Stille Nacht, Heilige Nacht

Bei Peter ging es ganz schnell. Diagnose Krebs und er starb drei Wochen später. Das war in Ordnung. Kein langes Siechtum, keine Wochen oder Monate, die man menschenunwürdig zu Tode gepflegt wird. Einfach nur das Wissen, dass es schnell vorbei ist. Es gab für Peter auch in der knappen Zeit noch genügend Gelegenheiten zum Abschiednehmen, zum Regulieren, Aussprechen oder Bereuen.
Das würde ihr gut gefallen. Sie sieht ihrem schlafenden Mann ins Gesicht. Durch das Fenster wirft der Mond viel zu viel Helligkeit in den Raum. Seine Augen sind fest geschlossen. An den faltigen Lidern sind seine langen, fast weißen Wimpern. Als sie noch dunkelbraun waren, verliehen sie seinen Augen etwas ganz besonderes. Ein kleines Universum voller Versprechen, die er früher einmal gehalten hat. Bei weitem nicht alle, aber immerhin. Nun ist seine Haut fahl geworden, was nicht nur am Mondlicht liegt. Die Frische von einst fehlt. Und sie fehlt nicht nur seiner Haut. Früher hatte sie sich immer gewünscht, dass sie vor ihm stirbt. Wenn sie nun auf ihn blickt, ist sie sich dabei nicht mehr so sicher. Vor allem, weil der Anblick seiner alternden Gestalt noch zu ertragen wäre, würde er nicht wie jede Nacht schnarchen. Ganz gleich, wie sie sich hinlegt, das Schnarchen dringt an ihre Ohren. Sie schaut ihm ins Gesicht und hofft, dass allein die Kraft ihrer Gedanken reicht, sein Schnarchen zu beenden. Nichts passiert. Sie legt sich wieder hin und starrt an die Decke. Sie atmet tief ein und aus. Die Augen fallen von allein zu und eigentlich ist sie ohnmächtig vor Müdigkeit. Doch neben ihr liegt Paul und schnarcht seit Stunden. Am nächsten Morgen wird er wieder behaupten, dass er kaum Schlaf gefunden und kein Auge geschlossen habe. Nicole legt ihre Hände auf die Bettdecke und kann das Leben ihres Körpers spüren. Ihr Brustkorb hebt und senkt sich, doch jeder Atemzug ihres Gatten dringt wie ein Maschinengewehr an ihre Ohren. Es reicht.
Sie zieht die Bettdecke zurück und die Kälte des Raumes umschließt sie sofort. Neben ihr auf dem Stuhl liegt ihr Morgenmantel. Der wärmt zwar noch nicht, aber schon wenige Augenblicke, nachdem sie ihn angezogen hat, ist ihr wohler. Langsam tastet sie sich durch die Dunkelheit voran. Als sie in der Tür steht, blickt sie zurück auf Paul im Mondlicht. Er liegt da wie auf einer Bühne. Hervorgehoben durch die Scheinwerfer spielt er sein eigenes Konzert. Eins, das keiner hören will. Die letzte im Publikum verlässt den Saal. Nicole geht in die Küche, öffnet den Kühlschrank und nimmt die Milch heraus. Eiskalte Milch mitten in der Nacht, das ist ganz sicher nicht gesund. Doch es ist egal. Sie ist alt und hat alles erlebt. Was soll schon noch kommen? Am nächsten Tag wird Weihnachten sein. Heiligabend. Ihre Tochter Sylvia wird kommen, gemeinsam mit ihrem Mann und den zwei Enkeln. Wirklich süße Kinder haben sie gezeugt. Fiona und Josi. Dazu kommt ihr Sohn Martin. Mit seiner Frau und ihren wesentlich weniger gelungenen Kindern Chantalle und Florentine.  Das Haus wird voll werden und eigentlich hatte sie sich das früher wunderbar vorgestellt. Ein Bild, wie es romantischer nicht sein könnte. Sie und Paul sitzen im Wohnzimmer. In der Ecke steht, wie schon über viele Jahre hinweg immer wieder, ein geschmückter Baum. Nichts opulentes, ein paar Kugeln in harmonierenden Rottönen, mit dezenter Beleuchtung und etwas Goldschmuck. Irgendwo brennt eine Räucherkerze, die aromatisch Zimt- oder Bratapfelduft verströmt. Im besten Fall hat es geschneit und aus der warmen Stube schauen sie als große, glückliche Familie gemeinsam nach draußen, wohl wissend, dass es echten Frieden nur innerhalb dieser Mauern geben kann. Die Milch sticht ihr sofort in den Magen. War sie in der Speiseröhre noch angenehm erfrischend, bestraft sie Nicole jetzt sofort und sie muss schmerzerfüllt das Glas auf den Tisch stellen. Mit zusammengebissenen Zähnen läuft sie auf Zehenspitzen in das