Unter der Terra Femina

Häufig erleben Künstler nach ihrem Ableben einen Aufschwung. (Ich wollte schon immer so einen schönen Satz mit einem Paradoxon schreiben.)

Die Preise für Bilder schießen in die Höhe, Millionen werden geboten, während der Maler bettelarm lebte und kaum die Farbe fürs Bild zusammensparen oder aus Pfandflaschen sammeln konnte. Ich habe heute gesehen, dass es bei amazon mein Buch „Terra Femina“ als gebrauchtes Exemplar für 260,90 EUR gibt. Dazu möchte ich folgende Erklärung abgeben: Ich bin nicht tot. Der geneigte Käufer sollte also weiter zur preiswerteren Normalausgabe (12,90 EUR) greifen. Zudem ist derzeit relativ sicher, dass Wertsteigerungen nicht zu erwarten sind.

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Großreinemachen

Die ersten wärmenden Sonnenstrahlen kitzelten sie munter. Sie mochte diese Tage, an denen das Sonnenlicht ungehindert durch ihr Schlafzimmerfenster scheinen konnte und dem gesamten Tag einen angenehmen Glanz verlieh. Gertrude richtete ihren Oberkörper behäbig auf und blinzelte müde in das Licht. Die Haut hing schlaff an ihrem Körper wie ein alter Lappen, der ausgewrungen wurde und zum Trocknen auf einem morschen Fensterbrett lag. Sie atmete schwer und griff neben sich. Siegfried war auch diese Nacht nicht zurückgekommen. Ach, wie sie ihn vermisste! Ihren sagenhaften Siegfried! Sie hatten sich noch vor dem Krieg kennengelernt und er war als einer der wenigen zu ihr zurückgekehrt. Damals, nach dem Krieg, als so viele allein bleiben mussten und sich trennten. Von den Bildern ihrer geliebten Männer, von Träumen, von Hab und Gut. Sie aber hatten es geschafft. Trotz der Narben, die blieben. Und dabei hatte sie diesen Adolf so gemocht. Klein war er, sicher. Und reden konnte er auch nicht, der Schreihals und dazu war er noch Österreicher; sie mochte es heute immer noch nicht glauben. Ihr Siegfried aber war Deutscher. Durch und durch. Ein Bild von einem Mann, auch damals, nach dem Krieg. Und vor dem Krieg erst recht. Er war so scharf in seiner Uniform, er hätte sie ein Leben lang tragen können. Da war das Parteiabzeichen später ein Dreck dagegen.
Vorgestern aber war ihr aufgefallen, dass Siegfried nicht mehr da war. Sie kam gerade aus der Stadt zurück, wo sie sich mit Käthe auf einen Kaffee getroffen hatte. Die zwei alten Freundinnen hatten wie immer in Erinnerungen geschwelgt, die Zeiten auferstehen lassen, als diese Stadt noch etwas war und ihre Männer noch Biss und Saft in den Knochen hatten. Nun aber war die Libido ihrer Göttergatten genauso welk wie das Laub im Herbst und so trostlos wie die Stadt in der sie alle lebten. Sie sahen diesen jungen knackigen Typen hinterher, aber so richtig Schneid hatte von denen erst recht keiner. Gertrude und Käthe waren sich einig: Von diesen verwahrlosten Möchtegernmännern hätte ihnen nicht einer den Hof machen können. Der eine hatte die Hose in den Kniekehlen, als hätte er gerade an die Hauswand gegenüber gepullert und sei dabei erwischt worden. Der nächste verwechselte ein Solarium mit seiner Schlafstätte, und wenn sie diese vielen jugendlichen Schlappschwänze sahen, dann wurde ihnen klar, dass sie es mit denen damals nicht einmal bis Warschau geschafft hätten.
