Jugendweihe 2021

Das ist ein altes Foto. Zum einen aus hygienischen Gründen und zum anderen sehe ich auf alten Fotos jünger aus.

Vielen Dank für die vielen positiven Rückmeldungen zu meiner Jugendweihe-Rede vom letzten Samstag. Ich bin immer wieder stolz darauf, diesen wichtigen Tag begleiten zu dürfen und freue mich sehr über die Rückmeldungen. Ich komme heute dem Wunsch einiger Teilnehmer nach und veröffentliche für einige Tage die Rede im Wortlaut. Viel Spaß noch einmal damit, aber auch die Zeit fürs Innehalten und Nachdenken.

Liebe junge Erwachsene, liebe Eltern, Großeltern und Gäste!
Heute ist Jugendweihe. So ein Tag markiert einen Wendepunkt, denn ihr werdet ganz offiziell in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen. Es ist aber auch ein besonderer Tag in einer unruhigen und unsicheren Zeit. Deshalb ist es wichtig, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, auf das Beieinandersein, auf die Zeit mit der Familie und Freunden und darauf, diesen einen Tag zu genießen, ganz gleich, welche Rahmenbedingungen uns begleiten. Heute geht es ums Erwachsenwerden, Verantwortung übernehmen, mehr Freiheiten haben und sie auskosten.
Wenn ich so etwas erzähle, frage ich mich, ob ich gerade für euch in den ersten Reihen glaubwürdig bin. Ich frage mich, ob wir Erwachsenen in den letzten Monaten echte Vorbilder für euch waren. Meine Meinung ist, dass wir euch unverblümt gezeigt haben, wie ungeeignet wir für diesen Job sind. Wir zerbrechen uns die Köpfe darüber, wie ihr verlorenen Schulstoff nachholt, den ihr in eurem gesamten Leben nie wieder braucht. Wir leben euch vor, wie eine Gesellschaft auf gar keinen Fall funktioniert. Wir haben Probleme in der Differenzierung zwischen Meinung und Wahrheit, hören einander nicht mehr zu und bilden furchtbare Gräben bis tief in Freundschaften und Familien. Und wenn wir endlich mal wieder etwas Gutes für euch tun wollen, dann empfehlen wir euch, im Klassenzimmer bei geöffneten Fenstern Hampelmänner und Kniebeugen zu machen, damit ihr nicht friert.
Wenn ich noch ein Kind wäre, würde ich mich fragen, wer hier eigentlich der Erwachsene ist. Was lernt ihr denn fürs Leben? Wir leben euch eine Peter-Pan-Gesellschaft vor, in der wir alle auf Reize reagieren wie Kinder und nun stehe ich hier und will euch etwas übers Erwachsenwerden erzählen. Das fällt mir echt schwer. Das einzig Beruhigende ist, dass die Eltern von früher auch nicht besser waren. Als ich Jugendweihe hatte, habe ich eine Urkunde erhalten, in der stand, dass sich meine Eltern verpflichten, mir eine Zukunft im Sozialismus zu sichern. Die haben versagt! Zwei Jahre später war ich mit meiner Mutter beim VEB Kraftverkehr und wir haben einen Wartburg für mich bestellt. Den sollte ich im Jahr 2000 bekommen! Ich warte heute noch! So richtig verlässlich wirken Eltern nicht.
Doch was interessieren euch als »junge Erwachsene« ab morgen noch eure Eltern? Wir haben es gerade gehört: »Schau nicht zurück, wenn ich mich nicht melde, gehts mir gut!«
Ernsthaft? Einfach mal abmelden und euren eigenen Weg gehen? So funktioniert das aber auch nicht. Und wisst ihr warum? Als ihr noch klein und hilflos wart, auf fremde Hilfe angewiesen … wer hat euch denn damals geholfen? Wir waren es, ja wir, eure Eltern! Nächte haben wir durchwacht, wir haben euch stundenlang auf den Armen gewiegt, so schief in eure Ohren gesungen, dass auch die Nachbarn froh waren, wenn ihr endlich eingeschlafen seid. Wir haben eure Windeln gewechselt und hirnrissige Spiele zehnmal hintereinander gespielt.
Eure ersten Schritte haben wir mit einer begeisterten Inbrunst gefeiert, als wäret ihr das einzige Lebewesen, das den aufrechten Gang beherrscht. Später haben wir euch zum Fußball gefahren, zum Ballett, zum Reittraining, zum Kindergeburtstag, zur Musikschule und zu guter Letzt haben wir uns den ersten Hüftschaden eingefangen, weil wir beim Elternabend auf diesen Ministühlchen sitzen mussten. Im Grunde sind doch die Autos eurer Eltern nichts weiter, als die größte illegale Taxiflotte der Welt!
