Termine im März 2017

Ich freue mich auf die Termine im März 2017:

Am 05.03.2017 lese ich ab 09.30 Uhr zum „Irisch-ironischen Frühstück“ in Hillenbrands Lindhof, Ulsenheim 44, 91478 Markt Nordheim. Frühes Aufstehen ist angesagt, aber es lohnt sich. Irische Geschichten treffen auf Kurzgeschichten aus „ironisch“ und abgelöscht wird mit einem irischen Smoothie aus dem Hause Guinness.

Am 23.03.2017 lese ich im Rahmen der offenen Lesebühne „Endstation Hoffnung“ in Gera aus der Geschichte „It’s good to be alive in Colma“ aus der „edition Caput III – Trauer, Abschied und Neubeginn“. Oder ich lese was mit Schwänzen. Wir beginnen um 19.00 Uhr und wenn außer uns Autoren keiner weiter kommt, lesen wir uns gegenseitig die aktuellen Manuskripte vor, bis dem ersten schlecht wird.

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Blinddarm im Kopf

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Der Kaffee ist längst kalt. Professor Dr. Brain-Hurts schaut durch das Fenster auf die verschneite Straße vor der Charité in Berlin. Wieder und wieder schüttelt er den Kopf. Er ringt um Worte, setzt an, sucht nach Erklärungen – für sich selbst, für die Anderen –, um dann doch wieder mit einem Lächeln ins Leere zu blicken. Minuten vergehen. Der Reporter ihm gegenüber wartet. Es darf seine Zeit dauern. Angeblich soll der Professor etwas Außergewöhnliches entdeckt haben. Hier lauert eine echte Story. Kein halbseidener Skandal, nichts, was morgen schon niemanden mehr interessieren wird, nein das hier ist richtig groß. Riesengroß. Epochal. Universal. Dafür hat der Reporter einen Riecher. Er schnäuzt sich kräftig in ein Taschentuch.
Das übliche hektische Treiben umgibt die beiden, aber Professor Dr. Brain-Hurts wirkt bei alledem wie ein Fremdkörper, ein zur Ruhe gekommenes Teilchen inmitten eines Sturms. Endlich kann er darüber reden. »Es war eine Routineuntersuchung in der neurologischen Abteilung. Es fing auch ganz harmlos an. Aber dann kam eins zum anderen. Es hätte uns stutzig machen sollen, dass diese Person den Fragebogen komplett ohne Rückfragen ausgefüllt hat. Aber das gibt es schon ab und zu mal. Auch dass ein Patient rücksichtsvoll ist und erkennbar Dankbarkeit und Demut zeigt, kommt auch in einem von tausend Fällen vor. Doch dann konnte die Person ohne fremde Hilfe Wortfolgen über 140 Zeichen hinaus bilden. Einfach so! Das muss man sich mal vorstellen!« Wieder dieses Kopfschütteln. Im Ruhestand würde der Professor jederzeit eine geringfügige Anstellung als Wackeldackel finden. »Wir kamen aus dem Staunen gar nicht mehr raus! Diese Person war in der Lage, fernab von schwarz oder weiß zu denken! Sie konnte eigenmächtig abstrahieren, unterschiedliche Standpunkte beleuchten und dadurch zwischen den Polen schwarz und weiß so viele Schattierungen von grau erkennen, dass es uns die Sprache verschlug. Diese Person nahm eine Metaposition ein, wog verschiedene Meinungen kritisch ab und schlug sich nicht einfach so auf die eine oder die andere Seite. Sie verurteilte nicht vorschnell, schrieb keine gehässigen Posts, fotografierte weder sich selbst, noch jede Form von Nahrung und hatte ein originär eigenes Urteilsvermögen. Es war unglaublich!«
Der Professor nippt am Kaffee und verzieht das Gesicht. »Die Person konnte sich artikulieren, beherrschte mehr als die Grundrechenarten, war kaum in den sozialen Netzwerken aktiv, kannte sie aber; nutzte bei Aufgabenstellungen nicht Wikipedia oder Google und verblüffte uns mit Antworten, die wir, vielleicht etwas hemdsärmelig, aber so doch fürs erste ›gesunder Menschenverstand‹ getauft haben. Natürlich erst, nachdem wir die Person vollständig untersucht haben. Es war völlig klar, dass wir sie röntgen mussten. Dabei stellten wir eine Anomalie im Kopf der Person fest. Eine weitergehende Untersuchung im Rahmen der Autopsie, und es ging ja gar nicht anders, brachte es dann ans Licht.«
Der Professor schaut versonnen, aber voller Stolz in die riesige Halle der Charité. »Wir haben ein neues Organ gefunden. Es sitzt im Kopf der Person und wir haben es ›Gehirn‹ getauft.«
Wieder dieses Kopfschütteln. »Eine einmalige Entdeckung. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Damit stehen wir natürlich ganz am Anfang der Hirnforschung. Wir wissen noch nicht viel über dieses Organ, glauben aber, dass die Person die selbstreflektierenden Gedanken, die Fähigkeit zur Abstraktion, ja sogar das eigene Bewusstsein und die Präsenz und Anwendung echter Werte aus diesem Organ schöpft.«
»Darf man denn wissen, welches Geschlecht diese Person hat? Schließlich wäre es von erheblichem Interesse für die Geschlechterforschung, für den Fortgang von Gendermainstreaming und das gesamte menschliche Paarverhalten, wenn wir wüssten, welches der Geschlechter dieses unglaubliche Organ besitzt!« Der Reporter verharrt mit dem Kugelschreiber über seinem Block. Vor seinem geistigen Auge sieht er bereits den Leitartikel mit seinem Namen abgedruckt. Morgen früh, vor allen anderen.
Professor Dr. Brain-Hurts schmunzelt, dann streicht er über die weiße Tischdecke, zupft etwas an der Kunstblume und schnauft. »Wissen Sie, ich weiß auch noch nicht, wie ich das meiner Frau beibringen soll. Oder wie wir es den Menschen vermitteln. Es ist nämlich so …« Der Professor schaut nun mit klarem Blick, die Stimme ist wieder fester. »Also diese Person ist weder eine Frau noch ein Mann. Aber das ist letztlich folgerichtig. Ich meine … wenn Männer oder Frauen so ein phantastisches Organ hätten … überhaupt die uns bekannten Menschen … ich meine … das wäre uns doch schon längst aufgefallen, oder?«

