Ein Hesse in Berlin

Ein Hesse ist mit dem Auto vor einen Pfeiler des Brandenburger Tores gefahren. Nun könnte man ethnische Überlegungen anstellen, warum es ausgerechnet ein Hesse war und ob dies beispielsweise einem Thüringer auch passiert wäre. Wichtiger ist aber der Unfall an sich. Erst neulich habe ich mit meinem Bekannten Bernd über die Gefährlichkeit des Lebens gefachsimpelt. Da es ja mit dem Tode ende, sei es per se gefährlich, meinte er. Und schließlich sagten schon Philosophen, dass das Unglück der Welt damit begänne, wenn die Menschen am Morgen das Haus verlassen. Rein logisch gesehen ist das Autofahren fraglos gefährlich. Geschwindigkeit mal Fehleranfälligkeit des Menschen ergibt ein unschönes Produkt. Und so sinnierten wir weiter über die sicherste Art der Fortbewegung, weil wir uns einigen konnten, dass es zwar sicherer ist, sich gar nicht zu bewegen, am Ende doch aber sehr langweilig. Mein Bekannter Bernd meinte, dass Fliegen die statistisch sicherste Variante der Fortbewegung sei. Das kann ich nun gar nicht nachempfinden, denn ich fliege wirklich ungern. Klar kenne ich diese Statistiken und weiß darüber Bescheid, dass Fliegen angeblich die sicherste Art der Mobilität sein soll. Aber so richtig sicher fühle ich mich mit dieser Behauptung nicht. Deshalb teilte ich Bernd meine Bedenken mit: Alle Verantwortung gebe ich ab und plötzlich befinde ich mich in der Macht eines Piloten, den ich nicht einmal beim Vornamen kenne. Hat er genug geschlafen, hat er private Probleme, wird er gemobbt, ist er Alkoholiker? Ohne auch nur die kleinsten, aber notwendigen Vorbereitungsmaßnahmen oder den mindesten Vertrauensbeweis begebe ich mich in eine riesige Maschine und weiß, dass die Möglichkeit besteht, dass ich mit ihr abstürze. Ich höre schon die Kollegen Statistiker einwenden, dass ich viel größere Angst beim Einsteigen in ein Auto, vor allem in das eines Hessen, haben müsste, zumindest laut Statistik. Doch wenn ich dann im Himmel ankomme, werden die Statistiker wahrscheinlich die ersten sein, die mich nach einem kleinen Sektempfang mit einer Liste begrüßen, in der ich mich erfassen muss. Geburts- und Sterbedatum, Todesursache Flugzeugabsturz. Dann wird einer dieser Oberlangweiler draufschauen und süffisant sagen: „Tja, da sehen Sie mal. Wir brauchen halt immer ein paar, damit die Statistik stimmt. Aber seien Sie nicht so traurig. Rein statistisch hätten sie irgendwann Demenz bekommen. Also, wenn sie alt genug geworden wären.“
Dann laufe ich durch den Himmel, grüße hier, winke dort und freue mich über die Freunde von einst. Alle sind fröhlich gestimmt, bis auf einen. Der hockt in einer Ecke und heult. Ich frage den Oberlangweiler mit der Liste, was mit diesem Menschen los ist. Er schaut rüber, beugt sich dann zu mir und flüstert mir ins Ohr: „Der ist gar nicht tot. Den haben wir aus Mitleid genommen. Wollte sich am Brandenburger Tor zerschießen. Hat aber nicht geklappt.“ Dann schaut er sich noch einmal um und spricht noch leiser: „Seien Sie nachsichtig, er ist ein Hesse.“

