr so weich rüber wo früher, wo man noch bis zum finalen Umfallen seinen Mann stehen musste.
Es hat auch etwas Gutes, dass nicht so viele Kunden in mein Geschäft kommen und mir alle entstehenden Unkosten von Vater Staat bezahlt werden. Denn so kann ich jeden Morgen in Ruhe einen Kaffee trinken, in diversen Zeitungen und Zeitschriften lesen, ja sogar in Büchern stöbern, wenn mir so ist. Das Geld dafür habe ich zur freien Verfügung. Insofern ist der fehlende Kundenzuspruch auch eine kleine ausgleichende Gerechtigkeit. Schließlich werde ich die gesamte Zeit von Steuergeldern finanziert, warum sollten die Steuerzahler dann noch einmal zu mir kommen, um mir eine Art Zusatzprämie zu zahlen, wo es jeder von ihnen bereits tut? Das eigentlich Kostbare am ganztägig leeren Geschäft ist die Zeit, die mir zur Verfügung steht, um mich auf das Gegenteil vorzubereiten.
Natürlich habe ich auch einen Gedanken daran verschwendet, wo mein Unternehmen gegründet werden soll. Ich bin auf Laufkundschaft angewiesen, auf jenen lichten Moment, in dem der Passant gleich einem Pilger vor meinem Schaufenster steht und sein Leben Revue passieren lässt. Dann muss ich ihn greifen und sodann ihn und seinen Partner wieder auf den Pfad der Tugend zurückführen. Und was eignet sich dafür besser, als die Geraer Fußgängerzone, die zwar im Wesentlichen ausgestorben ist, aber vor allem »SORGE« heißt? Wenn es hier nicht ein sorgenvolles Leben gibt, wo dann? Außerdem schienen mir die Eingeborenen mit ihren missmutigen Gesichtern und dem offen zur Schau getragenen Pessimismus, dem dauerhaften Maulen und Nörgeln genau die rechte Zielgruppe, um meine lebensbejahende Geschäftsidee zu gebären.
Die Organisation in meinem Unternehmen steht inzwischen komplett. Das eigene Zeitmanagement auch. Die Briefbögen sind da, die übrigen Werbemittel, es gibt eine Homepage, ja und nicht zuletzt sind schon zwei meiner Flyer verteilt. Die restlichen viertausendneunhundertachtundneunzig werde ich gewiss auch noch los.
Die Dame vom Arbeitsamt sah sehr kritisch drein und ihre Stirn, die sich wirklich bedenklich über ihren geschulten Augen zusammenzog, glühte stark, als sie mein Unternehmenskonzept überprüfte.
»Ich weiß ja nicht, Herr Paul. Glauben Sie, dass das etwas wird?« Sie führte eine Tasse Tee zum Mund und nahm einen kaum vernehmbaren Schluck.
»Warum denn nicht?«, fragte ich erstaunt.
»Weil so ein Partner-TÜV nicht gerade das ist, was die Leute freiwillig nutzen. Die meisten Beziehungen gehen in die Hose, dann wird sich getrennt und man geht maximal zum Anwalt und schließt eine Scheidungsfolgevereinbarung. Wenn die Paare nicht verheiratet sind, trennen sie sich einfach so und müssen sich nur noch um den Verbleib von Kindern, Möbeln und Haustieren kümmern.«
Gerade will ich mit erklärenden Worten einsetzen, da ereifert sich die für Existenzgründungen aus der Arbeitslosigkeit zuständige Dame für die Buchstaben M bis P erneut.
»Wer geht denn freiwillig irgendwohin, um prüfen zu lassen, ob er noch der richtige Partner ist oder was er tun könnte, um es wieder zu werden? Und wer kommt schon auf die Idee, sein Leben zu hinterfragen? Die Leute sind doch alle in ihren Mühlen und zum Teil sind sie auch sehr froh darüber. Das gibt ihnen Sicherheit und das ist schlussendlich entscheidend.«
Wieder ein Schluck Tee hinterher, als wäre dieser ein fernöstliches Elixier, das ihr all diese Weisheiten einflößt. Vielleicht wäre es sinnvoller gewesen, wenn ich vorher meinen Namen geändert hätte. Klein oder Renz, Sauerbier oder Kaufhold. Irgendetwas, das nicht zwischen M und P liegt. Dann hätte ich möglicherweise vor einer Dame gesessen, die etwas anderes trinkt und meiner Idee gegenüber aufgeschlossener wäre. Frau Embispe aber meint, sie habe den Schlüssel des Universums in ihrer Schreibtischschublade gleich neben dem Radiergummi und ihrer Handcreme liegen.
»Sind Sie eigentlich glücklich?«, frage ich mit für solche Fälle geübter Stimme.
Sie ist einen sehr langen Moment erstaunt, erholt sich aber, womöglich um gedanklich wieder schnell in das erwähnte Laufrad einzusteigen, aus dem ich sie gerade mit Macht gezogen habe.
»Wissen Sie, Herr Paul, ich glaube nicht, dass mein persönliches Glück heute Gegenstand unseres Gesprächs ist.«
»Dann sind Sie also nicht?«, frage ich so logisch wie schelmisch.
»Was ist denn das für eine Logik? Weil ich nicht mit Ihnen darüber reden will, heißt es noch lange nicht, dass ich es nicht bin.«
»Sie könnten es aber, wenn Sie es wären. Und dass Sie eben nicht darüber reden, legt den Verdacht nahe, dass Sie es nicht sind. Und verstärkt wird es dadurch, dass Sie sich jetzt immer noch vehement dagegen wehren.« Ich komme in Fahrt.
»Und gerade weil wir diese Unterhaltung führen, erbringen Sie selbst den Beweis, dass mein Unternehmen Erfolg haben wird. Sie sind unglücklich, und wenn Sie den Panzer Ihres Beamtendaseins nur durchbrechen und sich als verletzliche und unglückliche Frau zu erkennen geben könnten, dann wären Sie schon meine erste Kundin.«
Meine Kehle wurde trocken. »Ach, darf ich etwas von Ihrem Tee haben oder ein Glas Wasser?«
»Sie werden langsam unverschämt! Es geht mir gut und damit beenden wir die Unterhaltung. Ein Glas Wasser brauchen Sie nicht mehr; Sie können gehen. Ich genehmige Ihren Antrag. Sehen Sie bitte bloß zu, dass Sie verschwinden.«
Ein wahres Mekka von unglücklichen Menschen, so ein Amt. Während ich durch die Gänge zum Fahrstuhl gehe, sehe ich in ein paar geöffnete Zimmer hinein und ernte wieder und wieder dieselben Blicke. Soll ich sie Laufradblicke nennen? Oder besser glücksferne Augenblicke? Auf jeden Fall gleichen sie einander sehr, und wenn ich schon meine Drucksachen gehabt hätte, hätte ich diese ordentlich verteilen können.
Ich habe in jenem Amt niemanden zum Glück verholfen. Frau Embispe schon mal gar nicht. Vielleicht aber einen, nämlich mich. Zumindest für die nächsten neun Monate.
Ich lese gerade in einer Zeitschrift, in der wieder einmal die üblichen Probleme der Geschlechter gewälzt werden. Das Für und Wider, manchmal eine geistreiche Zeile, oft aber nur das nervende Gerede mit der einen oder anderen Anekdote oder einem Witz, über den niemand mehr lachen kann. Hach, der Markt für mein Geschäft ist da. Ich spüre es genau. Zum Dank für die Bilder, die sich in meinem Kopf wohlig ausbreiten, ernte ich einen besonders wärmenden Sonnenstrahl, der eine Weile auf meiner Stirn bleibt. Meine innere Einkehr wird jäh unterbrochen, als eine Frau in der Tür steht.
»Guten Tag«, sagt sie vorsichtig.
»Hallo, kommen Sie doch rein«, sage ich, während ich merke, wie sich das Gefühl in mir breitmacht, das ich hatte, als ich in der Schule unvorbereitet an die Tafel musste. Leere in meinem Kopf, Schweiß in meinen Handflächen und mein Puls schlägt so stark, dass ich ihn hören kann.