Mark deckt auf – Stunk in der Agentur

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»Herr Macho, so geht das nicht weiter«, sagt der Sachbearbeiter von Embispé mit einer tiefen Stirnfalte.
Macho beugt sich zu ihm hinüber und schielt auf den Bildschirm.
»Was’n los?«, fragt er neugierig.
Der Sachbearbeiter von Embispé nimmt die Brille ab und vergräbt das Gesicht in den Händen. »Herr Macho, Sie kommen von jedem Vorstellungsgespräch mit einer Absage zurück und wenn Sie mal zur Probe arbeiten, dann dauert das im besten Fall zwei Tage.«
Machos Augen verengen sich zu Schlitzen, er gibt ein gepresstes Geräusch von sich. »Hmmm, rrrrr, ohh, mhh, ohh …«
Embispé tritt Schweiß auf die Stirn. »Herr Macho? Geht es Ihnen nicht gut?«
»Ach, Sie wissen doch … mein Problem!! Ich versuche wirklich, damit klar zu kommen, aber wenn es kommt, dann kommt es … Moment …!«, stößt Macho gepresst hervor.
Fluchtartig verlässt er das Büro. Er stürzt hinaus und sieht sich hilfesuchend um. Eine Mittvierzigerin schwebt in Birkenstocksandalen über den Flur, auf ihrem Kopf etwas Nestartiges in braun und in ihrer Hand eine dampfende Tasse Kaffee, aus dem sich der Geruch wie Feenstaub im Gang verteilt. Sie sieht entsetzt zu Macho und verschwindet sofort in einer der vielen Türen. Macho rennt über den Gang und dann, endlich, entdeckt er eine geöffnete Fahrstuhltür. Er geht hinein und drückt den Knopf für das Erdgeschoss. Die Türen schließen sich und Macho lässt los.
Auf dem Rückweg nimmt er die Treppe. Vorsichtig klopft er bei Embispé, der eigentlich Schumann heißt. Zumindest laut Namensschild an der Tür.
»Da bin ich wieder«, strahlt er den Sachbearbeiter an.
»Was war denn los? Geht es Ihnen wieder besser?«
»Ja, ja, alles wieder gut. Es nur so … diese Sache, also mein Problem. Und deshalb auch die vielen Absagen. Auch erst neulich beim Vorstellungsgespräch bei diesem Callcenter. Ich habe vorher extra ganz normal gegessen. Ich meine, was bekomme ich schon für die paar Kröten? Und dann, mitten im Gespräch, ging es los. Ich konnte es nicht halten. Und dieses Mal das komplette Programm … Sie wissen schon.«
Macho sieht Embispé bedrückt ins Gesicht. Der schielt auf den Monitor und scrollt mit der Maus nach unten. Endlich sieht er es: »Besonderheiten: Anale Inkontinenz, gegebenenfalls schwer vermittelbar.«
Embispé zuckt zusammen. „Haben Sie das auch gehört?«
»Nein, was? «, fragt Macho.
»Da hat jemand geschrien … draußen auf dem Gang. Oder?«
Macho beobachtet den Sachbearbeiter. »Nein, da war nichts. Aber … ähm … würden Sie bitte mal ein Fenster öffnen … nur so zur Vorsicht?«
