Lebe deinen Traum

Die rosa Rose auf meinem Tisch ist verwelkt. Müde hängen die Blütenblätter nach unten, kräuseln die inzwischen braunen Ränder, als wollten sie sagen, dass sie das Leben satt haben.

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Am Tisch gegenüber sitzen zwei Männer. Wortfetzen dringen an meine Ohren. Spritverbrauch, Anlagemöglichkeiten, Renditen, Steuerersparnis. Von einem Herrn Uthof wird geredet. Er sei Chef der Firma sowieso und habe mit dem Panamera keine guten Erfahrungen gemacht. Der jüngere der beiden hat mit dem 5er gute Erfahrungen gemacht, gerade auf langen Reisen. Erstaunlicherweise blüht die Rose am Tisch der Herren grandios. Volle Pracht, das Rosa fast leuchtend. Eine Wirtschaftsrose, eine Blume der Oberflächlichkeit, die unter widrigsten Umständen gedeiht. Ist meine dann die Rose des Redens, die verkümmert, weil ich allein und schweigend am Tisch sitze? Einen Tisch weiter frühstücken zwei Frauen. Die Rose steht wie eine eins, kein Wunder. Die Mittvierzigerinnen in edlen Kostümen mit einem Zweitgesicht aus Cremes und Farben haben sich mit Perlen und Geschmeide geschmückt. Ihre Rose ist wohl eine Kolibrirose. Die beiden genießen ein verspätetes Frühstück. Die Brötchen verströmen von ihrem Tisch her einen wunderbaren Duft und sie knacken verführerisch, wenn die Frauen mit ihren überweißen Zähne hineinbeißen. Marmeladenreste lecken sie gekonnt und durchaus ästhetisch mit der Zunge von den Lippen, um sich sicherheitshalber trotzdem danach mit der Serviette abzutupfen.
Einer der Herren bewegt sich hastig zum Tresen und bestellt zwei Wasser. Eigentlich könnte er warten, bis der freundliche Kellner zum Tisch kommt. Der bedient aber gerade eine ältere Frau, die ganz hinten in der Ecke sitzt und in Zeitlupe aus der Speisekarte diktiert, was sie haben möchte. Doch so ein Wasser kann eben nicht warten. Und Zeit ist in diesem Falle wohl wirklich Geld. Zumindest tippt der am Tisch verbliebene Mann auf seinem iPhone herum. Er hält es direkt vor sein Gesicht und öffnet den Rechner. Ich kann mit auf das Display schauen, während er eine drei und acht Nullen eingibt. Das ganze nimmt er er mal fünf und schaut gefühlte zehn Minuten auf das Ergebnis. Wenn die Wirtschaftselite unseres Landes für das Lösen dieser Aufgabe einen Taschenrechner braucht und danach ganze Äonen benötigt, um das präsentierte Ergebnis zu deuten, sollte es uns dann noch wundern, in welcher Lage wir uns befinden? Sind so Finanzlöcher bei Banken entstanden? Begann auf diese Art die Eurokrise? Gibt es in Zypern überhaupt Taschenrechner?
Mit zwei Wassern bewaffnet kommt der Geschäftspartner zurück zum Tisch, stellt die Flaschen ab und bekommt das iPhone vors Gesicht gehalten. »Oh«, entfährt es ihm, »nicht schlecht!«
Schon beim Hinsetzen flatuliert sein Mundwerk munter vor sich hin. Ihm entfahren weitere Worthülsen, die Dinge wie Abschreibungspotential, Schuldenbremse, Sicherheiten und Fonds zum Inhalt haben. Ich schalte derweil auf Durchzug. Aus der Frauenecke fliegen mir »ein schlechtes Gefühl«, »Bauchschmerzen«, »starker Ausfluss« und »seit letzter Woche esse ich deshalb vegan« zu.