»Haben Sie einen Moment für mich Zeit?«, fragt sie auch noch.
Inzwischen steht sie vor mir und nur mein Schreibtisch trennt uns. Sie ist in meinem Alter, hat ihre langen, braunen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, ihre Haut ist gerötet, die Augen wirken gehetzt. Immer wieder blinzelt sie, sodass ich erst spät sehen kann, dass sie braune Augen hat. Ihre Jacke hat sie über die Rückenlehne des Besucherstuhls geworfen, als will sie mir damit zeigen, dass sie vorhat, länger zu bleiben.
»Ja, natürlich. Gern habe ich Zeit für Sie. Sebastian Paul«, sage ich und reiche ihr meine Hand.
»Ach ja, hallo. Ich bin Martina Rother.«
»Also, Frau Rother, was wollen Sie denn mit mir besprechen?«
»Es geht um meinen Mann!«, sagt sie nun sehr bestimmt, fast resolut.
»Aha«, sage ich, ohne zu wissen, warum. »Setzen Sie sich doch bitte«, sage ich und zeige mit meiner Hand auf den Stuhl, über dem ihre Jacke hängt. Sie folgt meiner Bitte und sagt: »Wir müssen etwas mit ihm anders machen, sonst verlasse ich ihn.«
Wie klassisch! Ich freue mich darüber, wie sie gleich auf den Punkt kommt, muss aber noch etwas klarstellen.
»Wir können ihn aber nicht in seiner Abwesenheit ändern. Wenn Sie etwas an ihm stört, können wir sicher über ihren Umgang mit diesen Dingen reden oder ich kann Ihnen Kommunikationsmittel an die Hand geben, wie Sie rein kommunikativ mehr erreichen als bisher. Aber ihn ändern, das geht leider nicht.«
Sie schaut mich fragend an und ihre Stirn ist dabei eine einzige Falte.
»Aber Sie haben doch Partner-TÜV an der Tür stehen!«
»Natürlich. Das sind Sie schließlich auch. Ein Partner.«
»Ach, so meinen Sie das.«
»Wie denn sonst?«
»Ich dachte, es ginge um meinen Partner und nicht um mich.«
»Um Ihren Partner geht es natürlich. Aber wir brauchen ihn nicht dafür. Wir können bei Ihnen Dinge verändern, um Ihre Sicht auf ihn zu ändern. Glücklich können Sie danach in jedem Fall werden. Ich kann nur nicht garantieren, ob mit oder ohne ihn.«
Sie schaut mich fragend an. Ihr Gesicht ist inzwischen versteinert und die Haut stark gerötet. Es wird Zeit zu beginnen.
»Was fühlen Sie, wenn Sie an Ihren Partner denken?«, frage ich vorsichtig.
Gleich platzt ihr Kopf. Sie brüllt mich an. Von null auf hundert, ach was, auf tausend.
»Ich bin wütend!«
»Soso. Wütend sind Sie also. Und worauf genau sind Sie wütend?« Ich freue mich, dass ich so eine Art Therapeuten-Tremolo getroffen habe. Doch es wirkt nicht.
»Auf ihn natürlich. Er hört nicht zu! Er sieht mich nicht mehr! Ich bin selbstverständlich für ihn! Er liebt mich nicht mehr!«
Ihr Stakkato ist beendet, der Kopf ist noch immer rot. Sie schaut mich eine Nuance milder an, das Rehlein hinter den braunen Augen könnte es also geben. »Aber sagen Sie mal, sind wir hier schon in einer Beratung? Kostet das jetzt bereits Geld?«
»Nein, noch sind wir im Vorgespräch. Wollen Sie mich denn beauftragen?«
»Ich weiß nicht so recht. Es macht mich unsicher, zum TÜV zu gehen, ohne den dabei zu haben, um den es geht. Ich gehe ja auch nicht zum normalen TÜV ohne mein Auto.«
Sie sieht mich abwartend an. Das Reh wird zur Löwin. Leise wachend, wissend und jederzeit zum Sprung bereit. Diese Arbeit als Partner-TÜV birgt echte Gefahren. Frau Rother ist gefährlich, aber sie ist vor allem wunderschön und ich habe für einen Moment Mühe, meine Neutralität als Kontrolleur zu wahren. Aber, um ihr Bild des Autos aufzugreifen, findet so ein Monteur das Auto des Kunden nicht auch dann und wann schön?
»Ich muss vielleicht mit einem Missverständnis aufräumen«, beginne ich so neutral wie nur möglich, »ob Sie den richtigen Partner haben oder nicht, hat viel weniger mit ihm zu tun, als Sie vielleicht denken. Im Grunde ist es doch Ihre Entscheidung. Sie haben es jederzeit in der Hand, sich zu überprüfen, ob es der ideale Partner für Sie ist oder nicht. Wenn er das umgekehrt auch meint, ist das natürlich toll, aber in erster Linie interessiert uns doch, ob Sie etwas für ihn empfinden und wenn ja, was genau. Wenn wir das zufriedenstellend geklärt haben, können wir uns gern auch ihm zuwenden.«
Ich schaue sie an und kann ihre Verwirrung nicht nur fühlen. Sie schwirrt sichtbar wie ein Nebel um uns herum.
»Aber meist ist das dann nicht mehr notwendig«, doziere ich mit dem Erfahrungsschatz eines Erleuchteten, der ich natürlich gar nicht bin. Doch sie ist so sehr mit sich beschäftigt, dass sie meine Unsicherheit nicht bemerkt.
»Er ist ein Arsch«, sagt sie kurz und knapp.
»Lieben Sie diesen Arsch?«, frage ich vorsichtig.
»Darum geht es doch gar nicht!«
»So, worum geht es denn dann?«
»Darum, dass er mich als Selbstverständlichkeit behandelt, nicht mehr aufmerksam ist, vor sich hin schweigt und überhaupt die Luft bei ihm raus ist!«
»Nur bei ihm?«
»Wie, nur bei ihm?«
»Sehen Sie, Frau Rother«, ich merke, dass ich etwas in der Stimme zittere, »es ist so, dass Sie mir weder gesagt haben, ob Sie ihn lieben, noch, ob Sie ihn auch selbstverständlich finden.«
Sie schaut mich an, nun ist das Raubtier offenkundig präsent und hat im Hintergrund Bambi gefressen. Einfach so, kurz und knapp.
»Sie verstehen mich einfach nicht, Herr …« Sie sucht auf meinem Tisch herum. Mit ihren Augen, dann mit den Händen. Sie findet meine Visitenkarte, hätte aber auch fragen können. »Herr Paul!«
Dann greift sie zu ihrer Jacke, steht auf, wirft sich die Tasche über die Schulter und geht zur Tür. »So wird das nichts, Herr Paul! Es geht hier um meinen Mann, nicht um mich!« Wumms! Die Tür ist in jedem Fall geschlossen und über mangelndes Engagement wird sich der an ihr nicht mehr interessierte Mann womöglich nicht beschweren können. Vielleicht zieht er sich aber gerade deshalb von ihr zurück. Ich werde es wohl nicht erfahren.
War das nun meine erste richtige Kundin oder nicht? Aus Sicht der Finanzbehörde ganz sicher nicht, denn es gab keine Einnahme. Aus Sicht des Marketings? Wohl kaum. Lag es an mir oder an ihr? Hätte ich strategisch handeln und auf ihre Forderung eingehen sollen, ihren Mann in Abwesenheit zu kurieren, auf dass er es mit dem Hausdrachen in Zukunft wieder aufnähme? Ein schales Geschäft. Womöglich haben Unternehmer mit Werten aber auch gar keine Chance. Wer weiß. Ich greife zur Zeitung und lese weiter. Das wird ein schweres Leben, so als Unternehmer.
Wumms! Die Tür wird aufgerissen und Frau Rother steht mit hochrotem Kopf in ihr. Sie zeigt mit ihrer rechten Hand auf mich und brüllt:
»Und von so einer beschissenen Geschäftsidee habe ich noch nie gehört! Es liegt an ihm, merken Sie sich das!«
Während sie die Tür wieder geräuschvoll schließt, dass meine Bilder an den Wänden wackeln, nehme ich mir die Zeitung her und denke an den armen Kerl.

