Die Erschaffung der Welt (Alles Liebe zum Frauentag)

Gott streifte lustlos durch das Universum. Alles war erschaffen, nichts Neues kam hinzu. Ihm war langweilig. Bereits seit einiger Zeit hatte er das Gefühl, dass es nicht schaden könne, dem Ganzen etwas Schwung zu geben. Doch eine ihn elektrisierende Idee kam ihm nicht. ›Vielleicht‹, so dachte Gott bei sich, ›habe ich mich einfach nur verausgabt. Dieses Universum ist ja nicht ohne und ich sollte mich zur Ruhe setzen. Bevor ich mir unnötig Druck mache, und dabei nichts Sinnvolles zu Wege bringe. Wenn ich nur genügend Abstand zu allem habe, wird mir schon etwas einfallen, womit ich mich beschäftigen kann.‹

So geschah es auch. Er unterdrückte das Gefühl, ständig etwas tun zu müssen und das auch noch perfekt. Erfolgreich widerstand er dem Drang, an dieser oder jener Stelle im Universum eine Verbesserung vorzunehmen. Deshalb bewegte er sich denn einige Zeit umher, ohne etwas zu schaffen und es war höchst angenehm für ihn. Einmal traf er eine Göttin. Sie war wunderschön. Doch das waren alle Göttinnen und diesen Trick des Universums kannte Gott nur zu gut. Die Göttin baute gerade einen Planeten.

»Glaubst du nicht, dass wir davon schon genug haben? Nach meinem Gefühl ist dieses Universum schon viel zu vollgestopft mit diesem Unrat«, begrüßte Gott die Göttin. Diese sah ihn kritisch an. »Nein, das glaube ich nicht. Denn dieser Planet wird etwas ganz Besonderes werden.«

Gott schaute zunächst misstrauisch auf die Kugel vor ihm. Sah eigentlich ganz vielversprechend aus. Ozeane und Kontinente gab es und wenn er ganz genau hinsah, hatte sie auch den schönsten göttlichen Zeitvertreib angesiedelt. Wunderhübsche Tiere tummelten sich und es machte Spaß zu sehen, wie sie fraßen und gefressen wurden. Einen wunderbaren Kreislauf hatte sie erfunden und auf seine Nachfrage hin erklärte sie ihm alles genau. Als sie fertig war, sagte Gott zu ihr: »Von allen Planeten die ich kenne, ist das der Schönste. Und das sage ich jetzt nicht, um dir nach dem Mund zu reden. Es ist alles so göttlich aufeinander abgestimmt, dass ich fast als die Krone unserer Schöpfungen bezeichnen möchte. Ich kannte einmal eine Göttin in einer sehr großen Entfernung, die hat sich etwas sehr Ähnliches ausgedacht, doch an das hier kommt sie nicht heran. Wundervoll!«

Natürlich wusste die Göttin, dass es einmalig war und alle Götter des Universums staunen würden, wenn sie es sehen. Doch sie war noch nicht ganz fertig, weil sie etwas völlig Neues in die geschaffene Welt einbringen wollte.

»Weißt du was?«, sagte sie zu Gott, »Das ist noch nicht alles, weil es noch perfekter geht! Hast du dir je überlegt, dass es möglich wäre, auf einem solchen Planeten ein Wesen zu haben, dass uns sehr ähnlich ist, also fast gottgleich?«

Gott sah sie lange an. Bis dahin war sie ihm im Grunde sehr sympathisch und nun redete sie einen solchen Unsinn. »Wie stellst du dir das vor? Ein Wesen, das uns ähnlich ist und als kleiner Gott durch diese Welt dort geht? Wenn es einen tierischen und einen göttlichen Teil in sich trägt, wird es daran zerbrechen. Es wird Fragen stellen, die es aus sich heraus nie beantworten kann. Und es wird daran scheitern, dass es in einer endlichen Welt lebt, aber Kontakt zur Unendlichkeit hat. Wie willst du das machen?«

Die Göttin lächelte wieder nur. »Schau mir einfach nur zu. Ich habe da schon ein paar Ideen.« Sie kramte in einer kleinen Kiste und zeigte Gott ihren ersten Entwurf.

