Eiserne Hochzeit

Mit jeder Beerdigung rutscht du eine Bankreihe weiter. Die Jahre ziehen ins Land und eines Tages liegst du ganz vorn, bist die Hauptperson des Tages. Diese Reise nach Jerusalem endet im Sarg. Noch sitze ich in der fünften Reihe und hoffe auf den natürlichen Gang der Dinge. Dann habe ich dreißig oder vierzig Jahre Zeit, bis die Blumen auf mir liegen und mein Porträt vor meinem Sarg steht. Ich sitze in der Kapelle und schaue in rotgeränderte Augen, sehe Tränen und Taschentücher. Die meisten der Anwesenden habe ich vor drei Wochen zum letzten Mal gesehen.

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Zwei Beerdigungen in einer Familie innerhalb eines Monats, das hat selbst der Pfarrer nicht in jedem Jahr zu bieten. Das versicherte er mir im vertraulichen Gespräch, während ich mich ins Kondolenzbuch eintrug. Seine Alkoholfahne zeugte von Verzweiflung und Leid, doch will man ihm das verdenken? Die Schäfchen werden immer weniger und die Schafe sterben weg. Irgendwann wird er allein in seiner Kirche sitzen und sich die Frage stellen, wer seine Grabrede hält. Die Freunde von früher haben sich im Laufe der Jahre verändert. Das Haar ist lichter und grauer geworden, die Körper sind fülliger, überschüssige Haut hängt am Kinn, Falten durchziehen die Gesichter, manchen machen sie markant, die meisten aber grimmig. Männer haben Brüste bekommen und ihr Doppelkinn liegt auf dem Schlipsknoten. Auf der sichtbaren Haut haben sich Altersflecken breit gemacht. Heute beerdigen wir Edeltraut, meine Oma. Man könnte sagen, dass sie mit ihren 93 Jahren dahinscheiden durfte. Dass es ein wunderbares Leben war, das sie so lange leben durfte. Geboren 1920, eine Diktatur und einen Krieg überlebt, eine weitere Diktatur überstanden, mehrere Währungen gingen durch ihre Hände, obwohl sie nie an einem anderen Ort, in einem anderen Land lebte. Was hat meine Oma nicht alles erlebt? Ich würde gern sagen, dass sie zu ihrem Glück und als wichtigste Konstante in ihrem Leben die Liebe und ihre Familie hatte, doch es wäre anmaßend, denn ich weiß nicht, wie sie dazu stand. Liebe und Gefühle; darüber sprach sie nur ganz selten. Und wenn, dann lag all das in der Vergangenheit. Weit entfernt, als sie noch jung war. In den letzten drei Wochen, ja sicher. Da war sie ein Vulkan mit brodelnder Gefühlsmagma, die sie um sich warf wie der Vesuv. Die heißen Gesteinsbrocken voller Wut und Enttäuschung flogen jedem ins Gesicht, der nicht rechtzeitig ausweichen konnte. Sie giftete auf alles und jeden. Ich bin mir sicher, dass sie an innerer Vergiftung gestorben ist. Letzte Woche wollte mein Vater sie besuchen und mit ihr einkaufen gehen. Selbst in ihrem Alter war sie rüstig und konnte den Haushalt selbst besorgen. Bei Glätte aber, bei Eis und Schnee, fühlte sich mein Vater besser, wenn er sie beim Einkaufen begleitete. Doch sie lag in ihrer guten Stube, ein Bild von sich und ihrem Hugo zerschlagen vor sich, den Hammer gleich neben ihrer rechten Hand, die Glassplitter im Raum verteilt. Hugo, die Liebe ihres Lebens. Wir Kinder fanden es trotz der dauernden Wiederholung jedes Mal spannend, wenn sie erzählte, wie sie sich kennengelernt haben. Damals, im Jahr 1942. Sie war 22 Jahre alt und der Hugo 26. Er war so ein toller Mann in seiner Wehrmachtsuniform. Das betonte Oma immer wieder. Zum Tanz hat er sie aufgefordert und als sie in seinen Armen über die Tanzfläche schwebte, berührte sie den Boden schon nicht mehr, flog davon, berührte den Himmel und verliebte sich unsterblich. Hugo war an der Westfront, hatte Frankreich im Sichelschnitt genommen und sogar den Führer in Paris gesehen. Sie war so stolz auf ihn. Natürlich bangte sie um ihn, als er wieder weg war. All die Gefahren, die er durchleiden musste. Sicher, er war nicht an der barbarischen Ostfront, aber auch im Westen hatten sie Feinde. Und