Die verbotene Frucht

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Der Apfel ist schon etwas sonderbares. Von außen so hart, aber doch besteht er zum Großteil aus Wasser. Er kann gleichsam süß und sauer sein. Und nicht zuletzt gilt er als die „verbotene Frucht“, auch wenn das wahrscheinlich nur eine Marketingaktion des Christentums ist, denn was für ein Baum es nun genau war, wissen wohl nur Adam und Eva. Tatsächlich war der Apfel den Menschen schon immer unheimlich. Schneidet man ihn längs auf, wollte man vor Urzeiten die sakrosankte Mitte Evas erkennen. Teilt man ihn indes horizontal, erblickt man ein Pentagramm, das Zeichen des Teufels.
Heute hat der Apfel eine andere kultische Bedeutung erhalten. Er prangt auf Laptops, Telefonen und elektronischen Dingern, die eigentlich kein Mensch braucht. Aus einem Apfel kommt Musik, man kann in ihm lesen oder aber tolle Bildchen gestalten. Mag Steve Jobs fragwürdig in der Behandlung seiner Mitarbeiter gewesen sein, aber er hat den Apfel zu einem neuen Götzen aufgebaut. Die Götzenverehrung geschieht in edel-weißen Tempeln, in denen man versonnen über Weißlackoberflächen streichen kann oder aber krampfhaft den Typen sucht, der den Apfel angeknabbert hat.
Da ich in einem Bahnhofsgiganten auf einen Anschlusszug warten muss, vertreibe ich mir die Zeit in einem blühend weißen Laden und schlendere ein wenig durch die Regale. Ein Apfeljünger wittert die Kaufeslust in mir und spricht mich an. „Kann ich Ihnen vielleicht helfen? Suchen Sie einen iPod oder das neue iPhone? Oder unser iPad?“ Ich schaue ihn verwirrt an. Was heißt das eigentlich?  Haben diese neu erschaffenen Begriffe eine Bedeutung? Ich-Kasten, Ich-Telefon und Ich-Polster?
„Wenn ich schon einmal da bin, können Sie mir ja mal das iPad zeigen.“ „Sehr gern“, strahlt er mich an, „kommen Sie mit, Sie werden staunen!“
Ich staune vor allem, wie schnell er durch die Gänge hetzt. Schließlich stehen wir vor einem glänzenden Bilderrahmen. In affenartiger Geschwindigkeit schaltet er das Gerät ein und springt vom Internet zu einem Buch und von dort zu den Emails, um dann bei einer Fotogalerie zu landen. Er strahlt mich an.
„Und? Was sagen Sie? Toll, oder? Ich sage Ihnen, das ist eine absolute Revolution!“ Sein Gesicht schwebt vor mir wie das der bösen Königin vor Schneewittchen. Der Apfel muss einfach vergiftet sein.
„Na ja“, sage ich, „das kann mein Rechner auch. Und mein Laptop erst recht.“
„Das mag ja sein. Doch berühren Sie das iPad nur einmal, streichen sie darüber und sehen sie sich dann noch die Auflösung an.“ Wie ein Junkie streicht er über das Gerät und ich muss unweigerlich an meine Jugendjahre denken. Ich bin wenigstens noch für „Erotisches zur Nacht“ aus dem Bett gekrochen, wenn meine Eltern schliefen, aber dieser völlig kranke Typ nimmt wahrscheinlich seinen iPad mit ins Bett. Mitleidig schaue ich ihn an.
„Ich glaube nicht, dass ich das brauche.“ Er springt zur Seite. „Dann haben Sie aber noch nicht alle Vorzüge kennengelernt! Lesen Sie gern?“
„Ja. Sehr sogar.“
„Auf dieses iPad passen mehr Bücher, als Sie je lesen werden!“
Ich schaue ihn an und runzle die Stirn. „Sagen Sie mir bitte noch, warum ich mehr Bücher haben sollte, als ich lesen kann?“
„Darum geht es doch gar nicht. Sie könnten sie lesen.“
„Und wozu brauche ich mehr Bücher, als ich je lesen könnte?“
„Damit Sie die Gewissheit haben, dass Sie sie bei sich haben, für den Fall, dass sie irgendwann einmal genau das Buch lesen können, was Sie gerade wollen.“
„Könnte ich dann nicht einfach aufstehen und zum Bücherregal gehen?“
„Und wenn Sie das Buch gar nicht haben?“
„Dann lese ich es später.“ Er schaut mich an, als wäre ich ein Relikt aus einer vergangenen Zeit. Ich überlege, ob ich ihm sage, dass ich einen BASIC-Grundkurs belegt habe und es zu meiner Jugendzeit noch Kassettenrekorder gab. Doch er fängt sich.
„Aber sehen Sie doch. Genau darum geht es! Sie können jederzeit das lesen, was Sie wollen. Immer im Internet sein oder Mails schreiben. Sie haben dieses stylische Gerät bei sich und sind jederzeit vernetzt mit allen Möglichkeiten!“
„Toll. Und wenn ich das gar nicht will?“
Er schaut mich betreten an. Ein bisschen tut er mir leid. So ein tolles kleines Teil und ich will nicht. Wahrscheinlich kann man mit dem Ding auch noch kochen und backen und bei weiterem technologischen Fortschritt ploppen aus dem Display nacheinander ein Sixpack und eine ukrainische Prostituierte, die nicht weiß, wie sie hierher gekommen ist, aber trotzdem mitmacht. Weil er sich so angestrengt hat, will ich ihm einen Erfolg gönnen.
„Schauen Sie, mein Telefon ist kaputt. Was haben Sie denn da für mich?“
„Gerade eben reingekommen!“ Er greift in seine Hosentasche. „Ich habe es selbst gleich genommen. Schauen Sie nur! Das neue iPhone 6. Das Beste, das es je gab. Sehen Sie sich nur einmal diese brillante Darstellung an! Ermöglicht durch ein hochauflösendes Retina-Display.“
„Fein“, antworte ich, „das habe ich auch.“
„Nein. Entschuldigen Sie, aber wenn Sie nicht dieses Gerät hier besitzen, geht das gar nicht.“
„Doch, doch. Ich schaue Sie jetzt damit an. Genau in diesem Moment. Und ich sehe Sie glasklar.“
Er übergeht meinen Netzhauthinweis galant und beschreibt mir minutenlang die Vorzüge des zugegebenermaßen formvollendeten Kastens. Am Ende strahlt er mich an.
Ich strahle zurück: „Sagen Sie, kann das Ding auch telefonieren?“
Er sieht mich wieder entgeistert an. „Hören Sie mal! Vor Ihnen liegt das meist begehrteste Smartphone der Welt. Das iPhone war in der ersten Generation die Erfindung des Jahres 2007! Alle anderen Hersteller kopieren die Genialität von Apple nur, schaffen es aber trotzdem nicht. Sie haben hier nicht einfach nur ein Telefon vor sich, nein das ist Kult. Ach, was sage ich, das ist Religion!“
Ich bin beeindruckt. „Ist Steve Jobs dann so etwas wie Gott und muss ich künftig Kirchensteuer an Apple zahlen?“
Nun schaut er grimmig. „Wollen Sie mich verarschen?“
„Das läge mir fern. Außerdem wäre bei Ihnen veräppeln wohl angebrachter. Und da Sie mich schon auf die Idee bringen: Haben Sie auch was mit Birnen? Die mag ich eigentlich lieber als Äpfel.“

