Der Wind des Malina

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Es war die dritte Lesung im Monat und ich war ziemlich breit. Zwei Stunden ohne Pause hatten nicht nur die Stimmbänder gereizt, sondern auch meine so schon beeinträchtigte Widerstandskraft weiter angegriffen. Ich war todmüde, ganz egal, ob da jemand noch ein Bier mit mir trinken wollte oder nicht. Der Pub war fast leer, gerade mal fünf oder sechs Leute saßen noch an wenigen Tischen verstreut im Raum. Gerade als ich meine Sachen zusammenpackte, trat er vor mich und nahm mir auch den letzten Schein des schwachen Lichts, unmöglich, da noch etwas zu machen.
»Was kann ich für sie tun?«, fragte ich so freundlich, wie es meine Abendmüdigkeit eben noch zuließ.
»Guten Abend, Herr Jischinski, Ludwig Malina mein Name. Ich fand ihre Lesung gar köstlich. Besonders von ihren Beschreibungen rektaler Befreiungen bin ich hin und her gerissen.« Devot schleimte sein Lächeln vor mir. Ein giftgrüner Pfeil schoß mir in den Magen und überreizte ihn noch mehr als er so schon ertragen konnte. Doch ich konnte es mir kaum erlauben, ihn runterzuputzen.
»Das freut mich sehr, Herr Malina.« Er grinste nur flüchtig, seine Wangen fanden schnell wieder zu ihrer horizontalen Ausgangslinie zurück. Einige Augenblicke des unbequemen Schweigens schwebten zwischen uns, ohne daß ich sie unbedingt verscheuchen wollte. Vielmehr hoffte ich, daß er sich bemüßigt fühlte, endlich zu gehen. Doch er tat mir den Gefallen nicht.
»Herr Jischinski, hätten sie Interesse daran, ihren Lesungen noch etwas mehr Pep zu geben? Sie wissen schon, publikumswirksamer für die Massen, Presse, Funk und Fernsehen.«
Ich sah ihn fragend an. Als hätten mich damit nicht schon genug windige Vertreter mit platt gebügelten Visagen und bunten Krawatten gelöchert.
»Es ist nicht so, wie sie jetzt vielleicht denken. Es ist vielmehr eine Zusammenarbeit von uns Zweien. Könnten wir uns dazu eventuell in Ruhe unterhalten? Ich würde ihnen meine Nummer da lassen und sie rufen einfach an, wenn sie Interesse haben sollten, okay?«
Er sprach diabolisch, als wolle er mir ganz besonders guten Stoff verkaufen und bloß keiner dürfe es mitbekommen, sonst hätten uns die Bullen am Arsch. Ich fragte mich, warum mir dieser Kauz ein solches Rätsel aufgab.
»Interesse woran?« Er sah mich durch seine fette Brille hindurch an. Der Blick unsteter brauner Augen durchbohrte mich wie ein Holzspieß eine frisch gefüllte Roulade, die auf das heiße Fett in der Pfanne wartete. Er rieb sich seine knorrigen Hände, auf denen sich in breiter Flur schwarze Haarbüschel angesiedelt hatten wie Fliegen auf verwesendem Aas.
»An einer rektalen Sensation, die für uns beide von Nutzen sein könnte. Sie mit ihrer delikaten Literatur und ich mit meiner Kunst.« Er verbeugte sich vor mir wie man früher einem König hofierte.
»Und was wäre dann ihre Kunst, Herr Malina?«
»Ich bin leidenschaftlicher Kunstfurzer!« Nicht ohne Stolz stellte er sich nun zu voller Größe auf, seine Brust schwoll ihm bis zum Kinn, der hochrote Kopf versprach eine bevorstehende und mich von seiner Anwesenheit befreiende Atemnot. Zu dieser sollte es aber zum Glück nicht kommen.
»In Ordnung, wir sehen uns morgen abend hier. Gleiche Zeit wie heute, einverstanden?«
»Ganz wie sie meinen, Herr Jischinski, sie werden es gewiß nicht bereuen. Einen schönen Abend wünsche ich dann noch.« Er verzog sich sofort, griff seinen Mantel von einem Stuhl unweit des Podiums, auf dem ich gesessen und gelesen hatte, winkte noch einmal zu mir und verschwand. Kunstfurzer. Es gab eindeutig noch genug Menschen, die einen bei weitem größeren Schaden hatten als ich. Auf den Schreck genehmigte ich mir ein letztes Guinness und schlenderte nach dem viel zu hastigen Genuß in Richtung Heimat und Bett.
