Der Wind des Malina

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Es war die dritte Lesung im Monat und ich war ziemlich breit. Zwei Stunden ohne Pause hatten nicht nur die Stimmbänder gereizt, sondern auch meine so schon beeinträchtigte Widerstandskraft weiter angegriffen. Ich war todmüde, ganz egal, ob da jemand noch ein Bier mit mir trinken wollte oder nicht. Der Pub war fast leer, gerade mal fünf oder sechs Leute saßen noch an wenigen Tischen verstreut im Raum. Gerade als ich meine Sachen zusammenpackte, trat er vor mich und nahm mir auch den letzten Schein des schwachen Lichts, unmöglich, da noch etwas zu machen.
»Was kann ich für sie tun?«, fragte ich so freundlich, wie es meine Abendmüdigkeit eben noch zuließ.
»Guten Abend, Herr Jischinski, Ludwig Malina mein Name. Ich fand ihre Lesung gar köstlich. Besonders von ihren Beschreibungen rektaler Befreiungen bin ich hin und her gerissen.« Devot schleimte sein Lächeln vor mir. Ein giftgrüner Pfeil schoß mir in den Magen und überreizte ihn noch mehr als er so schon ertragen konnte. Doch ich konnte es mir kaum erlauben, ihn runterzuputzen.
»Das freut mich sehr, Herr Malina.« Er grinste nur flüchtig, seine Wangen fanden schnell wieder zu ihrer horizontalen Ausgangslinie zurück. Einige Augenblicke des unbequemen Schweigens schwebten zwischen uns, ohne daß ich sie unbedingt verscheuchen wollte. Vielmehr hoffte ich, daß er sich bemüßigt fühlte, endlich zu gehen. Doch er tat mir den Gefallen nicht.
»Herr Jischinski, hätten sie Interesse daran, ihren Lesungen noch etwas mehr Pep zu geben? Sie wissen schon, publikumswirksamer für die Massen, Presse, Funk und Fernsehen.«
Ich sah ihn fragend an. Als hätten mich damit nicht schon genug windige Vertreter mit platt gebügelten Visagen und bunten Krawatten gelöchert.
»Es ist nicht so, wie sie jetzt vielleicht denken. Es ist vielmehr eine Zusammenarbeit von uns Zweien. Könnten wir uns dazu eventuell in Ruhe unterhalten? Ich würde ihnen meine Nummer da lassen und sie rufen einfach an, wenn sie Interesse haben sollten, okay?«
Er sprach diabolisch, als wolle er mir ganz besonders guten Stoff verkaufen und bloß keiner dürfe es mitbekommen, sonst hätten uns die Bullen am Arsch. Ich fragte mich, warum mir dieser Kauz ein solches Rätsel aufgab.
»Interesse woran?« Er sah mich durch seine fette Brille hindurch an. Der Blick unsteter brauner Augen durchbohrte mich wie ein Holzspieß eine frisch gefüllte Roulade, die auf das heiße Fett in der Pfanne wartete. Er rieb sich seine knorrigen Hände, auf denen sich in breiter Flur schwarze Haarbüschel angesiedelt hatten wie Fliegen auf verwesendem Aas.
»An einer rektalen Sensation, die für uns beide von Nutzen sein könnte. Sie mit ihrer delikaten Literatur und ich mit meiner Kunst.« Er verbeugte sich vor mir wie man früher einem König hofierte.
»Und was wäre dann ihre Kunst, Herr Malina?«
»Ich bin leidenschaftlicher Kunstfurzer!« Nicht ohne Stolz stellte er sich nun zu voller Größe auf, seine Brust schwoll ihm bis zum Kinn, der hochrote Kopf versprach eine bevorstehende und mich von seiner Anwesenheit befreiende Atemnot. Zu dieser sollte es aber zum Glück nicht kommen.
»In Ordnung, wir sehen uns morgen abend hier. Gleiche Zeit wie heute, einverstanden?«
»Ganz wie sie meinen, Herr Jischinski, sie werden es gewiß nicht bereuen. Einen schönen Abend wünsche ich dann noch.« Er verzog sich sofort, griff seinen Mantel von einem Stuhl unweit des Podiums, auf dem ich gesessen und gelesen hatte, winkte noch einmal zu mir und verschwand. Kunstfurzer. Es gab eindeutig noch genug Menschen, die einen bei weitem größeren Schaden hatten als ich. Auf den Schreck genehmigte ich mir ein letztes Guinness und schlenderte nach dem viel zu hastigen Genuß in Richtung Heimat und Bett.
Bevor ich am nächsten Abend zum Pub ging, setzte ich mich in meinen Sessel und furzte befreiend in völliger Entspannung. Ich versuchte dem kakophonischen Geknatter und dem bestialischen Gestank etwas abzugewinnen, was sich in Richtung Kunst rücken ließ. Doch so weit ich Kunst auch faßte und künstlerische Freiheit definierte, es war unmöglich, diesem analen Angriff auf die Genfer Konventionen auch nur im entferntesten einen irgendwie gearteten künstlerischen Anstrich zu geben. Es war eher ein Wunder, daß ich noch aufrecht stehen konnte, als ich die Wohnung verließ. Als ich im Pub ankam, hatte er schon ein Bier vor sich stehen. Er saß zusammengekauert auf seinem Stuhl, die Beine in die Stuhlbeine gefädelt, verträumt an seinem Glas spielend. Sein gebrechlicher Körper schien schon allein unter der Last des ihm innewohnenden Lebens zusammen zu fallen. Das dünne, blonde Haar war zerwuselt und alles in allem machte er auf mich weniger den Eindruck eines Künstlers, als vielmehr den eines Drogenkonsumenten kurz vor dem nächsten Einkauf. Ich verfluchte mich kurz dafür, daß ich ihm zugesagt hatte und beruhigte mich damit, daß ich ja bis dahin noch nie einen Kunstfurzer zu Gesicht bekommen hatte. Vielleicht sahen die einfach so aus.
»Hallo, da bin ich, Herr Malina.«
»Sehr schön, Herr Jischinski, freut mich ungemein. Nehmen sie doch bitte Platz. Sie werden sicher immer noch über meine Kunst erstaunt sein. Deshalb will ich sie mal aufklären, wenn ihnen das recht ist.« Ich nickte ihm freundlich zu und die Kellnerin brachte mir inzwischen mein Guinness. Ich hob es an, prostete ihm zu und sagte: »Dann schießen sie mal los.«
»Also Herr Jischinski, sie dürfen natürlich nicht glauben, ich würde ganz profan wie jeder Ehemann durch die Gegend furzen, ganz ohne Sinn, Verstand und Klang. Bei mir ist das etwas anders gelagert. Es handelt sich bei meiner Kunst nicht um das Ausscheiden eines knatternden Abfallwindes, der durch Eßstörungen oder den übermäßigen Genuß von Hülsenfrüchten oder Kohlgerichten verursacht wurde. Nein, diese unkontrollierten Entgleisungen angestauter Flatulenz sind selbstredend nicht mein Ding.«
Ich war über die Maßen erstaunt darüber, was mir Herr Malina erzählte. Und ich war sehr gespannt darauf, was für einen Kunstfurz er mir vorführen würde, denn die Dinge, die er mir bis dahin nannte, waren mir durchaus geläufig und erinnerten mich an meinen Abschiedsfurz bevor ich aus meiner Wohnung ging. Deshalb war ich an seinen weiteren Ausführungen sehr interessiert.