Inzwischen sind wie von Zauberhand eine weiße Schokolade und ein Stück Marzipan-Mohn-Torte auf meinem Tisch erschienen. Hinter den beiden Herren stehen weiße Buchstaben im Fenster. Sie verbinden sich auf wundersame Weise zu »Lebe deinen Traum«. Ich schließe die Augen und beginne zu träumen. Die Dame in der Ecke sitzt noch im Café und auch der freundliche Kellner eilt von Tisch zu Tisch. Überall sitzen Menschen, die einander anlächeln, die echt sind und Freude am Leben haben. Sie reden nicht über Geld, sie berühren einander, mit Worten und Gesten. Manche lesen ein Buch und sind in Gedanken verloren. Auf jedem Tisch steht eine blühende Rose. Ich beginne zu lächeln. Als ich die Augen wieder öffne, sind die Frauen und Männer weg. Nun genieße ich mein Stück Torte und die weiße Schokolade. Die alte Dame winkt aus der Ecke und wir prosten einander mit unseren Tassen zu. Aus meiner Tasche hole ich einen Füller und ein Moleskine. Die Sonne wirft endlich ein paar Strahlen durch die Fenster und ich beginne damit, meinen Traum zu leben.

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Mark

Nun ist es raus:
„Frauen lieben Namen, die auf einen starken und schweigsamen Mann hindeuten, der zwar in der Lage, nicht jedoch bereit ist, irgendwelche Fragen zu beantworten … ein Name wie Mark klingt nicht nur, sondern beschwört außerdem die Vision eines starken, schönen und guten Mannes herauf – eine Mischung aus Georges Carpentier und irgendeinem Geistlichen.“ (aus: Saki, Meistererzählungen, Mark)

Gera-Krimi

»Erst wenn der letzte deutsche Lehrer und der letzte deutsche Journalist einen Regionalkrimi geschrieben haben werden, werdet ihr merken, dass man’s auch übertreiben kann.« (Axel Hacke)

Leider genießt dieses Genre inzwischen einen eher zweifelhaften Ruf. Doch wenn man sich die Karte anschaut, wird man feststellen, dass der Osten Nachholbedarf hat. (Wieder einmal) ist auch Gera nicht vertreten. DESHALB: Die Stadt Gera braucht einen Regionalkrimi!
Was wir nun noch benötigen: Protagonisten, Nebendarsteller, Statisten. Ein solcher Krimi lebt vom lokalen Bezug, von Orten und Menschen, die man kennt. Der Plot ist nebensächlich. Irgendwer (Täter) muss irgendwen (Opfer) umbringen, wir brauchen einen kauzigen Ermittler in der SOKO Hahn, eine parallel laufende Liebesgeschichte, im besten Fall zwischen drei Menschen, die Geschlechterrollen sind fließend. Bewerbungen mit Klarnamen werden ab heute dankbar entgegen genommen.

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Quelle: http://www.zeit.de/2013/03/Deutschlandkarte-Regionalkrimis

Rollentausch

Er ist richtig ins Schwitzen gekommen. Doch wenn er sein Werk besieht, kann er stolz auf sich sein. Im gesamten Flur verstreut hat er Rosenblätter, die nun zwischen den entzündeten Teelichten rot und samtweich liegen. Die ätherischen Öle in den Schalen am Rand haben den Raum in einen holzig-orientalischen Duft getaucht. Er hat einmal gelesen, dass karriereorientierte Frauen klassische bis holzige Düfte mögen. Auf dem Bett im Schlafzimmer hat er das Laken glattgezogen. Und auf dem Bettaufbau und den Nachttischen hat er Staub gewischt. Maria mag es ordentlich und sauber. Natürlich ist die Bettwäsche frisch. Unter dem Bett, in Griffweite, stehen das Massageöl und das Gleitgel. Er will auf alles vorbereitet sein, aber auch nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Auf der Kommode im Flur, kurz vor der Schlafzimmertür, steht neben den Gläsern der Sekt im Kühler. All das wird Maria gefallen, da ist er sich sicher. Es wird für sie wieder ein langer Tag auf Arbeit sein. Sie arbeitet sowieso zu viel. Viel zu oft kommt sie viel zu