Bevor ich am nächsten Abend zum Pub ging, setzte ich mich in meinen Sessel und furzte befreiend in völliger Entspannung. Ich versuchte dem kakophonischen Geknatter und dem bestialischen Gestank etwas abzugewinnen, was sich in Richtung Kunst rücken ließ. Doch so weit ich Kunst auch faßte und künstlerische Freiheit definierte, es war unmöglich, diesem analen Angriff auf die Genfer Konventionen auch nur im entferntesten einen irgendwie gearteten künstlerischen Anstrich zu geben. Es war eher ein Wunder, daß ich noch aufrecht stehen konnte, als ich die Wohnung verließ. Als ich im Pub ankam, hatte er schon ein Bier vor sich stehen. Er saß zusammengekauert auf seinem Stuhl, die Beine in die Stuhlbeine gefädelt, verträumt an seinem Glas spielend. Sein gebrechlicher Körper schien schon allein unter der Last des ihm innewohnenden Lebens zusammen zu fallen. Das dünne, blonde Haar war zerwuselt und alles in allem machte er auf mich weniger den Eindruck eines Künstlers, als vielmehr den eines Drogenkonsumenten kurz vor dem nächsten Einkauf. Ich verfluchte mich kurz dafür, daß ich ihm zugesagt hatte und beruhigte mich damit, daß ich ja bis dahin noch nie einen Kunstfurzer zu Gesicht bekommen hatte. Vielleicht sahen die einfach so aus.
»Hallo, da bin ich, Herr Malina.«
»Sehr schön, Herr Jischinski, freut mich ungemein. Nehmen sie doch bitte Platz. Sie werden sicher immer noch über meine Kunst erstaunt sein. Deshalb will ich sie mal aufklären, wenn ihnen das recht ist.« Ich nickte ihm freundlich zu und die Kellnerin brachte mir inzwischen mein Guinness. Ich hob es an, prostete ihm zu und sagte: »Dann schießen sie mal los.«
»Also Herr Jischinski, sie dürfen natürlich nicht glauben, ich würde ganz profan wie jeder Ehemann durch die Gegend furzen, ganz ohne Sinn, Verstand und Klang. Bei mir ist das etwas anders gelagert. Es handelt sich bei meiner Kunst nicht um das Ausscheiden eines knatternden Abfallwindes, der durch Eßstörungen oder den übermäßigen Genuß von Hülsenfrüchten oder Kohlgerichten verursacht wurde. Nein, diese unkontrollierten Entgleisungen angestauter Flatulenz sind selbstredend nicht mein Ding.«
Ich war über die Maßen erstaunt darüber, was mir Herr Malina erzählte. Und ich war sehr gespannt darauf, was für einen Kunstfurz er mir vorführen würde, denn die Dinge, die er mir bis dahin nannte, waren mir durchaus geläufig und erinnerten mich an meinen Abschiedsfurz bevor ich aus meiner Wohnung ging. Deshalb war ich an seinen weiteren Ausführungen sehr interessiert.
»Also worin liegt dann der Unterschied begründet?«
»Nun ja, die hohe Schule des Kunstfurzers liegt natürlich zunächst darin, auch dem letzten ordinären kakophonischen Gewohnheitsfurz noch eine Melodie abzugewinnen, gewissermaßen als grandioser Virtuose der ungewollten Darmwinde. Doch diese sind naturgemäß nicht mein Ding, sonst wäre die Kunst auch nicht so schwer.«
Ich spitzte die Ohren, denn nun mußte des Rätsels Lösung kommen und er brachte Spannung in seine Worte, als wollte er nun den unsichtbaren Schleier über seiner Kunstform wegziehen und mir das Geheimnis schwungvoll präsentieren.