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Mitfahrgelegenheit

Es ist ein kühler Herbsttag und Regen peitscht an die Windschutzscheibe. Ich biege gerade stadtauswärts auf die Avus in Richtung Heimat ein, als ich am Straßenrand einen verlodderten Kerl in einem weißen Talar sehe, der total durchnässt ist. Ich überlege, ob ich stehen bleiben und ihn mitnehmen soll. Aber eigentlich nehme ich keine Anhalter mit. Schließlich hört man immer einmal Nachrichten über irgendwelche Idioten, die auf diese Art reisen und sich im Fahrzeug als manisch veranlagte Irre entpuppen. Außerdem bin ich auf langen Fahrten gern allein. Das stetige Fahren eignet sich zur Meditation und zur Strukturierung der sonst wirren Gedanken hervorragend. Ich stelle dabei mentale Listen auf, was ich noch zu erledigen habe, wenn ich angekommen bin. Das geht ganz einfach. Ich brauche mir nur vorzustellen, wie ich die Tür meiner Wohnung öffne und einen Streifzug durch die Räume unternehme.  Staub wischen, die Spinnenweben im Flur entfernen und den wackligen Handtuchhalter im Bad anschrauben. Dann fallen mir auch noch die nicht sofort sichtbaren, aber nicht minder lästigen Dinge ein. Meine Zehennägel schneiden, den Abfluss reinigen oder die Steuererklärung für vorletztes Jahr machen. Andererseits sind mir Menschen lieber als Listen und Erledigungen im Haushalt. Bevor ich also überstrukturiert und mit einem arbeitswütigen Glühen in den Augen nach Hause komme, rede ich lieber mit einem Anhalter. Am Ende siegen mein schlechtes Gewissen und Menschenfreundlichkeit über Zehennägel schneiden und Belege sortieren. Diesen Typen lasse ich nicht im Regen stehen.
Ich bremse und fahre rechts ran. Im Rückspiegel sehe ich, dass er sich in Bewegung zu mir setzt. Seine langen Haare reichen bis zu den Schultern und klatschen beim Laufen vor sein Gesicht. Er hat keine Tasche bei sich, was ich schon wieder komisch, wenn nicht sogar verdächtig finde. Aber jetzt einfach losfahren? Das geht auch nicht. Er öffnet die Tür, steckt seinen Kopf herein und schaut mich an.
»Vielen Dank, dass Sie angehalten haben. Fahren Sie zufällig in Richtung Süden?«
»Ja. Das tue ich. Zumindest bis zum Hermsdorfer Kreuz fahre ich auf der A9. Dann biege ich aber nach Osten ab, auf die A4.«
»Das passt schon einmal ganz gut. Würden Sie mich bitte bis zu diesem Kreuz mitnehmen?«
»Natürlich. Steigen Sie ein.«
Er lässt sich auf den Beifahrersitz fallen, schließt die Tür und schnauft tief durch. Ich fahre los. Er ist schlank, fast mager, hat sehr feine Hände, für das Wetter eindeutig zu braune Haut und er riecht verdammt gut.
»Würde es Ihnen etwas ausmachen, die Heizung nach oben zu stellen? Mir ist ganz schön kalt.«
Er klappert wirklich. Ich habe bei seinen Haaren den Eindruck, dass sie nicht nur wegen des Wassers fettig wirken und sein Bart hat eine Pflege bitter nötig. Doch auch wenn er aussieht wie ein fröstelnder Wegelagerer, gehen von ihm Wärme und Nähe aus. Ich vertraue ihm, obwohl ich ihn nicht kenne. Deshalb sage ich: »Klar drehe ich die Heizung hoch. Sie frieren offenkundig. Wie lange standen Sie schon dort im Regen?«
Er lächelt zu mir herüber und in meinem Seitenblick kann ich unendlich gütige Augen sehen. Vielleicht habe ich auch nur so ein Gefühl. Beruhigend ist es allemal.
»Eine Ewigkeit habe ich dort draußen gestanden. Das macht aber nichts. Ich habe Zeit.«
Er spricht mit einer klaren und warmen Stimme. Ich überlege kurz, ob ich ihn bitten sollte, mir eine Geschichte zu erzählen. Dafür hat er die genau richtige Tonlage. Wie eine wärmende, flauschige Decke, in die man sich als Kind einhüllen kann, bevor Oma ein Märchen vorliest. Wohlbehagen und Vertrauen kann man aus jeder Faser einer solchen Decke riechen.
»Und wo genau wollen Sie hin? Nach Süden sagten Sie doch.«
»Ja, das ist richtig. Ich will nach Süden.«
Wenn er es mir sagen will, wird er es schon tun. Also frage ich nicht noch einmal nach. Da er keine Anstalten macht, ein Gespräch anzufangen, ich aber nicht schweigen will, wenn ich schon einen Menschen im Auto habe, frage ich trotzdem weiter:
»Warum haben Sie denn einen solchen Talar an? Ist schon etwas ungewöhnlich, oder?«
›Schon allein, weil es nicht wettertauglich ist. Und darüber hinaus wirkt es befremdlich‹, denke ich mir.
Er lächelt. Doch dieses Mal wirkt es ein klein wenig höhnisch.
»Sie sind sicher nicht gläubig, oder?«
»Nein, warum? Und was hat das mit Ihrer Kleidung zu tun?«
»Eine Menge. Denn ich habe keinen Talar an mir, sondern eine Soutane. Die gläubigen Menschen wissen so etwas und die Ungläubigen eben nicht. Ein Talar ist viel weiter geschnitten und eine Soutane ist bis zur Hüfte sogar tailliert. Außerdem tragen nur Geistliche eine Soutane.«
Nun habe ich es also. Man glaubt immer, dass es Geistesgestörte gibt, die per Anhalter umherreisen und andere Menschen abschlachten, mehrfach zerteilen und dann in Abfallsäcke stecken. Aber es sind die ganz normal kaputten Existenzen, die einem nichts Körperliches anhaben wollen, aber das Hirn in einer Art und Weise malträtieren, dass man irgendwann den Freitod als verlockend empfindet.
»Aja, vielen Dank für die Aufklärung«, sage ich ihm. »Und wenn Sie mir schon nicht sagen wollen, wohin genau Sie in den Süden wollen, sagen Sie mir vielleicht, was Sie im Süden tun werden?«
»Ich bin dort geschäftlich unterwegs und muss ein paar Dinge gerade rücken. Ich hatte Vereinbarungen getroffen, die nicht eingehalten werden. Daran möchte ich nun erinnern.«
Das ist doch eine genaue und überaus erhellende Antwort. Ich finde es schade, einen Anhalter mitgenommen zu haben, der sich nur so schleppend und ausschließlich auf meine Fragen hin unterhält. Geld will ich für den Transport schon keins, dann kann er wenigstens etwas zum Gespräch beitragen.
»Sie sind mir vorhin ausgewichen, als ich gefragt hatte, wohin genau nach Süden Sie fahren wollen. Ist es ein Geheimnis, das Sie mir nicht verraten wollen?«
»Nach Italien muss ich.«
