„Knapp daneben ist auch vorbei“ oder „Vorerst gescheitert“

Wie ich soeben erfahren habe, wurde eine billige Kopie meines noch geheimen Buches „Knapp daneben ist auch vorbei!“ von einem schlechten Plagiator in den Handel gebracht. Ich möchte darauf hinweisen, dass in diesem Buch nur abgeschrieben wurde. Alle darin verwendeten Buchstaben habe ich bereits während meiner Schulzeit aufgeschrieben!! Vom Verband Deutscher Schriftsteller verlange ich die Aberkennung des Autoren-Titels für den Schreiberling. Darüber hinaus werde ich wegen anmaßender Nachahmung rechtliche Schritte in Erwägung ziehen. Ich habe bereits im Jahr 1995 mein Kassenbrillen-Nickelgestell bei Fielmann in Zahlung gegeben und meinen Gel-Verbrauch habe ich eingedenk aller Klimaschutzkonferenzen von vier Kilogramm im letzten Jahr auf gerade einmal eine Tube in diesem Jahr gesenkt. Bitte kaufen Sie das Original vom Original. „Knapp daneben ist auch vorbei!“ kommt schon bald in den Handel. Schonungslos wird dann abgerechnet. Kein Blatt vor den Mund genommen. Hier kommen bislang noch geheime Auszüge:
„Axel* ist doof.“
„Bernd* ist eine Petze.“
Mehr wird aber noch nicht verraten!

*Die Namen wurden geändert. Außerdem ist Axel eine Frau.

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Blaues Wunder

Endlich hielt er sie einsatzbereit in der Hand. Gar nicht so groß. Aber mit gewaltiger Wirkung. Und teuer natürlich. Die insgesamt zwölf kleinen blauen Pillen hatten sage und schreibe 160 EUR gekostet, doch das war ihm das Wiedersehen mit Petra wert. Er hatte sie bei einem Seminar über Problemfälle bei der Debitorenbuchhaltung kennengelernt und nun stand er mit der Pille in der einen und einem Blumenstrauß in der anderen Hand vor dem Hotel, in dem sie sich verabredet hatten. Er studierte noch einmal die Bedienungsanleitung, damit er das Wundermittel nicht zu früh einwarf. Während des Lesens dachte er darüber nach, wann er es zum letzten Mal mit Birgit getan hatte. War es vor drei Jahren oder vier? Und das Mal davor zwei Jahre her oder zweieinhalb? ›Bei Gott‹, dachte er, ›Weihnachten war nun tatsächlich schon öfter‹.
Seitdem die Kinder aus dem Haus waren, wurde es von Jahr zu Jahr weniger. Aber wenn er seinen gleichaltrigen Kollegen trauen durfte, dann war es völlig normal, dass ein Paar mit Mitte Fünfzig nur noch selten das Bett zum Zwecke des Beischlafs miteinander teilte. Mit Petra aber würde es anders werden. Petra war eine Buchhalterin nach seinem Geschmack. Gewissenhaft, pünktlich, aber eben auch voller feuriger Begierde, die sich nicht in einem Buchungssatz entladen ließ. Zudem war sie noch knackige achtundvierzig und hatte die Figur einer tüchtigen Sportlerin.
Es war inzwischen kurz vor neun und Petra würde natürlich zur verabredeten Zeit ankommen, keine Frage. Das Abendessen mit eingerechnet und ein paar notwendige Zärtlichkeiten dazu, schien es nun der richtige Moment, den Turbo zu starten. Er ging zurück zu seinem Auto und setzte sich hinein. Noch einmal sah er auf die blaue Pille in seiner Hand, dann warf er sie schnell ein und schluckte sie mit einem kräftigen Schluck Wasser herunter.
Zehn Minuten nach neun war er um zwei Erkenntnisse reicher. Die eine war, dass Petra nicht so pünktlich war, wie er gehofft hatte und die andere hatte mit dem unglaublich harten Ding in seiner Hose zu tun. Er hatte sich also bei beiden verschätzt. Doch so lange er im Auto auf Petras Ankunft warten konnte, gab es kein Problem. Außer dem natürlich, dass seine Erektion inzwischen schon heftig schmerzte.