»Ist sie nicht wunderschön?«Gott war sprachlos. Es war das schönste von göttlicher Hand geschaffene Werk, das er je gesehen hatte. Eine kleine, schützenswerte Göttin mit riesigen Augen und einem sinnlichen Körper.

»Sie ist wunderschön. Und sie erinnert mich an dich«, entfuhr es ihm, noch bevor er sich die Tragweite seiner Aussage bewusst machen konnte. Die Göttin errötete. »Denk bitte nichts Falsches von mir. Es soll nicht anmaßend sein, dass ich sie nach meinem Ebenbild erschaffen habe. Aber ich hatte leider keine andere Idee.«

Gott schaute milde zu ihr. »Mach dir keine Sorgen. Ich glaube, dass es so perfekt ist. Aber was willst du mit ihr auf deinem Planeten machen? Soll sie dort allein in den tierischen Kreislauf geworfen und diesem ausgeliefert werden?«

»Nein«, insistierte die Göttin sofort, »natürlich nicht! Sie würde womöglich von einem wilden Tier gefressen werden, noch bevor sie weiß, wo und wer sie ist. Deshalb habe ich ihn hier geschaffen.«

Sie holte aus der Kiste eine etwas größere und stärkere, aber eben auch sehr hässliche Gestalt heraus. Gott schauderte. »Was willst du damit? Vor allem: Was soll SIE damit?«

»Er soll sie beschützen und sie umsorgen. Du hast recht, dass ich bei der Schönheit nicht mehr so viel Elan eingebracht habe. Dafür schau dir mal seinen Körperbau an!«

»Ich sehe vor allem Haare! Muss das sein?«»Du weißt, dass wir bei all unseren Schöpfungen für einen göttlichen Ausgleich sorgen müssen. Sie unterscheiden sich deshalb deutlich. Ich habe den beiden auch unsere Sprache geschenkt.«

»Ist das nicht etwas gewagt? Die anderen kommen doch auch ohne aus.«

»Das ist richtig. Ich wollte aber einmal etwas einmalig Neues wagen. Ich weiß, dass es ein Experiment ist. Und die ungleiche Verteilung zwischen ihnen muss sich auch erst in der Praxis bewähren. Ich denke aber, dass es interessant und gut wird. Ich habe ihnen die Fortpflanzung, unseren Geist und die Sprache gegeben. Sie werden toll, glaub mir.« Sie hob die größere Figur vor die Augen Gottes.

»So hässlich ist er ja nun auch nicht, oder? Also ich könnte mich glatt für ihn erwärmen. Der muskulösere Körper war aber nur drin, weil ich sein Sprachzentrum verkleinert habe. Und noch ein paar andere Dinge musste ich ihm aus schlechter Erfahrung nehmen. Glaubst du, dass das Probleme zwischen den beiden gibt?«

Gott schaute sich die beiden Figuren an. »Nein, nein. Darf ich sie mal halten?«

Die Göttin legte die beiden Schöpfungen in seine Hände. Gott schaute freundlich auf sie herab und sagte: »Ich denke, dass du sie ganz toll geschaffen hast. Sie werden sicher eine gute Rolle auf deinem Planeten spielen, glaube mir.«Das beruhigte die Göttin. Sie nahm ihre beiden Figuren, drückte sie ganz fest auf ihren Mund und hauchte ihnen ihren Atem ein. Danach nahm sie die beiden und legte sie auf einen Kontinent auf dem Planeten.

»So. Das war es also. Mal schauen, was die so treiben.« Gott konnte den Stolz in ihrem Blick sehen und freute sich mit ihr. Er sagte: »Lassen wir sie nun allein. Ich bin mir sicher, dass sie das schaffen. Sie haben die Göttlichkeit in sich.« Die Göttin lächelte noch einmal auf den Planeten. Zu schade, dass ihr das damals auf der Erde nicht so gut gelungen war.