»Also worin liegt dann der Unterschied begründet?«
»Nun ja, die hohe Schule des Kunstfurzers liegt natürlich zunächst darin, auch dem letzten ordinären kakophonischen Gewohnheitsfurz noch eine Melodie abzugewinnen, gewissermaßen als grandioser Virtuose der ungewollten Darmwinde. Doch diese sind naturgemäß nicht mein Ding, sonst wäre die Kunst auch nicht so schwer.«
Ich spitzte die Ohren, denn nun mußte des Rätsels Lösung kommen und er brachte Spannung in seine Worte, als wollte er nun den unsichtbaren Schleier über seiner Kunstform wegziehen und mir das Geheimnis schwungvoll präsentieren.
»Ein Furz aber, den ich für die Kunst verwenden möchte, muß zart schwingen, er muß sich aus dem Anus schälen wie eine Orange aus der Schale. Erst durch das kontrolliert sanfte Entgleiten kann er polyphon am Arschloch brechen und wahre Sinfonien schaffen. Es ist eben nicht einfach so wie Augen zu und ab damit in die Hose! Das kann nun wirklich jeder und ist damit so weit weg von der Kunst wie meine Lottozahlen vom Gewinn. Subtile Kreativität ist gefragt, nicht stupides Pressen.«
Er hörte sich an wie ein Professor der Biologie, der über die biochemischen Prozesse während der Photosynthese referierte. Bierernst und mit einem vorwurfsvollen Unterton an alle gedankenlosen Gelegenheitsfurzer. Doch ein wichtiges Phänomen weckte meine Aufmerksamkeit.
»Aber man kann doch nicht auf Kommando furzen, oder?!«
»Der primitive Nahrungsfurzer natürlich nicht. Und selbstredend helfen ihnen zur Kunst auch keine Zwiebeln und Linsen. Ich sauge die Luft einfach rektal an und kann meinen Schließmuskel derart kontrollieren, daß ich in der Lage bin, Melodien zu erzeugen. Es handelt sich sozusagen um eine anale Zirkuläratmung.«
Ich war baff. Bis zu diesem denkwürdigen Gespräch hustete ich meine Winde wie der kleine Trompeter mit einem disharmonischen Pupsgebläse in die Welt, wie ein von Grippe Geplagter sein Sputum in den Rinnstein rotzte. Vor mir aber saß ein Meister der Sinfonie a tergo, der Mozart unter den Kunstfurzern, der Nigel Kennedy der postmodernen Analmusik.
Ich stotterte mit weit aufgerissenen Augen, die Neugier nagte an mir wie eine hungrige Ratte an einem nahrhaften Stück Dreck. »Kann ich, kann ich es mal hören, bitte?«
Er fühlte sich sichtlich geschmeichelt, stand sofort auf und bat mich, ihm zu folgen. Wir gingen in die Toilette, drängten uns in eine Box und er schloß sie von innen ab. Dann ließ er seine Hosen runter. Ich dachte immer, ich hätte die weißesten Beine überhaupt, doch er toppte meine Stelzen um Längen. Sie sahen aus, als hätte er sie schon seit Jahren mit Perlweiß behandelt. Dann ließ er noch den Slip zu Boden gleiten, beugte sich leicht nach vorn und nickte mir freundlich zu: »Dann sperren sie mal ihre Ohren auf. Das wird eines meiner Lieblingsstücke. Etwas moderneres. ›Time to say good bye‹, sie wissen schon, das Ding von dem Blinden. Wenn ich vor dem spielen würde, er könnte nicht mal das Instrument erraten, der Arme.«
Angestrengt wie bei der Verrichtung eines unangenehm hartleibigen Stuhlgangs, der nur die Hämorrhoiden freut, blickte er stur geradeaus, seine Halsschlagader war geschwollen wie ein Schlauchbootwulst und schließlich vernahm ich die ersten sanften Töne. Es war phänomenal und bedrückend zugleich! Ich stand in einer erbärmlich stinkenden Stätte der Notdurft und lauschte wundervollen Klängen aus dem Arschloch eines mir im Grunde völlig fremden Menschen. Wenn man meine Mutter davon in Kenntnis setzen würde, sie würde augenblicklich jegliche Verbindung zu mir bestreiten. Jahrelange Bemühungen um eine halbwegs ordentliche Erziehung würden mit einem Mal erscheinen wie der aussichtslose Kampf gegen Windmühlen oder einer mütterlichen Sisyphusarbeit gleichen.
Malina aber trompetete ununterbrochen, bis er sich schließlich den Schlußakkord aus der Rosette schälte. Wohl wissend um die Wirkung, die er bei mir erzielt hatte, richtete er sich zu voller Größe auf, zog sich die Hosen wieder hoch und grinste mich an.
»Und, wie fanden sie es?«
»Nun, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich bin schlicht überwältigt. Und ich würde sagen, daß wir zusammen einen Versuch starten sollten.« Wir gaben uns die Hände und bei seinem weichen Pfötchen hatte ich das Gefühl, in einem Vaselinefaß zu stecken und unheilvolle Gedanken an gleichgeschlechtlichen Gruppensex mit seidenweicher musikalischer Untermalung aus dem Rektum des Herrn Malina umkreisten mein getrübtes Hirn.
»Auf gute Zusammenarbeit, Herr Jischinski. Sie werden schon sehen, wir kommen ganz groß raus!«
Wir begaben uns zurück in den Gastraum, den argwöhnischen Blicken der übrigen Gäste ausweichend, die uns musterten wie schuldige Gefangene, die auf dem Weg zum elektrischen Stuhl waren. Ich erfuhr noch sehr interessante Details, deren man sich als normaler Gelegenheitsfurzer nie und nimmer bewußt sein würde:
»Wissen Sie, Herr Jischinski, nun mal unter uns Künstlern, (ich rollerte mit meinen Augen, ließ ihn aber weiter gewähren) es kommt ja sogar vor, daß Leute zu mir kommen, die glauben Kunstfurzer zu sein. Ihnen geht es sicher nicht anders, oder kommen nicht dauernd irgendwelche Möchtegern-Literaten zu ihnen und wollen ihnen erzählen, daß sie auch schreiben, einen Roman ganz sicher zustande brächten und eigentlich nur diese verdammt kurz bemessene Zeit sie daran hindere, uns mit ihrem Geschreibsel zu beglücken?«
Ich fühlte mich eher dabei ertappt, zu genau dieser Sorte Mensch zu gehören, die in maßloser Überschätzung der eigenen Möglichkeiten annahmen, sie könnten ein Blatt Papier mit sinnvollem Leben füllen. Doch als Zeichen künstlerischer Verbundenheit nickte ich nur mit verzweifelter Miene.
»Nun ja, Herr Jischinski, da war also einmal dieser junge Herr, der mich damit belagerte, er könne kunstfurzen. Ich ließ ihn vorfurzen, doch alles, was seine knabenhafte, völlig ungeübte Rosette verließ, verpuffte gänzlich unmelodisch im Raum wie ein abgestandener Alkfurz, den sie nach einer zünftigen Männerrunde in jeder Kneipe hören können. Ich schickte ihn zum üben nach Hause. Ich sagte ihm, er solle sich seine Bettdecke über den Kopf ziehen und üben, bis er nicht mehr kann, bis zur rektalen Erschöpfung. Ich habe ihn nie wieder gesehen.«
»Beeinträchtigen eigentlich Haare um den Anus den Klang und kann Vaseline selbigen verbessern?«, fragte ich mit ehrlichem Wissensdurst.