Gertrude kam also nach Hause und es war so seltsam still. Nicht mal ein vertrauter Furz war zu hören. Keine Frage: Siegfried war weg. Doch wohin war er gegangen? Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass sie sich schrieben, wohin sie gegangen waren und wann sie wieder nach Hause kommen würden. Über die Jahre hatte sich ein Berg von Notizzetteln und kleinen, wenn auch noch so kurzen, Liebesbekundungen angehäuft, der es wert gewesen wäre, noch einmal gelesen zu werden, bevor man ihn den Flammen übergab. Siegfried und Gertrude hatten beschlossen, dass der länger Lebende diese Artefakte ihrer Kommunikation mit in das Grab oder die Flammen nehmen sollte. Gertrude ging durch die gesamte Wohnung, um nach Siegfried oder einer Nachricht von ihm Ausschau zu halten. Das war völlig untypisch für ihn. Er, der liebe- und verständnisvolle Mann, der alles in seiner Macht stehende versucht hatte, um sie glücklich zu machen. Es war ihm zumindest ansatzweise gelungen, mit der einzigen Ausnahme, dass sich mit den Jahren ihre sexuellen Energien umgekehrt proportional entwickelten. Siegfried wurde mehr und mehr zu einer Samenkonserve, bei der ungewiss war, ob und wann das Konservierte seiner Bestimmung zugeführt werden würde, ja, ob sein müder Phallus je wieder in den mehr oder minder feuchten Genuss der vaginalen Umklammerung Gertrudes kommen würde. Und es war wahrlich nicht so, dass Gertrude nicht alles getan hätte, um Siegfried zu erregen. Ihr Körper war straff wie der einer Sechzigjährigen und sie konnte sich verbiegen wie heißer Kruppstahl. Vielleicht kam er aber auch nur nicht mit der veränderten Rolle der Frau von heute zurecht, dachte Gertrude betrübt. Vielleicht konnte Siegfried aufgrund seiner obsoleten Erziehung der dreißiger Jahre nicht glauben, dass eine dreiundachtzigjährige Frau durchaus noch ihre Gelüste hatte. Sie liebte ihn so sehr. Und auch wenn sein Körper an Elastizität verloren hatte und er nicht mehr so stattlich wie einst war, so sah sie in seinen Augen immer noch den Mann, der sie einst beim Tanz zum Walzer aufgefordert hatte. Geduldig hatte sie sogar versucht, ihrem Siegfried orale Freuden zu bereiten. Doch nach einer Viertelstunde emsiger Aktivität brach sie ihre Bemühungen mit einem leichten Muskelkater im Unterkiefer ab. Es war, als wollte sie einen Toten wiederbeleben. Eines Abends vor nicht all zu langer Zeit gerieten sie darüber in Streit. Siegfried zeterte, dass er kein Zuchtbulle sei und andere Männer in seinem Alter gingen nicht umsonst in einen Altersruhestift und schließlich sei er ein alter Mann und nicht so eine jugendliche Samenschleuder. Erbost wühlte er erst im Schlafzimmer und flüchtete dann in seinen Hobbykeller.
Gertrude und Käthe bastelten insgeheim daran, ihrem geriatrischen sexuellen Wohlergehen mit neuen technischen Hilfsmitteln auf die Sprünge zu helfen; Dildos in allen möglichen Ausführungen waren aber nicht das gleiche, bei weitem nicht. Außerdem liebten sie ihre Männer.
Nachdem sie auch den ganzen vorgestrigen Tag über auf Siegfried gewartet hatte, ging sie schließlich gestern zur Polizei und gab eine Vermisstenanzeige auf. Selbst im Radio wurde nun nach ihm gefahndet. Doch von Siegfried gab es weiterhin keine Spur. Es war inzwischen kurz vor zehn am Morgen, Gertrude schenkte sich eine Tasse Tee nach und ihre Dritten schnellten in ein Käsebrötchen und zerkleinerten es wie ihre eigenen Zähne es früher nicht besser hätten besorgen können. Da klingelte es. Sie ging zur Tür und öffnete.
»Hallo, und hast du schon was von ihm gehört?«, neugierig steckte Käthe ihren Kopf zur Tür herein.
»Nein, immer noch nicht. Weißt du, was ich glaube? Dieser Schuft hat mich verlassen und eine andere!« Gertrude schaute ein wenig traurig auf ihre Freundin, die gerade ihre Füße aus ihren orthopädischen Schuhen schälte.
»Ach, doch nicht der Siegfried! Ich meine, ich habe ihn schon eine Weile nicht gesehen, aber so etwas würde der nie tun! Er liebt dich doch!«
»Na ja, ich weiß nicht. Vielleicht habe ich ihn auch mit meinen Ansprüchen überfordert. Weißt du, andere Männer müssen mit fünfundachtzig nur noch rumhocken, dämliche Kartenspiele und gesellige Abende hinter sich bringen, aber weiß Gott die wenigsten müssen zu Hause noch mal richtig ran! Die einzige Verhärtung, die die noch erwarten dürfen, ist die Leichenstarre.«
Käthe setzte sich an den Tisch, schenkte sich nachdenklich etwas Tee ein und nickte bedächtig.
