Gedankenjogger

Meistens habe ich fürs Joggen keine Zeit. Oder es ist mir, wie in den letzten Monaten, entschieden zu kalt. An manchen Tagen dann wieder zu warm. Wenn ich mich doch aufraffen könnte, regnet oder schneit es plötzlich und unerwartet, zudem in Strömen. Kurzum, meine Laufleistungen lassen im Moment zu wünschen übrig. Selbst felsenfeste Verabredungen mit Freunden verhallen im Pantheon der nicht gesagten Worte unseres Lebens. Aber letzten Sonntag habe ich es doch geschafft, mich ganz allein aufzuraffen und am Fluss laufen zu gehen. Einschränkend muss ich zugeben, dass zum einen meine Laufhose sehr knapp saß, obwohl sie mir beim letzten Lauf (vor drei Jahren) ausgezeichnet geschnitten schien. Zum anderen war schon das bloße Erreichen des Flusses eine ansprechende Leistung, die mir mein Körper mit akuter Atemnot quittierte. Irgendwie schaffte ich es aber, mich in einer Art läuferischer Fortbewegung zu verhalten, ohne über Gebühr aufzufallen. Bis auf meinen hochroten Kopf natürlich, den ich nicht verstecken konnte. Mein Selbstvertrauen kroch nach einer Weile langsam aus seiner fettleibigen Hülle und wollte sich schon wieder ein wenig in mir breitmachen. Doch leider überholte mich in diesem Moment eine Art joggender Methusalem, der mit Germina-Schuhen und dem Finisher-Shirt des Marathons von 1936, ohne hörbar Atem zu holen, an mir vorbeischwebte. Eine größere Niederlage hätte es wohl nicht geben können! Seine Beine erinnerten mich an etwas, das andere Menschen zu einem Blumengesteck verarbeiten und seine Hose saß so unglaublich knapp, dass ich froh war, sie nicht von vorn gesehen zu haben.
Doch mein Erstaunen über dieses Phänomen hielt nicht lange an, da es von einer anderen Naturgewalt erdrückt wurde. Ein schnaufendes Geräusch, einer Lokomotive nicht unähnlich, hörte ich hinter mir, und als ich mich umdrehte, konnte ich IHN sehen. In meiner Gewichtsklasse beheimatet, näherte sich schweren Schrittes ein Mittdreißiger. Während nun aber Methusalem bei der Wahl seiner Trikotage ein Verfechter guter alter Baumwolle war, präsentierte dieser junge Mann Funktionswäsche am ganzen Körper. Ein adipöser Traum in Hydromesh! Dazu eine Sonnenbrille, hochaktuelle, atmungsaktive, stark dämpfende und ultraleichte Laufschuhe und nicht zuletzt ein iPod, der scheinbar mit einem Pulsmesser parallel geschaltet war. Kurzum: Was dem Profi nutzt, kann dem Amateur nicht schaden. Wenn die eigene Überzeugung genauso viel Gewicht hat wie der Träger derselben, geht eben alles. Zudem konnte diese joggende Pellwurst heraus geschwitztes Selbstvertrauen durch den mitgeführten Flaschengurt wieder aufsaugen. Was die Sache nicht gerade erträglicher machte: Nach knapp einer Minute war er an mir vorbei, einfach unfassbar!
Ich versuchte sofort, mich an seine Fersen zu heften, doch aus der Ferne leuchtete mir etwas entgegen, sodass ich meine Augen schließen musste. Es kam immer näher und entpuppte sich schließlich als eine junge Frau, die alles hätte anziehen können, sich aber auf ihr perfektes Styling von der Frisur bis zu den Nägeln beschränkte. Ein höheres Wesen in Pink flatterte auf mich zu, perfekt gescheitelt, schulmäßiges Abrollen der Fersen, die Schminke saß und aus dem Haar schimmerte ein Hauch 3-Wetter-Taft. Als sie an mir vorbei lief, geriet ich in eine Wolke teuren Parfums und das nahm mir die letzte Luft zum Atmen. Ich setzte mich an den Straßenrand. Eigentlich reichte es für diesen Tag. Man soll ja auch langsam anfangen. Vielleicht nächste Woche wieder. Obwohl. Da soll es schneien. Oder regnen.

1 Kommentar zu „Gedankenjogger“

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