Das Gesicht des Sachbearbeiters ist versteinert. Eine männliche Gorgone, die versehentlich in den Spiegel geschaut hat. Er bewegt sich keinen Millimeter. Jahrtausendealte Verhaltensmuster. Flucht, Kampf oder Totstellen. Embispé ist kein Fluchttier, aber auch kein Kämpfer. Er hat sich längst an die Arbeitsweise seiner Behörde angepasst. Innerlich tot, äußerlich hat er den Aktionsradius‘ eines Faultiers.
»Herr Schumann, darf ich?«, fragt Macho und erhebt sich vorsichtig. Es wird Zeit. Auf dem Weg zum Fenster sagt er ruhig: »Sie müssen wissen, dass ich gestern Abend beim Griechen eingeladen war. Ein Freund von mir. Und wenn ich schon mal dazu komme … na ja … dann schlage ich auch zu. Olympiaplatte, ein Häppchen von der Rhodosplatte meines Kumpels und vorher Gyros mit Zwiebeln und Tsatsiki. «
Schumann atmet flach. Wenn er in einer Bank säße, würde er genau jetzt den roten »Überfall-Knopf« drücken. Auf dem Gang sind deutlich hörbar noch mehr Schreie zu hören. Macho zerrt am Fenstergriff. Der klemmt und er zieht mit aller Kraft und beiden Händen, bis das Fenster endlich knarrend aus dem Rahmen springt. Genau in diesem Moment passiert das Unvermeidbare.
»Sorry«, presst Macho zwischen seinen dünnen Lippen hervor. Langsam bewegt er sich zur Tür.
Der Kopf von Embispé IST inzwischen der Rote Knopf. Der Sachbearbeiter versucht sich heldenhalft im Üben des Atemstillstands. Apnoetaucher wären stolz auf ihn. Langsam aber kriechen winzige Moleküle in die Schleimhäute der Nase und der Augen. Tränen fließen ihm über die Wangen. Auf der Stirn bilden sich Bläschen.
Macho schleicht sich aus dem Raum und verschließt die Tür. Über die Gänge rennen Menschen in Todesangst, so schnell sie es in den Bürosandalen schaffen. Macho nimmt das Treppenhaus und geht vorsichtig Stufe um Stufe nach unten. Er konzentriert sich und hat die volle Körperkontrolle zurückerlangt. Ein Stockwerk nur, maximal zwanzig Treppenstufen, aber er will es wirklich schaffen. Eine Viertelstunde später ist er im Erdgeschoss angekommen. Zwei Feuerwehrleute mit Atemschutzmasken inspizieren den Fahrstuhl. Macho läuft durch die aufgebrachte Menge nach draußen.
Vor dem Eingang wartet sein Kumpel Herbert. »Ey Scheiße! Ich dachte, du kommst nie wieder raus! Was ist denn da los?«
»Keine Ahnung«, sagt Macho. »Lass uns einfach verschwinden. Kannst du mich wieder nach Hause fahren?«
»Klar Mann. Aber sag mal, wann bekommst du deinen Lappen eigentlich wieder zurück?«
»In drei Wochen.«
»Und warum haben Sie dir den nochmal abgenommen?«
Macho spürt ein Grummeln in seinen Eingeweiden und sieht wieder diese Bilder vor sich. Der Abend nach der Lauchsuppe … es war so schön im Auto … und er war allein … eigentlich. Bloß dieser blöde Polizist bestand ja bei der Routinekontrolle darauf, dass er das Fenster öffnen sollte …
»Ach, das ist eine lange Geschichte. Willst du gar nicht wissen.«