geschafft zu ihm nach Hause. Doch dann ist es schön, wenn er für sie da ist. Dass sie sich an seine starken Schultern anlehnen und in seinen Armen einschlafen kann. Dafür ist er schließlich da. Sie weiß, dass er sie unendlich liebt und dass er mit Nachsicht auf ihre Überstunden schaut. Natürlich bleibt manchmal dieses Gefühl zurück, dass sie das nicht tun müsste. Und wie oft lobt ihr Chef sie eigentlich? Wann gab es die letzte Lohnerhöhung? Und die Arbeitsbedingungen sind auch nicht gerade die besten. Doch wenn Maria und er nach vorn kommen wollen, müssen sie das gemeinsam durchstehen. Er geht noch einmal den Weg durch die Wohnung bis zur Eingangstür und schreitet gedanklich die kommenden Ereignisse ab. Sie wird eintreten und ihn hören, wie er im Schlafzimmer Gitarre spielt, dann läuft sie den Flur entlang, schließt dabei die Augen, um sich besser auf den wunderbaren und betörenden Duft konzentrieren zu können, lässt ihren Mantel fallen, nimmt sich das bereitstehende Sektglas und gießt sich Sekt ein. Dann öffnet sie die Tür zum Schlafzimmer und erblickt schließlich ihn, wie er auf dem Bett sitzt und Gitarre spielt. Anschließend werden sie anstoßen und trotzdem sie leicht fertig von ihrem Arbeitstag ist, laben sie sich an den Früchten ihrer Körper. Dabei ist er sich sicher, dass sowohl Massageöl als auch Gleitgel neue, noch nicht erprobte Optionen der Vereinigung bieten werden. Da er im Moment das komplette Gegenstück zum olfaktorischen Tempel der Sinnlichkeit ist, beschließt er zu duschen. Unter der Dusche seift er sich gründlich ein und greift auch zu ihrer Intim-Waschlotion, damit er sie durch sich nicht reizt. Sie ist so empfindlich! Ihre sensible Ader gefällt ihm besonders, auch wenn sie nicht selten die starke Karrierefrau für ihn spielt. Aber vielleicht, so denkt er beim kühlenden Strahl der Brause, sind Frauen einfach so. Eigentlich brauchen sie einen starken Mann an ihrer Seite, ganz gleich, wie oft sie so tun, als wäre dem nicht so. Und wenn er es genau betrachtet, ist es ein doch Hohn, dass sie hinter den verschlossenen Türen des gemeinsamen Haushalts versuchen, ihren Mann zu domestizieren, um dabei aus dem wilden Tiger von einst ein zahmes Kätzchen zu machen, das sich die Krallen beim Putzen und Waschen abwetzt. Wenn er dann noch die Pärchen beobachtet, die miteinander einkaufen gehen und sich dabei so sehr streiten, dass er sich immer wieder fragt, ob sich ein gemeinsamer Einkauf überhaupt noch lohnt. Er ist so froh darüber, immer ohne Maria einkaufen zu können, weil sie ja nie Zeit hat. Das hat noch etwas von Jagd! Er geht allein hinaus in den Rewe-Wald oder zu den Lidl- und Aldi-Höhen, um etwas zu erlegen, was er dann seiner Braut präsentiert. Die kommt zwar nicht mehr vom Beerenpflücken nach Hause, um die Höhle hübsch zu machen, aber sie kann die Beute wenigstens schätzen. Die anderen Kerle aber laufen beim Einkauf neben der Bestimmerin her wie ein stummes Tier, das die eigenen Eier mit in den Korb legen muss. Das ist so bemitleidenswert und erbärmlich! Und es erstickt doch den Jagdtrieb völlig! Eigentlich sollten Supermärkte nur von Männern betreten werden, die sich an den Regalen erbitterte Kämpfe um die letzte Margarine liefern oder sich die Nase blutig schlagen, während dem Schwächsten die letzten Steaks aus dem Korb geklaut werden. Das würde Männlichkeit neu definieren und es gäbe den Männern wieder etwas Würde zurück, wenn sie den WC-Reiniger aus einer Schlacht und nicht aus dem vierten Regal in Gang fünf geholt haben. Während er sich dieser Gedanken an eine neue Definition von Männlichkeit hingibt, spült er sich noch einmal gründlich ab und widmet sich