Aber … soll ich euch etwas verraten? Wir haben das alles so verdammt gern getan. Durchwachte Nächte, Stress, graue Haare und Streitereien … alles war es wert und wir sind stolz auf euch. Gerade heute schauen wir uns die Bilder von früher an und uns Eltern wird dabei klar, wie schnell die Zeit vergangen ist. Wie unsagbar rasant die Jahre an uns vorüber geflogen sind und ihr dabei immer größer wurdet. Schlauer, schneller, besser, manchmal nervender. Aber vor allem seid ihr … unsere Kinder … für uns das Liebste und Wichtigste in unseren Leben.
Der Tag der Jugendweihe … ob ihr es glaubt oder nicht, es ist gefühlt noch gar nicht so lange her, da saß ich an eurer Stelle. Ich war vierzehn Jahre alt und meine gedankliche Welt bestand aus wirklich elementaren Fragen. Diese hatten im Wesentlichen mit drei Dingen zu tun. Essen, Fußball und Mädchen. Auch wenn die Realität nur aus Essen und Fußball bestand.
Und letztlich ist die Wahrheit doch die, dass du mit 14 oder 15 keinen Plan hast, überschwemmt bist mit Hormonen und in deinem Hirn kein Platz für andere Sachen ist. Erwachsen wirst du irgendwann ab 30, wenn du eine Frau bist und zwischen 45 und 50, wenn du ein Mann bist … und bis dah in ist es ein langer und entbehrungsreicher Weg. In der Schule lernst du unsinnige Dinge, mit denen du nichts anfangen kannst. So versuchte man, mir damals die Kurvendiskussion beizubringen. Doch die einzigen Kurven, die mich wirklich interessierten, waren die von Kathleen, zwei Bankreihen vor mir. Überhaupt: Mathematik! Die Mathematik ist immer logisch, die Anweisungen der Eltern waren es nie! Und es gab so viele andere Fragen, auf die die Schulbücher keine Antworten hatten! Wir lernten etwas über die Photosynthese und wie die Bäume durch sie Sauerstoff herstellen. Als mir aber am Tag meiner Jugendweihe die Luft wegblieb, als ich Kathleen in diesem rattenscharfen Kleid sah, war nicht ein Baum in der Nähe, der mir Sauerstoff spendete! Warum nicht? Und wo ich einmal bei Kathleen bin: Sie hatte zu Beginn der Schulzeit eine Brille, in deren rechten Glas das Bild eines Schmetterlings war.
Ich wollte immer wissen, ob sie dort nie ein Auge hatte oder ob es die Raupe auf dem Weg zur Schönheit des Schmetterlings gefressen hat. Und ich habe mich gewundert, warum damals niemand mit ihr spielte, aber noch mehr darüber, dass sie in der Schule alles besser verstand, obwohl sie nur die Hälfte sah. Wahrscheinlich lag es daran, dass sie eine Frau ist. Und Frauen sind komisch, das lehrte mich mein Vater.
Ich hatte also das Buch »Vom Sinn unseres Lebens« auf meinem Schoß liegen, fühlte mich völlig unwohl in einem Anzug, der damals schon komisch aussah und aus heutiger Sicht mindestens gegen die Genfer Menschenrechtskonventionen verstößt. Mit meinem Haarschnitt von damals würde ich jede Klage gegen die Friseurinnung gewinnen. Aber all das war mir egal, denn direkt in der Reihe vor mir saß Kathleen, die ein schulterfreies Kleid in mintgrün trug. Sie sah aus wie eine Elfe und sie war wunderschön. Die meisten anderen Mädchen aus meiner Klasse trugen einen BH aus bloßer Erwartung. Oder aus Vorsicht, falls das Wachstum ganz schnell ging. Als Junge stellte ich mir das für Mädchen komisch vor. Du wachst eines Tages auf und liegst plötzlich in einem Tal in den Alpen. Kathleen aber war bereits vollständig.
Trotzdem war ich sauer auf sie. Ein paar Tage zuvor stand ich auf dem Pausenhof und aß brav mein Brot. Ich sah Kathleen schon von weitem auf mich zukommen. Anfangs war ich unsicher, denn warum sollte sie das tun? Doch mit jedem Schritt, den sie näher kam, wurde es offensichtlicher und mir wurde wärmer. In meinen Ohren klang Milli Vanilli mit »Girl You Know It’s True«, abgelöst von Whitney Houstons »One Moment in Time«. Mir wurde heiß.