Kurz vor zehn erreichte ihn eine SMS von Petra. Es täte ihr leid, aber sie könne nicht kommen, weil sie ihren Mann zu einem wichtigen Termin begleiten müsse.
›Na toll!‹ dachte er ›und was mache ich jetzt damit?‹ Sein Blick war auf seine Hose gerichtet, in der noch immer der Ständer des Jahrhunderts pochte.
Es gab gar keine andere Möglichkeit. Vorsichtig stieg er aus seinem Auto, richtete sich langsam auf und zupfte seine Jacke so zurecht, dass nicht jeder gleich seine Erektion erahnen konnte. An der Rezeption empfing ihn eine junge Frau, die den Schmerz in seinen Lenden nur noch verstärkte.
»Guten Abend. Liebling mein Name. Ich hatte ein Doppelzimmer reserviert.«
Sie tippte ein wenig auf ihrem Rechner herum und Liebling merkte, wie sich sein Puls bei ihrem Anblick immer weiter beschleunigte.
»Ja. Das ist richtig. Übernachten Sie allein?« fragte sie erstaunt.
»Ja, nur ich allein.« Das »leider« konnte er gerade noch so unterdrücken.
Sie gab ihm den Schlüssel und er ging, ja er rannte fast, zu seinem Zimmer. Dort angekommen, entledigte er sich in Windeseile seiner Hose und onanierte sofort. Es trat keine Linderung ein. Also tat er es noch einmal. Danach wieder. Ohne Erfolg. Das Ding stand da als wäre es in Stein gemeißelt. Liebling dachte nach. Er konnte doch unmöglich so lange an sich herumspielen, bis es nachließ. Niemand konnte ihm sagen, wann das war und wie oft er dazu hätte kommen müssen. Außerdem würde ihm diese Nacht im Hotel schlussendlich eine Sehnenscheidenentzündung einbringen und eine Krankschreibung über Wochen. Und wie er das seiner Birgit hätte erklären wollen, dazu hatte er nicht eine Idee. Er tat sich noch einmal ausführlich gut, hatte aber eigentlich die Hoffnung schon aufgegeben, dass sich etwas ändern könnte. Nach einem letzten, nun schon sehr verzweifelten Versuch, beschloss er kurz vor elf das Hotel zu verlassen und nach Hause zu fahren. Birgit könne er immer noch erklären, dass das Seminar ausgefallen ist und er sich mit ein paar ebenso wie er enttäuschten Kollegen noch ein bisschen über diese oder jene Problemfälle der täglichen Arbeit verständigt hat.
Der überraschten jungen Dame am Empfang gab er den Schlüssel zurück und zahlte mit einiger Pein den Zimmerpreis von einhundertachtzig Euro in bar. Das Geld hatte er schon kurz nach dem Telefonat mit Petra abgehoben, um später keinen Verdacht aufkommen zu lassen und eine Kartenzahlung kam ja sowieso nicht in Frage.
Auf der Heimfahrt probierte er sich noch viermal an der Problemlösung, aber mehr als ein feuchtes Taschentuch kam dabei nicht heraus. Also schlich er sich kurz vor Mitternacht in seine Wohnung, verbrachte noch eine halbe Ewigkeit beim Zähneputzen in der irrigen Hoffnung, irgend etwas an ihm möge sich doch noch verkleinern. Schließlich musste er sich doch mit seiner Prachtlatte neben seine Birgit legen und ein Kloß stieg in seinem Hals auf. Eigentlich wollte er fremdgehen. Ganz vorsätzlich und weil er es sich über die Jahre hinweg verdient hatte. Schlussendlich hatte er aber nur etliche Male onaniert und er dachte schon mit Schrecken an die übrigen elf Pillen in seinem Tresor. Vorsichtig legte er sich auf seine Betthälfte und achtete genau darauf, dass er Birgit nicht berührte. Er drehte sich von ihr weg und versuchte an schwierige Buchungsvorgänge zu denken. Vielleicht half das ja. Mitten in die Schwierigkeiten der Abschlagszahlungsverbuchung spürte er Birgit hinter sich.