Ich habe gern einen Titel … (Interview mit T.C. Boyle, GALORE, 28.09.2004)

Ja, es fehlt dabei diese mystische, nicht beschreibbare Komponente, das, was viele mit dem Kuss der Muse beschreiben.

Vertrauen Sie mir, es ist schon viel Mystisches am Schreiben. Die besondere kreative Leistung des Autoren ist: Du begibst dich in einen unbewussten Geisteszustand, wenn du an deiner Kunst arbeitest. Der Leser weiß nicht, was auf den nächsten Seiten passiert, aber er will es erfahren. Nicht anders geht es dem Autor. Was mich immer wieder am Schreiben fasziniert, ist, dass jede einzelne Geschichte grundlegend anders ist als alles, was du zuvor geschrieben hast. Du weißt nicht, woher sie kommt, du weißt nicht, wie sie ausgeht. Deshalb fängst du immer wieder von vorne an. Du willst einfach wissen, wie die Geschichte zu Ende geht. Es macht dabei fast keinen Unterschied, ob du eine Geschichte liest oder schreibst.

Sie haben also absolut keine Ahnung, wie eine Geschichte ausgeht, an der Sie schreiben?

Nein.

Und die Personen?

Die kommen mit der Zeit. Ich lerne sie auch erst nach und nach kennen.

Was wissen Sie, wenn Sie anfangen?

Ich habe gerne einen Titel, und ich möchte vorher wissen, wie viele Teile ein Buch hat, wie lang es ungefähr werden wird. Bei „Grün ist die Hoffnung“ wusste ich zum Beispiel: Es wird vier Teile geben. Vier Jahreszeiten. Schließlich ging es um Marihuana-Anbau. (lacht) Aber was die Geschichten, ihre Entwicklung anbetrifft: Keine Ahnung.

 

Frage an Mark Jischinski 2016:
Wissen Sie schon, wie das neue Buch heißen wird?

Ja, der Titel ist endlich fix. Ich bin befreit und kann damit anfangen, das blöde Buch zu schreiben. Jahre habe ich am Namen für das Buch gesessen. Ab morgen fange ich an. Oder übermorgen. Ich weiß es noch nicht. Über den Inhalt darf ich nicht viel verraten. Die Story ist auf jeden Fall optimistisch, also irgendwie „PRO“. Vor allem Pro Krastination.