Der Roman IHRES Lebens

Nehmen wir an, dass ein Roman hier anfängt. Und es steht eben nicht am Anfang, dass einmal dieses oder jenes war. Auch nicht, dass der Herr und die Frau Protagonist soundso in gewisser Weise aussehen, dieses oder jenes tun oder lassen, sich verlieben oder hassen.
Nein.
Wir stehen am Beginn eines Romans der freien Wahl.
Also können Sie sich nun auswählen, wer SIE gern sein möchten. Ist das nicht toll? Schon deutlich vor Weihnachten einen Wunsch erfüllt zu bekommen? Nochmal ganz von vorn anfangen können? Sie dürfen nun etwas oder jemand sein, das oder der Sie schon immer sein wollten, sich aber nie getrauten, weil Sie einfach nicht dazu kamen. Aus Mangel an Gelegenheiten, Geld oder Chuzpe.
Vielleicht gefällt Ihnen etwas Bodenständiges, weil Sie in letzter Zeit ein bisschen zu viel Unsicherheit im Leben hatten und die Aussichten für die Zukunft nicht so rosig erscheinen. Dann würde ich Ihnen gern eine Festanstellung in einem großen, über die Jahre gut gewachsenen Unternehmen in einer krisenfesten Branche anbieten. Ein Beschäftigungsverhältnis so sicher, wie ein unsinkbares Schiff!
Doch Sie wissen ja, wie das mit den unsinkbaren Schiffen ist. Der Wind und die See wissen davon nie etwas. Und gerade in Zeiten wie diesen … Merken Sie etwas? Alle Menschen sprechen immer von Zeiten wie diesen, obwohl sie gar keine anderen haben! Welche anderen Zeiten als diese, in denen sie leben, könnten sie auch verwalten, bemängeln oder verfluchen?
Nun also, gerade im Moment, wo alles den Bach hinunter und die Börse weiter in den Keller geht, erscheint kein Metier als das Rechte, das von allen wirtschaftlichen Unwägbarkeiten verschont bleibt. Mein Großvater mütterlicherseits betonte immer, dass die Berufswahl genau das abdecken müsse, was ganz bestimmt zu jeder Zeit benötigt wird. Man könne sich allen gedanklichen Unrat in die Haare schmieren, wenn man sich an den Bedürfnissen seiner Mitmenschen vorbei selbst verwirklichen wolle. Um ihn hier ganz unverblümt zu zitieren: »Gefressen, geschissen und gestorben wird immer.«
Sie können sich also gern als Gastronom, Taucher in einem Klärwerk oder Bestatter sehen. Doch so recht erstrebenswert scheinen mir diese Professionen bei aller Wertschätzung nicht zu sein.
Möglicherweise ist in Ihrem Fall etwas ganz und gar Einmaliges, gewissermaßen die Königin unter den sicheren Berufen besser, wo wir allerdings schon bei ihrer Majestät, der Beamtenlaufbahn wären. In einem Roman der freien Möglichkeiten bereits gleich zu Beginn das Korsett des Beamtentums anzulegen, erscheint mir ein wenig hausbacken, aber vielleicht ist es ja gerade das, was SIE im Moment brauchen?!
Um Sie nicht zu stark Vorurteilen und falschen Verdächtigungen des Pöbels gegenüber den Beamten auszusetzen, nehmen wir einfach an, Sie hätten ein solides Studium gewählt und abgeschlossen und sind nun ein Jurist im Staatsdienst. Also hätten Sie eine universitäre Ausbildung, eine absolut sichere Arbeitsstelle und, wenn man so will, auch einiges Ansehen. Diese Profession eröffnet Ihnen nicht zuletzt alle Chancen in politischer Richtung, wobei wir uns hier nicht auf eine Partei festlegen wollen, schließlich stehen wir noch am Anfang aller Möglichkeiten.
Wenn Sie nun über den Beginn Ihres Romans schauen, dann wirkt es sicher ein wenig befremdlich.
Sie als freier Mensch holten sich aus freien Stücken und ohne etwas bezahlen zu müssen ein Schriftstück wie dieses hier. Und noch ehe Sie es richtig in Ihren Händen (oder besser: in der Maus) halten und ins Lesen und Scrollen kommen, hat man Ihnen eine Beamtenurkunde aufs Auge und Ihr Leben in den Skat gedrückt. Das ist nicht meine Absicht und deshalb nehmen wir einfach an, Sie sind viel freigeistiger, als man es den Beamten, der Sie natürlich nie und nimmer sind, abnehmen würde. Also waren Sie schlau genug, nicht Jura zu studieren. Sie (wer, wenn nicht SIE?) haben rechtzeitig Ihren Verstand eingeschaltet und etwas Kreatives auserwählt. Deshalb sind Sie heute in der Werbung tätig. Das hat Leichtigkeit, Charme und Esprit. Und, allen Kritikern zum Trotz, sind Sie auch jemand, der dieser aktuell gefühlten oder tatsächlichen (man weiß es immer nicht genau) Krise etwas abgewinnen kann. Denn in jedem Laden, der zahlungsunfähig wird und bei allen Kaufhauspleiten gibt es Schilder für Angebote und Ausverkaufswerbung zuhauf zu gestalten. Selbstredend machen Sie auch die andere Werbung. Die für die Hochglanzmagazine, aber Sie sind ja schließlich kreativ und wirtschaftlich denkend, weshalb Sie immer wieder eine Nische finden werden.
Passt Ihnen auch nicht?
»Nö, kann ich nicht, alle anderen sind eh besser und überhaupt habe ich mir alle Träumerei längst abgeschminkt. Ich muss das jetzt halt weitermachen und außerdem, wo kämen wir denn hin, wenn alle nur das machen würden, was ihnen Spaß macht!«
Klar. Wenn Sie so denken, dann kommen wir natürlich mit der kreativen Leichtigkeit nicht weiter. Und bei all dem, was die Zukunft voller Rettungsschirme und Hebel bringen wird, wäre es doch schön, wenn wir ALLE auf Nummer sicher gehen. Sie könnten sich in der logischen Folge einzig und allein als Arbeitsloser (I oder II, Ihre Wahl) im noch nicht geschriebenen Roman Ihres Lebens versuchen. Ach, das ist Ihnen nun wieder zu wenig Aufregung?
Dann sind Sie sehr wahrscheinlich Sozialversicherungsfachangestellte(r)! Und Sie sehen die kompletten Jahre bis zur Pensionierung bequem und sicher vorgezeichnet. Wenn sie diese dann erleben sollten, hoffen Sie, dass Sie sich noch ein wenig Ehrgeiz und Freude am Leben bewahrt haben, um Ihre längst verschwundenen Träume aus dem Grab zu holen, in dem Sie bald selbst liegen werden. Sehr schön! Na dann haben wir ja endlich ein Ergebnis. Sie haben es mir und sich selbst aber auch nicht leicht gemacht! Willkommen in diesem Roman, der nun leider gar keinen Plot mehr hat und aus diesem Grunde hier endet.

Gedankenjogger

Meistens habe ich fürs Joggen keine Zeit. Oder es ist mir, wie in den letzten Monaten, entschieden zu kalt. An manchen Tagen dann wieder zu warm. Wenn ich mich doch aufraffen könnte, regnet oder schneit es plötzlich und unerwartet, zudem in Strömen. Kurzum, meine Laufleistungen lassen im Moment zu wünschen übrig. Selbst felsenfeste Verabredungen mit Freunden verhallen im Pantheon der nicht gesagten Worte unseres Lebens. Aber letzten Sonntag habe ich es doch geschafft, mich ganz allein aufzuraffen und am Fluss laufen zu gehen. Einschränkend muss ich zugeben, dass zum einen meine Laufhose sehr knapp saß, obwohl sie mir beim letzten Lauf (vor drei Jahren) ausgezeichnet geschnitten schien. Zum anderen war schon das bloße Erreichen des Flusses eine ansprechende Leistung, die mir mein Körper mit akuter Atemnot quittierte. Irgendwie schaffte ich es aber, mich in einer Art läuferischer Fortbewegung zu verhalten, ohne über Gebühr aufzufallen. Bis auf meinen hochroten Kopf natürlich, den ich nicht verstecken konnte. Mein Selbstvertrauen kroch nach einer Weile langsam aus seiner fettleibigen Hülle und wollte sich schon wieder ein wenig in mir breitmachen. Doch leider überholte mich in diesem Moment eine Art joggender Methusalem, der mit Germina-Schuhen und dem Finisher-Shirt des Marathons von 1936, ohne hörbar Atem zu holen, an mir vorbeischwebte. Eine größere Niederlage hätte es wohl nicht geben können! Seine Beine erinnerten mich an etwas, das andere Menschen zu einem Blumengesteck verarbeiten und seine Hose saß so unglaublich knapp, dass ich froh war, sie nicht von vorn gesehen zu haben.
Doch mein Erstaunen über dieses Phänomen hielt nicht lange an, da es von einer anderen Naturgewalt erdrückt wurde. Ein schnaufendes Geräusch, einer Lokomotive nicht unähnlich, hörte ich hinter mir, und als ich mich umdrehte, konnte ich IHN sehen. In meiner Gewichtsklasse beheimatet, näherte sich schweren Schrittes ein Mittdreißiger. Während nun aber Methusalem bei der Wahl seiner Trikotage ein Verfechter guter alter Baumwolle war, präsentierte dieser junge Mann Funktionswäsche am ganzen Körper. Ein adipöser Traum in Hydromesh! Dazu eine Sonnenbrille, hochaktuelle, atmungsaktive, stark dämpfende und ultraleichte Laufschuhe und nicht zuletzt ein iPod, der scheinbar mit einem Pulsmesser parallel geschaltet war. Kurzum: Was dem Profi nutzt, kann dem Amateur nicht schaden. Wenn die eigene Überzeugung genauso viel Gewicht hat wie der Träger derselben, geht eben alles. Zudem konnte diese joggende Pellwurst heraus geschwitztes Selbstvertrauen durch den mitgeführten Flaschengurt wieder aufsaugen. Was die Sache nicht gerade erträglicher machte: Nach knapp einer Minute war er an mir vorbei, einfach unfassbar!
Ich versuchte sofort, mich an seine Fersen zu heften, doch aus der Ferne leuchtete mir etwas entgegen, sodass ich meine Augen schließen musste. Es kam immer näher und entpuppte sich schließlich als eine junge Frau, die alles hätte anziehen können, sich aber auf ihr perfektes Styling von der Frisur bis zu den Nägeln beschränkte. Ein höheres Wesen in Pink flatterte auf mich zu, perfekt gescheitelt, schulmäßiges Abrollen der Fersen, die Schminke saß und aus dem Haar schimmerte ein Hauch 3-Wetter-Taft. Als sie an mir vorbei lief, geriet ich in eine Wolke teuren Parfums und das nahm mir die letzte Luft zum Atmen. Ich setzte mich an den Straßenrand. Eigentlich reichte es für diesen Tag. Man soll ja auch langsam anfangen. Vielleicht nächste Woche wieder. Obwohl. Da soll es schneien. Oder regnen.