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Das Wort zum Sonntag

Eine Maus und eine Ratte treffen sich im Labor an den Laufrädern. Beide steigen in ihr Rad ein und dann laufen sie los. Die Ratte ist gut in Form und rennt, als gäbe es kein Morgen, keine Zeit und unendlich viel Sauerstoff in der Luft. Die Maus hört nach zwei Stunden auf, steigt aus dem Laufrad und schaut der Ratte zu. Sie schaut auch aus dem Fenster und sieht, wie die Wolken wundersame Figuren in den Himmel malen. Dann nimmt sie sich ein Leckerli und kaut darauf herum. Die Ratte rennt noch immer. Zwischendurch dreht die Maus ein paar Ründchen im Laufrad. Am Nachmittag aber setzt sie sich wieder hin. Sie schaut zum Käfig gegenüber, in dem dieses tolle Weibchen ihre Runden dreht. »Wenn sie nur nicht so viel im Laufrad wäre, hätte sie nicht so stramme Hinterbeine und sie wäre noch schöner«, sagt die Maus zu sich selbst. Trotzdem schaut sie noch etwas zu ihr rüber in der Hoffnung, dass sie irgendwann einmal den sehnsüchtigen Blick erwidert.
Inzwischen sind acht Stunden vergangen und die Maus hat überhaupt keine Lust mehr, noch einmal ins Laufrad zu steigen. Die Ratte aber rennt noch immer. »Du, Ratte«, brüllt die Maus rüber, »wollen wir nicht mal Feierabend machen?«
»Nein«, schreit die Ratte abgehetzt, »ich mach noch weiter!« Also rennt die Ratte weiter und die Maus wartet.
Zwei Stunden später fällt die Ratte tot aus dem Laufrad. In den anderen Käfigen ist sofort Ruhe. Das Weibchen schaut sogar rüber und die Maus kann ihren Blick auffangen und sie anlachen. Und sie? Sie lächelt zurück! Was für ein Tag für die Maus! Sie geht zur Ratte, schließt ihr sanft die Augen und sagt: »So fleißig warst du jeden Tag. Dein Laufrad ist nie zum Stehen gekommen. Wir haben alle zu dir aufgeschaut, obwohl wir nicht wussten, wer du bist, was du denkst und was du fühlst. Aber gerackert hast du wie kein anderer. Und doch bist du am Ende nur eine arme Ratte geblieben.«