dav

Apokalypse der Hamster

Liste

»Ihr werdet alle sterben«, sagt der Seminarleiter und schaut uns mit weit herausstehenden Augen an. Sein Gesicht ist zu einer Fratze verzerrt. Wir glauben es ihm sofort. Wir werden alle sterben. Unser neues Mantra.
»Doch«, hebt er an, »es gibt eine Rettung vor dem sicheren Ende!«
Ein Trommelwirbel ertönt, das Licht im Saal erlischt und in einem Spot erscheint neben ihm eine Halbliterflasche Zaubertrank. Der Messias stellt sich ins Licht und schwadroniert mit neuem Elan. Mit diesem Getränk werden wir überleben. Zweihundertfünfzig Euro müsse uns das Überleben wert sein, wenn es nicht schon die Seminargebühr von hundert war. Es ist mein drittes Seminar innerhalb von zwei Wochen. In der letzten Woche war ich Gast bei einer traurigen Veranstaltung bezüglich des sicheren Endes im Jahr 2012. Und ich legte all mein Geld in Gold an, nachdem ich erfahren hatte, dass es eine Währungsreform geben wird. Nur die Unsicherheit ist noch sicher. Es geht zu Ende. Die Apokalypse ist nah und jeder sollte sich darauf vorbereiten. Mein Keller ist inzwischen prall gefüllt mit Dosenravioli und Wasser für mehrere Jahre. Für hohe Feiertage habe ich Schmalzfleisch eingelagert. Die Goldbarren liegen auf der Bank, aber die schaffe ich auch noch in meinen Keller. Zum Glück bin ich routiniert in Weltuntergängen. Ein neuerlicher wird mich nicht umwerfen. Als ich in der fünften Klasse erfahren habe, dass mich meine Deutschlehrerin nicht liebt, ging zum ersten Mal die Welt für mich unter. Es war schrecklich und ich hatte nicht einmal einen Keller. Auch keine Goldbarren. Sie hat es mir nicht gesagt. Nur so nebenbei hat sie es mich spüren lassen, mich lange gequält, diese Schlange. Das ist wie ein Weltuntergang auf Raten. Wie Apokalypse in der Directors-Cut-Version. Es zieht mir schon wieder im Magen, wenn ich an sie denke. Ich hätte ihr den Himmel auf Erden geboten und ganz sicher wäre diese Welt heute nicht dem Untergang geweiht, wenn es in der Geschichte nicht so viele Frauen wie sie gegeben hätte.
Der Seminarleiter lobt ausschweifend die Vorteile seines Zaubertranks. Man überlebt nicht nur. Man bleibt agil und wird steinalt. Ich lehne mich zurück und beginne zu träumen.
Ich sehe mich kerngesund in meinem Keller hocken. Montag bis Samstag esse ich Dosenravioli und am Sonntag Schmalzfleisch. Nachgespült wird mit dem edlen Gebräu. Weil ich unendlich fit bin, hebe ich zur Körperertüchtigung die Goldbarren wieder und wieder hoch. Die Welt ist untergegangen, aber in einem einsamen Keller hockt ein völlig fitter, alter Sack. Dann und wann schaue ich aus meinem Fenster, ob die Welt wieder begehbar ist.
Jahre später krieche ich aus meinem Loch. Die Welt ist nicht mehr die, die sie einmal war. Aber dafür treffe ich mehr Leute als ich dachte. Clevere Menschen, die rechtzeitig in ihren Kellern Vorräte gehortet hatten. Und die sich mit dem Zaubertrank am Leben hielten. Ich treffe einen Mann, der auf Erbsensuppe mit Rauchfleisch gesetzt hat. Er heißt Guido und sieht richtig gut aus. Gemeinsam erkunden wir die Umgebung. Je mehr wir von unserer alten Welt sehen, desto trauriger wird es. Die Apokalypse war tatsächlich da. Und die Mahner hatten alle recht. Es begann zunächst scheinbar harmlos. Erst regierten uns Schwule und Frauen. Dann glaubten Griechen und Spanier, sie würden etwas von Wirtschaft verstehen. Später kam die globale Erwärmung, gefolgt von der neuen Eiszeit. Und schließlich brach alles zusammen. Keine Wirtschaft mehr, keine Banken und kein Arbeitsamt. Der unerleuchtete Teil der Welt wollte hektisch in Dosen flüchten, doch es gab keine mehr. Denn Menschen wie Erbsen-Guido und ich waren schlauer.
Wir freuen uns über unsere Voraussicht. Und darüber, dass wir kein Weltuntergangsseminar verpasst hatten. Wir gehören zu den Gewinnern. Vor allem aber bringt unsere Begegnung eine erfreuliche Abwechslung. Alle zwei Tage esse ich nun Erbsensuppe mit Rauchfleisch und Erbsen-Guido genießt Ravioli. Schmatzend und zufrieden sitzen wir über unseren Dosen, als Guido fragt: »Was machen wir eigentlich mit unseren Goldbarren?«
»Keine Ahnung! Vielleicht können wir sie gegen Dosenpfirsiche eintauschen.«
»Oh ja«, sagt Erbsen-Guido anerkennend, »Obst wäre wirklich toll. Vor allem bräuchten wir dann diese verflucht schweren Dinger nicht mehr mit uns rumzutragen.«
»Jetzt brauchen wir nur noch einen Idioten, der uns die Dinger abnimmt.«
»Vielleicht sollten wir ein Seminar halten. Der Aufschwung wird kommen! Tauscht Dosen in Gold!«
»Hört sich richtig gut an«, meine ich schmatzend. Dann essen wir weiter und sagen nichts mehr. Schweigen ist die Währung der neuen Welt. Und wir sind stinkreich. Später laufen wir durch ein verwahrlostes Land und wenn wir unseren Zaubertrank nicht hätten, würden wir grausam verrecken. Unsere Goldbarren können wir einem armen Irren gegen eine Palette Dosen mit gekochtem Rindfleisch verhökern.
Ich muss wohl eingeschlafen sein. Der Seminarleiter steht vor mir und schüttelt mich.
»Sie haben die Ruhe weg, was? Die Welt wird untergehen und Sie pennen hier ein!«
Müde blinzele ich ihn an. Wenn ich noch Geld hätte, würde ich dem Typen glatt ein paar Kisten Zaubertrank abkaufen. Nur so zur Sicherheit. Wenn mir das Schmalzfleisch irgendwann auf den Magen schlägt. Doch die Vision der überlebten Apokalypse gefällt mir gar nicht. Also verlasse ich den Saal und fahre nach Hause. Während ich den Schlaglöchern auf den Straßen ausweiche, wird es mir klar. Als erstes sollte ich meinen Keller ausbauen. Baustoffe könnten demnächst knapp werden.