dann, als es im Juni 1944 losging und die Amis und Briten die Deutschen überrollten, als sie sich in den zwei Jahren zuvor nur sporadisch sahen und ihre Beziehung nur aus Feldpost bestand, hatte sie solche Angst um ihn. Tage des Zitterns, Nächte ohne Schlaf. War er gestorben? Erschossen und irgendwo in der Bretagne liegen gelassen wie ein Stück Vieh? Oder kämpfte er wie ein Held? Steckte das ganze Leid irgendwie weg, verarbeitete den Tod all der Kameraden, die Schreie, das Blut irgendwie? Irgendwie? Irgendwie? Konnte er überhaupt ein Mensch bleiben bei alledem? Ihr Kopf zersprang ihr beinahe. Nach dem Krieg wartete sie lange auf ihn. Tage, Wochen und Monate der Unsicherheit. Jeden Tag die Frage, ob er noch lebte. Jeden Tag die Hoffnung, dass er es tat. Für meine Oma war klar, dass sie auf den Mann ihres Lebens warten würde. Nicht so, wie ein paar ihrer Freundinnen, die sich dem nächstbesten Heimkehrer an den Hals warfen, als hätten sie nicht einen Mann zu betrauern. Zwei Jahre nach dem Krieg war es endlich soweit. Die Türen des Zuges öffneten sich und die abgemagerte, völlig verdreckte Version ihres Hugo entstieg ihm. Oma Edeltrauds Augen leuchteten nicht oft, aber in diesem Moment, wenn sie vom Wiedersehen erzählte, da sah ich, dass sie fühlen konnte, dass sie ihn wirklich liebte und unendlich vermisste. »An seinen Augen habe ich ihn erkannt, denn sonst war er ja nur noch Haut und Knochen. Seine Augen aber, die strahlten wie damals beim Tanz.« So sprach sie von damals.
Vor fünf Wochen gab es etwas zu feiern. Die Eiserne Hochzeit von Edeltraut und Hugo. Sie haben schnell geheiratet, bekamen fünf Kinder und Hugo schwieg über den Krieg. Ich habe oft versucht, ihm Informationen zu entlocken. Irgendetwas heroisches, ein paar Eindrücke vom Kämpfen, vom Siegen und vom Töten. Doch Hugo blieb stumm. Vielleicht war es gut so. Nein, es war ganz sicher gut so.
Am Tag der Hochzeit drehte sich alles um Edeltraut und Hugo. 65 Jahre verheiratet, das schafft heute kaum noch jemand. Nicht, dass es noch um Liebe ging. Vertrautheit, Beständigkeit und Gewohnheit, das waren die Eckpfeiler einer so langen Beziehung. Hugo war 97 Jahre alt und würde ganz sicher noch hundert werden. Einer meiner Cousins schlug sicherheitshalber mit seinem iPad bei Wikipedia nach. Noch zweieinhalb Jahre, dann gibt es die Steinerne Hochzeit und in fünf Jahren gäbe es die Gnadenhochzeit. Ich schaute meine Großeltern an der Kaffeetafel an. Sie saßen beieinander, vertraut und nah. Ich wusste von meinen Eltern, dass sie sich sehr oft stritten und Hugo nicht ohne Grund am liebsten schwieg. Nicht wegen des Krieges, den er als Soldat verloren hatte. Als Mann starb er jeden Tag ein bisschen. Ein wenig litt ich mit ihm, wie er neben seiner geliebten Edeltraut saß und ich fragte mich, was wohl in ihm vorging, 65 Jahre nach der Hochzeit, 68 Jahre nach dem Krieg. Was wog schwerer? Ein paar Monate Gemetzel im Infanterieregiment »Großdeutschland« in den Ardennen oder sechzig Jahre Unternehmen »Edeltraut«? Der Tag schritt voran mit den üblichen Höhepunkten. Kaffeetrinken, Lobeshymnen, Erinnerungen, Bilderalben. Jeder am Tisch saß nur deshalb da, weil Hugo und Edeltraut sich einst verliebten und Kinder in die Welt setzten. Später kamen die richtigen Getränke auf den Tisch. Bier, Wein und Schnaps. Hugo sprach insbesondere seinem geliebten »Goldbrand« zu, was ihm einige Ellenbogenhiebe seiner Frau und missbilligende Blicke selbiger einbrachte. Doch es kümmerte ihn nicht weiter. Hugo trank mehr, als er es noch bei der Goldenen Hochzeit getan hatte. Deutlich mehr. Man konnte meinen, dass Hugo kurz vor dem Verdursten stand. Schon beim Abendessen war mein Opa über den Zenit hinaus. Seine Kinder, allesamt Töchter, schüttelten die Köpfe und verbrüderten sich mit ihrer Mutter. Sie ließen ihn links liegen, auch wenn er zentral an