Amerikaner für den Frieden

Der Frieden ist eine sehr fragile Angelegenheit. Rebellen rebellieren, kleinwüchsige Koreaner mit freudschen Komplexen drohen Supermächten und Flüchtlingslager füllen sich. Es ist ungemütlich auf der Welt, doch dieser Zustand ist nicht neu und auch Kriegsgegner haben es nicht immer leicht. Bereits vor einigen Jahren habe ich einen Amerikaner gegessen. Ich habe mir nichts weiter dabei gedacht. Was wir halt Hunger nennen, hatte mich überkommen, und es sollte mal kein Döner sein. Wegen meiner damaligen Diät und man wusste zu dieser Zeit auch nie, ob so ein talibanöser Döner nicht eine Gefahr für Leib und Leben darstellte, manche Menschen sollten damals schon durch den Genuss von Brezeln Lebensgefahr durchlitten haben. Außerdem hatte ich Appetit auf etwas Süßes. Das war schon alles. Was soll ich sagen – der Amerikaner war nicht besonders schmackhaft. Genau genommen war er innen hohl. Und von außen sah er aus wie eine Tellermine. Die bröselige und wohl der Verschönerung dienende Zuckerglasur am Boden konnte den pappigen Geschmack nicht bessern. Doch egal, ich hatte ihn halt bezahlt und würgte diesen trockenen Pamps runter. Rums! – fällt er in den Magen, dachte ich noch amüsiert. Doch bald darauf brannte es wie ein Buschfeuer in meinem Bauch. Kurze, schwere Attacken, die meinen Verdauungstrakt bombardierten. Ich war wie gelähmt, sah zu, dass ich schnell nach Hause kam und legte mich erst einmal in mein Bett. Was tun, dachte ich verstört. Kamillentee trinken, Zwieback knabbern und Magentropfen nehmen? Und das alles nur wegen einem Amerikaner? Nein, unmöglich! Ich würde mir doch nicht wegen einem Amerikaner meine Art zu leben diktieren lassen! Ich war schließlich ein mündiger Bürger und hatte es nicht nötig, mir von so einem Eindringling sagen zu lassen, was ich tun oder lassen sollte! Und wenn er meinen Magen ausbrennen, meinen Dünndarm zerfressen und meinen Dickdarm zerschießen würde, ich würde mein Leben leben! Patriotisch erhob ich mich aus meinem Bett und schlüpfte energisch in meine Pantoffeln. Doch da geschah es! Der Amerikaner schickte mich mit einem gezielten Dünndarmstich zu Boden. Ich krümmte mich und robbte militärisch in die Küche. Dort angekommen, überlegte ich mir eine Strategie zur Bekämpfung des unangenehmen Eindringlings. Es gab nur eine: Mutter anrufen!
Ich schleppte mich zum Telefon und wählte hastig ihre Nummer. Nach dem zehnten Klingeln meldete sie sich endlich.
»Hallo Mutti! Mir geht’s nicht gut!«
»Was hast du denn, mein Junge?«
»Ich habe Probleme mit einem Amerikaner!«
»Wer hat die heutzutage denn nicht, mein Sohn! Hast du mal Nachrichten geschaut? Die bombardieren gerade Bagdad!«
»Mutti, was interessiert mich Bagdad? Mein Bauch tut höllisch weh!«
»Also weißt du, wir haben dir vieles beigebracht und manches auch nicht. Aber politische Arroganz und Augenverschließen kommen nicht von uns!«
»Ja, Mama, du hast ja recht. Ich schau nachher gleich N-TV, okay? Aber nun muss ich erst mal meine Bauchschmerzen loswerden.« Das Nachdenken meiner Mutter konnte ich durch den Hörer wahrnehmen.
»Von einem Amerikaner, sagst du? Nur von einem oder waren es ein paar mehr?«
»Es war nur einer, Mama! Wirklich nur einer!«
»Weißt du, mein Sohn, du bist ein ganz schöner Waschlappen. Ein Amerikaner genügt, um dich schon in die Knie zu zwingen! Was sollen die armen Kinder in Bagdad sagen? Die verlieren Arme und Beine wegen Hunderten und du jammerst wegen einem! Wärst du mal zu einer richtigen Armee gegangen und nicht bloß zur Bundeswehr!«
»Du hast ja recht, aber davon gehen meine Bauchschmerzen auch nicht weg.«
»Leg dich einfach hin, trink Kamillentee und knabbere an Zwieback. Dann wird es schon. Wir werden jedenfalls ab heute Abend eine Kerze für den Frieden entzünden und in unser Fenster stellen. Ich höre morgen früh wieder nach dir und deinem Amerikaner. Ruh dich aus, Junge. Wir haben dich lieb.«
Sprach sie und legte auf. Also doch Kamillentee? Nicht mit mir! Ich würde diesem Ami zeigen, dass er unerwünscht war. So lange musste ich gar nicht wühlen, bis ich die CD in meinen Händen hielt. Ich legte mich ins Wohnzimmer und drapierte meinen Bauch direkt vor die Box der Stereoanlage. Dann drehte ich den Lautstärkeregler voll auf. Die »Kleine weiße Friedenstaube« stach mit voller Wucht in meinem Bauch und schiss den Amerikaner zu. Drei mal spielte ich das Lied ab, die Nachbarn klopften schon an die Tür, doch meinen Amerikaner konnte dieses Vöglein nicht besänftigen. Also mussten härtere Bandagen her. Ich wechselte die CD und presste meinen Bauch bündig zur Box. Schwere Marschmusik dröhnte in meinen Gedärmen – »Swjatschtschennaja Woina« – »Der heilige Krieg«, tiefe russische Männerstimmen setzten dem Eindringling zu und befreiten mich vom Schmerz. Gelöst setzte ich mich vor den Fernseher und besah mir die Nachrichten aus dem Zweistromland. Die Amis und Briten begnügten sich nicht nur damit, die Irakis weg zu mähen, sondern sorgten mittels freundlichen Feuers für Verluste in den eigenen Reihen. Zapp! Ein anderer Kanal. Angela »Ich bin eine New Yorkerin« Merkel verwirrte mich. Obwohl sie anerkannte Kriegsbefürworterin war, zeigte sie in ihrem Äußeren die hässliche Seite des Krieges. Zapp! Auf CNN betrachtete ich giftig-grüne Aufnahmen von flackernden Geschossen und Einschlägen. So in etwa musste es in meinem Bauch aussehen. Ich rieb kurz über ihn und schielte drohend rüber zur CD. Auf einer Textzeile, auf der sonst nur Börsenkurse flimmern, wurde gemeldet, dass die Alliierten einen Hubschrauber vermissten. Aha, die Stunde der Verteidiger war gekommen! Höchste Zeit, meine Mutter zu informieren.