»Schön, dass du schon da bist«, flüsterte sie halb schlafend, »erzähl mir morgen alles, ja?«
»Mmh, mache ich. Schlaf gut, mein Schatz.«
Aus bloßer Gewohnheit drehte er sich halb zu ihr, um ihr einen Kuss auf ihre Stirn zu geben und nach der tausendfachen Wiederholung dieses Rituals kam sie ihm ein Stück entgegen. Doch es war ein Stück zuviel des Weges. Irgendwie stieß sie mit ihrem Bauch an seine stahlharte Erektion. Liebling erstarrte.
»Schatz? So lange hast du dich ja schon lange nicht mehr gefreut, mich zu sehen.«
»Mmh.« Bloß nicht zuviel Konversation, dachte Liebling, vielleicht schläft sie gleich wieder ein.
Doch die Hoffnung Lieblings erstarb, denn als hätte Birgit einen Zauberstab berührt, erwachte sie zu neuem Leben.
»Schatz, du arbeitest wirklich zu viel. Kaum unterhältst du dich mit ein paar Kollegen über Buchungsprobleme und schon kommst du mit diesem Hammer nach Hause. Du solltest öfter mit deinen Kollegen sprechen.«
Und schon hatte sie ihn an den Eiern. Als hätte sie all die Jahre auf diesen Moment gewartet, bearbeitete sie Liebling nach allen Regeln der Kunst und nämlicher sah sich um Jahre zurückversetzt an den Beginn ihrer Beziehung, als sie es kaum aushielten und die Hände nicht voneinander lassen konnten.
Birgit empfing ihn bereitwillig und sie schaukelten sich in einen wahren Rausch hinein. Ekstatisch verbrachten sie mehrere Stunden und Liebling vergaß dabei all den Streit der letzten Wochen und Monate und die Verbitterung über die Schwachstellen ihrer Beziehung. Ja, er konnte sogar spielend sein Versagen als Liebhaber vergessen. Doch kurz nach vier stieg Birgit von ihm herab und verließ wortlos das Zimmer. Wortlos. Das hatte eine Menge zu sagen. Liebling traf sie völlig ermattet in der Küche. Sie sah ausgezehrt und kaputt aus. Sie blickte auf seine Erektion.
»Irgendetwas mit dir stimmt nicht. Damit«, sie zeigte auf seinen Penis, »stimmt ganz sicher etwas nicht. Wenn du mich nach all der Zeit umbringen willst, mach es bitte kürzer und schmerzloser. Und außerdem wäre es schön, wenn du diese einmalige Energie auf mehrere Wochen und Monate dosieren könntest.«
»Mmh.« Liebling wusste ja auch nicht mehr weiter. Dabei hatte er das Gefühl, dass die Beziehung zu Birgit gerade wieder auf dem Weg der Besserung war. Und schließlich hatte er noch elf Pillen. Sicherheitshalber ging er zur Toilette und legte noch zweimal Hand an. Keine Veränderung. Er sah in den Spiegel. Wie weit war es bloß gekommen? Er wollte seine Frau betrügen und um dazu überhaupt einen hoch zu bekommen, schluckte er Wunderpillen. Wenn hier jemand umzubringen war, dann doch wohl er. Betrübt schlich er sich zu seiner Frau zurück.
»Sag jetzt bitte nicht: Mmh!«, herrschte sie ihn an. Normal hätte er jetzt den Schwanz eingezogen, aber das war ja gerade unmöglich. »Du hast ja Recht. Ich bin ein Scheißkerl. Kannst du mir noch einmal verzeihen?«
»Wenn du nie wieder Mmh sagst und ab und an wieder so einen Prachtkerl präsentierst, könnte ich es mir überlegen.« Sie drückten einander länger als sonst. »Ich bin müde und lege mich schon einmal hin. Du kannst ja zusehen, wie du das da los bekommst und dann nachkommen.«
Sie küsste ihn und ging schweren Schrittes zu Bett. Liebling und seine Erektion standen ratlos im Raum. Er begann damit, Handtücher und Decken an ihr aufzuhängen, aber der Ständer ließ nicht nach. Er ging unter die Dusche und ließ eiskaltes Wasser darüber laufen. Erfolglos.