der Tafel saß. Hugo trank weiter. Während des Essens und auch danach. Beim Blick auf seine Frau befürchtete ich nicht unberechtigt, dass die gemeinsame Zeit der Ehe an diesem Abend und noch in diesem Raum ein tödliches Ende nehmen würde. Nach dem Essen bildeten sich Grüppchen, man unterhielt sich, lachte und tanzte. Hugo saß da und trank. Er war inzwischen völlig hinüber. Mittendrin, völlig unaufgefordert, unerwartet und mit lallender Stimme begann er zu reden. Mein Opa Hugo sprach! »Das war eine Scheiße, das glaubt ihr nicht. Das ganze Blut, das viele Blut! Meine Freunde, die vor meinen Augen, in meinen Armen gestorben sind. Diese flehenden Augen, bevor ich die anderen erschossen habe. Diese vielen Toten. Und ich lade nach und schieße. Lade nach und schieße. Immer wieder. Blut, Schreie, splitternde Knochen, splitternde Schädel. Blut, Hirn, Schreie.«
Obwohl Hugo völlig betrunken war, redete er klar und deutlich. Mir stockte der Atem, Edeltraut wurde kreidebleich und ihr Unterkiefer zitterte. Für die, die ihm zuhörten, verschwand die Musik aus dem Hintergrund und die Welt bestand nur noch aus seinen Worten. Er sprach noch etwas über den Gestank des Todes, über Verwesung, über Wunden und Hunger. Doch urplötzlich erhellte sich sein Blick und er sagte: »Wenn ich Sandrine nicht kennengelernt hätte, hätte ich diesen Krieg nie überlebt.« Mehr sagte der Bräutigam nicht, doch es genügte, dass der Blick der Braut zu Eis gefror, ihre Augen sich mit Tränen füllten und der Überschwall nicht zu beherrschender Gefühle sich in einer schallenden Ohrfeige auf Hugos Wange entlud. Edeltraut verließ den Saal, Hugo verstummte wie die anderen Gäste am Tisch und ich griff zur Flasche Goldbrand.
In den Tagen nach der Feier sprach Edeltraut kein Wort mit Hugo. Sie missachtete ihn, nahm keine Notiz von seiner Anwesenheit, kochte nur für sich, verließ das Haus, so oft sie nur konnte. Hugo fiel in sich zusammen. Als hätte die Wahrheit irgendwann aus ihm heraus gemusst wie etwas, das schwer auf ihm lastete. Allerdings verließ ihn damit auch der Lebenshauch. Er aß kaum noch etwas, trank zu wenig und genau eine Woche nach der Hochzeitsfeier starb Hugo an Herzversagen. Bei seiner Beerdigung saß Edeltraut in der ersten Reihe. Versteinerter Blick, die Zähne aufeinandergepresst. Verbitterung in jeder Pore, aschfahl und scheinbare hundertfünfzig Jahre alt. Sie weigerte sich, für die Grabrede Zuarbeiten zu leisten, sie kaufte keinen Kranz für ihn und sie spukte in das offene Grab auf seinen Sarg. Inzwischen wussten alle Bescheid, denn innerhalb der letzten Woche wurde es auch dem Letzten zugetragen, der während der Feier nicht in der Nähe saß, um Hugos Worten zu lauschen. Jeder Trauergast, der Hugo trotzdem die letzte Ehre erwies, wurde von Edeltraut mit einem bitterbösen Blick gestraft und sie trat einen Schritt zurück, als es den Händedruck ein ein paar Worte des Beileids geben sollte. Die Trauerfeier fand ohne sie statt. Die meisten Gäste schwiegen, Hugos Töchter allen voran. Einer meiner Cousins ließ beiläufig fallen, dass der Hugo eine echt harte Sau gewesen sei. Fast siebzig Jahre Schweigen, das sei eine Lebensleistung. Und er wollte gar nicht darüber nachdenken, ob Hugo all die Jahre über seine Sandrine liebte und doch bei Edeltraut geblieben ist. Oder ob er ansehen musste, wie Sandrine starb. Auf jeden Fall starb auch Edeltraut. Der Tod ist ein mieser Schurke. Hält sich an nichts. Klopft an unsere Tür zum Leben, kommt rein, ohne dass er hereingebeten wurde, und nimmt uns mit. Feierabend für die Träume, Zapfenstreich fürs Leben. Manchmal wird er aber auch gerufen. Hugo hat sich durch ihn befreit von allen Erklärungsnöten, aber er starb reinen Herzens, weil er seine Lebenslüge doch noch preis gab. Und Edeltraut starb am gebrochenen Herzen.

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