Kathleen kam auf mich zu! Kathleen wollte etwas von mir! Irgendwas. Ich schwitze. Ich bestand zu 99 Prozent aus Wasser und zu einem Prozent aus Angst. Vielleicht war es auch umgekehrt. Und obwohl da Wasser war, blieb meine Kehle trocken. Sie sprach mich an. »Hallo, Mark, kannst du mir einen Gefallen tun?«
»Natürlich, jeden, den du willst, Hauptsache ist, dass wir mal etwas Zeit miteinander verbringen und ich dabei mit meinen in deinen Augen baden kann«, dachte ich.
»J … J … Ja«, stotterte ich.
Kathleen griff in die Tasche ihrer Jacke und hielt mir einen zusammengefalteten Zettel entgegen. »Kannst du den bitte dem Stefan geben?«
Und da wurde es mir klar! Ich war gar nicht interessant für sie, sondern nur der billige Hermes für ihre niederen Bedürfnisse, der blöde Nachrichtenüberbringer. Ich war traurig, aber konnte ihr nicht böse sein. Sie stand immerhin direkt vor mir und ich schaute eine Ewigkeit in ihre wasserblauen Augen. Doch, was rede ich da? Die Erinnerung kann uns trügen. Ich sage natürlich nur in meiner erwachsenen Haltung, dass ich in ihre wasserblauen Augen geschaut hätte. Wo aber habe ich damals wirklich hingesehen? Genau! Auf ihren Charakter. Und davon hatte sie sogar zwei.
Ganz gleich, was euch jungen Erwachsenen heute durch den Kopf geht; ob Essen, Fußball, Mädchen, Jungs oder mehr. Auch in der Gegenwart ist die Jugendweihe der Startschuss für einen neuen Lebensabschnitt und die Grundfragen sind geblieben. Was werde ich tun? Wo werde ich leben? Wie werde ich arbeiten? Mit wem lebe ich zusammen? Was ist der Sinn des Ganzen und warum bin ich überhaupt hier?
Die Erwachsenen beantworten diese Fragen gern mit Dingen wie: Erst einmal musst du die Schule beenden. Dann eine Ausbildung machen oder studieren. Danach eine Arbeit finden. Und sicher werden auf diesem Weg auch Fragen wie Partnerschaft, Familie und Kinder ihren Raum haben. Nachgelagert aber, denn vor allem ist Sicherheit wichtig.
Wenn ihr dann endlich alle Gipfel erklommen habt, seid ihr in der scheinbar sicheren Welt der Erwachsenen angekommen. Blöd nur, dass so so viel Zeit vergangen ist. Und noch blöder ist, dass im Lernen und Streben, im Studieren und Arbeiten immer nur ein kleiner Teil des Sinns steckt. Und dass ihr erkennt, dass gar nichts sicher ist. Was auf euch wirklich wartet, ist ein Hamsterrad, aber wenn wir Erwachsene gut sind, verkaufen wir es euch als Karriereleiter. Auf dieser werdet ihr später noch halb so gut bezahlt, müsst aber doppelt so viel arbeiten. Und das auch noch überall, immerzu, hoch kommunikativ, unendlich frei und immer darauf hoffend, dass irgendwann einmal die Rente kommt, denn die ist nun wirklich sicher. In Berufen, die wir am meisten brauchen, werdet ihr am schlechtesten bezahlt und in den unsinnigsten Bullshit-Jobs könnt ihr richtig reich werden.
Euch wird dauernd suggeriert, dass man das Glück, wenn es da ist, auch messen kann. Die Maßeinheiten dafür sind Arbeit, Geld, Haus, Auto und Konsum. Deshalb schuften die scheinbar Erwachsenen in Berufen, die sie nicht mögen, um Geld zu verdienen, für die Dinge, die sie nicht brauchen. Zu allem Überfluss vergessen die Erwachsenen auf diesem Weg viel zu oft tolle Dinge aus der Kindheit. Neugierig sein, sich wundern, tanzen, singen und lachen.
Was ist passiert?
Ganz einfach. Wir suchen den Sinn des Lebens, aber wir gebrauchen dafür unsere Sinne nicht mehr. Im blinden Vertrauen auf die Ratio vergessen wir das, was uns zu Menschen macht. Wir fragen nicht mehr, ob Dinge wertvoll sind, sondern, was sie kosten. Wir haben unser Leben ökonomisiert. Wir kleiden diese Suche hübsch und hoffen auf Sinn, doch es kommt unweigerlich der Tag, an dem wir erkennen, dass alles Staffage ist. Eine schöne und herausfordernde, eine, die uns Mühe und Zeit kostet und vielleicht sogar eine Menge Geld für Miete und Konsum gebracht hat. Aber es bleibt Schmuck in einem ansonsten schmucklosen Leben. Irgendwann erkennen wir, dass Treuepunkte, Paybackkarte, Schnäppchen und Vorsorge uns nicht weiter bringen. Es sind im Ergebnis weder Laktose oder Histamin. Wir haben eine Lebensunverträglichkeit entwickelt.