»Haare sind natürlich ein sehr störendes Element und würden dem Kunstfurz nur als Windfang im Wege stehen. Deshalb rasiere ich mich jeden zweiten Tag und eine gewisse Hygiene ist förderlich und sogar angebracht. Andere Musiker putzen ihre Pauken und Trompeten schließlich auch bis sie glänzen.«
»Herr Malina, was machen sie eigentlich im richtigen Leben, oder wollen sie mir erzählen, daß man vom Kunstfurzen leben kann?«
Malina beugte sich ganz nah zu meinem Gehörgang und sprach mit leiser, sonorer Stimme, sich unsicher umblickend, sichergehend, daß uns ja niemand belauschte.
»Natürlich kann ich davon noch nicht leben. Ich gehe einem ganz normalen Beruf nach. Nur ist es eben nicht meine Berufung, sondern das möglichst schnelle Erledigen eines notwendigen Übels bis ich den Absprung endlich ganz geschafft habe.« Es war ihm sichtlich unangenehm, mir dieses Geheimnis zu eröffnen und ich tippte gedankenschnell auf eine Anstellung als Ausbeiner, Totengräber oder Güllefahrer. Doch es sollte noch schlimmer kommen.
»Nun ja, Herr Jischinski, ich arbeite im Finanzamt. Und dort ganz speziell in der Bewertungsstelle.«
Das war mehr, als ich an diesem Abend verdauen konnte. Das anale Meisterwerk hätte schon genügt; doch dazu gesellte sich eine weitere Perversion in Form seines Beamtendaseins, nicht zu fassen! Ich stellte mir vor, wie Malina in seinem miefigen Büro rumhing und Formulare ausfüllte, den lieben langen Tag ein mürrisches Gesicht zog und ihn lediglich während seines pedantisch zelebrierten Dienstschisses ein paar Glücksgefühle durchströmten. Und selbst die waren genau genommen für den Arsch. Armer Kerl! Hatten alle Finanzbeamten solche Neigungen? Waren es gar psychotische Fluchtmöglichkeiten einstmals normal denkender Menschen vor dem unerbittlichen Büroalltag? Konnten Arbeitskollegen Malinas Kunststücke mit ihrem Urin oder sonstigen Körperausscheidungen vollführen? Unheilvolle Visionen einer opulenten Orgie mit Ausdünstungen, Leibessäften und aufgequollenen Finanzbeamtenleibern erschütterten mein gequältes Hirn. Schon fühlte ich Nackensteife und Unwohlsein als aufkommende Vorboten einer Hirnhautentzündung, da schüttelte mich Malina aus meinem Alptraum.
»Herr Jischinski, alles in Ordnung mit ihnen? Ich weiß, daß es kein Traumberuf ist und sich viele Vorurteile, vor allem negative, um ihn ranken, vom Klischee ganz zu schweigen! Aber ich bin auch nur ein Mensch und irgendwie da hineingerutscht. Am Ende wollen wir doch alle nur leben, oder? Und es gibt eben Gesetze, nach denen sich die Menschen halten müssen und ebenso gibt es Menschen, die darauf achten, daß diese Gesetze auch eingehalten werden, oder nicht?«
Er starrte mich gebannt an und hatte augenscheinlich Angst, daß seine berufliche Offenbarung unsere traute künstlerische Zweisamkeit stören könnte. Dabei hatte ich solches Mitleid mit ihm.
»Wissen sie, Herr Malina, die Beamten waren in meinen Augen schon immer arme Schweine. Zum einen der sichere und insbesondere zeitlich geregelte Job, andererseits die Häme von diesen unendlich vielen Neidern, die am liebsten selbst solche kleinen selbstgefälligen Arschlöcher geworden wären, schließlich aber unter Leistungsdruck in der freien Wirtschaft schuften mußten. Das eigentliche Problem aber war und ist der unüberschaubare und eben nicht organisierbare Apparat. Wie soll es Menschen, die auch nur halbwegs bei klarem Verstand sind, gelingen, eine Brut von mehreren hundert, ja tausend Untergebenen sinnvoll zu organisieren? Insbesondere wo es in ihrem Bereich nur vereinzelt auftretende Exemplare von Sachgebietsleitern gibt, die frei sind von Neid, Falschheit, Karriere- und Intrigensucht. Es ist im gesamten öffentlichen Dienst ebenso, wie in den Verwaltungszentralen der großen Wirtschaftsunternehmen. Dazu kommt, daß der schnöde Steuerbürger immer wieder eins gern vergißt: Zwar sehen wir im Beamten und Staatsdiener eine Versinnbildlichung des idealen und besseren Menschen, da er ja eine Überwachungsfunktion innehat und RECHT anwendet, doch darf dabei nicht vergessen werden, daß auch ein Beamter nur ein kleiner Schuft ist, der im Leben außerhalb seiner hoheitlichen Funktion zu jeder Verderbtheit bereit ist und tausendfach die Taten begeht, die er tagsüber bei anderen verfolgt. Es sind immer noch Menschen, auch wenn man das nicht glauben mag. Wir sollten schlichtweg Abstand nehmen von der Glorifizierung des Staates und seiner Diener. Wir sind alle Homo sapiens und als solche schon längst jenseits aller moralischen Ideen, für die so viele schon ihr Leben opferten. Prost, Herr Malina!«
Malina hatte einen noch verstörteren Blick, als ich wenige Minuten zuvor auf der Toilette.
»Besser hätte ich es auch nicht sagen können. Aber woher kommen diese Schlußfolgerungen bei ihnen? Es scheint, daß sie sich damit schon ausgiebig befaßt hätten.«
»Das stimmt. Ich habe mal bei ihnen gearbeitet, wollte aber meine Menschwerdung schon post mortem und meine Ideale nicht verraten; wissen sie, was ich meine?«
»Nur zu gut! Ich glaube wir werden sehr gut zusammenarbeiten! Ich heiße übrigens Ludwig, in Ordnung, Mark?«
»Du kannst auf mich zählen. Und ich stehe dir auch bei und werde alles versuchen, dich da rauszuholen. Sei es am Ende durch deinen Arsch.«
Wir lachten darüber, trauerten über unsere gemeinsamen Erfahrungen und nach weiteren zwei Bier verabschiedeten wir uns und ich lud ihn zu meiner nächsten Lesung als Gaststar ein.
Er kam an diesem Abend pünktlich in einem strahlend weißen Anzug. Die Reinheit stand in meinen Augen in völligem Kontrast zur Kunst, die er den noch ahnungslosen Zuschauern gleich präsentieren würde. Er setzte sich so unauffällig es sein strahlendes Kostüm eben zuließ, neben mich und ich begann mit meiner Lesung. Die Stimmung war okay und der Zuspruch wie immer. Die Hörer folgten meinen Worten und lachten an den eigens dafür ausgesuchten Stellen. Doch der krönende Abschluß sollte noch folgen.
»So, liebe Gäste, nun noch ein kleines Extra-Bonbon, ein Bonus, wenn nicht sogar der Höhepunkt des heutigen Abends. Begrüßen sie bitte mit mir Herrn Ludwig Malina und lauschen sie seinen Klängen!«
Malina stand betont langsam auf, verbeugte sich bedächtig und drehte sich um. Er öffnete die Hose, ließ sie bis zu den Knien fallen und begab sich in die Hocke. Er hatte sich gar nicht erst die Mühe gemacht, einen Slip anzuziehen. Von ungläubigem Staunen bis zu bangem Entsetzen reichte die Palette in den Gesichtern der Gäste. Doch mit dem ersten harmonischen Klang lockerten sich die Gesichtszüge allmählich auf. Erst war es nur ein flüchtiges Lächeln, das das regungslose Staunen verwischte, doch es währte nur kurz und wurde von einem hellen Lachen abgelöst. Zumindest bei den Herren.