Dann setzte er sich vor den Fernseher und schaltete diesen ein. Nach ein paar Senderrunden, die er inhaltslos und ohne körperliche Veränderungen gedreht hatte, blieb er bei Kabel eins hängen. Es lief die schlecht synchronisierte Fassung eines amerikanischen Softpornos. Es dauerte keine halbe Minute. Seine Erektion war verschwunden. Es gibt Dinge, die funktionieren immer.

Hinter den Kulissen von Standard & Poor’s (Finale)

David baut sich auf, obwohl er das in diesem Anzug gar nicht tun müsste, räuspert sich und beginnt zu sprechen. »Ich habe alle Lifestyle-Magazine der letzten Wochen durchgeschaut, wirklich auf jeden Hinweis geachtet. Vanity Fair hatte nichts, der New Yorker auch nicht. Aber«, nun lehnt er sich zurück und nimmt seine Lieblings-Gewinner-Pose ein, »es gibt da was.«
Alle Augen sind auf David gerichtet und Greg kotzt dieses Gehabe seines Chefs an. Dieses Gockelhafte, mit dem er sich immer die Sympathien der anderen verschafft. Soll er doch seine Klöten gleich auf den Tisch packen. Mann! Es geht hier nicht um ihn, sondern um eine viel größere Sache! Sie schreiben gerade Geschichte und David muss sich feiern lassen.
»Der Trend geht ganz klar zu Plateauschuhen. Unauffällig getragen, aber du gewinnst locker fünf Zentimeter. Wenn es clever gemacht ist, sogar noch mehr.« David lässt seine Worte im Raum verhallen und die anderen schauen ungläubig zu ihm. ›Wie er das nur macht!‹ steht über ihren Köpfen.
»Klasse, David, ich danke dir«, unterbricht Ed die Stille. »Du bist wirklich unglaublich und ich denke, dass wir auf einem guten Weg sind. Ich habe natürlich auch noch was.«
Es ist klar, dass der große Chef nicht ohne Grund diesen Posten begleidet. »Es ist kein Zufall, dass wir heute alle in unseren Analysen etwas gefunden haben. Ich hatte bereits in der letzten Woche ein kleines Zeichen, nahm es aber nicht richtig ernst. Heute aber, Männer«, er lässt eine längere Pause und schaut jedem Einzelnen in die Augen. Ed weiß, wie Politik gemacht wird. Die ganz Große. »Heute hatte ich Blut im Stuhl und meine Hämorrhoiden quälen mich bestialisch. Dazu habe ich Blähungen, dass es eine Rinderherde graut.« Alle schauen ihn an und nicken. Das verheißt nichts Gutes und die letzte Konsequenz ist bereits jetzt allen klar. Greg spricht sie aus. »Ist Kassandra schon informiert?«
Ed nickt. »Ja, wir können sofort zu ihr gehen. Machen wir uns auf den Weg.«
Sie räumen den Konferenzraum, gehen zum Fahrstuhl und fahren nach ganz oben. In das Herz der Firma. Dorthin, wo Kassandra sitzt. Ed steigt als erster aus und führt die Gruppe an. Dann klopft er an ihre Tür.