Und wir entfremden uns weiter nach Kräften! Unser Körper besteht aus 75 Billionen Zellen und wir verwenden große Teile unserer Lebenszeit darauf, jede einzelne davon in Pixel zu verwandeln, damit wir gesehen und geliked werden. Wir erhoffen uns Klicks, damit wir sicher sind, dass wir sind, dass wir JEMAND sind. Und so verbringen wir unglaublich viel Zeit damit, Informationen an die all die anderen zu senden, um ihnen zu zeigen, dass wir glücklich sind. Dabei verkümmern wir selbst immer mehr und werden unsichtbar in einem Netz voller Möglichkeiten. Ich gebe dir mein Handy, und du sagst mir, wer ich bin.
Irgendwann wird der Tag kommen, an dem wir erkennen, dass es nicht die Pixel, Klicks und Likes der anderen sind, die uns ausmachen, sondern dass wir uns selbst unserer Einzigartigkeit bewusst werden müssen.
Ihr seid es jetzt schon. Ihr seid nur unsicher und auf der Suche nach Bestätigung von außen, von den Vielen. Dabei reicht manchmal genau ein Mensch, um euch zu zeigen, wie wunderbar ihr seid. Sehr oft sitzt er neben euch, wenn ihr die zwanzigste Folge der dritten Staffel einer grandiosen Serie schaut. Doch allzu schnell wird auch der außergewöhnlichste Mensch selbstverständlich, wenn wir ihn nicht mehr anschauen.
Glaubt mir, Erwachsene waren und sind komisch. Und eine der Kernfragen, ob Mann und Frau wirklich zusammenpassen, werdet auch ihr einmal stellen. Ihr müsst lernen, ungesehen und ungehört mit den Augen rollen zu können. Und ihr werdet euch fragen, wann die Ehefrau diesen Masterabschluss gemacht hat, weil sie die einzige Person auf der Erde ist, die wirklich weiß, wie ein Geschirrspüler richtig eingeräumt wird. Die Mutter plant und organisiert, weil es ja sonst keiner macht und sie schreit euch manchmal an, als wäret ihr im Strategiespiel »Familie« jämmerliche Versager. Und Papa? Papa denkt immer noch, er sei lustig. Dabei zwängt er sich heute in den knappen Hochzeitsanzug und seine schalen Witze sind voll 80er und an guten Tagen mal 90er. Eltern können so was von peinlich sein. Sie haben überhaupt keine Ahnung davon, dass ihr tief in eurem Herzen bereits erwachsen seid und tatsächlich schon diese eigene Meinung habt, die sehr oft von Mama und Papa abweicht.
Also, wisst ihr was? Manchmal wissen wir Erwachsenen auch nicht genau, wie das alles geht. Wir fühlen uns erdrückt von einem System, das wir nicht ändern können, unverstanden von den anderen und sind müde beim Blick auf den Weg, der noch vor uns liegt. Dann holen uns die Banalität des Daseins, die tägliche Wiederholung, Ärger und Verdruss ein. Wir wollen am liebsten eine kunterbunte Welt um uns herum, aber wir malen sie selbst meistens schwarz-weiß. Manchmal fällt dieses Leben auch uns schwer. Aber genau in diesen Momenten schauen wir voller Liebe auf euch, unsere Kinder, und alles ist gut. Weil wir dann wieder wissen, wofür wir leben. Und eben auch, warum es manchmal schwerfällt, euch loszulassen. Natürlich wollt ihr unbedingt losfliegen, euer Leben leben. Und so liegt es wohl an uns Eltern, euch Schritt für Schritt beim Abheben zu begleiten. Wir können euch helfen, dass etwas Wind unter eure Flügel kommt und dass ihr gut und sicher in die von euch gewählte Richtung fliegt. Und dann müssen wir loslassen und darauf vertrauen, dass ihr hinfallt und ohne unsere Hilfe wieder aufsteht. Wir Eltern wollen, dass ihr euer perfektes Glück findet, aber verzeiht uns bitte, wenn wir sehr oft auch nicht perfekt sind. Auf eurem Weg durch das Abenteuer Leben sollt ihr nur wissen, dass bei eurer Familie und euren Freunden ein sicherer Hafen ist, in dem ihr immer wieder landen könnt.
Und nun wünsche ich euch einen guten Start, immer genug Schub und einen phantastischen Flug in eine Welt, die mit Freude auf euch wartet und in der ihr ganz sicher vieles besser machen werdet.