re@l-m@il für Dich

BriefkastenEs war schwer, einen Termin bei ihm zu bekommen. Seine Sekretärin und ich brüteten über seinem Terminplaner wie über einem Kreuzworträtsel oder einem Sudoku für Superhirne. Endlich fand sie gralsgleich eine Lücke. „Am übernächsten Donnerstag könnten Sie sich um 14:30 Uhr treffen“, strahlte sie mich an.  „Aber um 16:00 Uhr muss er wieder im Büro sein. Reicht Ihnen das?“
„Er hatte Fragen an mich und bat um einen Termin“, antwortete ich. „Das muss er dann also beantworten.“
An jenem Donnerstag saßen wir endlich zusammen. Ich war kurz vor halb drei am verabredeten Ort. Er kam zehn nach drei. Gehetzt bestellte er einen doppelten Espresso, durchstreifte das Café mit seinem Blick wie ein getriebenes Tier, fuhr sich durch die Haare und nestelte an seiner Krawatte. Er stellte mir seine Fachfrage und ich antwortete ihm. Währenddessen fummelte er an seinem Handy rum.
„Wie war das?“, fragte er irgendwann.
„Haben Sie mir nicht zugehört?“, fragte ich vorsichtig und sehr freundlich.
„Ja … Schon … Aber ich muss auch meine Mails checken. Ich erwarte wichtige Post.“
Ich stand auf, verließ das Café und ging nach Hause. Mein Handy stellte ich auf lautlos.
Am nächsten Tag rief mich seine Sekretärin an. Ich hatte bereits mehrere verpasste Anrufe vom Vortag von ihm registriert.
„Ich soll Sie fragen, warum Sie gestern einfach so gegangen sind. Mein Chef fand das unerhört und ich will Ihnen gar nicht sagen, wie erbost er hier im Büro ankam.“
Ich lächelte in den Hörer und sagte ihr: „Richten Sie Ihrem Chef bitte aus, dass ich nach Hause musste, um in meinen Briefkasten zu schauen. Ich habe wichtige Post erwartet.“