der Intimwäsche mit fast religiös-fanatischer Hingabe. Schließlich trocknet er sich ab und hängt das Handtuch an die Stelle, wo es Maria am besten gefällt. Auch vergisst er nicht, die Armaturen abzutrocknen, damit es keine Kalkflecken gibt. Maria mag das nicht. Vor allem nicht, wenn sie nach einem harten Arbeitstag nach Hause kommt und diese Rückstände im Bad sehen muss. In völler Nacktheit setzt er sich auf das Bett, stimmt die Gitarre und spielt ein paar Akkorde zur Einstimmung. Dann fängt er schon einmal mit dem Song an, mit dem er Maria überraschen will. I feel it in my fingers, I feel it in my toes … Love is all around. Besser als The Troggs hätte er es auch nicht sagen können. Er spielt sich ein und immer besser gleiten seine Finger über das Griffbrett. Die Stahlsaiten werden scheinbar geschmeidiger und seine Hände gleiten so zart aber bestimmt von einem Akkord zum anderen, wie sie es in nur wenigen Augenblicken über den wunderbaren Körper Marias tun werden. Fast schon selbstvergessen sitzt er mit seinem Instrument auf dem Bett, als sein Blick auf die Uhr fällt. Halb elf! Maria hat eigentlich schon um neun Feierabend, aber nicht selten kommt ihre Chefin noch einmal zu ihr, weil es eine unaufschiebbare Terminsache mit einem Kunden gibt. Und da die anderen auch nicht auf die Uhr schauen, drückt Maria wieder beide Augen zu und arbeitet eben noch etwas länger. Er ist ihr deshalb nicht böse. Und außerdem: Warum sollte er das sein? Haben sie sich nicht durch ihre Arbeit kennengelernt? Kennen- und liebengelernt? Unglaublich viele Paare lernen sich durch die Arbeit kennen und schließlich hat es zwischen ihm und Maria gleich gefunkt. Es gab sofort diese Anziehung zwischen ihnen und schon kurz nach dem ersten gemeinsamen Auftrag, der noch rein geschäftlich war, haben sie sich privat getroffen. Sicher hatten sie zunächst vor allem über die Arbeit miteinander zu tun, doch nach und nach wurde es immer intimer zwischen ihnen. Irgendwann trafen sie sich öfter außerhalb der Firma und wenig später zogen sie sogar zusammen. Und nun sitzt er nackt auf dem Bett und spielt Gitarre.
Kurz nach elf hört er den Schlüssel in der Eingangstür, er atmet noch einmal durch und versucht die Erregung, die ihn nun richtig packt, herunter zu schlucken. Er fängt an zu singen, während er die Töne auf der Gitarre sauber und genau trifft. Maria läuft den Flur entlang, lässt den Mantel fallen und kommt mit einem Glas Sekt in der Hand ins Schlafzimmer. Sie schaut auf ihn und stürzt den Sekt in einem Zug hinunter.
»Hallo Schatz«, sagt sie, lässt sich auf das Bett fallen und stöhnt. Dabei reibt sie sich den verspannten Nacken mit beiden Händen und schaut auf ihn. Er hat inzwischen die Gitarre beiseite gelegt und sich zu ihr begeben. Sanft schließt er sie in seine Arme, umfängt sie von hinten und küsst sie auf ihren Hals und in den Nacken.
»Wie war dein Tag, meine Liebste?«, fragt er sie flüsternd in ihr Ohr.
»Ich bin fix und fertig«, sagt sie und befreit sich aus seinen Armen. Dann geht sie auf ihre Bettseite, zieht sich aus und legt sich aufs Bett. Die Augen fallen ihr sofort zu.
»Liebling?«, fragt er besorgt, »du hattest einen harten Tag, oder?«
»Ja.«
Es klingt wie von ganz weit weg, gesagt von einer anderen Frau. Gleich wird sie einschlafen und wenn er jetzt nicht die Initiative ergreift, war alles umsonst. Die Rosen, die Teelichte, der Sekt, die neuen Laken. Ja sogar die Intimlotion. Deshalb legt er sich neben sie und beginnt damit, seine Hände über ihren Körper wandern zu lassen. Weil das Zeitfenster klein ist, ist er in seinen Bewegungen zielstrebig und versucht, die ihm bekannten Knöpfe zu drücken.