Lesungen im Oktober 2020

In dem Universum, in dem es in den nächsten Wochen Veranstaltungen gibt, freue ich mich auf euch am 24.10.20 zu „Covid19 ist keine Zahncreme“ und am 30.10.20 zu „Karla, das Leben und ich“. Ich lese also über Viren und Frauen. Wenn man es ausspricht, hört es sich komisch an …

Der Aufschwung ist da!?

Das U wird ein V und alles wird wieder gut. Der in unzähligen durchwachten Nächten sicher geglaubte Untergang kommt nicht. Denn im Gegensatz zu anderen, bemitleidenswerten Nationen werden wir von Experten regiert. „Experte/Expertin ist eine Person, die über überdurchschnittlich umfangreiches Wissen auf einem Fachgebiet oder mehreren bestimmten Sacherschließungen oder über spezielle Fähigkeiten verfügt. Neben dem theoretischen Wissen kann dessen kompetente Anwendung, also praktisches Handlungswissen, für einen Experten kennzeichnend sein.“ (Quelle: Wikipedia)

Bitte stolpern Sie hier nicht über das Wort „kann“, das sich vor die „kompetente Anwendung“ geschlichen hat, hier muss der Eintrag in Wikipedia geändert werden, denn es ist offenkundig falsch. Was in diesen Tagen falsch und richtig ist, wagen wir kaum noch zu beurteilen. Doch ich möchte die Gelegenheit nutzen und die Weitsicht der politisch Handelnden im nachfolgenden Text anhand des Buchhandels loben. Ich beanspruche dabei nicht eine Form von Wahrheit oder Wissen, Sie müssen dazu weder in ontologische, noch in metaphysische Bereiche abgleiten, der gesunde Menschenverstand genügt. Der steht zwar inzwischen auf der Roten Liste, aber ausgerottet ist er noch nicht.

Unsere zu vielen Dingen fähige Bundesregierung hat mittels ihres Expertenwissens die Herabsetzung des Umsatzsteuersatzes von 7% auf 5% beschlossen. Natürlich auch den von 19 auf 16, eine Prämie dafür, dass Sie ein Kind in diese wunderbare Welt gesetzt haben, das Vorziehen von Rüstungsprojekten mit hoher Wertschöpfung und vieles andere Notwendige mehr. Da ich vorrangig mit Büchern zu tun habe, konzentriere ich mich hier aber einmal auf die Sache des Umsatzsteuersatzes auf Bücher in Höhe von 7%, ab dem 01.07.2020 in Höhe von 5% und ab dem 01.01.21 wieder in Höhe von 7%.

Die Hoffnung unserer Regierung besteht darin, die Wirtschaft neu zu beleben und den Konsum anzukurbeln. Wenn dem Leser bereits jetzt die Mundwinkel zu einem ideomotorisch motivierten Lachen entgleiten, bewahren Sie bitte Ruhe, das ist leider kein Witz. Ich nehme an, dass es in den Düsternissen des Bundesfinanzministeriums in Berlin, in einer kleinen Kammer des Schreckens, einen Bearbeiter – oder eine Expertengruppe – gab, die sich dachte, dass eine Herabsetzung der Umsatzsteuer dazu führt, dass der mit den Hufen scharrende und durch Ausgangssperre, Homeschooling, Homeoffice und Kurzarbeit entspannt, fett und reich gewordene Verbraucher nach Zerstreuung und Konsum lechzt. Und wenn er nun auch noch Ware bekommen kann, die 2 oder 3 Prozent weniger kostet, dann wird er nicht nur die im Lockdown gesparten Gelder verprassen, nein er wird sich in Schulden stürzen, um wie wild zu konsumieren und unser Land zu retten. Ein Lob dieser Expertengruppe.