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Nachruf für ein wunderbares Leben

In der Kapelle verteilt sitzen Menschen, die allesamt die vierzig überschritten haben. Ich schaue in rotgeränderte Augen, sehe Tränen und Taschentücher und vor allem entdecke ich Gesichter wieder, die ich von früher kenne. Doch sie haben sich mit der Zeit verändert. Das Haar ist lichter und grauer geworden, die Körper sind fülliger, überschüssige Haut hängt am Kinn, Falten durchziehen die Gesichter, manchen machen sie markant, die meisten aber grimmig. Männer haben Brüste bekommen und ihre Doppelkinne liegen auf den Schlipsknoten. Auf der sichtbaren Haut haben sich Altersflecken breit gemacht. Es ist normal, wenn man nach Jahren Menschen wiedersieht. Dann sind sie gealtert. Doch wie ist es mit denen, die man jeden Tag sieht? Wann genau passiert das? Auch ich habe graue Haare bekommen, zwischen meinen Augenbrauen vertieft sich eine Furche, die meistens zum Nachdenken taugt, sich manchmal aber auch aus Ärger vertieft. Heute schaue ich in den Spiegel, sehe meine grauen Haare und die Falten. Ich bin älter geworden. Doch wann genau ist das passiert? Eines Tages wachst du auf, schaust in den Spiegel und bist alt. Die Menschen, die dich jeden Tag sehen, machen genau dasselbe. Der eine schneller, der andere langsamer. Doch wir alle bewegen uns unaufhaltsam in Richtung Tod.
Und genau das ist der Grund, warum ich in einem schwarzen Anzug, mit weißem Hemd und schwarzer Krawatte in dieser Kapelle stehe. Neun Tage zuvor ist mein Trainer gestorben. Der Mann, der mir das Boxen beibrachte, der mich die ersten zwei Jahre im Sparring nach Strich und Faden vermöbelt hat. Damals war ich fünfzehn und er achtundvierzig. Nun sehe ich ihn wieder vor mir. Ein Mann, der immer sportlich war und auf seine Gesundheit geachtet hat. Der nicht rauchte, nicht trank und bis an die sechzig heran mittrainiert hat. Nun schaue ich auf sein Porträt, das vor seinem Sarg steht. Einundsiebzig Jahre alt ist er geworden. Gern würde ich ihn anlächeln, aber es geht nicht. Ich weine und sage zu mir selbst, dass er mir fehlt. Dass ich gern mehr Zeit mit ihm verbracht hätte. Und dass ich ihm gern einmal so etwas wie einen Titel geschenkt hätte. Wir standen kurz davor, aber bei den Deutschen Studentenmeisterschaften habe ich im Finale verloren. Bei den Gedanken an diese Zeit muss ich doch schmunzeln. Auf der Fahrt nach Berlin haben wir abgewogen, wie groß meine Chancen sind, nachdem ich drei Wochen nicht trainieren konnte. Und wir haben so gelacht, weil ich ihm beichten musste, dass meine Hodenentzündung nicht vom Vögeln kam, sondern einfach so, vielleicht sogar wegen eines Mangels am Vögeln. Und jetzt kann ich es sehen. Ganz eindeutig. Sein Porträt auf dem Bild von ihm am Sarg lächelt wirklich zurück. Wir waren uns immer nah und sind es noch. Wer war er für mich? Mein Trainer und väterlicher Freund. Die Nähe eines Einzelsportlers zum Trainer ist eine andere als bei einer Mannschaft. Es ist ein ganz besonderer Moment, wenn du das erste Mal deinem Trainer im Sparring überlegen bist. Wenn du ihm weh tun könntest, es aber nicht tust. Weil all das, was du nun kannst, nur deshalb da ist, weil er es dir gelehrt hat. Und natürlich hat er die Größe, nicht neidisch auf dich zu schauen und seiner verlorenen Jugend hinterher zu trauern. Nein, er weiß, dass das, was du kannst, vor allem sein Verdienst ist. Und das macht ihn stolz. Das war ein großer Moment. Für uns beide. Wir haben viel Zeit in der Turnhalle verbracht, bei der gemeinsamen Arbeit am Sandsack und bei der Pratzenarbeit. Bei meinen Kämpfen stand er in meiner Ecke und vor den Kämpfen war er noch aufgeregter als ich. Und wie er sich freuen konnte! Bei einem Dinnerboxen habe ich im letzten Kampf des Abends durch K.O. gewonnen. Schwergewicht und einer geht zu Boden. Das wollen die Leute sehen. Keinen Clinch, kein ewiges Tänzeln. Die Ursprünglichkeit der Auseinandersetzung, der echte Kampf Mann gegen Mann, das zieht die Leute zum Boxen. An diesem Abend war er völlig ausgelassen und es war schön, ihn so zu sehen. Diese Freude, dieser Stolz. Und bei einer Niederlage war er für mich da. Weil die Schläge dann nicht nur im Gesicht weh getan haben. Dann hat er sein Herz aufgemacht und mir Einlass gewährt. Schon ging es mir besser. Der Trainer, der mich forderte, förderte, mit dem ich lachte und weinte. Der mir freundschaftlich zur Seite stand, der meine Frauengeschichten kannte, sich an meinen Spinnereien erfreuen konnte und meine Bücher las. Mein ältester Freund. Das war der Teil von ihm, der für mich reserviert war. Für andere war er Opa, Vater, Arbeitskollege, Mann, Geliebter, auch ein Freund oder Nachbar. Jeder nimmt sich einen Teil einer Person und leitet daraus ab, was er für ein Mensch ist. Dabei ist er doch am Ende nur vollständig durch die Summe seiner Teile. Ich denke darüber nach, ob die Menschen wirklich nur das sind, was wir von ihnen wahrnehmen. Sehr wahrscheinlich ist das nicht. Sie sind viel mehr. Und wenn ich es genau bedenke, lernen wir wohl nicht einmal selbst alle unsere eigenen Fassaden im Leben kennen. Der Teil von ihm, den ich kenne und liebe, wird bei mir bleiben.
Der Pfarrer spricht in einer Rede über sein Leben. Von der Kindheit über die Jugend und das Erwachsenenleben bis hin zum Alter, zur Krankheit, zum Tod.
Ich hatte nicht das Gefühl, dass er vor dem Tod Angst hatte. Als ich ihn zum letzten Mal im Krankenhaus gesehen habe, schmal geworden, ohne Haare und im Schlafanzug auf seinem Bett sitzend, war er trotzdem fröhlich und optimistisch. Über seine Krankheit redete er wie über einen guten Freund, nicht bedauernd und lamentierend. Sie ist da und gehört nun zu ihm, basta. Das hat mir gefallen. Diese Akzeptanz von Krankheit und letztlich auch vom Tod. Das scheint uns etwas verlorengegangen zu sein. In einer Welt, in der vielleicht alles, aber mindestens vieles machbar geworden ist. In einem Leben, in dem wir unsere Träume ausleben, uns ausprobieren können und unendlich viele Möglichkeiten haben, erscheint der Tod nicht mehr passend. Irgendwie nicht zeitgerecht. Wir haben doch alles so wunderbar im Griff! Planen unser Leben, wissen, was wir morgen tun oder übermorgen, dass nächstes Jahr der Urlaub dorthin geht und in dreiundzwanzig Jahren und fünf Monaten unser Haus abbezahlt ist. Gegen eine Krankheit gibt es mindestens eine Pille, wenn die nicht hilft, eine Spritze oder Operation.
Der Tod ist doch ein mieser Schurke. Hält sich an nichts. Klopft an unsere Tür zum Leben, kommt rein, ohne dass er hereingebeten wurde, und nimmt uns mit. Feierabend für die Träume, Zapfenstreich fürs Leben. So war das nicht ausgemacht. Nicht in einem Leben, das wir beherrschen! Wo kämen wir denn hin, wenn wir unser Leben nicht mehr im Griff hätten und uns eine andere Macht sagt, wo es langgeht?
Und doch kann das nur noch einer und das ist der Tod. Über den habe ich nun durch meinen Trainer etwas gelernt. Warum brauchen wir den Arzt, der uns sagt, dass es nur noch ein paar Monate sind, um zu begreifen, dass das hier das Leben ist? Vielleicht nicht das Einzige, womöglich kommen wir irgendwo irgendwie wieder. Aber es ist mindestens doch die Einzigartigkeit, die wir genau jetzt und hier haben. Verplanen wir sie nicht. Leben wir sie. Mit all dem, was es ausmacht. Mit dem Guten und dem Schlechten. Mit der Freude und der Trauer. Mit dem, was uns mit dem Himmel verbindet, was uns göttlich erscheinen lässt, aber auch mit den Dämonen in uns, die wir nicht loswerden, es aber auch gar nicht erst versuchen sollten. Leben wir alle Teile von uns, weil dieses Puzzle Mensch nur komplett wunderbar ist. In Gedanken verschwimmt das Porträt am Sarg zu einem Puzzle und ich lege es Teil für Teil wieder zusammen. Als ich fertig bin, lächelt er mich an. So, wie er es so oft getan hat. Niemand stirbt wirklich. Es ist genau das, was weiterlebt. Eine Erinnerung in mir, Bilder, die ich jederzeit abrufen kann. Bilder von einem Leben, das wie ein Samen in andere Leben getan wird. Auch wenn da keine Erde ist und kein Keimling im eigentlichen Sinne. Aber kernlose Trauben vermehren sich doch auch, irgendwie.