»Da ist was dran. Vielleicht hat er sich so eine Langweilerin aus dem Heim genommen, die ihn nicht mehr anrührt und schon jetzt steif ist. Zumindest steifer als sein …«
»Käthe!« Ein unmöglicher Vorwurf, den ihre beste Freundin da äußerte! »Womöglich ist er Opfer eines Verbrechens geworden und du bezichtigst ihn hier der Sünde und schlimmer noch, der, der erektilen Dysfunktion, wie sein Hausarzt immer zu sagen pflegte.«
»Schon gut, Gertrude. Aber eins noch. Vergewaltigt hat ihn mit Sicherheit niemand, soviel steht fest. Geld habt ihr auch keins, also muss es schon ein perverser Nekrophiler gewesen sein oder ein Pflegeheimbetreiber, der Alte in sein marodes Heim verschleppt oder schlimmer noch ein …«
»Käthe jetzt reicht’s! Es geht hier um meinen Mann und nicht um irgendeinen Vermissten aus Aktenzeichen X,Y ungelöst!«
Minuten des Schweigens, durchbrochen durch schlürfenden Teegenuss, standen zwischen ihnen. Die Ochs und Achs durchbrachen die Stille, sehnsüchtiges Schulterzucken und Kopfschütteln wechselten sich ab. Gertrude rührte gedankenverloren in ihrem Tee, auch wenn sich der Zucker schon lange aufgelöst hatte.
Schließlich hatte Käthe eine Idee, wie sie den Tag ohne Siegfried gestalten könnten.
»Gertrude, wir sollten hier nicht untätig rumhocken und auf eine Eingebung oder so etwas warten. Auch draußen rumlaufen und darauf hoffen, dass er uns über den Weg läuft, bringt uns gar nichts. Sieh dir mal eure Wohnung an! Wie lange hast du schon nicht mehr gründlich sauber gemacht?«
»Ach Käthe, nun höre doch auf. Du weißt doch, dass ich keine Zeit habe! Und für wen sollte ich das denn machen? Außer dem Bestatter erwarten wir doch niemanden mehr. Und Siegfried, dem war immer egal, wie es hier aussieht. Der hat sich doch nur in seinem Hobbykeller verkrochen und gebastelt. Weißt du doch, Flugzeugmodelle und so.«
»Trotzdem! Bevor wir hier rumsitzen und Trübsal blasen, lass uns mal groß Reinemachen!«
Gertrude schaute sich in ihrem Wohnzimmer um. Fürwahr, ihre Freundin hatte recht. Die alten Möbel waren verstaubt, auf den wenigen Büchern hatten sich schon Wollmäuse gebildet, die es mit Ratten aufnehmen konnten, da wagte sie gar nicht, an den Schmutz unter den Schränken zu denken. Spinnweben hingen an der Decke und die Fenster waren fast grau.
»In Ordnung Käthe, lass es uns mal angehen. Wir haben sonst eh nichts zu tun und so mache ich mir nicht dauernd Sorgen um Siegfried. Vielleicht steht er ja in der Tür, wenn wir fertig sind!«
»Oder wir finden ihn unterm Sofa!«
»Och Käthe, weißt du!«
Käthe rollerte mit den Augen und lachte in sich hinein. Es war in ihren Augen gar nicht so unwahrscheinlich, den alten Siegfried dahingestreckt unter irgend einem Möbelstück zu finden, denn sie hatte ihn schon ewig nicht mehr gesehen. Aber was hieß schon ewig, wenn man zweiundachtzig war und sogar ein tausendjähriges Reich erleben durfte? Sie zogen sich Dederonschürzen an und machten sich ans Werk. Staub fiel zu Boden, Bücher gerieten in eine andere Reihenfolge, Sammeltassen wurden gereinigt und Kissen ausgeschüttelt. Stück für Stück zog wieder Leben in das Wohnzimmer ein und so erstrahlte es immer mehr im Glanz früherer Jahre. Nach drei Stunden emsiger Plackerei setzte sich Gertrude auf einen Stuhl und atmete schwer.