»Herein, Ed! Und bring die anderen mit.«
Die Männer nicken sich lächelnd zu. Kassandra weiß alles. Das wird ein Kinderspiel. Sie gehen hinein und stellen sich vor sie. Der Raum liegt in einem diffusen Licht, an den Wänden hängen Tücher, die Fenster sind verschlossen und die Vorhänge zugezogen. Duftkerzen sind im Raum verteilt und verströmen ein ambrosisches Aroma. Kassandra sitzt auf einem Diwan, die Arme sind zur Seite hin ausgestreckt und ihre Beine sind im Lotussitz verschränkt. Das lange, blonde Haar fällt in Kaskaden über ihren Körper, so dass es scheint, sie trüge nichts weiter als ihr Haar. Sie beginnt mit ihrer sanften Stimme, in einem Singsang vollkommener Ausgeglichenheit zu sprechen. »Ihr seid auf dem richtigen Wege. Der Kaffee, das gelbe, buttrige Sputum, das schmerzende Knie, die Frösche, Plateausohlen und blutiger Stuhl, Ed, ihr seid nicht ohne Grund die Besten. Die Welt kann sich auf euer Urteil verlassen. Ihr seid die Analysten der Stunde. Ich will euch noch eine kleine Geschichte auf den Weg geben.«
Greg mag diese Momente, wenn Kassandra ihre Geschichten erzählt. Das erinnert ihn an seine Kindheit, als diese Welt noch eine Ordnung hatte und alles an seinem Platz lag.
»In einem gemütlichen Café sehe ich einen kleinen Mann sitzen. Er trägt einen blauen Anzug und Schuhe mit Plateausohlen. Beim Hinsetzen hat er sich mit seinem Knie an einem der Tischbeine gestoßen. Er bestellt ein Croissant mit Butter, die so buttrig ist, wie Butter nur sein kann. Dazu lässt er sich Froschschenkel kommen. Die letzten Wochen haben ihm zugesetzt. Eine späte Vaterschaft, berufliche Sorgen und dieses ständige Ringen, größer sein zu wollen, als er ist. Das schlägt auf den Magen. Und den Darm. Deshalb hat er enormen Durchfall.«
Die Männer nicken. Das Fund Monitoring ist damit beendet, die Grundsätze des Fund Management Rating Process sind komplett durchlaufen.
»Danke, Kassandra«, sagt Ed. »Kommt, Männer, nun müssen wir es der Welt verkaufen.«
Sie fahren wieder nach unten. Die Arbeit ist schnell verteilt. Pressekonferenz morgen, vorher das Übliche. Ed’s Arzttermin, David muss zur Kosmetik und Greg darf seinen eingewachsenen Zehennagel nicht vergessen. Nicht zuletzt treffen sie sich wie jeden Tag um drei beim Golfen.
Dieses Mal ist Greg dran. Er darf die Nachricht verfassen. Ed neigt immer so zum Prosaischen. Er ist da er eher für das Verknappte. Was wollen sie der Welt auch erzählen? Sie sind schließlich die Profis, nicht die Bekloppten dort draußen. Deshalb tippt er schnell ein: »Downgrade France«. Gerade hat er auf Enter gedrückt, da geht die Tür auf und David schaut abgehetzt rein. Er holt tief Luft und sagt: »Haben Sie es schon abgeschickt?«
»Klar, warum?«, fragt Greg.
»Rick meinte eben am Spa, dass es sein könne, dass sein Sputum doch nicht buttrig war, sondern eher cremig. Und Deven sagte, dass die Frösche einen italienischen Akzent hatten. Da fiel mir ein, dass in den Gazetten auch viel über Haarimplantate stand. Also, so zwischen den Zeilen.«
»Also doch Italien?«, fragt Greg.
»Möglich. Durchaus möglich«, sagt David.
Greg zuckt mit den Schultern. »Die können wir auch noch morgen machen. Es ist zehn vor drei. Lassen Sie uns Golfen gehen. Außerdem muss ich heute noch mit Jessica Schluss machen, bin grad so in Stimmung.«

Hinter den Kulissen von Standard & Poor’s (Teil 2)

»Nein, David, das sind eindeutig Vierecke. Und Vierecke heißen nichts Gutes. Das wissen wir alle.«
Greg und David sind Profis. Das sind sie alle bei Standard & Poor’s. In Sekundenbruchteilen gehen sie die internen Anweisungen für den Fund Management Rating Process durch. Stufe für Stufe. Sie wissen, was zu tun ist. Deshalb sagt David: »Ich gebe Ed Bescheid. Sie informieren die anderen und lassen die üblichen Tests machen. Wir sehen uns um neunhundert im Konferenzraum.«
»Klar, David, wir sehen uns dann.«
David verlässt den Raum und Greg nimmt den Hörer zur Hand. Innerhalb einer halben Stunde sind alle informiert. Hier arbeiten nur Profis. Sie sind bei Standard & Poors. Wo sonst sollten die Besten auch sein?