Die Damen im Rund konnten die Erheiterung ihrer Lebensgefährten nicht nachvollziehen, wähnten sie sich doch offensichtlich im eigenen Schlafzimmer, in dem sie schon zu oft dem Gestank martialischer Kampfgase ausgesetzt waren. Doch nach und nach zog Malina sie alle in seinen Bann. Wie grotesk das Bild eines furzenden Anzugträgers auch schien, »Time to say good bye« hallte im Pub wie ein sakrales Gebet in der Kirche. Bocelli hätte wieder sehen können – ganz sicher. Mit der vertrauten Leichtigkeit entfuhr Malina jeder Klang gekonnt, keine Spur von analen Disharmonien. Seine Rosette flatterte sanft im eigenen Wind und jeder Ton entsprang seinem Rektum zart und gefühlvoll wie ein Vogeljunges, das vorsichtig aus dem Ei schlüpft. Sein Schließmuskel war gleichsam von unendlicher Geschmeidigkeit wie von tragender Kraft, die es erlaubte, jeden Klang exakt auszuspielen, ja manchmal betont in die Länge zu ziehen.
Ich sah mich um und blickte in begeisterte Gesichter. Malina setzte zum finalen Akkord an, sein Rektum blähte sich noch einmal auf und glorifizierend entfleuchten ihm die letzten melodiösen Winde. Er richtete sich wieder auf, zog sich dabei die Hose hoch, drehte sich um und schaute erwartungsvoll ins Publikum. Stille. Doch nachdem der Schock und die Ehrfurcht aus den Gesichtern wichen, brach ein Orkan des Applauses aus und überschüttete den überglücklichen Malina. Stehende Ovationen für gebückte Flatulenz, nein, was sage ich, für Kunst. Ich sah ihn schon im Fernsehen, die Sender würden Schlange stehen. Melodien für Millionen, der Grand Prix, Deutschland sucht den Superfurz, ja sogar das Musikantenstadl, alle lägen ihm zu Füßen, allerdings von hinten. In sämtlichen Gazetten der Welt stände sein Antlitz und sein in Gold gegossenes Rektum, und die Deutschen bekämen endlich, was sie schon immer verdienten: Musik, die aus einem Arschloch kam.

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Kap der guten Hoffnung

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Vier Jahre war er jetzt verheiratet, und wirklich, er konnte sich beglückwünschen. Zu seiner Frau, seinen Kindern und all den anderen Kleinigkeiten, die zu den Dingen gehörten, die in ihrer Gesamtheit die Größe seines Lebens ausmachten. Der Beruf füllte ihn aus, das Geld stimmte, die Familie war gesund; fast schien es, als liefe alles viel zu glatt. Er stand auf dem Balkon dieses griechischen Hotels, blies den Zigarettenqualm gegen die Meeresbrise und die heißen Sonnenstrahlen assimilierten den Rauch wie staubsaugende Tentakel. Drinnen lag seine Frau im Bett, räkelte ihren sinnlichen Körper auf der Matratze und wischte sich seinen Samen vom Oberschenkel. Die Kleinen hatten sie über Mittag im Kinderklub abgegeben. So wie jeden Tag. Und so wie die anderen Tage wurde es auch in dieser Siesta ein rauschendes Fest der Sinne und der Ekstase. Die Laken waren naß vom Schweiß und ihren Säften, das Zimmer lag eingehüllt in einem schweren Duft von Sperma und Sünde. Während er auf das Mittelmeer schaute und ihren Duft von seinen Fingern einatmete, dachte er daran, dass ihm eins trotz aller Zufriedenheit fehlte. Nicht immer und so bedeutend wie Essen und Trinken, aber doch wie ein stetig im Hintergrund schwelendes Bedürfnis, das einfach nicht zu beruhigen war. Trotz der Befriedigung und der sexuellen Kapitulation, die er soeben wieder erlebt hatte, stand ihm der Sinn danach, wieder mal in aller Gemütsruhe zu wichsen. Man darf hier natürlich nicht dem Irrglauben unterliegen, er wäre sexuell unausgelastet, ein hungriger Krieger auf der Suche nach einem üppigen Schlachtfeld. Es war subtiler, sehr viel subtiler und mit Sex hatte es im eigentlichen Sinne auch nichts zu tun. Sex hatte er ausreichend, in allen Facetten und befriedigend wie ein Kindheitstraum, der sich endlich erfüllte. Darum ging es überhaupt nicht. Auch sollte es nicht mehr diesen infantilen Beigeschmack haben, wie bei seinen frühpubertierenden Höhepunkten, die er beim schuldbewussten Onanieren in ein altes Taschentuch spritzte. Das war doch bloße animalische Befreiung von einer Last, die geradezu primitiv und fremdgesteuert und zudem von großen Schuldkomplexen beladen war. Das war alles Schnee von gestern. Sollte doch Frau Dr. Faust mit ihren fünf flinken Schwestern bleiben, wo es noch etwas zu schrubben gab! Hier ging es um höhere Weihen, um heilige Selbstbefleckung und himmlischen Genuss. Und natürlich ging es um diese zutiefst egoistische Beziehung zwischen ihm und seinem Schwanz. Es sollte nun, Jahre nach seinen überhasteten Bemühungen autosexueller Art, eher so etwas sein wie der Besuch eines alten Freundes, die Wiederaufnahme eines längst vernachlässigten Hobbys oder das Lesen eines Buches, in dem man immer wieder schmökern könnte.
»Schatz, woran denkst du denn?«
Seine Frau stand plötzlich hinter ihm; er hatte gar nicht bemerkt, wie sie sich, in das Laken gewickelt, auf den Balkon geschlichen hatte.
»Wie schön es hier doch ist. Wie schön es eben mit uns war. Wie schön du bist. Und wie sehr ich dich liebe.« Er drehte den Kopf zur Seite und lächelte sie sanft an.
»Du bist ein schlechter Lügner!« Sie schlang sich von hinten um seinen Körper und schmiegte ihre Wange an seine Schultern. »Und woran hast du wirklich gedacht?«
»Dass ich Hunger habe.«
»Na bitte. Ich kenne dich doch!« Wenigstens nicht ganz gelogen, dachte er. Hunger war die Reaktion des Körpers auf einen Mangel an Energie. Er wollte wichsen, weil er einen Mangel an purer egoistischer Onanie verspürte. Da gab es kaum Unterschiede. Es ging um Mangelbeseitigung und Bedürfnisbefriedigung. Sie duschten, zogen sich an und sammelten die Kinder ein. Beim Essen sah er auf ihre Lippen, wie das Olivenöl darauf glänzte und verschmitzt lächelnd dachte er daran, was noch vor Kurzem auf diesen Lippen glänzte. Aber nein, so schön Fellatio auch sein mochte, wie erregend und entspannend diese Spielart der Liebe auch war – ein wunderbarer Kontrollverlust; die gestaltgewordene und hart geschwollene Männlichkeit zwischen den Zähnen der Angebeteten, gab es einen größeren Ausdruck des Vertrauens? Trotzdem war es nicht wie wichsen. Er begab sich in die Hände der Geliebten, ließ sich beherrschen und hatte das Heft des Handelns nicht mehr in der Hand. So anregend es auch war, und wie gewaltig die Höhepunkte auch aus ihm und in ihren Mund sprudelten, das IKEA-Regal hatte er schließlich auch allein zusammengebaut, ganz ohne fremde Hilfe. Darum ging es. Etwas ganz für sich zu haben, um Egoismus und Narzißmus.