»Käthe, lass uns eine Pause machen. Die haben wir uns verdient! Möchtest du etwas trinken, ein Käffchen vielleicht?«
»Nö. Gertrude, lass uns mal was Schönes schnabulieren. So ein Likörchen, das wäre jetzt nach meinem Geschmack! Hast du was da?«
»Aber klar, Käthe, mein selbstgemachter Himbeerlikör! Der steht im Schlafzimmer unter dem Bett auf meiner Seite. Kannst du ihn bitte holen, ich bin so außer Puste! Ich hol dafür schon mal die Gläser!«
»In Ordnung, Gertrude, und wenn Siegfried unter seiner Seite liegt, bring ich ihn gleich mit!«
Gertrude strafte die Freundin mit einem bösen Blick aus zusammengekniffenen Augen und ihre Gesichtsfalten verformten sich zu wahren Kratern, in denen auf Jahre kein Licht scheinen würde. Aber sollte Käthe doch ihre Scherze machen. Selbst wenn Siegfried unter dem Bett liegen würde, dann wüssten sie wenigstens, wo er war, der Arsch. Langsam wurde sie böse auf ihn. Sie verdächtigte ihn bereits, dass er sie einfach so hat sitzen lassen, nach all den Jahren. Dieses Weichei, dieser Schuft! Wie konnte er damals bloß den Krieg überstehen? Vielleicht war er gar nicht dort, sondern im Urlaub in der Schweiz? Und die Jahre nach dem Krieg, der Wiederaufbau, das Kombinat, die Partei, wie hatte der das alles bloß geschafft, wenn er sich jetzt so klammheimlich verkrümelte? Gertrude biss auf ihre faltigen Lippen und kratzte sich an ihrem Damenbart, der sich seit knapp zehn Jahren auf ihrer Oberlippe breit und breiter machte. Käthe kam freudestrahlend zurück, in der Hand eine Flasche des edlen Selbstgebrannten.
»Nu, wo sind denn die Gläser, Gertrudchen?« Gertrude hasste es, wenn man sie Gertrudchen nannte. Sie war nun wirklich alt genug, um Verniedlichungen zu entgehen. Sie erhob sich von ihrem Stuhl und schlurfte zum Schrank, entnahm diesem zwei Gläser und setzte sich zur Freundin.
»Na, dann mal los!«
Die zwei alten Mütterchen gossen sich einen nach dem anderen in die Gläser, die Staubwedel und Hemmungen fielen gleichsam ins Bodenlose. Käthe beeindruckte mit einem anständigen Durst und leerte ihre Gläser schneller als Siegfried das je getan hätte. Gertrude dachte wehmütig daran, dass Siegfried sowieso nur in einem sehr schnell war, leider. Aber ihre Mutter hatte ihr damals geraten, auf Siegfried zu warten, obwohl sie schon lange mit Horst was angefangen hatte. Ja, Horst, dieser junge Kerl vom Volksturm und spätere Parteisekretär, der wäre schon etwas gewesen. Und ausdauernd war der! An Ausdauer wurde er wahrscheinlich nur von Käthe übertroffen, die gerade zum Schlafzimmer wankte, um die nächste Flasche unter dem Bett hervorzuholen. Dabei schnellte sie elegant und elastisch unter das Bett, als wäre sie vierzig Jahre jünger und Bodenturnerin. Beschwingt kam sie zurück und ließ sich geräuschvoll auf das Sofa plumpsen.
»Er ist immer noch nicht unterm Bett!« Sie mussten beide lachen. Das Lachen ergriff festen Besitz von ihnen und sie konnten sich kaum beruhigen. Gertrude wischte sich die Tränen aus den Augen und legte ihren Arm um Käthe.