Lieber Wilfried, während ich das hier geschrieben habe, sind viele Tränen meine Wangen herunter gekullert, aber ab und zu konnte ich lächeln. Du bist da, ich vergesse dich nie.

Für Wilfried Korm, geboren am 28. Mai 1941, gestorben am 01. Mai 2013.

Freundschaftsdienst

Ich habe keine andere Wahl. Mein bester Freund ist Arzt und nur er kann mir helfen. Es ist zwar mitten in der Nacht, doch es muss sein. Ich greife zum Telefon und wähle seine Nummer.
»Ja bitte?«, sagt er leicht verschlafen.
»Hallo Detlev, ich bin es, Mark! Ich hatte gehofft, dass du noch wach bist. Schön, dass ich dich noch erreiche. Wie geht es dir?«
»Bis eben super. Ich habe nach einem wirklich heftigen ehelichen Geschlechtsverkehr geschlafen wie etwas, das nie wieder erwachen will.«
»Oh, dann störe ich wohl? Es war nur so, dass du so schnell am Hörer warst.«
»Natürlich!«, unterbricht er mich etwas zu barsch, »schließlich haben wir die Kinder bei Danas Mutter abgegeben und ich habe nun den Hörer neben mir liegen. Also ausschließlich für die wichtigen Anrufe eben. Kannst du mit dieser Wichtigkeit mithalten?«
»Ich denke schon. Du Detlev, ich glaube, ich bin krank. Jedenfalls irgendwie.«
Stille. Meines Erachtens eine viel zu lange Stille.
»Detlev?? Bis du noch da?«
»Mark, wir kennen uns nun schon lange und du weißt, dass ich einiges ertragen kann. Aber heute rufst du mich mitten in der Nacht nach einem wirklich fulminanten Ereignis zwischenmenschlicher Zuwendung an, um mir mitzuteilen, dass du dich irgendwie krank fühlst?!«
Seine Stimme hebt nun deutlich an.
»Wahrscheinlich kann ich dir bei diesen offenkundig nicht organisch bedingten Leiden nicht helfen. Du solltest mal einen Kollegen von mir besuchen. Der fasst dich nicht einmal an. Der redet bloß mit dir!«
»Detlev, es tut mir leid. Ich weiß aber, dass etwas mit mir nicht stimmt. Dauernd nehme ich zu, werde immer runder und auch meine Haut hat sich verändert. Ich sehe aus wie eine Tonne, Mensch, da kann doch etwas nicht stimmen!«
»Hör zu, ein altes Sprichwort sagt: ›Jedes Pfund kommt durch den Mund‹. Hast du in letzter Zeit mehr gegessen als üblich? Du kannst ehrlich mit mir sein, ich bin nicht deine Frau.«
»Du kannst mir glauben. Keine zusätzlichen Fressorgien, ganz im Gegenteil, ich lebe nahezu eine komplette Diät.«
Die Ernsthaftigkeit meiner Worte lässt ihn wohl nicht mehr so stark zweifeln.
»Hm, wenn das so ist, sollten wir einmal nachschauen. Willst du morgen in meine Praxis kommen, gleich früh?«
»Mir würde es besser gehen, wenn du gleich mal schauen könntest.«
»Sag mal, hast du sie noch alle? Gleich? Hast du vielleicht für einen Moment auf deine Uhr geschaut? Es ist jetzt kurz vor zwei und ich soll dich untersuchen?«
»Warum nicht? Ich habe noch immer eine private Zusatzversicherung. Auch um diese Zeit.«
Da Ärzte nicht selten am Hungertuch nagen, halte ich den monetären Aspekt meines Besuchs für durchaus erwähnenswert. Zumal auch Detlevs Raten für Haus, Auto und Praxis nicht ausschließlich von Kassenpatienten und Budgetierungen gezahlt werden.
»In Ordnung, komm vorbei. Aber beeile dich bitte.«
»Ich danke dir. Du musst nicht lange warten.«
Ich schreibe einen Zettel und lege ihn meiner Freundin ans Bett. Sie schläft als perfektes Löffelchen und atmet durch ihren halb geöffneten Mund. Sie ist wunderschön, wenn sie schläft. Wir werden ein wunderschönes Baby bekommen. Ein Baby, dessen Vater als Texter versagt hat, aber ein toller Paketfahrer ist. Ich sehe unser Kind schon aus purer Verzweiflung in die Tasten beim Musikunterricht hauen, den ich finanzieren kann, weil ich Pakete ausfahre.
Dann schnappe ich mir meine Sachen und schleiche ins Bad. Im Spiegel kann ich mich davon überzeugen, dass es immer schlimmer wird. Ich habe inzwischen echte Titten. Mindestens Größe hundertzehn B ist das. Verstärkt wird das Groteske meines Aussehens dadurch, dass ich nicht unbedingt vorzeigbare Titten bekomme, sondern sie sich ähnlich einem Butterberg in die Umgebung einpassen. Sie hängen also nicht stilvoll umher und trotzen der Erdanziehung, nein, sie verschmelzen mit meinem Bauch zu einer Erhebung, die mehr und mehr eine einzige Titte zu werden droht. Als ich über sie streiche, um dem Juckreiz zu begegnen, merke ich, wie stark mich das trotz meiner Angst erregt. Jede Pore meiner Haut ist empfänglich für meine Berührung, als wäre ich plötzlich zu einer überdimensionierten Eichel mutiert. Eine gänzlich andere Erregung durchfließt mich nun, kaum vergleichbar mit den mir hinlänglich bekannten Samenabgängen. Das ist viel intensiver und ich erschrecke wie damals als halbwüchsiger Teenager, der sich erst langsam an das Onanieren herantasten musste, bis er es eines heiligen Abends endlich durchzog und vor Erschrecken und Beglücken jauchzte.
Ich ziehe meine Hand zurück, wobei ich ein ganzes Büschel Haare von meiner Brust entferne. Nun kann ich die Rötung meiner Haut in ihrer ganzen Pracht bewundern. Es geht wahrlich bergab mit mir.
Kurz vor halb drei stehe ich vor Detlevs Haustür und klopfe leise. Er öffnet mir schnell und sieht mich erstaunt an.
»Sag mal, wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen? Ein Jahr oder zwei? Du siehst so Scheiße aus und wirst immer fetter! Vielleicht hast du einfach zu wenig Bewegung! Mach Sport, schlaf mehr und klink dich vom Stress aus!«
Ich sehe ihn mit einem Blick an, der zu sagenumwobenen Zeiten zu einer Versteinerung geführt hätte. Wenn ich diese Regung grundsätzlich hätte, würde sogar noch Eifersucht hinzu kommen. Detlev sieht selbst um diese Zeit blendend aus. Aus braunen Augen spricht die pure Menschenliebe und sein volles, schwarzes Haar wird wahrscheinlich nie ausgehen, geschweige denn ergrauen. Ob er sich seine strahlend weißen Zähne behandeln lässt, oder ob es überhaupt noch seine ureigenen sind, weiß ich nicht. Sein glatter, gesunder und leicht gebräunter Teint geben mir in diesem Moment den letzten Niederschlag eines in allen Belangen Unterlegenen. Dass er überdies athletisch und schlank ist, verdränge ich jetzt erst recht.
»Kann ich erst einmal reinkommen?«, frage ich leise.
»Oh, ja, natürlich, komm rein. Entschuldige bitte.«
Ich trete an ihm vorbei und er weist mir den Weg in sein Arbeitszimmer.
»Setz dich schon einmal hin. Ich hole nur meinen Behandlungskoffer aus dem Auto.«
Sein Arbeitszimmer ist ein beneidenswertes Symbol von Wissen und Sorgenfreiheit. Mannshohe Regale voller Bücher und ein Geruch irgendwo zwischen Lesesaal und Coffeeshop. Ich kann Detlev richtig vor mir sehen, wie er entspannt in dem Ohrensessel sitzt und in einem Buch liest, neben ihm ein wohl temperierter Darjeeling, und das einzige Geräusch im Raum ist das Ticken der alten Uhr. Ein Raum für Neider. Der von mir Beneidete betritt das Zimmer mit einem schweren Koffer.
»Also, entschuldige noch einmal. Aber du siehst in der Tat schlecht aus. Du hättest wirklich schon früher kommen sollen. Erzähl mal, wie es dazu kommen konnte!«
