Selfmähd-Millionär

IMG_20140512_144250In richtig teuren Coachings und Seminaren lernen gestresste Menschen neben vielen anderen wichtigen Dingen vor allem »Nein-Sagen«, Meditieren und Entspannen. Beim ersten Punkt habe ich noch Optimierungspotential, denn meine mangelnde Fähigkeit, »Nein« zu sagen, manifestierte sich in einem freudigen »Ja«, als die Frage zu beantworten war, ob ich Zeit hätte, eine Wiese zu mähen. Als ginge es um ein Duell gegen einen Nebenbuhler, durfte ich mir die Waffen der Grasvernichtung aussuchen und entschied mich gegen den elektrischen Rasentrimmer und für die gute alte Sense. Bin schließlich keine Memme. Darüber hinaus ist ein Apfelbaum zu pflanzen das ist hinreichend bedeutungsschwer, sodass dabei erst recht keine Ablehnung möglich war.
Ich stehe vor den Einzelteilen des Geräts und habe bereits beim Zusammenbau Probleme. Der Sensenbaum muss irgendwie an der Sense befestigt werden und es dauert reichlich fünfzehn Minuten, bis ich die beiden Schrauben so festgedreht habe, dass es einigermaßen stabil und zum Sensen tauglich erscheint. Beim Blick auf die Wiese fällt mir sofort ein, dass ich im Anschluss an meine Arbeit wirklich dringend ein Seminar besuchen und lernen sollte »Nein« zu sagen. Es sieht nach einer Sisyphos-Arbeit aus. Aber war es nicht Camus, der sagte, dass wir uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen müssen? Zumindest habe ich für das Erlangen dieser Erkenntnis eine Menge Geld für ein Seminar gespart. Weniger sparsam bin ich bei meinem Enthusiasmus, der sich darin manifestiert, dass ich beim Schärfen des Sensenblattes mit dem Wetzstein einmal an meinem Daumen hängenbleibe und mir eine ordentliche Schnittwunde zufüge, noch bevor auch nur ein Grashalm gefallen ist. Mit dem Verbandszeug aus dem Auto gelingt mir eine Erstversorgung und ich stelle mich nach dem Überwinden eines kleinen Schwindelanfalls wieder der Aufgabe. Schließlich will ich nicht auf Kasse machen, wenn doch die absolute Entspannung und eine gepflegte Grünfläche winken. Ich hole kräftig zum ersten Hieb aus, das Gras fällt und der Optimismus in mir gewinnt die Oberhand. Das wird alles gut werden. Nicht zuletzt lernen ausgelaugte Menschen in Seminaren auch, dass es nicht um die Zeit geht, sondern darum, im Moment zu sein. Es gibt die Zeit gar nicht, nur das Leben im Augenblick. Ich genieße jeden davon, während ich die Sense immer einen Meter weiter nach vorn bewege und Hieb um Hieb das Gras fällt. Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Der Weg zum Sensenmann mit dem ersten Hieb. Tatsächlich machen sich in mir Ruhe und Freude breit. Keine Zukunftssorgen, keine Wenn-Dann-Illusionen, keine belastenden Gedanken um Beständigkeit und Sicherheit, einfach nur der Moment.
»Der mittelalte Mann und das Gras«, Hemmingway würde sich freuen.
Es wäre fatal darüber nachzudenken, dass Gras im Allgemeinen dazu tendiert, nachzuwachsen und die Grünfläche einen Monat später wieder so aussehen wird, wie vorher. Doch darüber sinniere ich nicht. Absichts- und Bedingungslosigkeit und unbedingtes Hier-Sein, so wird Gras vernünftig gemäht. Natürlich auch ohne einen perfektionistischen Anspruch. Ohne Planung, Organisation und Kontrolle. Einfach drauflos, und ob ein oder zwei Halme mal länger stehen bleiben oder nicht, berührt nicht im geringsten meine innere Haltung. Loslassen. Mähen um des Mähens willen, nicht wegen des Erfolgs einer klaren Graskante. Zwischendurch denke ich an meinen Opa. Der ist dauernd aufs Feld gezogen, mal mürrisch, bei bester Stimmung nur schimpfend, und hat hektargroße Flächen mit seiner Sense gemäht. Er musste sich abrackern und ich freue mich über das meditative Mähen mit der Sense.
»Können Sie das denn überhaupt«, schalmeit es mir aus dem Nachbargarten entgehen. Die Nachbar-Oma hat ihr Schachern in der Erde unterbrochen. ›Alte Menschen lieben scheinbar das morbide Tun, die Erdnähe‹, denke ich, während ich die Sense auf den Boden absetze und mich lässig daran lehne.