»Weißt du, er fehlt mir nicht mal richtig, wenn ich ehrlich sein soll.« Der Alkohol machte sie redselig und ehrlich. »Ich dachte immer, dass ich ihn so sehr lieben würde, aber gerade eben habe ich mich dabei erwischt, dass ich an Horst gedacht habe, weißt du noch, der knackige Parteisekretär von der Wismut!«
Käthes Augen erhielten einen sonnigen Glanz, hinter ihrem Rücken bildete sich eine scheinbare Corona, die den Raum erhellte und als ob sie eine Festrede halten wollte, sagte sie andächtig rührend:
»Ja, und ausdauernd war der! Ein Hengst von einem Mann! Der war in der Partei völlig falsch, der hätte zum Film gehen können, zum Por …«
»Käthe! Ich sollte dich vom Likör entfernen! Während Siegfried sonst was zugestoßen sein könnte, schwelgst du hier in Erinnerungen an einen anderen Mann und überhaupt, woher willst du wissen, dass er ausdauernd gewesen sein soll?«
Käthe saugte mit spitzen Lippen an ihrem Glas, eine graue Locke fiel ihr vor das rechte Auge und sie sagte mit einem diebischen Grinsen: » Das wusste doch fast jede in seinem Umkreis!«
Es war so bitter. Der einzige Lichtblick, den Gertrude in ihrem sonst kargen Dasein als treue Ehefrau hatte, wurde mit anderen geteilt und sie war nicht mehr als eine billige Nummer, die man in jedem Arbeitsamt ziehen konnte. Sie kam sich benutzt und schmutzig vor und wünschte sich ihren Siegfried wieder her. Mit all seinen Macken. Mit seiner Flatulenz, deren täglicher Ausstoß mit der Zahl seiner Lebenstage wuchs. Oder dem Mundgeruch, der seinen sonstigen Ausdünstungen kaum nachstand. Den Klamotten, die sie ihm Jahr für Jahr, Tag für Tag hinterherräumen musste. Und schließlich diese vertrocknete sexuelle Einbahnstraße, während Gertrude noch eine zweispurig befahrbare, unendlich lange und gut geschmierte Autobahn war. Es war so bitter. Sollte er doch bleiben, wo auch immer er war. Wann hatte sie ihn eigentlich zum letzten Mal gesehen, oder besser, bewusst wahrgenommen? Waren sie nicht schon lange zwei Schatten, die nur noch nebeneinander existierten, weil die Sonne es so wollte?
»Sag mal, Käthe, wann hast du Siegfried zum letzten Mal gesehen?« Käthe war inzwischen dazu übergegangen, den lästigen Umweg des Einschenkens zu umgehen und hatte die Flasche senkrecht auf ihre Lippen gesetzt.
»Was?!«, lallte sie der Freundin entgegen.
»Wann du Siegfried zum letzten Mal gesehen hast!?«
»Weißt du, je länger wir hier sitzen und sauber machen, um so mehr kommt es mir vor, als wäre er nie da gewesen. Ich meine, überleg’ doch mal! Ihr kennt euch seit neunzehnhundertneununddreißig und jetzt haben wir zweitausendzwölf. Das ist entschieden zu lange und vielleicht ist es ein Wink des Schicksals, sich auf die Suche nach Horst zu begeben.«
Ihre Augen blickten seltsam verträumt in den Raum, fixierten einen Punkt an der Wand und sie begann zu seufzen. Dann setzte sie die Flasche erneut an.
»Wenn du mich fragst, Siegfried war nie hier, jedenfalls nicht in deinem Schlafzimmer, ha ha!«
Käthe brach zusammen und kauerte in einem Lachanfall vor dem Sofa. Ihr Gebiss war dieser Attacke der Gesichtsmuskelkontraktion nicht gewachsen und fiel auf den Boden. Sie blickte zur Freundin hinauf, die sich auch kaum noch halten konnte und sagte zwischen ihren Bauchfellzerrungen:
»Vielleicht hättest du es mal so versuchen sollen! Ohne Zähne hab ich mal bei Karl aus dem Altenheim bei den Arcaden gemacht, der war hin und weg. Und zwei Wochen später auf dem Ostfriedhof!«
Mühsam schob sie ihr Gebiss wieder in den Mund und setzte sich zurück aufs Sofa. Sie starrten eine Weile die Wand an und versuchten, sich wieder in den Griff zu bekommen.
»Gertrude, das Sofa muss hier weg. Wenn du den lieben langen Tag hier sitzt und die Wand anglotzt, kannst du dir gleich einen Sarg kaufen. Wir drehen es an die Wand dort und dann kannst du zum Fenster hinausschauen.«
Gertrude besah sich ihr Wohnzimmer und ja, ihre Freundin hatte recht. Jetzt, wo sie Siegfried fast vergessen hatte und ihr eigentlich egal war, wo er sich wie lange mit wem rumtrieb, wurde es Zeit, ihr Leben noch einmal umzukrempeln. Gleich morgen würde sie sich auf die Suche nach Horst machen und vorher zum Friseur gehen. Sie leerten die zweite Flasche und torkelten dann aus dem Sofa, um es mit einem anständigen Schub und eleganter Drehung an die andere Wand zu befördern. Der Teppich unter einem der Beine rollte sich und die Couch blieb daran hängen. Käthe bückte sich, um ihn wieder glatt zu streichen. Gemeinsam hoben sie das Sofa an und Käthe schob den alten Vorleger darunter. Dabei fiel ihr ein gelber Zettel auf.