Also erzähle ich ihm von all den Veränderungen der letzten Wochen. Nachdem ich meinen Bericht abgeschlossen habe, sieht Detlev nicht unbedingt wie ein Arzt aus, der wisse, was des Rätsels Lösung sein kann. Wahrscheinlich wird er an dieser Stelle zu seinen normalen Patienten sagen: ›Soso. Ich verstehe.‹ Dann wird er ein total verständiges Gesicht aufsetzen und innerlich nach einer Lösung suchen, die es aber gar nicht geben kann. Schließlich versteht er ja gar nichts.
»Soso. Ich verstehe. Aber ich weiß leider nicht, was es sein könnte. Möglicherweise etwas Hormonelles. Wie steht es mit deiner Libido? Bist du mehr oder weniger geil als sonst?«
Soll ich ihm sagen, dass mir fast einer abgeht, wenn ich mich auf meiner neuen Brust streichle? Und dass sich das nicht anfühlt wie ein normal aufbrausender Orgasmus, sondern eher so, als würde dir irgendeine himmlische Feder dauerhaft durch deinen Samenleiter gezogen werden? Und dass dieser Samenleiter zudem wie ein Drainagesystem durch meinen gesamten Körper geht?
»Es ist alles wie sonst auch«, lüge ich gänzlich freundschaftlich.
»Hm. Das hilft natürlich nicht weiter. Wir werden aber trotzdem einen Hormontest machen, damit wir den Testosteron- und Östrogenwert haben. Mir scheint bei dir einiges durcheinander zu sein. Nicht zu vergessen ist die Möglichkeit des Metabolischen Syndroms.«
»Des Meta-Was?«, frage ich ihn.
»Das Metabolische Syndrom. Nicht ganz unumstritten, aber es hat in letzter Zeit an Akzeptanz unter den Fachleuten gewonnen. Die Symptome sind abdominelle Fettverteilung, Bluthochdruck, erhöhte Werte bei HDL-Cholesterin und Triglyceride und, nicht zu vergessen, der erhöhte Insulinspiegel.«
Ich schaue ihn ernst an. »Das hat jetzt nur bedingt zu meiner Erleuchtung beigetragen.«
»Hm. Die ersten Punkte sind klar. Du bist fett geworden und hast wahrscheinlich auch erhöhte Blutfettwerte. Das Cholesterin wird womöglich auch über dem erlaubten liegen, aber das bekommen wir alles raus. Das eigentliche Problem ist in der Praxis wirklich das Insulin.«
»Insulin? Ist das nicht das, womit die Diabetiker ihre Probleme haben?«
»Genau. Nur ist es bei dir so, dass durch falsche Ernährung, Stress und mangelnde Bewegung der Adrenalinspiegel und der Insulinspiegel einander beeinflussen und immer höher treiben. Das Problem ist dann nur die Verbrennung der zugeführten Energie. Das passiert nicht mehr im richtigen Maß und du wirst in der Folge fett. Und weil das ein wunderbarer Pingpong-Effekt ist, schaukelt sich das immer weiter auf.«
»Schön und gut. Aber was könnte ich dagegen tun? Also jetzt, oder ab morgen früh?«
»Lass uns erst einmal alle Werte bestimmen und dann schauen wir mal. Es gibt dafür bestimmte Ernährungsprogramme und ausreichend Schlaf, weniger Stress, Bewegung und Achtsamkeit bei der Ernährung helfen eigentlich immer. Und dann,« er gerät ein wenig ins Stocken, was mich nicht unbedingt beruhigt, »dann sollten wir vielleicht auch noch deine Prostata untersuchen.«
Als hätte mich ein Blitz in selbiges Organ getroffen, sehe ich ihn mit weit aufgerissenen Augen an:
»Was soll das denn bringen?? Soweit ich weiß, gibt es nur eine Möglichkeit, dieses Organ zu untersuchen und wir waren bis heute immer sehr gute Freunde, oder?«
»Natürlich«, hebt Detlev beschwichtigend seine Arme, »daran wird sich auch nichts ändern. In dem Moment bin ich einfach nur Arzt, glaube mir. Vertrau mir bitte. Dein Freund, der Proktologe! Wobei ich dir verraten kann, dass ein Proktologe mit der Prostata nichts am Hut hat. Der kümmert sich um medizinische Sahneschnitten wie Analfissuren, Hämorrhoiden oder Abszesse.«
Ich schaue ihn grimmig an: »Wolltest du mich eigentlich beruhigen oder die Sache noch weiter verschlimmern?«
»Aufklärungsarbeit war schon immer gefährlich. Ich wollte nur klarstellen, was ich tue und was nicht. Vertrau mir bitte. Und werde jetzt nicht zur Mimose, bloß weil du mal ein paar Kilo zugelegt hast.«
Schon fummelt er in seinem Koffer und fördert aus dessen furchteinflößendem Universum ein paar Gummihandschuhe ans Licht.
»Beug dich einfach mal über den Schreibtisch. Es tut wirklich nicht weh. Vielleicht magst du es mehr, als du jetzt noch glaubst. Die Prostata gilt nämlich als männlicher G-Punkt. Durch seine Stimulation kann ein Orgasmus her- beigeführt werden, der sich von einem phallisch verursachten Orgasmus deutlich unterscheiden soll. In unserem Kulturkreis hat es immer noch etwas rein Klinisches, wovor die meisten Männer furchtbaren Schiss haben. Aber in der traditionellen chinesischen Medizin, im Tantra und einigen anderen östlichen Lehren ist diese Art der Stimulation schon seit Jahrtausenden bekannt und nicht minder beliebt. Sie wird auch als Prostatamelken bezeichnet, aber dazu…«
»Danke, Detlev, danke«, falle ich ihm ins Wort, »das waren wirklich sehr aufmunternde Worte, aber melken musst du mich nicht. Schlimm genug, dass ich das hier zulasse, aber es würde mir zumindest für heute Morgen genügen, wenn du mir deinen Finger in den Hintern schiebst und völlig unabhängig von fernöstlichen Genüssen kontrollierst, ob da irgendetwas ist, geht das?«
»In Ordnung.«
Er hält mir seine behandschuhte Hand vor das Gesicht:
»Voilà!«
»Na, sehr schön!«
Ich ziehe mir die Hose herunter, den Slip auch noch und dann beuge ich mich auf seine Schreibtischplatte. Mein Kopf landet auf der FAZ vom Vortag und ganz unwillkürlich muss ich daran denken: ›Dahinter steckt immer ein kluger Kopf!‹
Der kluge Kopf hinter mir schickt sich inzwischen durch genau die Finger an, die vor kurzem womöglich noch in der Vagina seiner Frau steckten, mein Rektum zu weiten. Dazu riecht es nach einer widerlichen Creme.
»Damit es nicht so schmerzhaft wird, schmiere ich eine Salbe an deinen Hintern und die riecht nun wirklich gut. Die würdest du in der Praxis nicht von mir bekommen. Die nehmen wir im Normalfall für die zarten Hintern unserer Kinder. Nicht für solche behaarten Ärsche wie den deinen. Also, genieße den Augenblick.«
Ich kneife die Augen schon zusammen, obwohl noch kein Schmerz zu spüren ist, aber die ganze Prozedur ist auf ihre Art eigentlich entwürdigend genug, um die Augen für immer zu schließen.
»Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich bei mir zu Hause noch einen reinigenden Einlauf gemacht«, sage ich recht verbissen als echter, fürsorgender Freund.
»Mach dir keine Sorgen. Ich bin Kummer gewohnt. Das hier ist alles ganz normal. Und außerdem habe ich auch keine medizinische Erklärung dafür, dass an meinen Fingern bei dieser Untersuchung immer ein bisschen Scheiße klebt, wenn ich meine Frau aber einmal anal begatte, ein blitzblankes Rohr zum Vorschein kommt. Vielleicht sind Frauen doch reinlicher, was meinst du?«
Ich kann seine wissenschaftliche Frage nicht in aller Ausführlichkeit mit der notwendigen Logik kritisch hinterfragen, da der Schmerz, den seine Hand in meinem Anus verursacht, meine ganze Aufmerksamkeit auffrisst. Er wühlt noch etwas in mir herum, ohne dass ich ein echtes Hochgefühl erlebe, als plötzlich die Tür aufgeht und seine Frau Dana neben uns steht.
»Hallo Detlev, hallo Mark«, sie beugt sich zu meinem Gesicht herunter und gibt mir einen Kuss auf meine Wange, »ihr habt euch aber lange nicht gesehen, oder? Und du«, sie ist nun wieder bei Detlev, »kannst wohl nicht genug bekommen und musst dir diesen Lustknaben hier mieten?«