Nehmen wir an, dass der Konsument frisch gestärkt mit Erspartem, der Kinderprämie und Kurzarbeitergeld in den prallen Taschen, im Handelstempel steht und nach Konsumgütern giert. Wohin zieht es den Deutschen zuerst? Den kulturbeflissenen, niveauvollen und belesenen Bürger? Natürlich in eine Buchhandlung. Und dort wird er ein Taschenbuch sehen, ich nehme hier jetzt mal – nur als Beispiel – das wunderbare Buch „Swinging Village“ des unbekannten Autoren Mark Jischinski. Es kostet 11 Euro, oder sollte ich sagen: „Es kostete…?“ Denn nun müsste es ja nur noch 10,78 EUR kosten. Und ein euphorisches Erstaunen, ein Jauchzen und Frohlocken wird den Konsumenten entfahren, begleitet von einem: „Was, nur noch 10,78? Da spare ich ja 22 Cent!! Geben Sie mir doch bitte gleich zwei!“ Und was sagt der Buchhändler? Er wird erwidern: „Ja, und wenn Sie gleich fünf kaufen, dann sparen Sie 1,10 Euro und können nebenan im 99-Cent-Laden etwas für 96 Cent quasi für umsonst kaufen und haben noch 14 Cent über – also aus dem Ersparten, wenn Sie so wollen aus dem NICHTS.“
Mit dem wissenden Blick des verhinderten Buchhalters wird der Konsument den Zeigefinger auf den Buchhändler halten und sagen: „Sie Schlingel, und wissen Sie was? Wenn ich das konsequent im ganzen Center so weiter mache, schaffe ich nur aus dem Ersparten den Wochenendeinkauf bei der REWE!“
Und noch während sich die beiden mit Freudentränen in den Armen liegen und über die Segnungen von Giral- und Fiatgeld parlieren, wissen Sie als aufmerksamer Bürger, Spiegel-, SZ-, und FAZ-Leser, ja als Bildungsbürger, dass diese Situation nie und nimmer eintreten wird.

Zwar kann der Verlag – in diesem Fall der kleine, aber rührige adakia-Verlag – den Preis auf 10,78 EUR herabsetzen, aber warum sollte er das tun? Um dem einsamen Käufer das Geschenk von 22 Cent zu machen? Das würde er gern tun, aber ein Verlag ist, wie auch ein Buchhändler, ein Unternehmer, der eine Kosten-Nutzen-Abwägung anstellt. Um ein Buch im Preis zu senken, muss ein Verlag im Verzeichnis Lieferbarer Bücher (VLB) diese Preisminderung einstellen. Darüber hinaus sollte er – weil die Preise richtig ausgezeichnet werden müssen – Aufkleber für die vorhandenen Bücher bestellen, um die neuen Barcodes mit dem Preis von 10,78 EUR aufzukleben. Allerdings nur für ein halbes Jahr, denn dann macht er das noch einmal anders herum. Sollte nun aber nachgedruckt werden, welcher Barcode empfiehlt sich? Optimistisch der neue, weil ja bis zum 31.12.20 alle „billigen“ verkauft sein werden? Konservativ und mit Aufkleber, weil doch nicht sicher ist, ob alle Menschen in Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit lesen werden? Arbeit über Arbeit für 22 Cent pro Buch. Herzlichen Glückwunsch, allerdings machen wir uns in der Buchbranche schon für weniger krumm.

So, wie der Verleger noch hadert, lacht sich der Leser längst ins Fäustchen, denn im Gegensatz zur Regierungsebene kann der Bildungsbürger rechnen und weiß längst, dass die oben stehende Rechnung gar nicht stimmen kann. Denn bei einem Preis von 11,00 EUR, ist der Nettopreis bei 7% = 10,28 EUR und wenn nun darauf 5%, statt bisher 7% berechnet werden, dann beträgt der Ladenverkaufspreis 10,79 EUR, statt 10,78 EUR. Neben der Erkenntnis, dass dem Verbraucher schon wieder ein sicher geglaubter Cent aus dem Nichts aus der Tasche gezogen wird, fragt sich der Konsument noch eine Weile, wie das passieren konnte, schließlich sind 98 Prozent von 11,00 EUR wirklich 10,78 EUR und nicht 10,79 EUR. Doch spätestens seit den Segnungen, mit denen uns die Regierung aus ihrem nicht enden wollenden Füllhorn künftiger Verschuldung und Armut überflutet, wissen wir, dass wir „von oben“ mit vielem rechnen können, nicht jedoch mit Sachverstand und mathematischem und/oder wirtschaftlichem Geschick.