Noch auf dem Heimflug überlegte er sich, wie er sein Vorhaben in die Tat umsetzen würde. Wie sollte das überhaupt gehen? Abends im Bett: »Du Schatz, ich habe heute abend keine Lust mit dir zu schlafen, ich würde lieber ins Bad gehen und mir in aller Ruhe und bei einem Glas Whiskey einen runterholen.«
»Aber du trinkst doch keinen Whiskey!«, würde sie wohl kaum entgegnen. Viel mehr hätte sie Komplexe, weil sie denken würde, dass sie ihm nicht mehr gefallen könnte, ihn nicht mehr reizen würde, ja sogar die Liebe würde als Zielscheibe verletzter Gefühle herhalten müssen. Und er stände im Bad, würde nicht mal einen onaniefähigen Ständer hinbekommen und hätte Schuldgefühle, weil sie ihn nicht verstand und drüben im Schlafzimmer traurig an seiner Liebe zweifelte. So hatte das alles keinen Sinn. Und überhaupt: im Bad, was für eine beklemmende Vorstellung: Klammheimlich, bedrückt-verstört auf Fliesen glotzen, während man sich einen schönen, würdevollen Moment der inneren Befriedigung gönnen wollte? Die Kraft des Leibes schuldbewusst, mit verkniffener Miene und einem unterdrückten Stöhnen ins Waschbecken plumpsen lassen, obwohl man befreit schreiend abspritzen wollte? Unmöglich! Diese Sache musste etwas Erhabenes ausstrahlen, nicht so etwas Triviales haben, bei dem jede Frau gleich wieder den Kopf schütteln würde, weil sie alle billigen Klischees über den niederen Menschen bestätigt sah. Nein, es musste etwas werden mit Stil und Würde, mit Anstand und Moral. Es gab schon alles in schriftlicher Form, was zwischen den Geschlechtern erwähnens- und beklagenswert ist. »Frauen sind von da und Männer von dort« und all dieser Kram; es gab Modemagazine und »Schöner Wohnen«, aber »Schöner Wichsen« gab es nicht. »Schöner Wichsen« – Ihr monatlicher Ratgeber für autarke Stunden voll Harmonie und Wonne. Bestimmen sie selbst, wie sie sich am liebsten lieben. Machen sie es sich gemütlich, überstürzen sie nichts, fallen sie nicht über ihren Penis her wie Hitler über Polen. Diese Stunden gehören nur ihnen und ihrem Liebsten. Ja, so in etwa würde verbraucherorientierter Journalismus in seinen Augen aussehen. Auf die Bedürfnisse eingehend, aufklärend, aber nicht belehrend.
Sie kamen wieder nach Hause, verabschiedeten sich Stück für Stück von den Urlaubseindrücken, ohne ihn aber zu vermissen, verlebten glückliche Tage wie immer und es hätte wohl ewig so weiter gehen können, hätten ihn nicht immer wieder diese Sehnsüchte heimgesucht. Trotz der häufigen Kontakte mit seiner Frau, trotzdem sie sich in Küche, Bad und Flur liebten, jede erdenkliche Spalte ihrer Körper erkundeten und leckten, er konnte die Sehnsucht nach diesem heiligen Moment ganz für sich nie niederkämpfen.
So sehr er sich in den eigenen vier Wänden auch mühte, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, es gelang ihm nicht. Nicht, weil er nicht geil genug gewesen wäre, oh nein, das war er sicher. Er hatte sich in seiner Geilheit und Sehnsucht sogar krankschreiben lassen, um der Arbeit fern und seinem dringenden Vorhaben zu Hause nah sein zu können. Doch allein die Vorstellung, dass die Kinder aus der Schule kommen könnten, ließ ihn innerlich zusammensacken und seine Erektion beteiligte sich an diesem Gemütswandel in verkörperlichter Parität, wie ein perfekter Synchronschwimmer. Die Kinder waren ein nicht zu verachtender Punkt. Er wollte immer als junger Vater gelten, aber so jung!? Was würden die Kleinen wohl sagen, wenn sie nach Hause kämen, womöglich in Begleitung von ein paar Freunden, mit denen sie Hausaufgaben erledigen wollten, und er stände im kerzenbeleuchteten Wohnzimmer, seine Augen zu Schlitzen verformt, keuchend, sein Schwanz puterrot und kurz vor der Eruption?
»Papa, du wichst?« Es würde eine schlimmere Erkenntnis sein, als die, dass die eigenen Eltern miteinander schlafen. Kopulierende Erziehungsberechtigte, das mochte schlimm genug und einen Besuch beim Jugendamt wert sein, aber ein onanierender Vater?
Unmöglich! So ging das alles nicht. Aber einfach so in der vertrauten Umgebung? Beim Joggen hinter der Eisenbahnbrücke am Fluß? Vor den Augen der Enten? Das hatte wieder diesen billigen Einschlag eines verhinderten Zuhälters, das wollte er nicht. Wichsen mit Stil – das war die Devise. Er wurde allerdings immer geiler, je mehr er über seine Selbstbefriedigung nachdachte. Seine Frau registrierte das gern und nahm ihn und seine Begierde mit Freude. Nicht, dass er sonst ein erkalteter Stein der Enthaltsamkeit war. Er war vielmehr ein Kessel, der immer auf guter Flamme kochte, nun aber kurz vorm Zerplatzen stand.
Im Dezember kam ihm die rettende Idee. Früher war er ziemlich oft geschäftlich unterwegs. Ganz Deutschland hatte er bereist, war wie ein windiger Staubsaugervertreter über die Straßen gebrettert, schlief in teuren Hotels und hörte sich abends an den Bars die privaten Probleme von Ehefrauen an, die das kurze Abenteuer suchten und beobachtete hitzige Männer, die anderen Frauen ihre Eheprobleme schilderten und doch keine Abenteuer fanden. Als dann aber die Kinder da waren, übergab er die lästige Reiserei an andere, delegierte und verteilte und konnte so immer bei seiner Familie sein. Nun wurde es Zeit, sich noch einmal auf eine große Reise zu begeben. Eine Reise zu sich selbst und zu seinem Schwanz, der sich nach seinem Griff sehnte. Er würde machen, was er wollte, diesen Moment ganz für sich genießen. Keine Erkundungen von Poren und Körperöffnungen, keine Verrenkungen und Stellungswechsel. Er würde einfach ans Meer fahren, irgendwohin an die Küste, es musste nicht mal warm sein dort. In einer einsamen Bucht würde er halt machen, fernab des Leuchtturms würde er beginnen, seinen eigenen Turm zu bauen, seine zunehmende Härte, Größe und Eleganz bewundern und genießen, ja und dann würde er einfach nur in aller Erhabenheit ins Meer wichsen.
»Ich muss kurz vor Weihnachten mal einen Kunden besuchen«, verkündete er beim Abendessen der überraschten Familie.
»Cool Mama, da können wir bei dir schlafen!«, freute sich die Kleine.
»Aber du wolltest doch nie wieder für die Firma umherreisen?«
»Das stimmt, aber es ist ein ganz wichtiger Kunde.« Das war unstreitig die Wahrheit. Es ging um seinen wichtigsten Kunden überhaupt. Wenn der eines Tages aussteigen würde, wäre das auch für seine Frau ein Trauertag.
»Und wie lange braucht so eine Kundenodyssee?«
»Nur zwei Tage, dann bin ich wieder zu Hause.«
»Dann geht es ja. Aber es wird doch eine Ausnahme bleiben, oder?«
In diesem ›oder‹ lag viel mehr als die bloße Fragestellung. Es war Frage und Drohung zugleich und die falsche Antwort würde Konsequenzen in jedem Bereich des ehelichen Miteinanders nach sich ziehen. Doch er wusste leider nicht, wie sich sein Meereswichsen auf ihn auswirken würde. Befreit und beruhigt für immer? Oder hungrig nach weiteren Spritztouren, die Mutation zu einem Wichstouristen? Die Antwort konnte nur die Reise und die Erfahrung bringen. Also ließ er es offen.