»Ein Furz aber, den ich für die Kunst verwenden möchte, muß zart schwingen, er muß sich aus dem Anus schälen wie eine Orange aus der Schale. Erst durch das kontrolliert sanfte Entgleiten kann er polyphon am Arschloch brechen und wahre Sinfonien schaffen. Es ist eben nicht einfach so wie Augen zu und ab damit in die Hose! Das kann nun wirklich jeder und ist damit so weit weg von der Kunst wie meine Lottozahlen vom Gewinn. Subtile Kreativität ist gefragt, nicht stupides Pressen.«
Er hörte sich an wie ein Professor der Biologie, der über die biochemischen Prozesse während der Photosynthese referierte. Bierernst und mit einem vorwurfsvollen Unterton an alle gedankenlosen Gelegenheitsfurzer. Doch ein wichtiges Phänomen weckte meine Aufmerksamkeit.
»Aber man kann doch nicht auf Kommando furzen, oder?!«
»Der primitive Nahrungsfurzer natürlich nicht. Und selbstredend helfen ihnen zur Kunst auch keine Zwiebeln und Linsen. Ich sauge die Luft einfach rektal an und kann meinen Schließmuskel derart kontrollieren, daß ich in der Lage bin, Melodien zu erzeugen. Es handelt sich sozusagen um eine anale Zirkuläratmung.«
Ich war baff. Bis zu diesem denkwürdigen Gespräch hustete ich meine Winde wie der kleine Trompeter mit einem disharmonischen Pupsgebläse in die Welt, wie ein von Grippe Geplagter sein Sputum in den Rinnstein rotzte. Vor mir aber saß ein Meister der Sinfonie a tergo, der Mozart unter den Kunstfurzern, der Nigel Kennedy der postmodernen Analmusik.
Ich stotterte mit weit aufgerissenen Augen, die Neugier nagte an mir wie eine hungrige Ratte an einem nahrhaften Stück Dreck. »Kann ich, kann ich es mal hören, bitte?«
Er fühlte sich sichtlich geschmeichelt, stand sofort auf und bat mich, ihm zu folgen. Wir gingen in die Toilette, drängten uns in eine Box und er schloß sie von innen ab. Dann ließ er seine Hosen runter. Ich dachte immer, ich hätte die weißesten Beine überhaupt, doch er toppte meine Stelzen um Längen. Sie sahen aus, als hätte er sie schon seit Jahren mit Perlweiß behandelt. Dann ließ er noch den Slip zu Boden gleiten, beugte sich leicht nach vorn und nickte mir freundlich zu: »Dann sperren sie mal ihre Ohren auf. Das wird eines meiner Lieblingsstücke. Etwas moderneres. ›Time to say good bye‹, sie wissen schon, das Ding von dem Blinden. Wenn ich vor dem spielen würde, er könnte nicht mal das Instrument erraten, der Arme.«
Angestrengt wie bei der Verrichtung eines unangenehm hartleibigen Stuhlgangs, der nur die Hämorrhoiden freut, blickte er stur geradeaus, seine Halsschlagader war geschwollen wie ein Schlauchbootwulst und schließlich vernahm ich die ersten sanften Töne. Es war phänomenal und bedrückend zugleich! Ich stand in einer erbärmlich stinkenden Stätte der Notdurft und lauschte wundervollen Klängen aus dem Arschloch eines mir im Grunde völlig fremden Menschen. Wenn man meine Mutter davon in Kenntnis setzen würde, sie würde augenblicklich jegliche Verbindung zu mir bestreiten. Jahrelange Bemühungen um eine halbwegs ordentliche Erziehung würden mit einem Mal erscheinen wie der aussichtslose Kampf gegen Windmühlen oder einer mütterlichen Sisyphusarbeit gleichen.
Malina aber trompetete ununterbrochen, bis er sich schließlich den Schlußakkord aus der Rosette schälte. Wohl wissend um die Wirkung, die er bei mir erzielt hatte, richtete er sich zu voller Größe auf, zog sich die Hosen wieder hoch und grinste mich an.
»Und, wie fanden sie es?«
»Nun, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich bin schlicht überwältigt. Und ich würde sagen, daß wir zusammen einen Versuch starten sollten.« Wir gaben uns die Hände und bei seinem weichen Pfötchen hatte ich das Gefühl, in einem Vaselinefaß zu stecken und unheilvolle Gedanken an gleichgeschlechtlichen Gruppensex mit seidenweicher musikalischer Untermalung aus dem Rektum des Herrn Malina umkreisten mein getrübtes Hirn.