»Hallo Mutti, meine Bauchschmerzen sind weg! Ich habe meinem Bauch russische Militärmusik vorgespielt, dann ging es wieder!«
»Ach Junge, Opa wäre so stolz auf dich!«
»Du, Mutti, hast du schon gehört, die Amis vermissen einen Hubschrauber!«
»Das wundert mich nicht, schließlich habe ich gelesen, dass zweihundert Polen in den Irak aufgebrochen sind!«
»Och Mutti, aber weißt du was!? Ich bin froh, dass Deutschland nicht mit zu den Alliierten gehört!«
»Na das fehlte auch noch, dass wir uns in einen Angriffskrieg einmischen!«
»Nein, Mutti, es ist viel schlimmer! Wenn wir nämlich Alliierte wären, hätten wir uns 1945 selbst befreit! Das wäre doch grotesk!«
»Leg dich mal hin! Der Ami hat dir wirklich schlimm geschadet!«
»Es kommt noch besser, Mutti! Meinst du wirklich, es geht da ums Öl?«
»Ja, worum denn sonst?«
»Na sieh doch mal, was der Irak, Iran, Afghanistan, Nordkorea und Texas gemeinsam haben!«
»Na was denn?«
»Mutti, behalt es aber für dich! In diesen Ländern ist Analverkehr gesetzlich verboten und letztlich haben wir es mit der Achse der analen Verklemmung zu tun, die den Rest der aufgeklärten Welt von zart gehegten griechischen Gedanken abbringen will. Deshalb auch diese Ablehnung Europas, weil doch Griechenland schließlich die Wiege des Euro … , Mutti?«
Sie hatte aufgelegt. Dabei fand ich meine Theorie so schlecht nicht. Ich wackelte gedankenverloren und unverstanden ins Bad. Als ich dort stand, entsetzte mich ein furchtbarer Gedanke. Wenn dieser Amerikaner in mich eingedrungen war, musste er ja auch wieder aus mir heraus! Wie würde er das wohl machen? Eine Taktik der verbrannten Därme? Shock and Ohw für meinen Anus?
Nachdem ich meine Abendtoilette im Zustand ständiger Anspannung und tatsächlicher analer Verklemmung verrichtet hatte, legte ich mich ins Bett und hörte in mich hinein. Nichts zu hören. Feuerpause.
Der Wecker blinkte nervös auf 4:45. Der Amerikaner schoss zurück und meldete sich schmerzhaft zur Torpedierung. Wie eine lasergesteuerte Rakete schoss ich mich aufs Klo und sah zu, dass ich meinen Aggressor los wurde. Kurz vor halb acht schlich ich ausgemergelt und mit einer schweren Verwundung in meiner Körpermitte aus dem Bad und holte tief Luft. Von wegen, nur konventionelle Waffen! Völlig entkräftet tastete ich nach dem Telefonhörer und wählte die Nummer meiner Mutter. Sie ging nicht ran. Daraufhin ging ich ins wieder Bad und sorgte für eine erste Wundversorgung mittels Penatencreme. Bei der Gelegenheit besah ich mir noch einmal den Amerikaner. Ich hatte extra nicht gespült. Er sollte einen langsamen Tod sterben. Er hatte dieselbe Form wie vor seinem Angriff, kaum verändert. Aber niemand mehr würde den Amerikaner in ihm sehen, der er vor diesem Angriff war. Ich lächelte ihn mit so einem Gewinnerlächeln an, während ich mich mit einem kirschkerngroßen Klecks Penaten erstversorgte. Da klingelte es. Es war inzwischen kurz vor acht. Ich erwartete niemanden und selbst die Zeugen Jehovas standen so früh nicht auf. Ich ging zur Tür und sah durch den Spion. Vor meiner Wohnung standen meine Mutter und mein Vater. Ich öffnete und sah sie erstaunt an. »Was macht ihr denn hier?«
Meine Mutter heulte fast und mein Vater stand fassungslos neben ihr. Leise sagte mein Vater:
»Wir sind hier, weil wir etwas für den Frieden getan haben.«
Ich verstand gar nichts.
»Habt ihr demonstriert? Mitten in der Nacht? Die Bombardierung von Texas gefordert?«
»Nein, wir haben nur eine Kerze für den Frieden ins Fenster gestellt. Zuerst haben nur die Gardinen Feuer gefangen und schließlich ist das ganze Haus bis auf die Grundmauern niedergebrannt.«

Buchmesse Leipzig I

IMG_2666 IMG_2667

Zweiklassengesellschaft auf der Buchmesse!! Während Stevan Paul hochtechnisch unterstützt aus seinem Buch „Schlaraffenland“ vorträgt, muss sich eine bemitleidenswerte Männercombo in einem Nischen-Eckstand mit einem selbstgebauten Transistor-Vehikel Gehör verschaffen. Und ich bin durchgelaufen und keine Sau hat mich erkannt! Zum Glück konnte ich dann noch meine Rechtschreibkenntnisse auffrischen:

IMG_2654

Ich konnte nicht in Erfahrung bringen, ob es sich um eine Auslastung auf der subjektiv-persönlichen Ebene des Garderobiers handelte (ein möglicher Bürnaut), oder einfach nur um eine Auslastung im simplen ökonomischen Sinne (Alle Haken voll). Mein investigativer Bericht über den Besuch der Buchmesse folgt in den nächsten Tagen.