»Das ist aber noch ein ganzes Stück vom Hermsdorfer Kreuz entfernt. Hoffentlich finden Sie bei dem Wetter jemanden, der Sie mitnimmt. Es sieht im Moment danach aus, als würde es überall auf der Welt regnen.«
›Vor allem werden Sie Probleme als Anhalter haben, da Sie ein mindestens Verwirrter, wenn nicht sogar ein Geistesgestörter sind.‹
»Das bin ich nicht«, sagt er.
»Was sind Sie nicht?«
»Das, was Sie eben dachten.«
»Was dachte ich denn?«
»Sie dachten, dass ich mindestens ein Verwirrter, wenn nicht sogar ein Geistesgestörter bin.«
»Das habe ich nicht gedacht!«, log ich.
»Jetzt lügen Sie auch noch und wissen es überdies. Vielleicht sollte ich wirklich ein anderes Fahrzeug suchen.«
Jetzt reicht es mir! So ein Schnösel! Macht hier auf Gedankenleser, obwohl er dankbar sein darf, dass ich ihn aufgelesen habe. Ich drücke in meiner leicht aufkommenden Wut etwas mehr aufs Gas als notwendig, aber irgendeinen Kanal für meinen Ärger brauche ich. Um das Pedal nicht gänzlich durchzudrücken, mache ich mir dann doch noch verbal Luft.
»Dann machen Sie das doch in Gottesnamen! Ich habe Sie schließlich nicht eingeladen und meinetwegen können Sie auch bis nach Italien laufen in ihrer schicken Soutane, die so herrlich tailliert geschnitten ist. Bloß möglich, dass der Lappen am Ende Ihrer Reise noch etwas weiter fällt, weil Sie so abgemagert sein werden, wenn Sie angekommen sind. Wenn Sie so wollen, haben Sie dann aus der Soutane doch noch einen Talar gemacht!«
›Arschloch!‹, füge ich in Gedanken an.
»Sie sind ein schlechter Mensch im Denken. Ich bin weder ein Geistesgestörter noch ein Arschloch. Eigentlich wollte ich Sie fragen, ob Sie die Zeit entbehren könnten, mich bis nach Italien zu fahren.«
»Bis nach Italien? Geht es Ihnen gut? Sie sollten mir dankbar sein, dass ich Sie überhaupt aufgegabelt habe und bis zum Hermsdorfer Kreuz mitnehme.«
Was bildet sich dieser Idiot eigentlich ein? Macht hier einen auf Woodstock, mystifiziert sich ein bisschen und ich soll ihn nach Italien fahren? Anmaßender geht es kaum.
»Wissen Sie was? Ich halte immer am Rasthof Fläming an und trinke dort einen sackteuren Milchkaffee. Wollen Sie bei der Gelegenheit nicht das Fahrzeug wechseln? Vielleicht finden Sie jemand Netteren, der sie nach Süden mitnimmt. Möglicherweise sogar eine rassige Italienerin, die Sie gleich bis zum Ziel bringt.«
Er legt seine wunderschöne linke Hand auf meine Rechte und hebt mit dieser unglaublichen Stimme an:
»Lassen Sie uns das einfach beim Milchkaffee besprechen. Ich lade Sie ein.«
Ich ziehe meine Brauen nach oben, schiele zu ihm rüber und frage: »Ich will ja nicht aufdringlich sein, aber wo bitteschön haben Sie Ihr Geld versteckt?«
Er lacht nur und sagt: »Lassen Sie das nur meine Sorge sein. Sie werden Ihren Milchkaffee bekommen. Und es wird auch noch etwas für mich übrig bleiben.«
Wir fahren noch einige Kilometer ohne jegliche Konversation. Bei Anhaltern verwirrt mich das genauso wie bei Taxifahrern. Da sitzen sich zwei Menschen so nah auf der Pelle und könnten von Belanglosigkeiten bis zu Hochphilosophischem alles austauschen, doch was tun sie? Nichts! In Zügen ist das noch faszinierender, weil dort zehn, zwanzig und mehr Menschen zeitgleich vertieft in Zeitungen, Smartphones und Bücher sitzen. Sie verpassen die Einmaligkeit eines Menschen neben sich, während sie Belanglosigkeiten im sozialen Netzwerk austauschen. Erstaunlich, wenn nicht sogar traurig.
Es wäre mir weniger unangenehm, wenn eine mir bekannte Person neben mir säße. Bei einem fremden Menschen weiß ich in diesem Moment gar nicht, was in seinem Kopf vor sich geht. Soutane hin oder her.
Endlich sind wir da. Ich setze den Blinker und dessen Geräusch ist das erste, was mir wieder etwas Sicherheit und Vertrauen gibt. Im diesigen Licht der Dämmerung, vermischt mit dem kaum durchschaubaren Regen, parke ich vor dem Rasthof und schalte den Motor aus.
»So. Da sind wir. Lassen Sie uns reingehen. Drinnen ist es garantiert auch angenehm warm.«
»Das ist schön. Vielen Dank schon einmal.«
Mann, diese Stimme! Ich habe noch nie eine so wundervolle männliche Stimme gehört. Der Kerl sollte ins Musikgeschäft einsteigen, wenn er nicht sogar von dort ist. Abgedreht genug sieht er ja aus. Wir trennen uns am Tresen, wo er sich anschickt, eine Dame anzusprechen und unsere Getränke zu bestellen. Ich gehe aber gehe auf die Toilette. Dort angekommen uriniere ich eine gefühlte halbe Stunde. Dabei schaue ich an mir herab und in einem sehr effektvoll direkt über dem Pissoir angebrachten Spiegel. Ich betrachte meine Leibesmitte und denke daran, wie ich am Morgen im Hotel mit einer prächtigen Erektion erwachte und mir die eigentlich zentrale Frage des männlichen Daseins zu Beginn eines Tages stellte: Urinieren oder Onanieren?
Während ich durch den Spiegel beruhigend feststelle, dass ich einen harten und gleichbleibenden Strahl von mir gebe, sinniere ich darüber, ob mein schon im Auto aufkeimender Verdacht bezüglich des Typen richtig sein kann. Nein, es gibt eigentlich keinen Zweifel, wer er ist. Mögen mich andere für bescheuert halten, oder sich einfach in der Diagnose meiner Geisteskrankheit bestätigt fühlen, er ist es. Ich fühle mich angenehm erleichtert, als ich die letzten Tropfen abschüttle, wasche mir die Hände und spritze mir kaltes Wasser ins Gesicht. Dann schaue ich meinem Spiegelbild genau in die Augen und bin mir sicher, dass ich im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte bin. Genauso gut könnte ich in dieser Stimmung mein Testament aufsetzen. Ich verlasse die Toilette und finde ihn an einem Tisch mit zwei Tassen darauf. Es wundert mich nun nicht mehr, dass er sie bekommen hat. Ich setze mich ihm gegenüber, nehme einen Schluck, bedanke mich dafür und schaue ihn einfach nur an. Eine tolle Erscheinung. Doch die Zeit des Wunderns ist vorbei.
»Soll ich Ihnen etwas verraten? Wenn ich Zeit- und Raumüberlegungen beiseitelasse und auch Glaubensfragen übergehe, weiß ich, wer Sie sein könnten. Nein, ich weiß sogar, wer Sie ganz sicher sind.«
»Und, wer bin ich?«
»Sie sind sein Sohn.«