Wir brauchen nicht an jeder Stelle die Transformation zur Digitalisierung und innovative Disruptionsexperten, die uns den Weg in eine wundervolle Zukunft weisen. An den richtigen Positionen würde es bereits ausreichen, wenn wir jemanden haben, der einen Taschenrechner bedienen kann. Für die jüngeren Leser: „Ein Taschenrechner ist eine tragbare, handliche elektronische Rechenmaschine, mit deren Hilfe numerische Berechnungen ausgeführt werden können.“ (Quelle: Wikipedia) Das Ding kann also schnell und einfach Berechnungen ohne einen PC, einen Laptop oder das Handy durchführen. Klingt komisch, ist aber so.

Wahrscheinlich denke ich aber bei allem zu klein. Nehmen wir nur einen Vielleser, eine echte Leseratte, reich an Wissen, arm an sozialen Kontakten, einen, der in der Lage ist, jeden Monat 20 Bücher zu lesen (kleine Anmerkung: Das liegt leicht über dem Schnitt!). Dann könnte dieser Leser im nächsten halben Jahr 120 Bücher lesen. Und wenn er nun traurig wäre, dass er dabei nur 25,20 EUR spart, dann muss er zu den Hardcover-Büchern greifen, da springt deutlich mehr für ihn raus und unser Land ist ganz nebenbei auch wieder saniert und die Krise ist endlich überstanden.

Lesung am 15.03.20 abgesagt, aber wir holen das nach.

Foto: Fanny Zölsmann

Karla, das Leben und ich
Lesebühne „Kleine Komödie Gera” am 
15. März:  Mark Jischinski öffnet Schubladen
 
von Fanny Zölsmann
 
»Ich frage mich oft, wie das Gehirn einer Frau funktioniert. Welche Signale empfängt es, wie erfolgen die Verarbeitung und Speicherung von Informationen? Wann läuft es auf standby? Das mit dem Offline-Modus, was im übrigen bei einem Mann außerhalb seines Arbeitsplatzes, des Homeoffice und des Hobbykellers der Normalmodus ist, kommt bei einer Frau nicht vor. Zumindest nicht bei Karla. Sie denkt immer nach. Nicht zwingend über Quantenphysik, die Rettung der Welt und die Heilung von Dummheit, aber sie denkt. Dauernd.«
 
»Sie wiegt den Kopf, als wolle sie mit den schweren Gedankenkugeln darin Pingpong spielen. Sie mustert mich. Hinterfragt ihre Entscheidung. Immer wieder dasselbe. Muss wirklich schwer sein für eine Frau. Sagt er die Wahrheit? Kann ich ihm trauen? Ist er ein Säufer? Ist er der richtige Vater für meine Kinder? Kann er uns versorgen oder säuft er in der Schwangerschaft? Wird er später Hustensaft trinken, um wenigstens etwas Alkohol zu haben? Ich will nicht mit ihr tauschen. Ich bin so froh, dass ich ein Mann bin. Als Frau muss es die Hölle sein.«
 
Allein beim Lesen dieser Zeilen muss ich schmunzeln. Doch glauben Sie mir, wenn der Autor jene Zeilen auch noch selbst liest, kommen Sie aus dem Lachen gar nicht mehr heraus. Es ist ein Lachen, welches ihnen „Ich fühle mich ertappt” ins Gesicht schreibt. Mit einem kessen Augenzwinkern gepaart mit einem verschmitzten Lächeln liest Mark Jischinski aus seinem Buch „Karla, das Leben und ich” und bringt dabei jene Beziehungssituationen von Papier ins Gehör, die vermeintlich jeder und jede kennt. 
Ich hatte das Vergnügen Mark Jischinski persönlich zu treffen, um über sein Buch zu sprechen. Ich wollte wissen, wie er an diese Geschichten kommt, die oftmals hinter verschlossenen Türen stattfinden und nur in gewissen Freundeskreisen erzählt werden. „Viele Tatsachenberichte sammele ich aus meinen persönlichen Coachings und natürlich auch aus meiner eigenen Erfahrung als Mann”, erzählt jener Mann, der nicht nur Autor, sondern eben auch Coach und vor allem Unternehmensberater ist. „Ich berate Unternehmer, nicht die Unternehmen, so verhält es sich auch in persönlichen Lebenslagen. Ich hinterfrage immer zuerst meinen Gegenüber, wie er sich mit der Problemtatik fühlt. Dann erarbeiten wir gemeinsam eine Lösung oder Herangehensweise.”
Am Sonntag, 15. März, 16 Uhr, lädt Mark Jischinski Sie ein, gemeinsam mit ihm auf Entdeckungstour der Beziehungen zu gehen – auf jene des Protagonisten Mark, ihrer Nachbarn und natürlich ihrer eigenen. Ort: Kleine Komödie Gera e.V. in der Späthepassage (ehemals Hugo).