Trinkgeld vom Leben

Der Winter war zu lang, wir fressen Pferd und Schlimmeres, das Geld ist nichts mehr wert und überhaupt ist alles anders.
»Was ist das nur für eine Welt geworden?«, fragst du dich schon seit geraumer Zeit. Die Wirtschaft ist auf Talfahrt, Rohstoffe und Nahrungsmittel werden immer teurer. Nicht zuletzt vermisst du noch immer drei Schornsteine, aus denen du zumindest gedanklich den Rauch aus einer wunderbaren Zeit hast aufsteigen sehen, wenn du mit deinem Wagen wieder zurück in die Stadt der Träume gekommen bist. Inzwischen fährst du natürlich kein Auto mehr, weil der Sprit zu teuer geworden ist. Eine Weile konntest du dich noch damit trösten, dass du immer für fünfzig Euro tankst und deshalb von Preissteigerungen verschont bleibst, doch seit dem Tag, als du für fünfzig Euro nicht einmal mehr dein Auto, sondern nur noch einen kleinen Kanister mit zur Tanke nehmen musstest, ist auch dir der Humor vergangen.
Die Banken versinken im Chaos und du freust dich zum ersten Mal in deinem Leben darüber, dass du nur in einer Mietwohnung steckst, ganz abgesehen davon, dass inzwischen die Nebenkosten fünfmal so hoch sind wie die eigentliche Miete.
Zum Glück hast du noch diesen Arbeitsplatz bekommen, der dir ein wenig die Illusion der Sicherheit gibt, aber so richtig Schritt hält deine magere Alimentation mit dem simplen Lebensbedarf und deinen wirklichen Bedürfnissen nicht.
Wären um dich herum bloß nicht diese vielen Jammersäcke, denkst du dir, denn durch die wird alles erst richtig unerträglich. Vielleicht brauchen wir einfach nur ein wenig Optimismus.
Um dich von diesem ganzen Elend standesgemäß abzulenken, kaufst du dir einen wahnsinnig billigen Flachbildfernseher, für dessen Wert du nicht zweimal hättest volltanken können, und schaust den lieben langen Tag hinein. Doch diese geschaffene Realität dort deckt sich nicht mit deiner. Bei einer Pizza sinnierst du darüber, was aus deinem Leben geworden ist und in einem sehr lebendigen Traum hast du das Gefühl, als würden alle in einen Zug steigen, der ganz deutlich sichtbar vor eine Mauer fährt. Sie steigen ein und haben natürlich kein Gepäck dabei. Weder in ihren Köpfen noch in ihren Händen, denn der ganze Ballast würde doch nur stören. Und wenn alle brav auf ihren Stühlen sitzen, startet ein Hartz-IV-Empfänger, der sich ein wenig hinzuverdient, den Zug. Draußen vor den Scheiben winken die nicht heilbaren Optimisten mit ihren weißen Tüchern zum Abschied. In diesem Zug wird fröhlich gesungen, dass der Crash kommt und es keinen Ausweg mehr gibt. Derweil fährt Peer Steinbrück mit einem kleinen Wagen durch die Gänge und verkauft rote Brause in Dosen, die niemandem wirklich schmeckt, und hält Vorträge, die ihm keiner bezahlt. Natürlich hältst du es bei dieser Weltuntergangsstimmung nicht lange aus, kannst nicht mehr sitzen und springst auf. Am liebsten möchtest du schreien, aber inzwischen sind ja alle taub auf dem Ohr der Vernunft.
Und dann rennst du fiebernd durch diesen Zug und stellst fest: Hoppla, jetzt haben diese Idioten doch auch noch die Notbremse vergessen!
Erschöpft setzt du dich neben eine ältere Dame, die aussieht wie Madonna in einhundert Jahren, und fängst ein sinnloses Gespräch über die guten alten Zeiten an. Derweil reicht dir Peer Steinbrück eine seiner Brausen, du gibst ihm zehn Euro und sagst »Stimmt so!«, während die Alte neben dir schreit: »Gar nichts stimmt mehr!«