»Ich will heute nicht, Schatz«, hört er von irgendwo, ganz leise.
Ganz tief in seinem Bauch kann er spüren, wie sich die Gefühle ihren Weg bahnen. Wie sie einer Lawine gleich in sein Bewusstsein drücken und ihn schließlich übermannen. Wut, Enttäuschung und Angst nehmen von ihm Besitz, während sie immer weiter wegdöst.
»Maria!«, schreit er und schon schreckt sie hoch.
»Was?«
»Das geht so nicht! Jeden Abend kommst du fix und fertig nach Hause und für uns hast du gar keine Zeit mehr! Ich kann machen, was ich will, ich existiere gar nicht für dich.«
»Aber Schatz, ich bin einfach nur müde, das ist alles. Ich hatte einen harten Tag und habe gar keine Lust mehr. Kuschel dich einfach an mich und lass uns einschlafen.«
Die Tränen schießen ihm in die Augen, doch er hofft, dass sie das nicht sieht. »Weißt du noch, als wir uns kennengelernt haben? Da hattest du auch viel zu tun, aber wir haben es jeden Tag getrieben. In allen möglichen Stellungen und zu den unmöglichsten Zeiten!«
Maria schaut ihn an, durchbohrt ihn mit ihrem Blick. Sekunden vergehen. Sie fühlen sich an wie Minuten, wie Stunden. »Ich mag Sex nicht«, sagt sie endlich, ohne den Blick von ihm zu wenden. Er hört ihre Worte, doch er glaubt nicht an das, was sie ihm sagen will.
»Wie, du magst Sex nicht?«
»Ich schlafe nicht gern mit Männern, ganz einfach«, sagt Maria ruhig und ungerührt.
Das kann doch nicht wahr sein, denkt er. Wir haben es früher wie die Steinesel getrieben! Das hätte ich doch gemerkt! Natürlich mag sie Sex! Sie hat nur einfach zu viel um die Ohren. Sie arbeitet zu viel, ganz einfach!
»Du solltest mit deiner Arbeit aufhören. Die bekommt uns beiden gar nicht«, sagt er schließlich.
»Nein, die mache ich weiter. Nicht ich und der Sex sind das Problem. Du bist es.« Maria steht nun vor ihm, nackt und wunderschön. Doch statt sich lasziv auf ihn zu werfen und das Problem vergessen zu machen, fährt sie fort: »Du hast mir nie zugehört. Als wir uns kennengelernt haben, hatten wir immer Sex. Jeden Tag. Aber ich hatte keinen Spaß dabei.«
Ihm wird schlecht. »Und all deine Orgasmen?«
»Welche?«, fragt sie und dieses eine Fragewort trifft ihn mit einer stärkeren Wucht, als es ein Faustschlag hätte tun können. Es ist also doch nicht ihre Arbeit, es liegt an ihm.
»Es liegt also an mir? Hast du mehr Spaß mit anderen Männern? Und wenn ja, warum bist du dann zu mir gezogen? Warum?«
Marias Kopf wird rot und zornig wirft sie ihm entgegen: »Nicht der Sex mit dir ist schuld, sondern deine Einstellung ist es! Ich habe mit keinem Mann Spaß am Sex, hatte ich noch nie. Es ist schmutzig, widerwärtig und nervig. Ob nun mit dir oder mit den anderen. Du aber glaubst, weil wir zu Beginn dauernd Sex hatten, bleibt das so und vor allem bleibt es dabei, dass wir es jeden Tag haben. Du bist aber nicht mehr mein Freier, der dafür zahlt, dass ich etwas mache, wozu ich eigentlich keine Lust habe, verstehst du? Du bist jetzt mein Partner, den ich liebe!«
Er steht auf und sucht nach seiner Hose. Sie hängt ordentlich über dem Stuhl, er greift in die Tasche, holt das Portemonnaie hervor, greift nach zwei Fünfzigern und wirft sie aufs Bett.
»Machst du es jetzt?«, schreit er sie an.
Tränen treten in Marias Augen, ihre Lippen zittern und nur mühsam bringt sie die Worte hervor: »Nimm dieses beschissene Geld und hau ab!«
Er greift nach dem Geld, steckt die Scheine zurück in die Geldbörse, sucht sich noch Shirt und Schuhe zusammen, zieht alles an und verlässt die Wohnung.