»Du, Gertrude, schau mal! Da ist ein Zettel!«
Gertrude beugte sich nach unten, ihr wurde schummrig im Kopf und der Likör schoss ihr durch die Blutbahn. Jetzt hatte er auch die letzten Gehirnwindungen umnebelt.
»Was steht denn drauf?«
Käthe faltete den Zettel auseinander und sammelte Körper und Geist, so gut es ihre Sinne eben noch zuließen, um gleichzeitig einen Gegenstand zu halten, zu lesen und zu reden. Langsam lallte sie:
»Meine liebste Trude!« Gertrude klappte der Unterkiefer auf und nur mit Mühe konnte sie das Gebiss in sich halten. Sie liebte es so sehr, wenn er sie so nannte! Seine Trude!
»Es tut mir leid, dass wir uns vorhin gestritten haben. Ich will auch versuchen, etwas an mir zu ändern. Lass mich einfach ein paar Minuten in meinem Keller sitzen. Dort werde ich warten und erst wieder nach oben kommen, wenn du mich noch willst. Dann hol’ mich einfach ab. Ich warte auf dich. In Liebe, dein Siegfried.«
Gertrude rollten Tränen über die Wangen, Käthe hielt sich den Zettel an die Brust.
»Wie romantisch, Trude! Er sitzt im Keller und wartet auf dich, während ihn die ganze Welt sucht. Und er kauert wenige Meter unter uns und verzehrt sich nach dir!«
Ein Lächeln formte sich auf Gertrudes Gesicht und vorsichtig nahmen ihre schrumpeligen Hände den Zettel und falteten ihn auseinander. Sie erkannte diese vertraute und wunderbare Schrift und überflog noch einmal die Zeilen. Doch als sie dieses kleine Stück Papier, diese rettende und aufklärende Notiz ganz aufklappte, stockte ihr der Atem und ein Stich traf ihr Herz. Noch unter » In Liebe, dein Siegfried« stand:
»Gera, den dritten Mai zweitausendzehn.«

Iren ist menschlich

Es ist ja nicht so, dass ich so GAR NICHTS zu tun hätte. Und auch die Zusammenarbeit mit Ophelia war wieder sehr schön. Trotzdem hatte ich das unausweichliche Gefühl, wieder etwas EIGENES und das auch noch allein schreiben zu müssen. Das habe ich getan und dabei habe ich eine Reise in mein Lieblingsland Irland zum Anlass genommen, das Land und die Leute zu beobachten, selbst ein wenig nachzudenken und das alles zu einer Melange zu verrühren, die in MEINEM irischen Tagebuch endet. „Iren ist menschlich“ – so wird es heißen und es soll Ende Januar erscheinen. Es ist durchaus möglich, dass der Erscheinungstermin verschoben wird, weil fast zeitgleich die „Wankelmuse“ das Licht der Buchhandelswelt erblicken wird. Es ist dann viel schöner, gemeinsam mit Ophelia durch die Welt zu reisen und auf Lesungen Carlotta und Max Leben einzuhauchen. Da kann das Irland-Buch schon einmal warten. Zum Glück wissen nicht nur die Irland-Liebhaber: Als Gott die Zeit machte, machte er genug davon.

Backe, backe Kuchen!