Fußball ist unser Leben oder die Angst des Schützen vor dem Tormann

Die Angst des Schützen vor dem Tormann

Unser Jan-Oliver war nicht unbedingt ein schöner Mann. Von der Systematik eher ein Großschädliger, hatte er das Pech, dass eine ausgeprägte Stirnpartie und der offenkundige Augenwulst eine sehr enge Verwandtschaft zum Primaten nahe legten. Darüber hinaus segnete ihn der Schöpfer mit überdimensionierten Augenbrauen, die zwar zunächst eine Karriere als Finanzminister zumindest als möglich erschienen ließen, aber die allenfalls mäßige Ausstattung des Organs hinter seinen Augen erstickte diese elterliche Hoffnung schnell im Keim. Hinzu kam, dass man ihm jederzeit einen gewissen Mangel an regelmäßigem Schlaf und ausgewogener Ernährung unterstellen konnte. Und man sah ihm an, dass er das Tageslicht und frische Luft scheute. Sein Teint hatte stets etwas Teigiges, eine Farbe, die nicht nur mit eleganter Blässe beschrieben werden konnte, sondern vielmehr ein Ton war, den andere Menschen für die Auslegware in ihrer Garage oder ihren Keller auswählten.
Selbstverständlich wurde Jan-Oliver zum Gespött seiner Mitschüler, die ihn, in ihrer oberflächlichen Sicht der Dinge, nur auf seine Äußerlichkeiten reduzierten. Doch worauf sollte man ihn denn reduzieren, wenn aus seinem Inneren kein Signal kam, das Außenstehende als eine Art menschlicher Kommunikation hätten verstehen können? Jan-Oliver war stumm, und solange sich alle Beteiligten erinnern konnten, sprach er kein Wort. Nun könnten ewig positiv denkende Menschen einwenden, dass dies immerhin eine hervorragende Voraussetzung für eine harmonische Ehe sei, doch selbstredend hatte Jan-Oliver damals keinen Kontakt zum weiblichen Geschlecht.
Eines Tages aber solle sich alles ändern. Aufgrund eines nicht näher untersuchten kosmischen Zufalls kullerte ein Fußball vor Jan-Olivers Füße. Ein winziges Signal bahnte sich behäbig seinen Weg in Jan-Olivers Hirn und flüsterte ihm nach langer Zeit in sein inneres Ohr: »Oh, ein Ball!« Leider war das Objekt der Begierde schon wieder in den Händen eines kleinen Jungen, der mit dem Ball auf die anderen Straßenseite spielte. Das hätte sich der Kleine besser überlegen sollen, denn nur wenige Augenblicke später lag er mit blutender Nase auf dem Bordstein, während sich der Ball in den Händen von Jan-Oliver befand. Seit dieser Begebenheit spielte Jan-Oliver jeden Tag mit dem Ball. Er schoss ihn stumm an die Hauswand und fing ihn danach wieder auf. Immer wieder. Jeden verdammten Tag. Bei Wind und Wetter. Neben dem Putz an der Hauswand fiel seine neue Betätigung auch anderen auf und so lud ihn der Trainer der örtlichen Fußballmannschaft ein, nicht mehr mit einer Wand zu trainieren, sondern mit anderen Menschen. Eine Sache, die Jan-Oliver zunächst sehr suspekt war, schließlich war so eine Wand angenehm still, während die Jungs im Training dauernd redeten. Doch am Ende setzte er sich durch. Er wurde der beste Torwart, den sein Verein je hatte, schaffte es ganz jung in die Männermannschaft zu kommen und schien eine große Karriere vor sich zu haben. Sogar eine Frau gab es nun in seinem Leben. Die liebe Brigitte, deren linkes Bein kürzer als das rechte war und die deshalb nur an Bordkanten laufen konnte, ohne zu humpeln. In Anerkennung ihrer wirklich außerordentlich guten schulischen Leistungen und aus Respekt vor ihrer Behinderung wurde sie von allen »Miss Bildung« gerufen. Jan-Oliver und sie wurden ein schönes Paar und sie hätten gewiss viele schöne Kinder gehabt, hätte nicht ein sagenhafter Gewaltschuss und eine prächtige Parade Jan-Olivers seiner Zeugungsfähigkeit und seiner Karriere ein jähes Ende gesetzt. Nun schaut er sich mit gewisser Wehmut Dienstag und Mittwoch die Champions League und Samstags die Sportschau im Fernsehen an. Ohne Ton.

Rezension „Wankelmuse“ von Renate Bojanowski

Wankelmuse

Welcher Raum in einer vom gehetzten Alltagsleben bestimmten Realität ist für gelebte Sehnsüchte besser geeignet als der virtuelle?

Zugegeben: Die vorliegende Liebesgeschichte ist weder die erste noch die einzige »Beziehungskiste«, die ihre Leserschaft über nachempfundene elektronische Briefe erreicht. Daniel Glattauers Emmi Rothner und Leo Leike oder auch die Filmhelden Kathleen Kelly und Joe Fox aus dem Streifen »E-Mail für dich« lassen grüßen. Doch nirgends erleben die Helden ein solch schwindelerregendes Wechselbad der Gefühle wie in dem neuen Roman von Ophelia Hansen und Mark Jischinski.

»Wankelmuse« heißt das Buch, das als Fortsetzung des Büchleins »Spatzenmuse« gedacht ist, aber ohne weiteres auch ganz für sich stehen kann. Für sich steht auch der Titel selbst einschließlich der drohenden Gewitterwolken auf dem Umschlag.

Carlotta Spatz hat ihren »Sperling« Max Tettenborn aus dem »Nest« geworfen und »zwitschert« ihm noch einmal so richtig die Meinung – per E-Mail, versteht sich. Das Lesen dieser fremden Post weckt freilich den Voyeur im Leser; und der möchte wissen, was aus den beiden Streitenden wird. Was folgt, ist eine Odyssee zweier Menschen, die nach einem missglückten WIR auf die Suche nach ihrem ganz eigenen ICH gehen – anrührend und einfühlsam – mal humorvoll, mal traurig.

Die an Metaphern reiche Sprache lässt die Leserphantasie blühen und ihn mit lebhaften Bildern im Kopf ebenso das grüne Irland bereisen, wie die Schönheiten des vertrauten Örtchens Werder entdecken. Der Reiz der virtuellen Auseinandersetzung liegt im Zurückblicken der beiden Protagonisten auf ihre Vergangenheit, die Besinnung auf sich selbst einschließlich ihres Handelns.

Ganz bei sich beginnen Carlotta und Max ihren eigenen Charakter zu akzeptieren. Der Weg dorthin ist steinig. Ewige (Selbst-)Zweifel, Schuldzuweisungen, Misstrauen und Ängste sind so präsent wie das Leben, für das es keine Gebrauchsanweisung gibt. Allzeit fesselt die Streitkultur des Paares, die unmerklich immer wieder ins Philosophieren abgleitet.

Fragen wie »Wer bin ich?« oder »Was macht mich aus?« treiben bald auch den Leser um – heimlich hoffend auf ein Happy-End. Den Mails weichen die tagebuchähnlichen Monologe, denen endlich ein Treffen folgt … doch »Wankelmuse« Carlotta hat noch immer nicht genug. Erst als Max seine Gefühle für sie vor einer großen Öffentlichkeit preisgibt, scheint auch sie ihr Seelenheil gefunden zu haben.

»Wankelmuse« ist eine sensible Parabel für alle Verliebten, Liebenden und die, die es (wieder) werden wollen. Sie kommt ohne schulmeisterlichen Zeigefinger und Klischees aus und zeigt, wie zwei liebende Menschen nebeneinander, miteinander und füreinander da sein können.