Der Konferenzraum ist voll besetzt. Greg sitzt neben David, ihnen gegenüber sitzt Deven, das Urgestein. John ist da und auch Rick. Jetzt muss nur noch Ed eintreffen, dann können sie starten.
Die Tür geht auf, Ed kommt, mit einem Packen Papier unter seinem Arm, herein und setzt sich an das Ende des Tisches.
»Jungs, die Lage ist absolut ernst. Ich will jetzt die Ergebnisse des Quantitative Screenings, des Prior Background Assessments und des Qualitative Face-to-Face Interviews haben. Dann werden wir den Beschluss als Rating Commitee fassen und schauen, was rauskommt. Also, fangen wir mit dir an, John. Was hast du?«
»Ed, ich kann Greg nur bestätigen. Ich hatte schon gestern Abend dieses Ziehen in meinem Knie und heute Morgen hat es geknackt.«
Ein Raunen geht durch das Rund. Die Profis wissen, dass es keine guten Nachrichten sind.
»Jedenfalls hatte ich das genau so, als wir die letzte Abstufung hatten.«
»Danke, John«, sagt Ed mit ernster Miene. Dann zeigt er auf Rick. »Was ist bei dir?«
»Als ich heute Morgen ins Büro kam, war alles wie immer. Zunächst. Dann aber musste ich würgen. Nichts wirklich Neues, dafür werde ich schließlich bezahlt. Aber als ich mein Sputum in meinen Napf spukte, hatte es gleich so etwas breiiges, teigiges, von ungesunder Farbe. Gelblich, fast wie Eiter. Ich befürchte, dass wir eine große Sache haben. So ne Triple-A-Geschichte.« Allen tritt Schweiß auf die Stirn. Die Luft ist zum Schneiden. Dieser Tag wird nicht so schnell vergessen werden. Die Welt wird wieder einmal auf sie schauen. Doch genau dafür sind sie da.
»Hast du noch etwas Genaueres, ein paar wichtige Details?«, hakt Ed nach.
»Vielleicht war es etwas, wie soll ich sagen? Buttriger, ja buttriger als sonst.«
»Was kann das heißen?«, fragt Greg in die Runde, »wir haben Johns Knie, die Vierecke in meinem Kaffee und Ricks Sputum ist buttrig. Ist da irgendwo ein Hinweis, den wir nur noch nicht erkennen?«
Schweigen. Ed ergreift wieder die Initiative. »Gut, Jungs, wir sind auch noch nicht am Ende. Deven, was sagst du?«
Deven, der älteste Analyst im Raum, schaut bedächtig zu den anderen, streicht sein graues Haar nach hinten und reibt sich mit der Hand durch die weißen Bartstoppeln. »Nun«, sagt er sehr langsam, »ich habe diese Nacht geträumt, dass ich wieder mal raus in die Natur fahre, mich an einen See setze und angle. Stundenlang aufs Wasser schauen und den Kopf frei bekommen. Ja, das wäre was. Und das Einzige, was nicht gepasst hat, war dieses nervige Quaken der Frösche. Es ging mir dermaßen auf die Eier! Ich habe ein Bild von Fröschen, mehr kann ich nicht sagen.« Dann verstummt Deven und fällt in eine Art Leichenstarre.