»Auf gute Zusammenarbeit, Herr Jischinski. Sie werden schon sehen, wir kommen ganz groß raus!«
Wir begaben uns zurück in den Gastraum, den argwöhnischen Blicken der übrigen Gäste ausweichend, die uns musterten wie schuldige Gefangene, die auf dem Weg zum elektrischen Stuhl waren. Ich erfuhr noch sehr interessante Details, deren man sich als normaler Gelegenheitsfurzer nie und nimmer bewußt sein würde:
»Wissen Sie, Herr Jischinski, nun mal unter uns Künstlern, (ich rollerte mit meinen Augen, ließ ihn aber weiter gewähren) es kommt ja sogar vor, daß Leute zu mir kommen, die glauben Kunstfurzer zu sein. Ihnen geht es sicher nicht anders, oder kommen nicht dauernd irgendwelche Möchtegern-Literaten zu ihnen und wollen ihnen erzählen, daß sie auch schreiben, einen Roman ganz sicher zustande brächten und eigentlich nur diese verdammt kurz bemessene Zeit sie daran hindere, uns mit ihrem Geschreibsel zu beglücken?«
Ich fühlte mich eher dabei ertappt, zu genau dieser Sorte Mensch zu gehören, die in maßloser Überschätzung der eigenen Möglichkeiten annahmen, sie könnten ein Blatt Papier mit sinnvollem Leben füllen. Doch als Zeichen künstlerischer Verbundenheit nickte ich nur mit verzweifelter Miene.
»Nun ja, Herr Jischinski, da war also einmal dieser junge Herr, der mich damit belagerte, er könne kunstfurzen. Ich ließ ihn vorfurzen, doch alles, was seine knabenhafte, völlig ungeübte Rosette verließ, verpuffte gänzlich unmelodisch im Raum wie ein abgestandener Alkfurz, den sie nach einer zünftigen Männerrunde in jeder Kneipe hören können. Ich schickte ihn zum üben nach Hause. Ich sagte ihm, er solle sich seine Bettdecke über den Kopf ziehen und üben, bis er nicht mehr kann, bis zur rektalen Erschöpfung. Ich habe ihn nie wieder gesehen.«
»Beeinträchtigen eigentlich Haare um den Anus den Klang und kann Vaseline selbigen verbessern?«, fragte ich mit ehrlichem Wissensdurst.
»Haare sind natürlich ein sehr störendes Element und würden dem Kunstfurz nur als Windfang im Wege stehen. Deshalb rasiere ich mich jeden zweiten Tag und eine gewisse Hygiene ist förderlich und sogar angebracht. Andere Musiker putzen ihre Pauken und Trompeten schließlich auch bis sie glänzen.«
»Herr Malina, was machen sie eigentlich im richtigen Leben, oder wollen sie mir erzählen, daß man vom Kunstfurzen leben kann?«
Malina beugte sich ganz nah zu meinem Gehörgang und sprach mit leiser, sonorer Stimme, sich unsicher umblickend, sichergehend, daß uns ja niemand belauschte.
»Natürlich kann ich davon noch nicht leben. Ich gehe einem ganz normalen Beruf nach. Nur ist es eben nicht meine Berufung, sondern das möglichst schnelle Erledigen eines notwendigen Übels bis ich den Absprung endlich ganz geschafft habe.« Es war ihm sichtlich unangenehm, mir dieses Geheimnis zu eröffnen und ich tippte gedankenschnell auf eine Anstellung als Ausbeiner, Totengräber oder Güllefahrer. Doch es sollte noch schlimmer kommen.