Glauben ist alles

Als er in unserer Firma anfing zu arbeiten, konnten wir nicht so richtig etwas mit ihm anfangen. Er kam als Computerspezialist zu uns. Per Green Card und mit dem Flugzeug. Nashar Mathanian war anders als die Inder, die bisher an unseren Rechnern herum schraubten und Bits und Bytes verschoben. Von ihm ging eine Aura aus, die wir nicht begriffen.
Als er einmal in unserer Kantine saß, setzte ich mich zu ihm. Sein Essen bestand aus Pfeffer mit Hühnerfrikassee. Sein Teller war schwarz, meiner weiß. Nashar löffelte es, als sei es Nutella.
»Du findest mich komisch, oder? Ihr findet mich alle komisch?«, fragte er mich.
»Das würde ich so nicht sagen. Wir finden dich anders. Mehr nicht.«
Ich aß einfach weiter und sah ihn aufmerksam an. Es stimmte irgendetwas nicht mit ihm. Er wirkte so neben sich. Als würde sein Körper essen und sein Geist säße auf dem Platz daneben und führte das Gespräch.
»Ich praktiziere Telekinese. Ich kann mit meinen Gedanken Gegenstände zum Stillstand bringen«, sagte er ganz beiläufig, als würde ich erzählen, dass ich meine Zähne selbstständig putzen kann.
Er erzählte mir noch, dass er übersinnliche Kräfte habe und mit vielen indischen Heiligen und Sadhus verkehrte, denen hohe spirituelle Kräfte nachgesagt wurden. Vor seiner Abreise nach Deutschland habe er viele Lehrjahre durchlaufen und sei nun selbst in der Lage, große Dinge allein durch seine Gedanken zu beeinflussen.
Vielleicht merkte er, dass ich ihm nach einer Weile nicht mehr richtig zuhörte. Ich ließ ihn einfach weiterreden und hing meinen Gedanken nach. Telekinese. Hieß so nicht eine kleine Hundeart? Sollte ich einem Menschen Glauben schenken, der sich von Pfeffer ernähren konnte? Trotzdem konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass dieser kleine Moment mein Leben veränderte. Oder zumindest mein Denken über Nashar. Seit diesem Tag setzte ich mich zu jedem Mittagessen zu ihm. Ihm schmeckte unser Kantinenessen richtig gut. Ganz gleich, ob es Pfeffer mit Hühnchen, Pfeffer mit Nudeln oder Pfeffer mit Suppe gab. Er aß es immer mit großer Freude.
Er ließ mich auch einmal an einem Experiment teilhaben. Dabei stoppte er den Fall eines Löffels vor meinen Augen.
»Glaubst du mir jetzt?«
»Ich weiß nicht, wie du das gemacht hast, aber du wirst mir unheimlich.«
»Ist alles nur die Energie aus mir heraus. Ich habe übersinnliche Kräfte!«
Endgültig überzeugen konnte mich Nashar, als er mich bei mir zu Hause besuchte. Er schüttete eine Packung Nüsse auf meinen Tisch und meinte freundlich zu mir:
»Damit kannst du deine Wäsche waschen. Sie wird viel sauberer als mit deinem Waschmittel und die Umwelt schonst du auch!«
Ich sah ungläubig zu ihm. Jetzt ging es also langsam mit ihm durch. Er nahm Nüsse zum Wäsche waschen. Womöglich würde er mich dazu nötigen, mir mit Schwarzwurzeln die Zähne zu putzen. Oder mich mit einer Kokosnuss zu duschen.
»Jetzt hör auf, Nashar, das sind Nüsse! Vollwaschmittel sieht bei uns anders aus.«
»Probier es einfach aus!«
Während wir bei mir im Wohnzimmer saßen und verträumt einen Bollywood-Streifen genossen, verzauberten Nashars Waschnüsse meine Wäsche in die saubersten Sachen, die ich je gesehen hatte. Nun war ich endgültig überzeugt. Nashar konnte Löffel in der Luft zum Stehen bringen, mit Nüssen Wäsche waschen und Telekinese konnte er auch, ganz zweifelsfrei.
Ein paar Wochen später saß ich in einem sauberen, oder besser nussreinem Hemd neben ihm beim Mittag.
»Ich will nicht mehr IT-Spezialist sein. Mein Karma stimmt so nicht. Ich muss große Dinge vollbringen und es euch allen zeigen. Kannst du für mich etwas organisieren?«, fragte er mich und ich konnte die Traurigkeit in seinen Worten hören. Wenn er für etwas Größeres bestimmt war, warum sollte er auch weiter an unseren Rechnern rummachen?
Er gab mir einen Zettel mit ein paar Anweisungen zur Örtlichkeit und zur medialen Präsenz, die er sich für seine Selbstverwirklichung wünschte. Ich bereitete in den folgenden Tagen alles akribisch vor und hatte das Gefühl, dass Nashar bereits ganz in seiner Welt war. Ich hatte keinerlei Bedenken, dass er alles schaffen würde, was er sich vornahm.
Der große Tag kam. Über die Presse luden wir die gesamte Stadt zur Präsentation von übersinnlichen Fähigkeiten zum Bahnhof ein. Der ICE, der normalerweise nie bei uns hielt, sollte durch geistige Energie zum Bremsen gebracht werden. Nashar stand, ganz in weiß gekleidet, auf dem Gleis und alle blickten erwartungsvoll zu ihm. Er stimmte ein Mantra an und versetzte sich in einen anderen Bewusstseinszustand. Der Zug war inzwischen zu hören. Nashar hob beide Arme über seinen Kopf. Wir konnten Blitze funkeln sehen. Er beschwor magische Formeln und konzentrierte sich übermenschlich. Der Zug raste heran, die Gleise vibrierten, doch Nashar bündelte seine gesamte Energie, sein über die Jahre erworbenes Wissen der Telekinese und wer weiß was noch auf die Gefahr vor ihm. Dann überrollte ihn der Zug tosend. Die Menschen schrien und fluchten, während Teile Nashars durch die Luft flogen. In diesem Moment fiel es auch mir auf. Ich hätte es ahnen müssen! Der Löffel in der Kantine war das eine. Aber die Waschnüsse, die Nummer hätte ich durchschauen können. Auf meiner frisch gewaschenen Hose war tatsächlich ein Fleck!