Es ist doch jedes Jahr dasselbe. Alle Welt wünscht sich Besinnlichkeit, Ruhe und Zeit für die wichtigen Dinge im Leben, aber tatsächlich nerven wir uns gegenseitig mit all den doch viel wichtigeren Sachen, die unbedingt noch in diesem Jahr erledigt werden müssen. Ohne Aufschub, Erledigung unausweichlich. Die letzten guten Vorsätze für 2012 sind zu schaffen, Geschenke müssen gekauft, Weihnachtsfeiern überstanden und notwendige Verwandtschaftsbesuche zum Teil erlitten werden. Zu allem Überfluss fordert das Finanzamt die Steuererklärung für 2011. Wir haben das alle so nicht verdient. Unabhängig vom drohenden Weltuntergang sollten wir die Dinge ändern und Weihnachten wirklich einmal in Ruhe verbringen. In innerer Ausgeglichenheit und Harmonie, mit Freude und Besinnlichkeit. Besonders wohltuend ist in diesem Zusammenhang ein Backnachmittag, ganz für sich allein. Ohne Versagensängste, ohne Kinder, die mehr Mehl im Raum verteilen, denn in die Schüssel bringen und ohne den Zwang, irgendwelche Dosen zu befüllen, deren Inhalt später unschuldigen Menschen ein „Oh, die sind aber lecker!“ abringen soll. Verbringen Sie deshalb die Zeit der Besinnung einmal anders! Besorgen Sie sich Milch, Zucker, Mehl, Eier, Butter, Salz, Nüsse, Orangen und Zitronen in handelsüblichen Mengen. Seien Sie bei der Auswahl individuell und einzigartig. Wichtig ist einzig und allein, dass Sie außerdem eine Flasche irischen Whiskey kaufen. Ich empfehle Ihnen derzeit einen Midleton Very Rare (malzig, mit Noten von Apfel und Banane, lang und trocken im Abgang, mit einem Hauch Eiche und Getreide), aber Sie können natürlich auch mit der Spirituose Ihres Vertrauens backen, es soll ja ein Erlebnis sein, das allen Freude bereitet. Ganz nach Gusto setzen Sie also bei den kommenden Anleitungen statt Whiskey eben Whisky, Cognac, Rum oder Brandy ein. Bier geht gar nicht. Wein und Sekt auch nicht.

Beginnen Sie also das Backen mit einem drei Finger breit gefüllten Glas Whiskey und überfliegen Sie die Vollständigkeit der Zutaten. Katalogisieren Sie die Zutaten alphabetisch auf einem Blatt Papier. Holen Sie sich danach eine Rührschüssel und trinken Sie noch einen Whiskey. Schauen Sie, ob Sie einen Mixer haben. Haben Sie einen, trinken Sie bitte darauf. Haben Sie keinen, trinken Sie auch. Prüfen Sie danach bitte, ob auch der mittlere Teil des Whiskeys geschmacklich in Ordnung ist. Legen Sie anschließend die Zutaten dekorativ zurecht, verändern Sie nun die Reihenfolge auf einem weiteren Blatt Papier entsprechend der ästhetisch besten Anordnung und belohnen Sie sich für diesen Arbeitsschritt mit einem ordentlichen Schluck.
Inzwischen dürfte Ihnen warm sein. Schalten Sie nun die Heizung aus und machen Sie Licht im Ofen. Schmücken Sie ihn und sich selbst mit Lametta und hängen Sie sich zwei rote Kugeln an die Ohren. Da es gerade so besinnlich geworden ist, trinken Sie einen drauf. Inzwischen ist es Ihnen egal, ob der Kuchen was wird, die Geschenke vollständig sind oder der Weihnachtsbraten gelingt. Sie erreichen Ihre innere Mitte, finden zu Ruhe und Frieden. Genau darum geht es bei Weihnachten! Belohnen Sie sich für diese Erkenntnis mit fünf Finger breit. Stellen Sie sich jetzt bitte mit schulterbreit auseinanderstehenden Beinen in die Mitte des Raumes und stimmen Sie „Stille Nacht, Heilige Nacht“ an. So laut, wie Sie nur können. Auch für die Nachbarn ist Weihnachten. Lassen Sie es raus, befreien Sie Ihre bisher unterdrückte, kreative Ader. Trinken Sie anschließend einen Schluck. Formen Sie aus den zwei Blatt Papier je einen Flieger, gehen Sie auf den Balkon und testen Sie die Flugfähigkeit der tollen Objekte. Achten Sie dabei darauf, dass Sie weder die Kugeln an den Ohren, noch das Lametta verlieren. Freuen Sie sich dann über Ihre Backkünste, Ihre wiederenteckte Kreativität, die Dummheit der Leute, die Sie gerade von der Straße her blöde angeschaut haben und holen Sie sich ein weiteres Blatt Papier. Schreiben Sie die Kündigung an Ihren Arbeitgeber und Ihre Bewerbung für „Deutschland sucht den Superbäcker“. Leeren Sie nun die Flasche, ohne das Glas zu benutzen. Machen Sie im Ofen das Licht aus,  gehen Sie ins Bett und schlafen Sie bis Neujahr. Alles wird gut.