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Er bleibt völlig gelassen. Kein Erstaunen, kein Schweißausbruch, keine brüchige Stimme, nichts. Nur ganz lapidar: »Nun, da haben Sie recht. Und, sind Sie überrascht?«
»Nein. Erst letzte Woche habe ich Napoleon nach Norderfriedrichskoog gefahren und die Woche davor habe ich Kant nach Königsberg gebracht. Der arme Kerl. Stand völlig verwirrt vor der Humboldt-Uni.«
Er kann auch wunderbar lachen. »Humor haben Sie. Das ist schön.«
»Fällt aber noch nicht unter die Zehn Gebote«, antworte ich, nachdem ich noch einen Schluck Milchkaffee getrunken und mir den Milchbart abgewischt habe.
»Haben Sie denn Probleme mit den Geboten?«
»Nein. Sie sind gut gemeint. Nur kann man unmöglich immer nach ihnen leben. Oder zumindest kann man es nur versuchen, sie zu erreichen, aber doch sehe ich sie lediglich als moralische Richtlinien, die wir erreichen sollten, auch wenn es schwer ist.«
Er lächelt und sieht dabei doch ernst aus. »Das ist gar nicht so schlecht. Und ja, es sind Richtlinien. Es ist einem normalen Menschen gar nicht möglich, ein Leben lang in Erfüllung der Gebote zu leben. Sonst hätten Sie ja nicht diese Vielzahl von Beziehungen zu Frauen hinter sich. Nur so als ein Beispiel.«
Gedanklich zähle ich durch, finde die Zahl nun aber nicht gerade teuflisch, im Grunde eher christlich, fast pastoral.
»So viele waren es nun auch nicht.«
»Aber auch nicht nur eine, oder?«
»Sollten wir denn in nur einer bleiben? Auch wenn sich diese verschlechtert, die Partner sich entwickeln, die Partnerschaft aber nicht?«
Er grinst wieder nur. »Vielleicht sollten die Menschen es versuchen, vielleicht auch nicht. Sie sollten aufhören zu streiten, oder streiten, bis sie sich einigen. Sie sollten wütend aufeinander sein und schweigen oder reden und reden. Die Antwort weiß nur er.« Dabei schaut er nach oben. »Was meinen Sie?«
»Wissen Sie, was mich bei meinen Beziehungen immer gestört hat? Diese ewige Frage nach dem Recht und nach der Schuld. Ist es nicht irgendwann einmal egal, wer Recht hat oder nicht? Und ist nicht die gesamte Wut, die sich dem anderen gegenüber anstaut nicht mehr als eine Autointoxikation? Man vergiftet sich jeden Tag ein bisschen mehr, glaubt aber immer, schuld sei der andere. Irgendwann stirbt man, dabei wäre es ein leichtes gewesen, dem anderen zu verzeihen, wenn man es sich selbst gegenüber getan hätte.«
Er lächelt milde zu mir. Etwas zu milde für meinen Geschmack.
»Sie sind gar nicht so schlecht. Solche Einsichten haben viele erst auf dem Sterbebett oder nie.«
»Aber helfen sie mir denn wirklich, wenn sie die anderen nicht erreichen? Wenn die nur nach Geboten Ausschau halten, den Blick nach außen richten, wo sie doch nur im innen aufräumen müssten?«
Wir haben inzwischen ausgetrunken, die Tassen auf einem Beiwagen abgestellt und gehen nach draußen. Als uns der Regen wieder in Empfang nimmt, legt er seine Hand auf meine Schulter und sagt: »Wenn Sie das verstehen, wird es irgendwann noch einen weiteren Menschen geben. Und dann noch einen und so weiter. Ideen sterben nie, wenn sie weitergegeben werden.«
Wir sind am Auto angelangt. »Optimist zu sein gehört bei Ihnen wahrscheinlich zum Berufsbild, oder?«
»Es erleichtert die Sache etwas und bewahrt mich vorm Aufgeben. Ich werde mir gleich ein anderes Auto suchen und Sie verlassen. Haben Sie noch eine Weisheit für mich?«
»War ich ein so schlechter Fahrer? Entschuldigen Sie bitte, dass ich zu Beginn nicht so freundlich zu Ihnen war. Jetzt unterhalten wir uns doch sehr gut.«
»Darum geht es nicht. Wir hatten genau den Weg gemeinsam, den wir haben sollten. Das ist schon alles.«
Ich öffne das Auto, setze mich und lasse die Seitenscheibe runter. Er steht neben mir und hat tatsächlich eine unglaubliche Aura. So viel Wärme und diese Energie! Aber ich habe das Gefühl, dass ich dran bin. Als hätte er mir eine Frage gestellt.
»Nun gut. Ich habe nicht immer nach den Geboten gelebt. Ich habe geprasst, gelogen, betrogen, begehrt und die falschen Götzen angebetet. Aber ich habe mich sehr wohl bemüht. Es ist schwer, sehr schwer. Und wenn Sie mich nun nach einer Weisheit fragen würden, dann gibt es wohl nur eine, die ich wirklich habe. Es gibt so viele Menschen, die als einmaliges Original geboren werden, aber beim Sterben sind sie nur eine billige Kopie von irgendetwas. Ich will das Original bleiben. Mit all meinen Fehlern, mit meinen Stärken und Schwächen. Mit dem, was mich liebenswert macht und dem, womit ich anecke. Bei mir selbst und bei anderen. Vielleicht bin ich dann noch immer nicht vollkommen im christlichen Sinne. Aber ich habe gelebt. Ich habe ein einzigartiges, ich habe mein Leben gelebt.«
Während ich das sage, schaue ich gedankenverloren auf die Tropfen auf der Windschutzscheibe. Die Scheibenwischer sind noch nicht eingeschaltet und deshalb fließt das Wasser zu Rinnsalen zusammen und ich kann nichts sehen. Als ich mich wieder zu ihm wende, ist er nicht mehr da.