Karla, das Leben und ich …

Karla, das Leben und ich … oder Liebe bis in den Tod.

LESUNG AM 15.03.2020 um 16.00 UHR
KLEINE KOMÖDIE GERA

Irgendwie muss es ja doch gehen, das mit den Männern und den Frauen. Beim Einkaufen, beim Miteinanderreden, beim Führen eines gemeinsamen Haushalts, bei Kinder- und Finanzfragen. Die Gefühlslage in der Beziehung reicht oft von Panik bis Verzweiflung, der Soundtrack klingt mal nach „Ave Maria“, mal wie „Spiel mir das Lied vom Tod“. Mark Jischinski erzählt in seinen Geschichten vom Alltag mit Karla, die ihre wichtigste Überzeugung wie ein Mantra predigt: „Mit der Beziehung zu einem Mann bekommst du automatisch einen Erziehungsauftrag!“ Ob Doktorspiele, Dirty Talk, Entspannungseinkäufe am Samstag, oder ein gemütlicher Fernsehabend mit der Lieblingsserie – Mark und Karla durchleben und durchleiden ihr freiwillig gewähltes Miteinander. Lakonisch, vergnüglich, und doch immer über beide Ohren verliebt, liest Mark Geschichten aus dem prallen Beziehungsleben.

Gute Vorsätze

So viel zu tun, aber nur noch die paar Tage sind übrig. Geht es uns nicht allen so? Gerade ist Silvester rum, die guten Vorsätze sind, eben gefasst oder im Jahresturnus erneuert, schon wieder über Bord geworfen. Der Alltag umfasst uns wie ein Korsett, das uns sicher bis Dezember einsperrt, bis wir uns endlich hektisch in die Besinnlichkeit stürzen. Wir wundern uns, dass die Zeit so gerannt ist, auf dem Beginn der goldenen 20er bereits so viel Patina sitzt und wir bekommen nicht einmal den Fuß aus der Tretmühle, die sich immer schneller dreht. Dabei sah diese Mühle einmal aus wie eine Karriereleiter.
Machen wir es besser. Genießen wir die Tage, fordern wir das Gute und Schöne heraus. Nicht durch Abwarten und Verharren, sondern durch eigenes Tun. Durch das leidenschaftliche Brennen für unsere Ideen, Träume und Ideale. Machen wir einfach Krach in unseren Herzen.
Ich wünsche allen LeserInnen, Schreibenden und Buchverrückten ein erfülltes Jahr 2020 voller Liebe, Wertschätzung und Respekt.

In 2020 sehen wir uns bei Lesungen aus meinem aktuellen Roman „Swinging Village“, heiter-satirischen Betrachtungen mit Kurzgeschichten in den Programmen „Vörwärts immer, rückwärts nimmer“, „Weltall, Erde, Mensch“, „Liebe , Lust und Leidenschaft“ und einem neuen Programm. Ach ja, ein neues Buch erscheint 2020 auch noch. Wenn nicht wieder ein anderes dazwischen kommt.

Die Termine werden rechtzeitig bekanntgegeben.

Swinging Village goes Babylon

Ich freue mich schon sehr auf die BuchBerlin am nächsten Wochenende. Am 23. und 24.11.19 werde ich am Stand vom adakia Verlag sein und am Sonntag (24.11.19) lese ich ab 15.00 Uhr aus meinem Buch „Swinging Village“. Während der letzten BuchBerlin habe ich mit jedem Käufer von „Iren ist menschlich“ einen Whiskey getrunken. Leider musste ich diese verkaufsfördernde Maßnahme bereits um die Mittagszeit einstellen. Zwar bietet das Thema von „Swinging Village“ durchaus die Möglichkeit, dem Alkoholkonsum zu frönen, aber ich würde meine Lesung gern fließend vortragen.

Swinging Village

Die erste Lesung ist geschafft, Rückmeldungen von Lesenden gehen ein und der MDR hat einen tollen Beitrag zum Buch gesendet. Ich freue mich sehr über das bisherige Feedback und danke allen, die zum Erfolg des Romans beigetragen haben. Allen, die die Geschichte rund um Erik Fink noch nicht kennen, wünsche ich gute Unterhaltung.

Mark Jischinski: SWINGING VILLAGE, Roman, Klappenbroschur, 270 Seiten, ISBN 978-3-941935-45-7, Preis 11,00 €

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