›Ich habe mich nicht geirrt, sagt er sich auf dem Weg zum Auto, all die Schweinereien soll sie ohne Spaß mit mir gemacht haben? Unmöglich! Außerdem habe ich mich doch nicht in eine Professionelle verliebt, die darauf keine Lust hat und es nur wegen des Geldes mit mir getrieben hat! Aber andererseits; wenn ich es recht bedenke, gab es Französisch nur, während sie mich auf Arbeit bediente. Mit Gummi. Im Privaten aber, in unserer Beziehung, nahm sie ihn nie in den Mund.‹
Und ja! Jetzt fällt es ihm wieder ein! Ein belangloser Streit war es. Zumindest fühlte er sich so an, aber mit Frauen streitet man nie belanglos. Es ging um etwas im Haushalt und es gab auch eine Versöhnung, aber mittendrin sagte Maria, dass sie so ein dreckiges Ding nie in den Mund nehmen würde. In ihr Allerheiligstes sei schon schlimm genug, aber in den Mund? Und auch noch so? Nein, niemals! Warum hat er das nicht gehört? Nicht hören wollen? Er weiß es nicht, will es nicht wissen. Er fährt durch die Nacht und landet schließlich vor Marias Arbeitsstelle. In einer Seitenstraße stellt er den Wagen ab, alte Gewohnheit. Dann läuft er rüber, klingelt und geht in die zweite Etage des Mehrfamilienhauses.
»Hallo«, begrüßt ihn Helga freundlich wie immer, »was machst du denn hier? Maria ist schon los. Die müsste längst zu Hause sein.«
»Ich weiß«, sagt er gereizt, »aber heute will ich nicht zu Maria. Wer ist gerade frei?«
Helga runzelt die Stirn, Röte steigt ihr ins Gesicht, aber Geschäft ist nun einmal Geschäft.
»Jessica ist im Kaminzimmer.«
Er drückt ihr die zwei Fünfziger in die Hand und sagt: »Alles klar. Die Jessica nehme ich gern.«

Bürgernähe

Sie hat diesen Blick voller Wärme, Barmherzigkeit und Milde, den ich damals gebraucht hätte, als ich erfahren habe, dass mein Meerschweinchen Susi stocksteif im Käfig liegt. Dazu gesellt sich eine Stimme, die mir sirenenhaft übermittelt:
„Leider haben wir hier eine Strukturreform durchgeführt und zum Wohle der Bürger, zur Erhöhung der Transparenz und vor allem zur Verkürzung von Wartezeiten können wir die Antragsteller nicht mehr direkt zur Bearbeitung vorlassen. Sie müssten sich bitte im Erdgeschoss eine Marke mit einer Nummer ziehen und dann kommen Sie wieder.“
„Aber im Moment ist doch niemand bei Ihnen!“, versuche ich so sanft wie möglich, meinen Unmut über die sicher wohldurchdachten Vereinfachungen und Verbesserungen zu kaschieren. „Und ich will nur mein Auto bei Ihnen abmelden. Das ist doch nicht viel.“
„Das ist richtig, aber ich kann das leider nicht machen. Ohne die Marke gibt es keinen Vorgang, den ich anlegen kann und ohne Vorgang gibt es keine Bearbeitung.“
Sie schenkt mir noch ein Lächeln, das mich merkwürdigerweise auch an Susi erinnert und verschwindet in ihrem Refugium rechtschaffender Beflissenheit.
Ich gehe in das besagte Erdgeschoss, um mir eine Nummer zu ziehen. Am Nummernschalter stehen zehn Leute und warten. Eine Bedienstete mit einer Angorafrisur fragt die Antrag- und Bittsteller nach Ihrem Begehr und versorgt sie dann mit einem kleinen gelben Schein, auf dem eine Nummer eingedruckt ist. Nach einer halben Stunde bin ich an der Reihe. „Guten Morgen! Ich möchte mein Auto abmelden.“
„Haben Sie alle notwendigen Papiere dabei?“, fragt sie mich in einem Ton, der für säbelschwingende, brandschatzende und plündernde Volksstämme etwas von Freundlichkeit enthalten könnte.