Zeitreise

Vor vielen Jahren musste ich jeden Tag mit dem Bus zur Schule fahren. Es war gefühlt mitten in der Nacht, tatsächlich aber kurz vor um sieben in der Früh, als es losging. Ich saß mit den anderen Schülern im Bus und je nach Tagesverfassung waren wir mehr oder weniger müde. Manchen Morgen wurde mir im Ikarus-Gelenkbus 280 so schlecht, dass ich sogar das Unwohlsein wegen einer vergessenen Hausaufgabe verdrängen konnte. Wenn es uns allen aber gut ging, wünschte man sich im Stimmengewirr des Busses sofort zurück in sein Bett. Es wurde gestänkert, getratscht und gequasselt. Diverse Gegenstände flogen durch die stickige Luft des Busses, der aus meiner Sicht etwa die Hälfte seiner Abgase in den Innenraum leitete. Hausaufgaben wurden ausgetauscht, Sammelkarten von komischen Kartenspielen auch und eines wurde ganz bestimmt nicht: geschwiegen.

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Aufgrund einer kapitalen Fehlentscheidung der Exekutive bin ich derzeit gezwungen, mich mit dem Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln fortzubewegen. Man erhofft sich dadurch innere Einkehr und eine tiefe Einsicht meinerseits, was meine demokratische Grundeinstellung zu Werten wie Geschwindigkeitsbegrenzungen und Vorsicht und gegenseitige Rücksichtnahme im Straßenverkehr angeht. Jedenfalls sitze ich derzeit, umringt von schulpflichtigen Personen im Bus und der Straßenbahn, und was habe ich außer der Einsicht in mein Fehlverhalten vor allem? Meine Ruhe!! Die Schüler und Schülerinnen von heute kommen, perfekt gescheitelt, geschminkt und gestylt in den Bus, klatschen Kumpels ab, busseln ihre Freundinnen, hocken sich betont locker und entspannt hin und machen dann was? Schweigen! Tiefstes, meditatives Schweigen, begleitet von flinken Fingergriffen auf dem Handy. Eine Horde stiller Zombies, die in ihre Plastikschalen glotzen, als seien es Taktgeber für das Leben. Sie stöpseln sich Kopfhörer in die Ohren und entfliehen diesem misslichen Ort der Realität, schweifen in sozialen Netzwerken in die wirklich schöne neue Welt ab und verharren so wie eine Leuchtdiode, die unter Strom gesetzt wird, auf ihrem Platz. Ich frage mich, wann die ihre Hausaufgaben machen. Und ich staune. Gedanklich sehe ich den Lehrer toben, wenn sie ihre Sprachzentren im Unterricht wiedergefunden haben und endlich miteinander reden. Vorher aber ziehen sie sich zurück, lassen sich beschallen und suchen ihre Mitte bei einer schwarzen Beere, einem Dreistern oder einem Apfel.
Ich fuhr früher im Bus mit einem Mitschüler, der ein ernstes Problem hatte. Selbst auf der halbstündigen Fahrt zur Schule wurde er nicht Herr über seine abscheuliche Flatulenz. Das Jüngste Gericht und eine Jauchegrube waren Orte der Erholung im Vergleich zu dem Platz neben ihm, wenn er sich kräftig entlud. Heute Morgen habe ich ihn mir herbeigesehnt. Zwischen diese Neuzeitheranwachsenden hätte ich ihn gern gesetzt. Würden sie mitbekommen, dass sie mitten im olfaktorischen Armageddon sitzen oder würden sie verwundert prüfen, ob das Kabel oder gar das Handy schmort? Hätten Sie so viel Chuzpe wie wir früher, die allesamt nach einer mörderischen analen Entgleisung unseres Freundes strafend und kopfschüttelnd fremde Reisende so lange anschauten, bis diese einen hochroten Kopf bekamen und es am Ende selbst für möglich hielten?
Sie könnten ihn nicht hören und da sie gefesselt von ihren Minibildschirmen sind, auch nicht sehen. Sie würden nur merken, dass es ganz entfernt, irgendwo stinkt. Aber zum Glück nicht in ihrer Welt.