»Nun ja, Herr Jischinski, ich arbeite im Finanzamt. Und dort ganz speziell in der Bewertungsstelle.«
Das war mehr, als ich an diesem Abend verdauen konnte. Das anale Meisterwerk hätte schon genügt; doch dazu gesellte sich eine weitere Perversion in Form seines Beamtendaseins, nicht zu fassen! Ich stellte mir vor, wie Malina in seinem miefigen Büro rumhing und Formulare ausfüllte, den lieben langen Tag ein mürrisches Gesicht zog und ihn lediglich während seines pedantisch zelebrierten Dienstschisses ein paar Glücksgefühle durchströmten. Und selbst die waren genau genommen für den Arsch. Armer Kerl! Hatten alle Finanzbeamten solche Neigungen? Waren es gar psychotische Fluchtmöglichkeiten einstmals normal denkender Menschen vor dem unerbittlichen Büroalltag? Konnten Arbeitskollegen Malinas Kunststücke mit ihrem Urin oder sonstigen Körperausscheidungen vollführen? Unheilvolle Visionen einer opulenten Orgie mit Ausdünstungen, Leibessäften und aufgequollenen Finanzbeamtenleibern erschütterten mein gequältes Hirn. Schon fühlte ich Nackensteife und Unwohlsein als aufkommende Vorboten einer Hirnhautentzündung, da schüttelte mich Malina aus meinem Alptraum.
»Herr Jischinski, alles in Ordnung mit ihnen? Ich weiß, daß es kein Traumberuf ist und sich viele Vorurteile, vor allem negative, um ihn ranken, vom Klischee ganz zu schweigen! Aber ich bin auch nur ein Mensch und irgendwie da hineingerutscht. Am Ende wollen wir doch alle nur leben, oder? Und es gibt eben Gesetze, nach denen sich die Menschen halten müssen und ebenso gibt es Menschen, die darauf achten, daß diese Gesetze auch eingehalten werden, oder nicht?«
Er starrte mich gebannt an und hatte augenscheinlich Angst, daß seine berufliche Offenbarung unsere traute künstlerische Zweisamkeit stören könnte. Dabei hatte ich solches Mitleid mit ihm.
»Wissen sie, Herr Malina, die Beamten waren in meinen Augen schon immer arme Schweine. Zum einen der sichere und insbesondere zeitlich geregelte Job, andererseits die Häme von diesen unendlich vielen Neidern, die am liebsten selbst solche kleinen selbstgefälligen Arschlöcher geworden wären, schließlich aber unter Leistungsdruck in der freien Wirtschaft schuften mußten. Das eigentliche Problem aber war und ist der unüberschaubare und eben nicht organisierbare Apparat. Wie soll es Menschen, die auch nur halbwegs bei klarem Verstand sind, gelingen, eine Brut von mehreren hundert, ja tausend Untergebenen sinnvoll zu organisieren? Insbesondere wo es in ihrem Bereich nur vereinzelt auftretende Exemplare von Sachgebietsleitern gibt, die frei sind von Neid, Falschheit, Karriere- und Intrigensucht. Es ist im gesamten öffentlichen Dienst ebenso, wie in den Verwaltungszentralen der großen Wirtschaftsunternehmen. Dazu kommt, daß der schnöde Steuerbürger immer wieder eins gern vergißt: Zwar sehen wir im Beamten und Staatsdiener eine Versinnbildlichung des idealen und besseren Menschen, da er ja eine Überwachungsfunktion innehat und RECHT anwendet, doch darf dabei nicht vergessen werden, daß auch ein Beamter nur ein kleiner Schuft ist, der im Leben außerhalb seiner hoheitlichen Funktion zu jeder Verderbtheit bereit ist und tausendfach die Taten begeht, die er tagsüber bei anderen verfolgt. Es sind immer noch Menschen, auch wenn man das nicht glauben mag. Wir sollten schlichtweg Abstand nehmen von der Glorifizierung des Staates und seiner Diener. Wir sind alle Homo sapiens und als solche schon längst jenseits aller moralischen Ideen, für die so viele schon ihr Leben opferten. Prost, Herr Malina!«
Malina hatte einen noch verstörteren Blick, als ich wenige Minuten zuvor auf der Toilette.
»Besser hätte ich es auch nicht sagen können. Aber woher kommen diese Schlußfolgerungen bei ihnen? Es scheint, daß sie sich damit schon ausgiebig befaßt hätten.«
»Das stimmt. Ich habe mal bei ihnen gearbeitet, wollte aber meine Menschwerdung schon post mortem und meine Ideale nicht verraten; wissen sie, was ich meine?«
»Nur zu gut! Ich glaube wir werden sehr gut zusammenarbeiten! Ich heiße übrigens Ludwig, in Ordnung, Mark?«
»Du kannst auf mich zählen. Und ich stehe dir auch bei und werde alles versuchen, dich da rauszuholen. Sei es am Ende durch deinen Arsch.«
Wir lachten darüber, trauerten über unsere gemeinsamen Erfahrungen und nach weiteren zwei Bier verabschiedeten wir uns und ich lud ihn zu meiner nächsten Lesung als Gaststar ein.