»Ja, sicher«, antworte ich ihr. »Ich habe das als Kind dauernd mit meinem Opa gemacht.« Dabei spare ich aus, dass ich nur mit einer kleinen Handsichel rumgewerkelt habe und meine Oma es sicherheitshalber für sinnvoller befand, mir diese zu entreißen, weil sie sowohl ihre Blumen, als auch meine Gesundheit in Gefahr sah. Außerdem verschweige ich, dass ich mir vor Arbeitsbeginn ein Anwendungsvideo auf Youtube angeschaut habe.
»Es wird wirklich Zeit, dass sich mal jemand um diesen Schandfleck kümmert!«, brüllt sie herüber. Ich hoffe, dass sich der Schandfleck auf die Wiese bezieht. »Wissen Sie eigentlich, wem das Grundstück gehört?«
»Nö, ich bin hier nur der Sensenmann«, lüge ich tiefenentspannt, sehr wohl wissend, in wessen Eigentum der Acker steht.
»Dann lassen Sie sich das aber gut bezahlen«, rät sie mir fast fürsorglich.
»Was soll eigentlich mit dem Bäumchen dort werden?«, fragt sie, während sie zum Apfelbaum zeigt.
»Den pflanze ich nachher noch ein«, antworte ich so höflich, wie es mir bei einer Antwort auf eine saublöde Frage eben möglich ist.
»Passen Sie aber bloß auf, dass er nicht zu nah an meinem Grundstück steht! Ich mag die Sonne in meinem Garten, und wenn dann nur noch Schatten ist, habe ich gar nichts mehr zum Freuen!«
Diese Zeit ist also nicht nur beim Grasmähen sehr lehrreich, sondern auch beim Dialog mit der Nachbarin. Es ist relativ sicher, dass ich noch gerade so erleben werde, dass dieser Baum einen richtigen Schatten wirft. Im besten Fall pflanzt man Bäume immer für die Nachwelt, ganz gleich, ob für den Schatten oder für den Genuss von Äpfeln. Ganz sicher ist, dass sie den Baum in groß nicht erleben wird. Aber Angst vor dem Schatten hat sie trotzdem. Bäumt sich hier die Metapher riesig auf und ist die Angst vor dem Schatten bei ihr im Grunde nur die Angst vor dem Ende, vor ewiger Dunkelheit und Verdammnis? Ich weiß es nicht. Ich lerne aber, dass wir Menschen uns vor allem vor der Unmöglichkeit ängstigen und unser Hirn im Angstzustand keinerlei Logik zulässt.
»Machen Sie sich keine Sorgen«, antworte ich überraschend freundlich. »Ich werde den Baum auf der anderen Seite des Grundstücks pflanzen. Dann haben Sie bei sich für Ewigkeiten Sonne.« Ein Schattendasein fristen Sie ja schon ausreichend, denke ich, aber ich halte den Mund.
Sie schaut mich mürrisch an, nickt und ich sense weiter. Das Gras fällt und der Haufen mit den Halmen wird immer größer. Ich harke ihn in relativer Nähe zum Nachbargrundstück zusammen, wohl wissend, dass von ihm eine latente Schattengefahr für die alte Dame ausgeht. Sie beobachtet mich, kommt an den Zaun und richtet das Wort an mich.
»Wie heißen Sie eigentlich?«
Ich frage mich, was es das Mütterchen angeht, da ich aber zum Entspannen und noch nicht zum »Nein-Sagen« da bin, kann ich es ihr sagen.
»Jischinski.«
Sie mustert mich. »Dann kommen Sie aber nicht von hier, oder?«
»Nein. Sie hören doch, dass ich dialektfrei spreche.«
»Aha.«
Ich bin überrascht, dass meine Ethnie damit geklärt ist. Sie hat bereits andere Sorgen.
»Aber bitte passen Sie bloß auf meine Pfingstrosen hier am Rand auf!!« Sie zeigt auf einen Busch und kümmert sich wieder um die Arbeit in ihrem Garten. Ich sense fröhlich weiter und bin erleichtert, dass ich weitermachen kann. Welche Dinger hatte sie doch gleich gezeigt? Wir Stadtmenschen können unmöglich eine Pfingstrose von Unkraut unterscheiden. Ich lasse vorsichtshalber alles stehen, was nicht wie Löwenzahn oder Gras aussieht und schwinge munter die Klinge, harke zusammen und genieße die Arbeit inzwischen sehr. Bei einer kleinen Pause schaue ich auf die riesige Menge Grünzeug, die sich zu einem bedrohlichen Schattenmonster auftürmt. Ich rufe zum Großmütterchen rüber:
»Sie haben nicht zufällig Viehzeug, an das ich diesen Haufen hier verfüttern kann?«
Sie schaut zu mir, dann zum Gras und wieder zu mir und antwortet: »Früher ja, da hatte ich immer Vieh, was das Zeuch fressen konnte! Aber heute? Heute, nein, da habe ich kein Viehzeug und keinen Mann mehr.«

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