Irischer Regen

Kelleys Pub ist unser Leben. Wir sind dort, wenn es etwas zu feiern gibt, wenn wir eine in die Brüche gegangene Liebe betrauern, jemanden zu Grabe tragen oder einfach nur still dasitzen und unser Dasein fristen. Manchmal begegnen sich hier Menschen, die zu Liebenden werden. Später hassen sie sich und alle im Pub wissen darüber Bescheid. Überhaupt gibt es unter uns keine Geheimnisse. Bei Kelley vereinen sich Boulevardjournalismus, Klatsch und Tratsch zu einer Wahrheit, die wir alle gemeinsam wie einen Schatz hüten. Wobei dieser Schatz des Wissens durchaus teilbar ist. Mit Reisenden beispielsweise, denen unser Ort vorkommen muss wie Sodom und Gomorrha. Dabei ist es gar nicht so schlimm. Jede Geschichte wird nur etwas mehr als das tatsächlich Erlebte, weil die Kommunikationskette wie bei einer stillen Post mitunter kein Ende nimmt. Doch eine ganz bestimmte, einzigartige Wahrheit ist es sicher in jeder Stufe.

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Ich sitze wie jeden Abend im Pub und trinke einen Whiskey. Eine Freundin fragte mich einmal, wie es sein kann, dass ein Mann Stunden damit zubringen kann, in ein Glas zu schauen. Ob es in dieser Flüssigkeit irgendetwas gibt, das ihm etwas bringt. Es bliebe doch eindeutig ein Getränk. Etwas ohne Emotionen, ohne Kommunikation. Etwas Nutzloses also.
Ich sagte ihr damals, dass sie keine Ahnung hat.
Einen tieferen Ausdruck von Zugehörigkeit, Genuss, Ruhe und Unendlichkeit kann es unmöglich geben. Es ist Hingabe, Leidenschaft, und gerade weil es wortlos abläuft, ist es ein Universum männlicher Glückseligkeit. Wenn dann noch der rauchige Geschmack vom Gaumen in die Nase steigt, stehen wir an der Himmelspforte. Sie sah mich damals an mit Falten auf der Stirn. Ich hätte ihr noch weiter etwas darüber erzählen können, was der Genuss des »Aqua vitae« einem Mann bringen kann, doch sie erschien mir unwürdig. Ich meine, wie soll man mit einem Partner auf Augenhöhe kommunizieren, der es nicht würdigen kann, was Menschen für großartige Schöpfungen vollbringen können? Dass es uns möglich ist, aus Gerste, Wasser, Feuer und Zeit etwas so außergewöhnliches zu erschaffen wie einen Whiskey, kann nicht oft genug gepriesen werden. Dass sie es nicht verstand, wunderte mich nicht. Es konnte unmöglich sein, dass eine Frau etwas von Whiskey versteht. Das ist unvereinbar.
»Ist der Platz hier frei?«, fragt mich eine dunkle, aber offenkundig weibliche Stimme. Ich mustere die Fremde in der Hoffnung, dass ich sie fragen kann, ob es einen Zusammenhang zwischen der Ablehnung von Whiskey und weiblichen Hormonen gibt. Sie wirkt etwas ungelenk. Aber sie hat blaue Augen, lange blonde Haare, einen ansehnlichen Vorbau und der knappe Rock verspricht ein paar scharfe Beine. So übel ist sie nicht.
»Ja«, sage ich.
Sie schaut mich etwas verwirrt an. Typisch Frau. Stellt eine einfache Entscheidungsfrage, die einzig und allein die kürzeste aller möglichen Antworten nach sich ziehen kann, erwartet dann aber, dass man ein epochales Gespräch beginnt. Warum soll ich das tun? Das Gespräch ist beendet.
»Was trinken Sie da?«
Alles klar. Ein Beobachtungs- und Kommunikationswunder. Die Flüssigkeit in meinem Glas sieht aus wie ein Whiskey, sie riecht wie ein Whiskey und es wird sehr überraschend ein Aporol-Spritz sein.
»Ich trinke Whiskey«, antworte ich.
»Oh, welchen denn?«, fragt sie aufdringlich. Machen manche Frauen jetzt schon auf den weiblichen Jackson? Oder heißt sie mit Nachnamen Schobert?
»Einen Irischen.« Wir wollen die Kommunikation ja nicht gleich übertreiben. Sie verzieht das Gesicht, weitet die Augen und antwortet in einer Art, die ich als genervt bezeichnen würde, wenn wir in einer Beziehung stünden.
»Geht es vielleicht etwas genauer? So klein ist Irland nun auch wieder nicht. Und es gibt dort mehr als eine Destille.«
Eine Besserwisserin also. Schnepfe. Lexikonleserin. Ich mustere sie noch einmal und nehme einen großen Schluck.
»Einen Jameson 18 Years Master Selection. Hat wahrlich nicht jeder Barkeeper im Schrank stehen. Aber Kelley hat ihn.«
»Okay, ich nehme auch so einen. Was kostet der?«
Geizig ist sie also auch noch! Was spielt das für eine Rolle? Und wird sie umfallen, wenn ich es ihr sage?
»Ein doppelter kostet fünfzehn Euro.«
»Das bin ich mir heute wert«, sagt sie, winkt Kelley herbei und bestellt sich tatsächlich einen.