»Kommt drauf an. Es ist ein schwieriger Kunde, der immer mal nach mir verlangt. Er ist im Regelfall gut umsorgt und braucht mich bei weitem nicht mehr so oft wie früher, aber es kann sein, dass es ihn ab und an mal wieder nach meiner ordnenden und beruhigenden Hand verlangen wird. Das Treffen wird es zeigen.«
Die schnell verzogene Zornesfalte auf der Stirn seiner Frau beruhigte ihn. Sie würde ihm diese Ausnahme zugestehen, auch wenn nicht all zu viele folgen dürften. Er hatte ihr das Ende seiner Reisen damals hoch und heilig versprochen. Doch sie verstand, dass es um einen wichtigen Kunden ging. Konnte sie etwa Gedanken lesen?
»Und wo wirst du ihn heimsuchen?«
»In Bergen auf der Insel Rügen.«
»Wer immer es ist, sag ihm einen schönen Gruß von mir, und, dass wir ungern auf dich verzichten.«
»Ich werde ihn von dir grüßen, verlass dich drauf.«
Das würde er auch tun, aber nicht im Moment des höchsten Genusses. Auf der Hinfahrt vielleicht und kurz danach möglicherweise, doch nie und nimmer wenn er sich nur mit ihm allein beschäftigen würde.
Es konnte nichts erhabeneres und angemesseneres geben, als die weiße Winterlandschaft, durch die er an die Ostsee fuhr. Bewusst hatte er den Zug als Beförderungsmittel gewählt, um sich möglichst gut auf den Moment der Entladung vorzubereiten. Im Abteil war es angenehm warm. Draußen dagegen nagte der Frost an der Natur und rang ihr ein wunderbares Aussehen ab, das es ermöglichte, dem Traum zu erliegen, es gäbe tatsächlich Ruhe und Frieden auf dieser Welt. Auf den Feldern glitzerten Eiskristalle und alle Naturgewalten schlummerten unter einer weißen, dichten Decke. Seine Geilheit aber steigerte sich mit jeder Bahnschwelle, die er dem Ziel näher kam. Eine pochende Erektion drückte gegen seine Jeans und beschwor ihn geradezu, die Sache schon auf der Zugtoilette hinter sich zu bringen. Doch selbst schwülstige Gedanken an die zwei Reihen weiter sitzende junge Studentin mit ihren langen blonden Haaren und den Bernsteinaugen konnten seine Standhaftigkeit nicht erschüttern. Nein, er würde nicht wie ein lausiger kleiner Wichser in diese enge Zugtoilette hetzen und sich völlig überhastet entladen, womöglich noch testen, wie erregend diese Saugklos sein konnten, wenn er den Knopf drücken würde. Keine Frage, es war eine heilige Mission, er war ein Pilger des anspruchsvollen Wichsens. Gehobenes Onanieren bedeutete auch Entbehrungen auf sich zu nehmen, sich kasteien zu lassen von den unbedeutenden Impulsen einer reizüberladenen Umgebung. Er saß wie ein junger Fakir auf Nägeln und brannte darauf, sein Hotel zu beziehen und an den Strand zu gehen. Eine innere Unruhe ergriff ihn, seine Hände wurden feucht und sein Puls raste. Die Orte flogen an ihm vorbei. Leipzig, Berlin, Rostock. Nun bloß noch bis Stralsund und dann, ja dann.
Auf dem Rügendamm steigerte sich seine Vorfreude so sehr, dass er am liebsten die hässliche Schaffnerin geschändet hätte, obwohl sie wie eine verhinderte Wurstverkäuferin aussah, ihre Augen wie Steine in Aspik, der Oberkörper aufgeschwommenes Fett und die Füße Schweinshaxen in zu engen Schuhen. Doch auch dieser Kelch der Verführung ging an ihm vorüber, allerdings nicht ohne einen Tropfen der Vorfreude zu hinterlassen.
Den Weg über Bergen bis Putgarten überstand er wie im Fieber, er rannte ins Hotel und schleuderte seine Sachen ins Zimmer. ›Bleib ruhig, komm zur Besinnung!‹, ermahnte er sich. Es schien nicht angemessen zu sein, diesen Moment überstürzt und überdreht zu begehen. Er musste ruhiger werden, durchatmen, sich auf das Wesentliche konzentrieren. Es wäre die pure Verschwendung, wenn er jetzt, wo er so nah vor diesem, seinem ureigenen Erguss stand, hyperventilierte und wie ein kleiner Junge unkontrolliert mit seiner kostbaren Saat umging. Es galt, sie befreiend in das Meer zu jagen, nicht beklemmend bereits auf dem Felsen zu vergeuden.
Er zog sich um, nahm eine Flasche Wein mit sich und ging bewusst tief ein- und ausatmend Richtung Arkonabahn. Die kleine elektrische Bahn würde ihn bis zum Kap bringen, dann würde er die Treppen zum Ufer hinabsteigen und diesen steinigen Weg gehen, bis er die westwärts untergehende Sonne im Gesicht hätte. Dann würde er seine Hosen runterlassen und wichsen, dass die Götter staunen könnten. Den Weg dorthin kannte er genau. Als Student war er ihn gegangen. Mit seiner damaligen Freundin an seiner Seite. In einer Felsspalte hatte er sich in die ihre gepresst und sie im Stehen genommen. Damals hätte er es ich nicht träumen lassen, dass an gleicher Stelle einmal der Sieg des Onan gefeiert werden würde. Ihm gegenüber in der Bahn saß ein Mann in seinem Alter, ein unscheinbarer Kerl und unwissender Geschlechtsverkehrer. Was wusste der schon vom heiligen Wichsen am Kap Arkona?
Er ging hastig die Stufen herab und ermahnte sich wieder und wieder zur Ruhe. Sein Schwanz pochte heftig in seiner Hose und er spürte, wie sich eine ungeheure Kraft in seinen Lenden zusammenzog. Behende sprang er von Stein zu Stein, meisterte jeden Grat und kam schließlich dem Felsvorsprung immer näher, hinter dem die Wintersonne auf ihn und seinen immer härter werdenden Schwanz wartete. Kurz vor seinem Ziel dachte er an seine Frau und überlegte, ob er ihr den wahren Grund für seine Reise erzählen sollte. Nein, unmöglich, das durfte sie nie erfahren. Es war ein stiller Moment, reserviert nur für ihn. Dafür durfte sie in Ruhe ein Buch lesen, Marienhof schauen oder allein in die Sauna gehen. Sogar ein ganzes Wochenende in einem Relaxhotel mit Massagen und Moorbädern hätte er ihr als angemessene Gegenleistung für seinen Höhepunkt der Selbstliebe gegönnt. Doch das hier, das waren nur die Sonne, die karge Natur, er und sein Schwanz. Er bog um die Ecke, die Sonne blendete ihn und nagte am Kreidefelsen wie der Wolf in Vorbereitung auf die armen Geißlein. Mit süßer Stimme hörte er die Sirenen der Lust nach ihm und seinen Samen rufen. Er stellte die Flasche Wein ab und streifte langsam seine Hosen herunter, seinen Slip und schließlich hielt er dieses pochende Stück Fleisch in seiner rechten Hand, massierte es und fühlte einen Rausch der Befriedigung in sich aufwallen. Weil ihn die Sonne zu sehr blendete, hielt er die linke Hand vor seine Augen und da sah er sie.