»Danke, Deven«, sagt Ed, »Und David, was ist mir dir?«

Hinter den Kulissen von Standard & Poor’s (Teil 1)

Der dritte Streit in dieser Woche! Und es ist erst Mittwoch. Wenn sie so weiter macht, fliegt sie raus. Endgültig. Was glaubt sie eigentlich, wer sie ist? Greg’s Puls rast noch immer. Obwohl ihm sein Arzt etwas anderes raten würde, liegt ein Becher Caffé Americano in seiner Hand. Größe Venti. Den hat er sich unterwegs bei Starbucks geholt und jetzt sitzt er in seinem Büro in der Water Street. Und die ganze Aufregung nur, weil er diese Party vergessen hat. Zwei Blöcke weiter im Ulysses Folk House spielt am kommenden Samstag Celtic Cross, die Lieblingsband seiner Freundin Jessica. Sie mit ihrer blöden irischen Kultur, ihren irischen Eltern und einer irischen Ahnentafel, die länger als die gesamte amerikanische Geschichte ist. Vor allem: Irland! Auch eines dieser Pleiteländer!
Sie weiß wirklich nicht, was er tut! Greg schüttelt energisch den Kopf und schluckt Ärger und Kaffee runter. Warum macht sie so einen Aufriss, weil er dieses todlangweilige Konzert vergessen hat? Er ist einer der Top-Analysten bei Standard & Poor’s! Eine der drei wichtigsten Firmen, die es im Moment in der Welt gibt. Was er sagt, hat Gewicht! Er kann Staaten ins Chaos stürzen, Regierungen zu Fall bringen und entscheiden, ob Geld noch etwas taugt, oder auch nicht. Und dann kommt Jessica mit ihren lächerlichen Problemen. Noch so ein Ding und sie fliegt aus seiner Wohnung. Samstag. Spätestens. Kann sich ja beim Konzert ausheulen, die Nervensäge.
Es geht ihm schon besser. Er hat die Beine auf den Schreibtisch gelegt, nippt an seinem Kaffee und genießt die Sonnenstrahlen dieses wunderschönen Herbsttages. ›Ich sollte mich von Jessica trennen. Sobald wie möglich. Völlig unabhängig von unseren Streits. Ich könnte auch andere haben.‹, so denkt Greg, während er den letzten Schluck aus dem Becher nimmt. Er stellt ihn zurück auf den Tisch und wartet eine Zeitspanne ab, die nur er im Gefühl hat. Wahrscheinlich gibt es nur einen Menschen auf diesem Planeten, der genau weiß, wann sich die Restflüssigkeit wieder auf den Boden gesetzt hat. Wann der Moment gekommen ist, in dem eine höhere Macht in einem Becher von 20 oz Wunder vollbringt und ihm sagt, was kommen wird. Jetzt ist es soweit. Er nimmt die Beine vom Tisch und beugt sich vorsichtig nach vorn. Erst inspiziert er nur den Becherrand, dann sieht er an der Wand nach unten bis ganz auf den Boden.
»Scheiße! So eine Scheiße!«, entfährt es ihm. Er springt auf, geht zum Fenster und trommelt mit seinen Fäusten davor. »Verdammt!« Doch er ist nicht ohne Grund dort, wo er ist und er ist unbestritten ein Profi. Deshalb nimmt er den Hörer in die Hand und wählt die Durchwahl 183.
»Hi Greg, was ist los?«, meldet sich die vertraute Stimme seines Vorgesetzten David.
»David, Sie müssen sofort zu mir kommen. Wir haben ein Problem. Ein Großes.«
»Ich komme sofort!«
Keine drei Minuten später steht David im Zimmer. Sein Sechshundert-Dollar-Anzug steht ihm gut, der Kent-Kragen sieht einmalig aus und aus seinem braungebrannten Gesicht strahlen Greg zwei stahlblaue Augen an.
»Und?«
»Schauen Sie selbst«, sagt Greg und reicht ihm seinen Kaffeebecher. David sieht hinein, wird puterrot und schreit: »Shit, Shit, Shit! Holy Shit! Mann, Greg! Sie wissen, was das bedeutet?«
»Klar, David.«
David geht ans Fenster und schaut hinaus. Die Adern an seinen Schläfen pochen, er atmet schnell ein und aus.
»Greg, können wir uns irren?«