Kelley bringt ihn und sie wiegt das Glas in ihrer Hand, schließt die Augen, riecht daran und schwenkt das flüssige Gold andächtig. Sie wirkt wie ein passionierter Whiskeytrinker, gefangen im Körper einer Frau. Meine damalige Freundin hat mich immer gefragt, was es mit diesem Gehabe um den Whiskey drumherum auf sich hätte. Ob es nicht reichen würde, ihn zu trinken und basta. Sie trinke schließlich auch Rotwein, ohne sich zum Sommelier aufzuspielen. Ich habe ihr damals die wahrste Wahrheit gesagt. Dass es um Souveränität durch Selbstbestimmung geht. Dass ich beim Genuss meine eigene Zeit selbst bestimme. Ein Glas Whiskey ist ein verlorenes Zeitkontinuum auf einem Platz an der Bar. Und genau dort ist der Raum, der frei ist. Frei aus sich selbst heraus, aber auch frei von Hektik, Arbeit, Verpflichtungen und jeglicher Art Fremdbestimmung. Und er wird getragen von einer unsichtbaren Macht. Der Macht des Schweigens. Wenn George Clooney in »Männer, die auf Ziegen starren«, eine Ziege durch pure Willenskraft umwirft, dann ist es diese kaum greifbare Kraft des Schweigens, mit der wir Männer alle und alles niederringen. Vom Ungeheuer, das sich uns edlen Rittern in den Weg stellt, gleich, ob es sich dabei um einen Drachen, einen Steuerprüfer oder die eigene Freundin handelt.  Darüber hinaus wäre es ein Sakrileg, wenn man die Langsamkeit der Herstellung eines Whiskeys bei seinem Genuss Lügen straft. Jahrelang wird er gelagert, dann kann man ihn einfach nicht runterschlucken, wie ein Teenager eine Whisky-Cola.
Ich schaue zu meiner Nachbarin und sehe, wie sie noch immer das Glas schwenkt und mit ihrer Hand den wertvollen Inhalt auf eine trinkbare Temperatur erhitzt. Fünfzehn Euro pures Glück. Da ist es selbst im Bordell teurer. Man sollte immer die Verhältnismäßigkeit sehen. Ich schaue zu, wie sie das Glas zum Mund führt, die Augen schließt und genießt. Stunden vergehen.
»Man könnte sich von seinem Duft irreführen lassen. Sherry und Aprikosen, vielleicht auch ein Hauch Toffee. Aber beim Trinken, wenn er sanft den Gaumen streicht, dann fließt er ganz harmonisch würzig, holzig, aber doch auch süß. Eine gute Empfehlung von Ihnen. Danke.«
Sie schaut mich an und lächelt. Alle Achtung! Das war mit Sicherheit nicht ihr erster Whiskey. Ich sollte mein Frauenbild überdenken. Denn in dem Maße, wie meine Achtung vor ihrem unstreitig fantastischen Urteilsvermögen steigt, wächst auch ihre Attraktivität. Plötzlich steht ein wunderschöner, begehrenswerter blonder Engel vor mir, der auch noch imstande ist, einen Whiskey mit mir zu trinken. Kelleys Bar ist ein Platz von Gottes Gnaden. Ich schwenke um vom kauzigen, wortkargen Kneipenlümmel auf den eloquenten Verführer. Mein Lächeln sitzt, ich finde mein Sprachzentrum wieder und es sprüht Funken, die von Hormonschwärmen in meiner Körpermitte und leicht entflammbaren Synapsen gelenkt werden. Keine fünf Minuten später sitze ich so nah bei ihr, dass sich unsere Körper berühren. Ich lege meinen Arm um sie und meine Stimme verfällt in das, was ich mein Verführer-Tremolo nenne. Wir stoßen an und sehen einander tief in die Augen. Kelley wittert das große Geschäft des Abends und steht mit der Flasche Jameson vor uns.
»Noch einen?«, fragt er schelmisch grinsend.
»Ja, klar«, sagt sie. Es gefällt mir, wie sie energisch die Gläser schnappt und sie von Kelley füllen lässt. Und es erregt mich.
Ich hebe mein Glas und proste ihr zu. »Ich heiße Alex.«
»Christina«, sagt sie, beugt sich zu mir und küsst mich gefühlt so lange, wie ein guter Whiskey im Fass braucht. Wir befreien unsere Zungen voneinander und trinken einen Schluck. In ihren Augen sehe ich Unendlichkeit, Sünde und Hemmungslosigkeit. Also stürze ich mich wieder auf sie. Gierig begegnen sich unsere Zungen, ihre Hände fahren von meinen Schultern über meine Brust bis zu meinen Bauch. Die Luft bleibt mir weg. Sie öffnet ihre Schenkel und setzt sich so auf den Barhocker, dass es mir möglich ist, sie überall zu berühren. Ihr Rock rutscht nach oben und gibt tatsächlich wahnsinnig scharfe Beine preis. Wir werden das Wochengespräch bei Kelley sein. Aber es ist mir egal. Diese Frau ist perfekt. Meine Hände gleiten gierig von ihrer Hüfte zu ihren Brüsten, streichen darüber, fahren zu ihrem Bauch und verharren dort. Unsicher schaue ich noch einmal in den Barraum, während Christina schon damit beschäftigt ist, meinen Schritt zu erkunden. Nach einem letzten Schluck lasse ich mich nicht lumpen, lege meine Hand auf ihren Schenkel und fahre langsam nach oben in Richtung ihrer Heiligkeit. Wir knutschen weiter wild und ich erreiche das Ziel meiner Wanderschaft. Dabei erstarre ich. Während sie mich weiter streichelt und küsst, gefriert meine Zunge und durch den pulsierenden Gegenstand in meiner rechten Hand wird mir klar, dass ich recht hatte. Frauen und Whiskey passen nicht zusammen.

Neues aus Witzwort

Es begab sich einst im schönen Orte Witzwort, in Nordfriesland, dass sich die gemeinen Vertreter des Orts in der Gemeinverwählung trafen. Als da waren Horst der Älteste, Horst der Ältere, Horst der Jüngere und Horst-Horst, dessen Herkunft bis horste im dunklen Horst des Waltrauts lagen. Man schrieb bereits den Monat August und spätestens jetzt wurde es Ernst für die Horsts, denn die Weihnachtsvorbereitungen liefen auf Hochtüren.