Ophelia Hansen/Mark Jischinski: Wankelmuse | Deutsch Adakia Verlag 2013 | 214 Seiten |

Quelle: http://www.tcboyle.de/wordpress/?p=2569

 

Mein Leben als Killifisch

Meine Lieblingszeitungsmeldung beginnt mit den Worten »Amerikanische (wahlweise englische, deutsche, französische) Forscher haben herausgefunden, dass … «. Zementiert werden die bahnbrechenden Erkenntnisse meist mit reichlich Zahlenwerk und leicht einleuchtenden Zusammenfassungen.
Es ist zum Beispiel so, dass Frauen mit Piercings häufiger Sex mit verschiedenen Partnern haben, als Frauen, die nicht gepierct sind. Und unter schlanken, unverheirateten Frauen ist das Piercen besonders beliebt. Das haben jedenfalls neuseeländische Wissenschaftler herausgefunden. Bei Männern wiederum gibt es diesen Zusammenhang nicht. Was will uns diese Studie sagen? Steht das Tragen von Fremdmetall am Körper in einer Korrelation zur Aufgeschlossenheit gegenüber sexuellen Handlungen, zur Körperfülle oder gar zur spirituellen Kapazität der Trägerin? Gewinnt die Frau als solche durch kaum nachvollziehbare chemische Reaktionen des Metalls mit Haut- und Schweißpartikeln an Libido? Wächst gepiercten Frauen dadurch früher oder später ein Damenbart? Sind gepiercte Frauen gebärfreudiger als ihre metallärmeren Artgenossinnen?
Wir sehen, die Wissenschaftler werfen mehr Fragen auf, als sie durch ihre Studie zu beantworten gedenken.  Einzig schlüssiger Sachverhalt: Männer – ob gepierct, oder nicht – haben immer gleich viel Sex. Logisch; wer pierct schon seine Hände?!
Weit weniger verwirrend ist die Nachricht, die australische Forscher in die Welt streuen. Stress macht dick. Das unter Stress ausgeschüttete Hormon Neuropeptid Y dockt an Fettzellen an und stimuliert sie zu mehr Wachstum. Das ist auch so neu nicht! Ich wusste schon immer, dass ich nicht durch meine falsche Ernährung und den Mangel an Bewegung fett wurde! Es war der pure Stress! Mein Neuropeptid Y! Und wenn ich es recht bedenke, habe ich weder einen Wohlstandsbauch, noch Hüftspeck, sondern eine Stressbordüre, die für jeden sichtbar, als Ausdruck meiner dauerhaften Überarbeitung meinen Körper ziert.
Ob nun wiederum die fetten, gepiercten und zudem verheirateten Frauen mehr Sex haben, als die schlanken, gestressten und ungepiercten, lassen beide Studien völlig offen. Ebenso ist das Rätsel von Sex zwischen schönen, aber gestressten Frauen und hässlichen, gepiercten, stressfreien, aber trotzdem fetten Kerlen gänzlich ungeklärt. Der Weg für die nächsten Studien ist also frei.
Die alles entscheidende Botschaft aber kommt aus Köln. Denn dort haben Wissenschaftler nachgewiesen, dass ein kleines Stück Schokolade am Tag Leben retten kann. Nun ist »klein« natürlich eine Frage der Definition. Schließlich sieht eine 300-Gramm-Milka-Tafel bei einem Baby anders aus als in unmittelbarer Nähe meiner Stressbordüre.
Und als hätten wir es nicht geahnt – und Gevatter Freud lässt weise grüßen – die Forscher nehmen es mit »klein« sehr genau. Exakt 6,3 Gramm Schokolade fütterten sie ihren Probanden über einen Zeitraum von vier Monaten. Das muss man sich einmal vorstellen! Wie will man verlässliche Ergebnisse gewinnen, wenn man in der Summe gerade einmal knapp 750 Gramm Schokolade zu sich nehmen darf? Wohl kaum erwähnenswert, dass mein Neuropeptid Y dafür sorgen würde, dass diese Menge Schoki in reichlich drei Kilogramm Körperfett umgewandelt werden würde. Ganz zu schweigen davon, dass – wäre ich eine unverheiratete, noch schlanke Frau – früher oder später mein Piercing nicht mehr zu sehen wäre. Wichtig bei der Lebensrettung durch Schokolade ist aber das Folgende: Die Wissenschaftler behaupten Stein und Bein, man könne durch den maßvollen Verzehr von dunkler Schokolade (also nicht Vollmilch-Nuss oder Nougat-Marzipan!) fünf Prozent aller Herzinfarkte und acht Prozent aller tödlichen Schlaganfälle vermeiden. Was sagt man dazu? Mein Opa jedenfalls nichts mehr. Er aß ziemlich häufig so eine eklige Herrenschokolade, die niemand außer ihm haben wollte. Er starb an einem Schlaganfall. Vielleicht hatte er einfach nur nicht die richtige Dosis herausgefunden. Dabei war er schlank, hatte keine Probleme mit Neuropeptid Y und hatte im Übrigen auch kein Piercing. Jedenfalls wenn wir voraussetzen, dass der Granatsplitter in seinem Kopf nicht als solches zählt. Hätte sich Opi mal lieber den südamerikanischen Killifisch zum Vorbild genommen. Der kann nämlich ohne Sauerstoff auskommen – ganze 60 Tage! Herausgefunden haben das die amerikanischen Wissenschaftler.
Bei einer weiteren Studie wurde untersucht, ob es einen Zusammenhang zwischen einer gesteigerten Durchblutung des Gehirns durch Joggen und der dadurch hervorgerufenen positiven Entwicklung der Intelligenzleistung gibt. Dazu führten eintausend Testpersonen Lauf-Tagebücher. Alle zwei Monate mussten sie Intelligenztests unter Zeitdruck durchführen. Und was war das Ergebnis? Die Jogger waren blöder als die Faulen! Grund zum Durchatmen für alle Fitnesslegastheniker? Nein! Weit gefehlt! Es war ein wunderbarer Fake von Neil Postman, einem bekannten amerikanischen Medien- und Wirtschaftskritiker. Kaum hören wir die Worte Studie, amerikanische Wissenschaftler aus einer x-beliebigen Universität und tausend Leute, die es probiert haben, und schon knipsen wir in Pawlowscher Manier unseren gesunden Menschenverstand aus.
Wenn ich all das höre, wäre ich gern ein Killifisch. Ich esse täglich 6,3 Gramm Schokolade, treffe gepiercte Killifischinnen mit denen ich Sex habe, und wenn ich feststelle, dass ich immer fetter und dümmer werde, halte ich einfach für 60 Tage die Luft an.