Vor sich verteilt auf dem steinigen Ufer standen Hunderte Männer, sahen in die Sonne und wichsten ins Meer. Nun nahm er auch den Mann neben sich wahr. Es war der aus der Bahn. Er lächelte schief, hielt die Hand auf und wies auf ein Schild an dem Kreidefelsen.
»Schöner Wichsen auf Rügen – heute nur drei Euro!«

Eiserne Hochzeit

Mit jeder Beerdigung rutscht du eine Bankreihe weiter. Die Jahre ziehen ins Land und eines Tages liegst du ganz vorn, bist die Hauptperson des Tages. Diese Reise nach Jerusalem endet im Sarg. Noch sitze ich in der fünften Reihe und hoffe auf den natürlichen Gang der Dinge. Dann habe ich dreißig oder vierzig Jahre Zeit, bis die Blumen auf mir liegen und mein Porträt vor meinem Sarg steht. Ich sitze in der Kapelle und schaue in rotgeränderte Augen, sehe Tränen und Taschentücher. Die meisten der Anwesenden habe ich vor drei Wochen zum letzten Mal gesehen.

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Zwei Beerdigungen in einer Familie innerhalb eines Monats, das hat selbst der Pfarrer nicht in jedem Jahr zu bieten. Das versicherte er mir im vertraulichen Gespräch, während ich mich ins Kondolenzbuch eintrug. Seine Alkoholfahne zeugte von Verzweiflung und Leid, doch will man ihm das verdenken? Die Schäfchen werden immer weniger und die Schafe sterben weg. Irgendwann wird er allein in seiner Kirche sitzen und sich die Frage stellen, wer seine Grabrede hält. Die Freunde von früher haben sich im Laufe der Jahre verändert. Das Haar ist lichter und grauer geworden, die Körper sind fülliger, überschüssige Haut hängt am Kinn, Falten durchziehen die Gesichter, manchen machen sie markant, die meisten aber grimmig. Männer haben Brüste bekommen und ihr Doppelkinn liegt auf dem Schlipsknoten. Auf der sichtbaren Haut haben sich Altersflecken breit gemacht. Heute beerdigen wir Edeltraut, meine Oma. Man könnte sagen, dass sie mit ihren 93 Jahren dahinscheiden durfte. Dass es ein wunderbares Leben war, das sie so lange leben durfte. Geboren 1920, eine Diktatur und einen Krieg überlebt, eine weitere Diktatur überstanden, mehrere Währungen gingen durch ihre Hände, obwohl sie nie an einem anderen Ort, in einem anderen Land lebte. Was hat meine Oma nicht alles erlebt? Ich würde gern sagen, dass sie zu ihrem Glück und als wichtigste Konstante in ihrem Leben die Liebe und ihre Familie hatte, doch es wäre anmaßend, denn ich weiß nicht, wie sie dazu stand. Liebe und Gefühle; darüber sprach sie nur ganz selten. Und wenn, dann lag all das in der Vergangenheit. Weit entfernt, als sie noch jung war. In den letzten drei Wochen, ja sicher. Da war sie ein Vulkan mit brodelnder Gefühlsmagma, die sie um sich warf wie der Vesuv. Die heißen Gesteinsbrocken voller Wut und Enttäuschung flogen jedem ins Gesicht, der nicht rechtzeitig ausweichen konnte. Sie giftete auf alles und jeden. Ich bin mir sicher, dass sie an innerer Vergiftung gestorben ist. Letzte Woche wollte mein Vater sie besuchen und mit ihr einkaufen gehen. Selbst in ihrem Alter war sie rüstig und konnte den Haushalt selbst besorgen. Bei Glätte aber, bei Eis und Schnee, fühlte sich mein Vater besser, wenn er sie beim Einkaufen begleitete. Doch sie lag in ihrer guten Stube, ein Bild von sich und ihrem Hugo zerschlagen vor sich, den Hammer gleich neben ihrer rechten Hand, die Glassplitter im Raum verteilt. Hugo, die Liebe ihres Lebens. Wir Kinder fanden es trotz der dauernden Wiederholung jedes Mal spannend, wenn sie erzählte, wie sie sich kennengelernt haben. Damals, im Jahr 1942. Sie war 22 Jahre alt und der Hugo 26. Er war so ein toller Mann in seiner Wehrmachtsuniform. Das betonte Oma immer wieder. Zum Tanz hat er sie aufgefordert und als sie in seinen Armen über die Tanzfläche schwebte, berührte sie den Boden schon nicht mehr, flog davon, berührte den Himmel und verliebte sich unsterblich. Hugo war an der Westfront, hatte Frankreich im Sichelschnitt genommen und sogar den Führer in Paris gesehen. Sie war so stolz auf ihn. Natürlich bangte sie um ihn, als er wieder weg war. All die Gefahren, die er durchleiden musste. Sicher, er war nicht an der barbarischen Ostfront, aber auch im Westen hatten sie Feinde. Und dann, als es im Juni 1944 losging und die Amis und Briten die Deutschen überrollten, als sie sich in den zwei Jahren zuvor nur sporadisch sahen und ihre Beziehung nur aus Feldpost bestand, hatte sie solche Angst um ihn. Tage des Zitterns, Nächte ohne Schlaf. War er gestorben? Erschossen und irgendwo in der Bretagne liegen gelassen wie ein Stück Vieh? Oder kämpfte er wie ein Held? Steckte das ganze Leid irgendwie weg, verarbeitete den Tod all der Kameraden, die Schreie, das Blut irgendwie? Irgendwie? Irgendwie? Konnte er überhaupt ein Mensch bleiben bei alledem? Ihr Kopf zersprang ihr beinahe. Nach dem Krieg wartete sie lange auf ihn. Tage, Wochen und Monate der Unsicherheit. Jeden Tag die Frage, ob er noch lebte. Jeden Tag die Hoffnung, dass er es tat. Für meine Oma war klar, dass sie auf den Mann ihres Lebens warten würde. Nicht so, wie ein paar ihrer Freundinnen, die sich dem nächstbesten Heimkehrer an den Hals warfen, als hätten sie nicht einen Mann zu betrauern. Zwei Jahre nach dem Krieg war es endlich soweit. Die Türen des Zuges öffneten sich und die abgemagerte, völlig verdreckte Version ihres Hugo entstieg ihm. Oma Edeltrauds Augen leuchteten nicht oft, aber in diesem Moment, wenn sie vom Wiedersehen erzählte, da sah ich, dass sie fühlen konnte, dass sie ihn wirklich liebte und unendlich vermisste. »An seinen Augen habe ich ihn erkannt, denn sonst war er ja nur noch Haut und Knochen. Seine Augen aber, die strahlten wie damals beim Tanz.« So sprach sie von damals.
Vor fünf Wochen gab es etwas zu feiern. Die Eiserne Hochzeit von Edeltraut und Hugo. Sie haben schnell geheiratet, bekamen fünf Kinder und Hugo schwieg über den Krieg. Ich habe oft versucht, ihm Informationen zu entlocken. Irgendetwas heroisches, ein paar Eindrücke vom Kämpfen, vom Siegen und vom Töten. Doch Hugo blieb stumm. Vielleicht war es gut so. Nein, es war ganz sicher gut so.