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»Wie wollen wir den Baum in diesem Jahre deflorieren?«, fragte der Horst der Älteste in die Runde.
»Ich dachte, dass wir zum Schmücken weniger Chlorella nehmen, die weißt doch, dass ich auf Aluminium allergisch bin und immer defäkieren muss, wo ich auch geh und steh. Besonders in der Kirche, wenn der Pfarrer von der Schranze betet, wirkt das unpassend«, schrie der etwas taube Horst der Ältere.
»Was braucht ein Mann Meer im Leben, als einen Stuhl, der sämig geht, einen gescheit geschissenen Haufen Geld und eine Frau zum Prügeln?«, fragte Horst-Horst, wie immer unerhört.
»Aber das ist doch keine Schranze! Steht der Alte nicht auf dem Altar?«, sagte Horst der Jüngere, dessen Verstand bei der zerdrehten Geburt im Nabeltau hängen blieb.
»Nein, nein, ihr Ungebundenen! Das ist doch kein Altar, vor das der Ehefreudige tritt, es ist das Schafott!«, klärte Horst der Älteste die Unkundigen auf und fügte hinzu: »Können wir nun bitte wieder zur Tagesordnung benehmen?«
»Ja, gern. Gott säge und verhülle euch«, pflichtete ihm Horst der Ältere bei. Und Horst der Jüngere schlug nach einem Blick aus dem Fenster vor: »Lasst uns nach draußen gehen, das Wetter ist so schön.« Und so beschlossen sie es dreistimmig einstimmig, denn Horst-Horst hatte kein Stimmrecht.
Der Wind zog nun reisig durch den Taler, aber auf dem Hügel schien die Sonne wie zum Kotze. Kotzig und erhaben thronte sie über den beskalpten Häuptern von Horst dem Ältesten, Horst dem Älteren und Horst dem Jüngeren. Nur nicht über dem Haupte Horst-Horsts, denn er war dumm. Da standen Männer, die ihre Mäuler wie Karpfen öffneten, als Edda, die geliebte und gehasste Dorfschranze ihre Bumsel zum Trocknen auf die Leier hing. Nun starrten sie gebannt auf die sie Bannende, während Horst-August um die Ecke stob, Block und Bleistift am Revers, für die lokale Presse unterwegs. Für die September-Ausgabe des Magazins suchte er noch vierschrötigen Ballast und die Horsts mit Edda boten ein gutes Bleistil. Noch einmal sog Horst-August am Lucky-Strike-Stängel in seinem Mund, denn ein gut geteerter Luftzug ist wie Espresso für die Lunge. Dabei blieb er beim Laufen an einem protzigen Bilde hängen. Dem rastenden Reporter hatten sich die Pogrome der Parteien zur Wahl in den Weg gestellt. Beim Lesen des plakativen Plagiats stellte Horst-August fest, dass Allerfuß demoskopischer Unfug Gewehr bei Pfötchens Tand, um die Hirne der Menschen zu maskieren.
»Halt, ihr Horstens, wartet auf mich und gebt mir Auskunft zu eurer Sitzung!«
Während Horst-August langsam vor den sonnenbeschienenen Horstens zum Stehen kam, ergriff Horst der Älteste das Wort. »Gern würden wir mit dir darüber pubertieren, aber wir müssen nun auf zu neuen Opfern. Horst muss zum Themenabend, Horst muss mit Thera den Abend verbringen, und ich setze mich mit dem Theraband auseinander, weil der pente Thera-Horst starb, als er mit dem Expander seine vergorene Jugend wiederholen wollte. Und was Horst-Horst macht, weiß nur der Herr. Vielleicht muss er seine Mathe-Schularbeiten aufarbeiten. Dann geht er in die Thera-Pi.«
Und Horst-August fragte sich, warum er nicht auf seinen Vater Horst gehört hatte, der ihm immer sagte, bei der Berufswahl die Aulen möglichst offen zu halten. Nun sah er sich schon wie einen Geköpften mit einem Engel vor die Himmelspforte treten. Der Engel fragte ihn: »Ist diese Aussicht nicht sarghaft?«
»Ja«, sprach da sein Kropf, der auf der im Taler auf der Erde blieb, »mein ergo kann es kaum fassen.«

Ernährungsumstellung

Ein Löwe liegt lustlos unter einem Baum in der Savanne und verjagt mit seinem Schwanz lästige Insekten. Ein anderer Löwe kommt auf ihn zugelaufen und unter normalen Umständen hätte er gut Lust, diesen Eindringling aus seinem Revier zu vertreiben. Doch nach dem Verspeisen einer prächtigen Antilope ist er selbst dafür zu faul.
„Mogli, kann ich mit dir reden?“, fragt der ungebetene Gast.
„Nur zu, Bakira.“
„Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll. Meine liebste Löwin Samba isst kein Fleisch mehr.“
Fassungslos schaut Mogli auf Bakira. „Soll das ein Witz sein? Wie will sie überleben? Wie eure Kinder ernähren? Wenn sie an diesem Schwachsinn festhält, solltest du sie verbannen.“
„Darüber habe ich schon nachgedacht, aber Samba hat ziemlich gute Argumente.“
Mogli hebt eine seiner buschigen Augenbrauen. „Und die wären?“
„Sie sagt, dass Antilopen bei der Jagd Stresshormone ausschütten und ihr Fleisch deshalb nicht mehr gesund ist. Ich habe darüber nachgedacht und auch schon erwogen … “
„Bakira! Wage es dir gar nicht erst, diesen blödsinnigen Gedanken auszusprechen! Was sollen wir denn außer Fleisch bitteschön essen? Und dann noch deine Frauen! Immer wollen sie nur reden, denken und erklären. Aber die Hormone einer Antilope reden nicht! Sie machen das, was zum Beispiel Großkonzerne auch tun. Sie schütten aus!“
Mogli schüttelt seine Mähne und schaut auf Bakira. „Was isst Samba eigentlich stattdessen?“
„Also Samba kaut Halme.“

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Mogli denkt kurz nach, dann hat er die Idee, wie sie das Problem lösen können und er sieht mit stahlhartem Blick in Bakiras Augen.
„Soso. Wie eine Antilope also.“