„Welche sind denn dafür nötig?“, frage ich vorsichtig.
„Das steht in unserem Faltblatt, das Sie sich aus dem Ständer an der Pforte nehmen können.“
„Oh, den habe ich gar nicht gesehen! Sagen Sie mir einfach, was ich alles brauche?“
Sie schaut mich an und ich bin mir sicher, dass sie die Nase rümpft, wie es Susi getan hat, dann noch ihre Frisur … kurz überlege ich, ob ich sie frage, wie sie mit Vornamen heißt. Doch sie wird eine Nuance unfreundlicher, wirklich nicht viel, noch immer bürgernah: „Nein! Wir sind hier für Vereinfachung! Was auf dem Faltblatt steht, können SIE lesen, das brauche ich Ihnen demzufolge nicht noch einmal zu erklären. Und außerdem ist es so, dass niemand etwas mit einer Erklärung versteht, wenn er es allein ohne nicht hinbekommt!“
Sie funkelt mich an. Das kann unmöglich die Reinkarnation meiner Susi sein! Eine fanatische Bürokratin, das ist ganz sicher nicht die neue Lebensaufgabe meines wiedergeborenen Nagers. Außerdem sieht die Nummernausgeberin trotz ihrer dies nahelegenden Frisur weniger einem Angorameerschwein ähnlich, als vielmehr einem großen Pampahasen.
„Bekomme ich jetzt meine Nummer?“, versuche ich das Gespräch abzuschließen.
„Nein!“, faucht sie mich an.
„Warum denn nicht?“
„Weil ich noch nicht sichergestellt habe, ob Sie alle notwendigen Unterlagen dabei haben. Sehen Sie, wir sind hier für eine Verschlankung der Verwaltung und meine Aufgabe ist es, bereits alles zu filtern, was den übrigen Betrieb unserer nunmehr schlanken Verwaltung verschlacken würde. Die Mitarbeiter sollen sich in Ihrem Sinne ganz auf Ihr Anliegen konzentrieren können und nicht durch vermeidbare Lappalien, wie zum Beispiel unvollständige Unterlagen, vom Wesentlichen abgelenkt werden.“
Ich frage mich kurz, ob es in diesem Land möglich ist, dass reinkarnierte Pampahasen ein politisches Amt anstreben dürfen. Vom Gebaren her würde sie das locker schaffen, doch im Moment versperrt sie mir den Weg zur Nummer, die es mir wiederum ermöglicht, eine Etage nach oben zu kommen und mein Auto abzumelden. Was macht man in einem solchen Fall? Menelaos hat für Helena Troja angegriffen. Dafür hat er ein hölzernes Pferd geschnitzt und die Trojaner überlistet. Nach Artikel 24 der Haager Landkriegsordnung sind Kriegslisten erlaubt. Wie aber komme ich im 21. Jahrhundert an einer Schalterbeamtin mit dem unbeugsamen Willen einer talibanösen Selbstmordattentäterin vorbei, die Herrin über einen Papierstreifen mit aufgedruckten Nummern ist und deren Inbrunst in den Augen flackert wie die Flammen des Jüngsten Gerichts? Ich atme tief durch und versuche mich an die Eckpunkte der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg zu erinnern. Leider fallen sie mir nicht ein. Ich bekomme aus meinem Unterbewusstsein nur Bilder von Panzern am Kursker Bogen, die sich aufeinander zubewegen. Was hilft nun mehr? Friedliche Konfliktlösung oder Angriff nach dem Unternehmen Zitadelle? Ich entscheide mich für etwas, das ich irgendwo dazwischen ansiedle.
„Sie können mich mal“, bescheide ich ihr knapp, aber noch höflich.
„Wie bitte?“
„Ich brauche die Nummer nicht mehr. Ich melde mein Auto online ab.“
Ihre Augen glühen, der Kopf wird hochrot und fast explodierend faucht sie: „Dazu brauchen Sie eine Online-Zugangsnummer! Und die bekommen Sie von mir nicht!“ An mir vorbeischauend sagt sie, nun deutlich freundlicher: „Der Nächste bitte!“