(Ausschnitt aus: »Brustapostel«, Roman, erscheint 2014)

Volksverdummung

Lieber Herr Schäuble,
für wie bescheuert halten Sie mich eigentlich? Knapp drei Monate vor der Wahl präsentieren Sie mir dieses lustige Bildchen:

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Herr Schäuble, machen wir es kurz. Diese Grafik taugt nicht mal als Abziehbild für den theoretischen Gesellschaftskundeunterricht einer ersten Klasse, weil es sich bei der ersten Berührung mit der Realität auflöst. Just heute, in präkoitaler Freude der baldigen Vereinigung von Wahlvolk und gewählter Regierung wenden Sie den (flutbedingt?) stark verwässerten Blick auf ein Balkendiagramm, das so nie Wirklichkeit werden wird. Ich weiß das und Sie wissen das. Ihr gesamtes Ministerium weiß das. Und sollten wir zusammen so überheblich sein zu glauben, die anderen kämen nicht dahinter?
Hier kommt die einfache Übersetzung des Bildchens: In den letzten Jahren haben wir richtig gut gewirtschaftet. Weil wir so gut waren, mussten wir jedes Jahr neue Kredite aufnehmen, weil wir es nicht geschafft haben, mit dem Geld auszukommen, das uns zur Verfügung stand. Aber schon bald, lieber Wähler, nämlich ab 2015 werden wir, vorausgesetzt, du wählst uns, lieber Wähler, richtig gut wirtschaften. So, wie es jede Hausfrau machen muss, jeder Unternehmer, sprich: jeder Depp, den wir bisher veralbert haben. Dann, ja dann, wird es anders, denn dann werden wir wirtschaften, wie es sich gehört! Herr Schäuble, ich befürchte, Sie und Ihr Ministerium müssen sich neu beraten lassen. Wir Deppen durchschauen das.

Brainstorming

Er schaut in fragende Augen und offene Münder. Eigentlich sollte das hier eine richtig moderne Sache werden. Brainstorming! Ein Sturm im Gehirn, der Altes wegweht und Neues erschafft! Nichts von alledem. Das leiseste Schweigen, das er je gehört hat, umgibt ihn. Aber Halt! Da fällt es ihm wieder ein: Im Vakuum gibt es doch gar keinen Wind! Nun schaut er schon milder auf die Brainstormer.