Er kam an diesem Abend pünktlich in einem strahlend weißen Anzug. Die Reinheit stand in meinen Augen in völligem Kontrast zur Kunst, die er den noch ahnungslosen Zuschauern gleich präsentieren würde. Er setzte sich so unauffällig es sein strahlendes Kostüm eben zuließ, neben mich und ich begann mit meiner Lesung. Die Stimmung war okay und der Zuspruch wie immer. Die Hörer folgten meinen Worten und lachten an den eigens dafür ausgesuchten Stellen. Doch der krönende Abschluß sollte noch folgen.
»So, liebe Gäste, nun noch ein kleines Extra-Bonbon, ein Bonus, wenn nicht sogar der Höhepunkt des heutigen Abends. Begrüßen sie bitte mit mir Herrn Ludwig Malina und lauschen sie seinen Klängen!«
Malina stand betont langsam auf, verbeugte sich bedächtig und drehte sich um. Er öffnete die Hose, ließ sie bis zu den Knien fallen und begab sich in die Hocke. Er hatte sich gar nicht erst die Mühe gemacht, einen Slip anzuziehen. Von ungläubigem Staunen bis zu bangem Entsetzen reichte die Palette in den Gesichtern der Gäste. Doch mit dem ersten harmonischen Klang lockerten sich die Gesichtszüge allmählich auf. Erst war es nur ein flüchtiges Lächeln, das das regungslose Staunen verwischte, doch es währte nur kurz und wurde von einem hellen Lachen abgelöst. Zumindest bei den Herren.
Die Damen im Rund konnten die Erheiterung ihrer Lebensgefährten nicht nachvollziehen, wähnten sie sich doch offensichtlich im eigenen Schlafzimmer, in dem sie schon zu oft dem Gestank martialischer Kampfgase ausgesetzt waren. Doch nach und nach zog Malina sie alle in seinen Bann. Wie grotesk das Bild eines furzenden Anzugträgers auch schien, »Time to say good bye« hallte im Pub wie ein sakrales Gebet in der Kirche. Bocelli hätte wieder sehen können – ganz sicher. Mit der vertrauten Leichtigkeit entfuhr Malina jeder Klang gekonnt, keine Spur von analen Disharmonien. Seine Rosette flatterte sanft im eigenen Wind und jeder Ton entsprang seinem Rektum zart und gefühlvoll wie ein Vogeljunges, das vorsichtig aus dem Ei schlüpft. Sein Schließmuskel war gleichsam von unendlicher Geschmeidigkeit wie von tragender Kraft, die es erlaubte, jeden Klang exakt auszuspielen, ja manchmal betont in die Länge zu ziehen.
Ich sah mich um und blickte in begeisterte Gesichter. Malina setzte zum finalen Akkord an, sein Rektum blähte sich noch einmal auf und glorifizierend entfleuchten ihm die letzten melodiösen Winde. Er richtete sich wieder auf, zog sich dabei die Hose hoch, drehte sich um und schaute erwartungsvoll ins Publikum. Stille. Doch nachdem der Schock und die Ehrfurcht aus den Gesichtern wichen, brach ein Orkan des Applauses aus und überschüttete den überglücklichen Malina. Stehende Ovationen für gebückte Flatulenz, nein, was sage ich, für Kunst. Ich sah ihn schon im Fernsehen, die Sender würden Schlange stehen. Melodien für Millionen, der Grand Prix, Deutschland sucht den Superfurz, ja sogar das Musikantenstadl, alle lägen ihm zu Füßen, allerdings von hinten. In sämtlichen Gazetten der Welt stände sein Antlitz und sein in Gold gegossenes Rektum, und die Deutschen bekämen endlich, was sie schon immer verdienten: Musik, die aus einem Arschloch kam.

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