Bailey ist für alle da

Terry liebt seine Schweine. Selbst dann noch, wenn er in der Fleischerschürze vor ihnen steht. Mögen sie ihn kaum erkennen, weil die schwere weiße Schürze vom Hals bis zu den Waden geht und seine Beine in klobigen Gummistiefeln stecken, merken sie auch in ihrer letzten Stunde, dass Terry ein Herz für sie hat. Weil dem so ist, lässt er sie am Tag vor der Schlachtung ausruhen, tränkt sie nur noch und gibt ihnen nichts mehr zu fressen. Ein ruhiges, ausgeruhtes Tier blutet besser aus, als ein aufgeregtes. Auch das Fleisch nimmt Schaden. Entweder wird es zu weich und wässrig, oder aber dunkel und fest. Das passiert den Schweinen von Terry nie. Sie fühlen sich am Tag vor der Schlachtung wie im siebten Himmel. Am Tag darauf kommt Terry in den Stall, nimmt das auserwählte Tier mit sich, streichelt es und redet sanft auf es ein. Das Schwein trottet gehorsam mit, auch wenn von diesem Mensch im weißen Kittel heute eine andere Stimmung als sonst verbreitet wird. Außerdem hält er in der einen Hand einen komischen Kolben, den er sonst nicht dabei hat. Diesen setzt Terry dann gefühlvoll auf die Mitte der Stirn, wartet, bis das Schwein ruhig steht, schaut noch einmal in diese gütigen Augen voller Wärme und Vertrauen und drückt dann ab. Ziel des Bolzenschussapparats ist es, das Schwein zumindest so zu betäuben, dass es bei der Blutentziehung keinen Schmerz mehr empfinden kann. Nachdem das Schwein umgefallen ist, winkt Terry seine Helfer herbei. Mit einem scharfen Messer erfolgt der Halsstich. Wenn das Messer am Anschlag ist, dreht Terry es in der Wunde um genau einhundertachtzig Grad. Dabei werden die Hauptadern getrennt. Wenn er es gut und richtig macht, quillt das Blut sofort kräftig aus der Wunde. Es spritzt dampfend in einen Eimer, in dem einer der Helfer emsig rührt, damit es nicht gerinnt. Terry streicht dabei immer wieder über die borstige Haut des Schweins. Alles ist Teil einer stillen Vereinbarung, die beide seit der Geburt des Tieres geschlossen hatten. Nie würde Terry auf die Idee kommen, den Stich zu weit unten oder oben anzusetzen. Dann würde man zwischen Rippen und Bug stechen und das arme Tier würde langsam und unvollständig ausbluten. Nach dem Stich ist das Schwein für Terry nur noch ein Stück Fleisch. Es wird gerüsselt, gebrüht und dann mit den Schabglocken abgekratzt. Die Augen und Ohren werden entfernt, die Zunge wird herausgeschnitten. Tausend Mal erledigt, immer wieder dieselben Arbeitsgänge, alles ist Terry vertraut und jeder Handgriff sitzt. Später wird das Schwein aufgehängt, der Bauchmittelschnitt wird vollzogen und dann geht es ans Eingemachte. Längst hat das Tier sein Gesicht verloren. Terry hat seine sentimentale Verbindung spätestens mit dem Herausstechen der Augen gekappt, nun ist alles bloße Routine und vergessen sind die vielen Momente der Zuneigung, das unsichtbare Band zwischen Mensch und Tier ist zerrissen. Die tatsächliche Nähe beim Streicheln wie auch das tägliche Füttern, das Ausmisten; alles ist nicht mehr präsent. Die Arbeitsschritte laufen nun mechanisch ab, bis schließlich Keule, Nuss, Hüfte, Bug, Schaufelstück, Nacken, Kotelett und Lende vor ihm liegen. Irgendwann haben er und seine Helfer auch noch Blutwurst, Leberwurst, Presswurst und Schinken hergestellt. Ein langer Tag geht zu Ende, die Werkzeuge werden gereinigt und die Wurstsuppe mit Nudeln schmeckt allen.
Spät am Abend sitzt Terry auf der Veranda, schaut auf das Feld hinaus, auf das er die Schweine am nächsten Tag wieder treiben wird, und ist mit sich und der Welt zufrieden. Vom Räucherhaus herüber weht ein Duft zum Dahinschmelzen und alle Speicher sind randvoll. Die Helfer hat er reich mit Fleisch und Würsten beschenkt und sie werden ihm auch beim nächsten Mal wieder zur Hand gehen. Er geht ins Haus zurück, duscht und legt sich in sein Bett.
Am nächsten Morgen geht er ausgeruht und voller Tatendrang in den Stall. Berta, Bernhard, Bernadette und Billy freuen sich schon aufs Frühstück. Terry gibt seinen Schweinen ausschließlich Namen, die mit einem B beginnen. Warum, weiß er auch nicht mehr so genau. Als seine Frau Babette ihn vor zehn Jahren verlassen hat, gab es noch Schweine mit anderen Anfangsbuchstaben im Namen. Babette meinte damals, dass die Schweine Terry wichtiger seien als seine Frau. Das war natürlich ein Blödsinn, doch seine Frau war weg und die Schweine blieben ihm treu. Sie wiegen nach der letzten Messung zwischen 113 und 136 Kilogramm und sind wie jeden Morgen hungrig. Gierig stehen sie bereit, schauen ihn aus ihren ehrlichen blauen Augen an und Terry weiß sofort, dass sie ihn mögen. So, wie er sie auch mag. Terry öffnet den Stall und will gerade den Eimer in den Trog entleeren, als er auf einer glatten Stelle ausrutscht, den Halt verliert und mit dem Kopf voran auf den harten Boden knallt. Der Eimer fällt mit ihm und entleert sich auf dem Boden. Berta, Bernadette, Bernhard und Billy quieken vor Schreck auf, springen wild durcheinander und können sich kaum beruhigen. Ohne jede böse Absicht treten sie Terry ins Gesicht, in die Rippen, auf Hände und Beine. Sie schaukeln einander so lange auf, wirbeln das Fressen auf, verspritzen Urin und Kot, bis sie endlich die Tür des Stalles aufstoßen und ins Freie entkommen. Terry liegt leblos am Boden. Sein Gesicht ist blutverschmiert, sein rechter Augapfel ist zertrümmert und das Auge nicht mehr sichtbar. Eine Rippe hat sich in die Lunge gebohrt, eine andere hat nach ihrem Bruch mit dem spitzen Teil des Knochens die Hauptschlagader durchtrennt. Blut fließt über den Boden. Bernadette ist zurückgekommen und leckt es auf. Ab und an stößt sie mit der Schnauze an Terrys Gesicht, aber der bewegt sich nicht mehr. Berta, Bernhard und Billy haben leckeres Fleisch im Hof gefunden. Von Bailey aber fehlt jede Spur und vor allem Billy steht deshalb traurig in einer Ecke. Neulich erst hat er diese Prachtsau bestiegen und er war sich sicher, dass sie tolle Ferkel zur Welt bringen wird. Nun schaut er auf den Hof, kaut auf diesem leckeren Stück Ohr herum und hofft, dass sie eines Tages wiederkommt.