Männerabend

Ich habe kräftig zugenommen, aber letztens hatte ich eine deutliche Gewichtsreduktion zu verzeichnen. Knapp sechzig Kilo verlor ich an jenem Morgen, als meine Freundin Anna mich verließ. Wegen eines Gerippes von Kerl, auf dessen Rücken es schäumt, wenn er sich beim Duschen auf der Brust einseift. Meine Freunde Detlef und Björn laden mich deshalb aus Tröstungsgründen ein, mal wieder einen richtigen Männerabend zu machen. Das ist doch wenigstens etwas. Was Anna wohl zur selben Zeit macht? Träumt sie sich gerade mit ihrem Klappergestell von neuem Freund eine gemeinsame Zukunft? Haben sie Sex bis zur Besinnungslosigkeit? Zupft sie an seinem wahrscheinlich sehr dünnen Schwanz wie an der Saite einer Harfe? Oder hat es nicht geklappt, weil ihre Gefühle doch noch nicht für etwas so großes wie eine neue Beziehung ausreichen? Wenn dem so ist, geht sie dann mit ein paar Freundinnen einen saufen? Wohl kaum. Frauen verarbeiten eine Trennung wahrscheinlich anders. Andererseits kann es mir völlig egal sein. Wer hat hier schließlich wen verlassen? Und ist es nicht reichlich oberflächlich von ihr, mich wegen eines Gerippes mit dünnem Glied oder meines neuen Aussehens oder wegen was auch immer sitzen zu lassen? Von wegen, nur die inneren Werte zählen! Anna ist einfach nur oberflächlich, basta.
Gemeinsam mit Detlef mache ich mich auf dem Weg in einen richtigen Club für Männer, in dem wir uns mit Björn treffen. Eine schlanke Brünette tanzt auf einer Bühne und lässt erahnen, dass sie vor Jahren noch beweglich und eine Augenweide war. Nun haben wir es eher mit einer Trauerweide zu tun. Wir trinken Bier, schauen auf die Alte und schweigen uns ansonsten die meiste Zeit über an. In einem Nebensatz sage ich Björn, dass mich meine Freundin Anna wegen eines Hungerhakens verlassen hat.
»Irgendwie wurde es auch Zeit für dich!«, meint Björn nach seinem dritten Bier. »Wie lange seid ihr zusammen gewesen? Hundert Jahre? Außerdem ist sie doch eine alte Schlampe, wenn sie dich einfach so wegen eines Anderen verlässt. Oder weil du vielleicht ein bisschen zugelegt hast. Heul ihr bloß keine Träne nach, verstehst du?!«
»Natürlich nicht«, höre ich mich sagen, während ich der Turnerin zuschaue, wie sie ihre hübschen Möpse vornüber gebeugt schaukelt. Detlef beugt sich weit nach vorn und betrachtet sich die Brüste sehr genau. Dann schaut er zu uns herüber.
»Die sollte besser vorsichtig sein,« sagt er in seinem typischen Arztton, »sonst hat sie bald einen Bandscheibenvorfall! Das geht in ihrem Alter ganz schnell!«
»Glaubst du, dass sie über die Berufsgenossenschaft abgesichert ist?«, fragt ihn Björn.
»Hier werden doch nicht mal Sozialbeiträge gezahlt, da wäre die Berufsgenossenschaft die bloße Verschwendung.«
Sie tanzt weiter und nach ihr eine weitere und dann noch eine. Die Nachfolgerinnen sind jünger und schöner, aber weder sie noch meine Freunde schaffen es, mich wirklich abzulenken oder gar aufzumuntern. Nach einem Abend mit viel zu viel Alkohol und Phrasen zahlen wir und brechen auf. Wir schwanken zum Taxistand. Als wir endlich in einem sitzen, rülpst Detlef, als wolle er die Seitenscheiben per Druckwelle zerstören und Björn riecht aus jeder Pore nach Bier, Urin und Schlimmerem. Ich komme mir vor wie im Bauch eines großen Tieres. Es hat uns einfach gefressen und meine Freunde beginnen, langsam zu verwesen. Schon bald werden mich die Magensäfte zersetzen und dann ist sowieso alles vorbei. Aber vielleicht ist es auch gut so.
Unser mobiler Magenpförtner entlässt uns an der letzten Nachtbar und so landen wir wieder einmal vor einem Tresen. Gespräche unter betrunkenen Männern bilden im Universum der Worte einen eigenen, weitestgehend luft- und sinnleeren Raum. Womöglich erschließt sich alles aber auch nur ab einem gewissen Alkoholpegel. Björn und Detlef unterhalten sich zu meiner Aufmunterung über ein paar Verflossene und die Angrabversuche, die sie vergeblich unternommen haben, bis sie endlich ihre Herzdamen gefunden hatten. Mein letzter Flirt war der mit Anna und das gebe ich den beiden zu Protokoll. Noch einmal schwelge ich dabei in der Erinnerung an unseren ersten Abend und in meinem Magen dreht sich alles.
»Hat sie dich damals eigentlich gefragt, ob du noch einen Kaffee willst?«, fragt mich Björn fast lallend.
»Nein, ich glaube nicht.«
»Hm. Das klingt nicht gut. Womöglich ist es deshalb auch schief gegangen. Schlechtes Anfangskarma. Das zieht sich natürlich bis zum Ende durch. Kann ja sein.«
»Kann es natürlich nicht«, sage ich mit finsterer Mine.
»Natürlich nicht«, pflichtet mir Detlef schnell bei.
»Aber sollte dich mal wieder eine Dame auf einen Kaffee einladen, achte darauf, wie sie fragt«, wirft Björn ein.
»Wie jetzt?«
»Also, es ist ein Unterschied, ob sie sagt, kommst du mit auf einen Kaffee herein, oder kommst du mit auf einen Kaffee hoch.«
»Ja sicher«, ruft Detlef, »daran kannst du ablesen, ob sie Parterre oder in einem der oberen Geschosse wohnt.«
»Eben nicht! Da sehen wir wieder, dass ihr von Frauen nicht einen Dunst habt! Eine Frau ist die unbestrittene Königin der Kommunikation. Glaubt ihr, sie sagt Dinge ohne Grund, einfach so dahin, wie wir es tun? Natürlich nicht!«
»Jetzt lass dich nicht so bitten. Und wenn du mit deinem Evangelium geendet hast, kannst du uns ja noch erklären, warum in Gottes Namen du trotz deines prallen Wissens mit Simone zusammen bist.«
Björn zeigt einen akkurat ausgestreckten Mittelfinger.
»Also, ihr Ungläubigen, wenn sie sagt, ›Komm mit herein‹, dann ist sie grundsätzlich schon geöffnet für euch. Es geht um ein Hereinkommen, also steht bereits etwas für euch offen. Sei es nur die Haustür, der Kühlschrank, aber vielleicht ist es sogar ihre Körpermitte. Sagt sie aber, dass ihr mit hochkommen sollt, dann müsst ihr erst einen Aufstieg hinter euch bringen. Ihr müsst also eine Herausforderung bestehen. Sie will euch auf dem Weg zu ihr testen, ob ihr würdig seid.«
Stille.
»Was schaut ihr mich so verständnislos an? Mir ist schon klar, dass ihr euch über die Komplexität des weiblichen Denkens noch nie ausreichend Gedanken gemacht habt.«
Detlef und ich schauen uns an.
»Björn«, sage ich, »es ist kein Wunder, dass du keine wirkliche Frau, sondern ein Ausgrabungsobjekt an deiner Seite hast. Auf so einen scheinbar feministisch-semantischen Unsinn kommt nicht mal ein Homo.«
»Und eine Frau erst recht nicht, jedenfalls nicht meine«, pflichtet mir Detlef bei.
»Ihr bleibt ewig unerleuchtet, tut mir leid.«
Freudig stoßen wir noch einmal an. Ich komme keinen Deut bei der Verarbeitung meiner Trauer über die Trennung weiter. Aber irgendwie tut dieser sinnfreie Abend trotzdem gut. Ich könnte das nicht immer haben, doch für den Moment ist es in Ordnung.
Zu Hause angekommen, lasse ich den Abend noch einmal mit all seinen Bildern und ganz bewusst ohne Gerüche an mir vorbeiziehen. Ich war mit meinen Freunden unterwegs, nachdem Anna mich verlassen hat. Und was habe ich gemacht? Mich halb besoffen. Oder ganz. Unsinn geredet, die welken Titten einer Tänzerin angeschaut, die meine Mutter sein könnte. Blödsinn angestellt. Würde eine Frau so etwas machen? Ganz sicher nicht. Und dabei wäre es gänzlich ohne Belang, über welche Art Brüste sie verfügt. Ich sitze auf meinem Bett. Das bedrohliche Geräusch des nachgebenden Holzes habe ich wohl vernommen, verdränge es aber ganz bewusst für den Moment. Ich habe Wichtigeres zu tun, als mir über meine Fettsucht Gedanken zu machen. Anna ist nicht mehr da und es tut mehr weh als der Blick in den Spiegel. Ist sie am Ende doch nur zu Mister Knochen gegangen, weil ich immer fetter wurde? Weil ich nur noch an Essen dachte? Oder weil sie Angst hatte, dass ich noch fetter werde und sie beim Sex zerquetsche, auf dem Sofa übersehe und beim Hinsetzen ersticke oder, noch viel schlimmer, sogar anstecken könnte?
Während ich langsam auf dem Bett niedersinke, sehe ich Anna vor mir, wie sie Geschlechtsverkehr mit dem Knochen hat. Sie merkt vaginal fast gar nichts, dafür spürt sie jede seiner Rippen.