Am Tag der Hochzeit drehte sich alles um Edeltraut und Hugo. 65 Jahre verheiratet, das schafft heute kaum noch jemand. Nicht, dass es noch um Liebe ging. Vertrautheit, Beständigkeit und Gewohnheit, das waren die Eckpfeiler einer so langen Beziehung. Hugo war 97 Jahre alt und würde ganz sicher noch hundert werden. Einer meiner Cousins schlug sicherheitshalber mit seinem iPad bei Wikipedia nach. Noch zweieinhalb Jahre, dann gibt es die Steinerne Hochzeit und in fünf Jahren gäbe es die Gnadenhochzeit. Ich schaute meine Großeltern an der Kaffeetafel an. Sie saßen beieinander, vertraut und nah. Ich wusste von meinen Eltern, dass sie sich sehr oft stritten und Hugo nicht ohne Grund am liebsten schwieg. Nicht wegen des Krieges, den er als Soldat verloren hatte. Als Mann starb er jeden Tag ein bisschen. Ein wenig litt ich mit ihm, wie er neben seiner geliebten Edeltraut saß und ich fragte mich, was wohl in ihm vorging, 65 Jahre nach der Hochzeit, 68 Jahre nach dem Krieg. Was wog schwerer? Ein paar Monate Gemetzel im Infanterieregiment »Großdeutschland« in den Ardennen oder sechzig Jahre Unternehmen »Edeltraut«? Der Tag schritt voran mit den üblichen Höhepunkten. Kaffeetrinken, Lobeshymnen, Erinnerungen, Bilderalben. Jeder am Tisch saß nur deshalb da, weil Hugo und Edeltraut sich einst verliebten und Kinder in die Welt setzten. Später kamen die richtigen Getränke auf den Tisch. Bier, Wein und Schnaps. Hugo sprach insbesondere seinem geliebten »Goldbrand« zu, was ihm einige Ellenbogenhiebe seiner Frau und missbilligende Blicke selbiger einbrachte. Doch es kümmerte ihn nicht weiter. Hugo trank mehr, als er es noch bei der Goldenen Hochzeit getan hatte. Deutlich mehr. Man konnte meinen, dass Hugo kurz vor dem Verdursten stand. Schon beim Abendessen war mein Opa über den Zenit hinaus. Seine Kinder, allesamt Töchter, schüttelten die Köpfe und verbrüderten sich mit ihrer Mutter. Sie ließen ihn links liegen, auch wenn er zentral an der Tafel saß. Hugo trank weiter. Während des Essens und auch danach. Beim Blick auf seine Frau befürchtete ich nicht unberechtigt, dass die gemeinsame Zeit der Ehe an diesem Abend und noch in diesem Raum ein tödliches Ende nehmen würde. Nach dem Essen bildeten sich Grüppchen, man unterhielt sich, lachte und tanzte. Hugo saß da und trank. Er war inzwischen völlig hinüber. Mittendrin, völlig unaufgefordert, unerwartet und mit lallender Stimme begann er zu reden. Mein Opa Hugo sprach! »Das war eine Scheiße, das glaubt ihr nicht. Das ganze Blut, das viele Blut! Meine Freunde, die vor meinen Augen, in meinen Armen gestorben sind. Diese flehenden Augen, bevor ich die anderen erschossen habe. Diese vielen Toten. Und ich lade nach und schieße. Lade nach und schieße. Immer wieder. Blut, Schreie, splitternde Knochen, splitternde Schädel. Blut, Hirn, Schreie.«
Obwohl Hugo völlig betrunken war, redete er klar und deutlich. Mir stockte der Atem, Edeltraut wurde kreidebleich und ihr Unterkiefer zitterte. Für die, die ihm zuhörten, verschwand die Musik aus dem Hintergrund und die Welt bestand nur noch aus seinen Worten. Er sprach noch etwas über den Gestank des Todes, über Verwesung, über Wunden und Hunger. Doch urplötzlich erhellte sich sein Blick und er sagte: »Wenn ich Sandrine nicht kennengelernt hätte, hätte ich diesen Krieg nie überlebt.« Mehr sagte der Bräutigam nicht, doch es genügte, dass der Blick der Braut zu Eis gefror, ihre Augen sich mit Tränen füllten und der Überschwall nicht zu beherrschender Gefühle sich in einer schallenden Ohrfeige auf Hugos Wange entlud. Edeltraut verließ den Saal, Hugo verstummte wie die anderen Gäste am Tisch und ich griff zur Flasche Goldbrand.
In den Tagen nach der Feier sprach Edeltraut kein Wort mit Hugo. Sie missachtete ihn, nahm keine Notiz von seiner Anwesenheit, kochte nur für sich, verließ das Haus, so oft sie nur konnte. Hugo fiel in sich zusammen. Als hätte die Wahrheit irgendwann aus ihm heraus gemusst wie etwas, das schwer auf ihm lastete. Allerdings verließ ihn damit auch der Lebenshauch. Er aß kaum noch etwas, trank zu wenig und genau eine Woche nach der Hochzeitsfeier starb Hugo an Herzversagen. Bei seiner Beerdigung saß Edeltraut in der ersten Reihe. Versteinerter Blick, die Zähne aufeinandergepresst. Verbitterung in jeder Pore, aschfahl und scheinbare hundertfünfzig Jahre alt. Sie weigerte sich, für die Grabrede Zuarbeiten zu leisten, sie kaufte keinen Kranz für ihn und sie spukte in das offene Grab auf seinen Sarg. Inzwischen wussten alle Bescheid, denn innerhalb der letzten Woche wurde es auch dem Letzten zugetragen, der während der Feier nicht in der Nähe saß, um Hugos Worten zu lauschen. Jeder Trauergast, der Hugo trotzdem die letzte Ehre erwies, wurde von Edeltraut mit einem bitterbösen Blick gestraft und sie trat einen Schritt zurück, als es den Händedruck ein ein paar Worte des Beileids geben sollte. Die Trauerfeier fand ohne sie statt. Die meisten Gäste schwiegen, Hugos Töchter allen voran. Einer meiner Cousins ließ beiläufig fallen, dass der Hugo eine echt harte Sau gewesen sei. Fast siebzig Jahre Schweigen, das sei eine Lebensleistung. Und er wollte gar nicht darüber nachdenken, ob Hugo all die Jahre über seine Sandrine liebte und doch bei Edeltraut geblieben ist. Oder ob er ansehen musste, wie Sandrine starb. Auf jeden Fall starb auch Edeltraut. Der Tod ist ein mieser Schurke. Hält sich an nichts. Klopft an unsere Tür zum Leben, kommt rein, ohne dass er hereingebeten wurde, und nimmt uns mit. Feierabend für die Träume, Zapfenstreich fürs Leben. Manchmal wird er aber auch gerufen. Hugo hat sich durch ihn befreit von allen Erklärungsnöten, aber er starb reinen Herzens, weil er seine Lebenslüge doch noch preis gab. Und Edeltraut starb am gebrochenen Herzen.

Konsum vs. Verzicht oder Göre, Pferdeschwanz Brille

Weniger haben, glücklicher Leben – so postuliert es der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe. Von der Öffentlichkeit völlig unbemerkt und unkritisch hingenommen, ja ignorant ausgesessen, habe ich seit einem Monat nichts mehr in diesem Blog geschrieben. Weniger schreiben, glücklicher Lesen – so einfach ist das. Ich danke allen Nichtlesern, Nichtsurfern, Nichtsuchern, Nichtgooglern und sonstigen Konsumverzichtlern für die ruhigen 31 Tage des Monats März. Allerdings gibt es auch im schalen Monat März auf meinem wunderbaren Blog-Auswertungsinstrument die Top-Suchbegriffe, mit denen Nutzer auf meinem Blog landen:

„Mein Nachbar wichst am Fenster“

„Chanel Umsatzdiagramm“

„Nuria Stängel“

„Titten melken erlaubte Geschichten“

„Göre, Pferdeschwanz Brille“

Mal schauen, wie der April so wird. Schließlich ist heute erst der 1. April, April.