Entkellere dein Leben

Die Sonne strahlt über uns wie zum Hohn, es ist angenehm warm und vor allem trocken. In den Straßen stehen bereits Berge von Unrat, Schutt und aufgequollenen Möbeln. Nun müssen auch wir unsere Keller leer räumen. Weil die Stadt nicht ewig die Möglichkeit bieten wird, den ganzen Plunder auf einmal zu entsorgen. Also muss alles raus.

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Wir haben Glück, denn im Gegensatz zu einigen anderen sind bei uns nur die Keller vom Hochwasser betroffen. Kaum auszudenken, wie es ist, wenn die Wohnung unter Wasser steht und alles weggeworfen werden muss, was wirklich zum Leben notwendig ist. Auf der Treppe zum Keller riecht es modrig, nass und nach Schimmel. Aber halt, da ist noch etwas anderes, was sich derb stechend in die Nase bohrt. Als Erstes entfernen wir deshalb einen Haufen Scheiße, bei dem wir gar nicht erst klären wollen, ob er menschlichen oder tierischen Ursprungs ist. Die nächste Überraschung findet sich beim Öffnen der Kellertüren. Das Wasser hat alles auf den Kopf gestellt. Nichts ist mehr dort, wo es einmal war. Bücherkisten sind aufgequollen, Schränke liegen irgendwo im Raum, dazwischen verstreut liegen Kinderspielzeug, alte Elektrogeräte, ein Satz Winterreifen und Dinge, die wir sowieso nicht mehr brauchten. Diese hochwasserbedingte Zwangsräumung des Kellers hat neben all den negativen Aspekten durchaus positive Seiten. Aus dem »Wir müssten mal den Keller entrümpeln. Irgendwann.« wird ein »Wir müssen den Keller ausräumen. Jetzt.« Das hat doch etwas sehr befreiendes. Ein Raum voller historischer Möglichkeiten, was wir alles mit welchem Ding noch machen wollten und warum es unbedingt aufgehoben werden musste, reinigt sich von selbst und die geistige Liste der unerledigten Dinge verkürzt sich rapide. Aus dem »Simplify your Life« wird »Simplify your Cellar« und das Zweite führt automatisch zum Ersteren. Wenn sich das Hochwasser nur auf den Keller beschränkt, und nicht die Wohnung verwüstet und unbrauchbar macht, könnte man glatt ein Stockholmsyndrom zum Wasser bekommen. Aber wie erkläre ich das meinem Therapeuten? »Ich mag das Wasser. Es hat mich und meinen Keller befreit.«
Wir schleppen sechs Stunden lang den Hausrat von vier Mietparteien vor die Tür. Mein Teilnehmerheft für das Ferienlager taucht ebenso auf, wie die Handschuhe, in denen ich vor 25 Jahren Boxen gelernt habe oder das Werbematerial für mein erstes Buch. Kein Wunder, dass keine Sau das Buch kennt, wenn die Postkarten im Keller liegen.

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Fotos zeigen aufgequollene Erinnerungen an frühere Urlaube und meine Bücherkisten sind so schwer, dass es unmöglich ist, sie am Stück zu transportieren. Allerdings wird das sowieso nichts, weil es den Karton um die Bücher herum nur noch theoretisch gibt. Beim gefühlt hundertsten Weg nach draußen, wo auf den Bürgersteigen auf langer Flucht die Müllberge wachsen, sehe ich zwei Männer im Müll herumstochern. »Was ist mit dem Stuhl hier?«, fragt mich der eine, den ich ethnisch in rumänische Gefilde einordnen würde, obwohl er emsig Unrat in einen Touareg mit Jenaer Kennzeichen räumt. »Der kann weg«, sage ich. »Wir müssen aber noch über den Preis verhandeln.«
Ungläubig schielt er mich an. »Warum Preis? Ist doch Schrott!«
»Mag sein«, antworte ich, »aber dieser Holzstuhl ist von meiner Oma und er hat sehr wertvolle Schnitzereien an der Lehne. Vor Ihnen waren schon dreiundvierzig andere hier und wollten ihn haben. Das höchste Gebot steht bei dreißig Euro. Für fünfunddreißig können Sie ihn haben. Ohne Quittung natürlich.« Ich muss aufpassen, dass ich keinen Lachkrampf bekomme. Die Fragezeichen über seinem Kopf sind deutlich sichtbar. Fast schon traurig stellt er den Stuhl wieder hin.
»Das war ein Scherz! Nehmen Sie ihn bitte mit.« Nun kann er wieder lachen. Wir können ja nicht sechs Stunden in Müll und Schutt wühlen, ohne Spaß zu haben. Einfach undenkbar. Wir sind schließlich nicht auf den Müllhalden von Kalkutta. Ich gehe wieder in den Keller und trage die nächsten Kisten nach oben. Dort angekommen, treffe ich einen Bekannten, der zwei Straßen weiter einen Keller ausräumt.
»Sieh dir nur diese Scheiße an«, begrüßt er mich freundlich. »Neunzig Prozent mussten sowieso weg. So einfach bekommen wir nie wieder unsere Keller frei. Nur schade, dass es in fünf Wochen wieder eine Flut geben wird.«
Ich schaue an ihm vorbei auf die Müllberge und die Menschen, die wie Ameisen aus ihren Häusern kommen und die Berge mit ihren maritimen Gaben erhöhen. »Ich wusste gar nicht, dass du Meteorologe bist? Oder arbeitest du nebenher als Wahrsager?«
»Nein. Das habe ich in der Zeitung gelesen«, antwortet er ernst.
»Aber das ist doch nicht schlimm. Nun sind die Keller leer und können noch mal durchgespült werden und außerdem kann sich der Krisenstab der Stadt Gera ein wenig länger vorbereiten. Das kann nur gut sein.«
»Hm. Aber glaubst du wirklich, dass denen fünf Wochen reichen werden?«

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