Wohnzimmer und schaut auf den Baum. Auch hier fällt das Mondlicht in den Raum. Ohne Beleuchtung hat der Baum etwas gespenstisches, fast totes. Andererseits ist die Nordmanntanne das einzige Element ihrer Vorstellung von einst, das wirklich stimmt. Die Kinder haben sich zerstritten und machen ihnen und den Enkeln für diesen Tag nur etwas vor, die Schwiegertochter und der Schwiegersohn sind beide mindestens die drittschlechteste Wahl, die ihre Kinder hätten treffen können. Chantalle und Florentine sind Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom, auch wenn Martin gebetsmühlenartig wiederholt, sie seien bloß lebhaft und temperamentvoll. Paul wird wie immer dasitzen und seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen. Schweigen. Wenn endlich alle gegangen sind und Nicole das Geschirr abgeräumt, das Geschenkpapier verstaut und den Dreck im Flur entfernt hat, verzieht sich Paul. Dann geht er in seinen Hobbykeller. Was er dort macht, ist ihr ein Rätsel. Er könnte bei ihr sitzen und sich mit ihr unterhalten, aber nein, er sitzt im Hobbykeller. Sie stellt sich vor, wie er dort vor einem Spiegel sitzt und schweigt. Die ganze Zeit. Eine Art meditatives Schweigen für den inneren Frieden. Überlastete Manager zahlen für so etwas viel Geld und Paul hat es gratis jeden Tag. Dann wird er wieder hochkommen, sich neben sie setzen und schweigen. Geübt ist geübt. Er wird die im Keller erarbeitete Perfektion neben ihr demonstrieren. Oft gibt es den einen oder anderen Streit, welches Programm sie schauen und einen wie immer sinnlosen Disput darüber, wann sie am ersten Feiertag mit dem Mittagessen beginnen. Verdammt! Nichts und niemand bedrängt sie. Sie könnten lange ausschlafen, einen Spaziergang machen, den Tag genießen und wenn das Wetter Mist wäre, könnten sie auch im Bett liegen bleiben und miteinander schlafen. Aber, weiß Gott, die Idee daran hatte Paul wahrscheinlich bereits zu Grabe getragen. Dort wird seine Libido auf ihn warten, wenn sie ihn eines Tages beerdigen wird. Aber für einen Blick auf die jungen, knackigen Frauen von zwanzig bis dreißig reicht es noch. Er ist so erbärmlich geworden. Sie sitzt inzwischen auf dem Sofa und schaut auf den Baum im Mondlicht. So soll es also weitergehen? Die restlichen zehn, vielleicht sogar zwanzig Jahre? Da klingt ein Platz im Heim verlockender. Das war so nicht vereinbart, als sie einander ewige Liebe, Treue und Achtung versprachen. Es hatte auch niemand gesagt, dass sie ein Leben lang miteinander sprechen müssen. Das hätte Paul ganz sicher nicht unterschrieben. Von einem Nicht-Schnarchen steht ebenfalls nirgendwo etwas. Die seelischen Grausamkeiten im Ehealltag werden von Tag zu Tag mehr. Weihnachten dient im besten Fall noch zu einer Bestandsaufnahme. Eine Art Inventur der Ehe. Inzwischen schreibt sie jedes Jahr mehr ab. Keine Buchgewinne mehr, keine stillen Reserven. Abschreibung auf den Erinnerungswert ist angesagt. Sie steht auf, die Fransen des Teppichs kitzeln an ihren Füßen, während sie zur Bar geht. Leise öffnet sie die alte Tür. Das Licht in der Bar erhellt den Raum und sie greift zur Grappaflasche. Ein wundervoller »Grappa Riserva«, in Portweinfässern gereift. Golden und ölig fließt er in das Glas. Sie stellt die Flasche zurück, nimmt das Glas und hält es gegen das Licht. Einfach wunderbar, wie diese Flüssigkeit schimmert! Sie schließt die Bar, geht zurück zum Sofa und setzt sich. Schon der erste Schluck ist delikat. Rund und voll mit leichten Karamell- und Fruchttönen und im Abgang spürt sie ganz klar einen kräftigen Port. Unglaublich. Soll Paul doch so viel schnarchen, wie er will! Nachdem sie das Glas geleert hat, geht sie zurück zur Bar und schenkt sich nach. Etwas mehr als vorher. Deutlich mehr.  Das Glas ist bis zum Rand voll und sieht fantastisch aus, wenn sie es im Lichtschein anschaut. Wieder schließt sie die Tür, geht zum Sofa zurück und trinkt mit großen Schlucken. Der Gedanke an die Gäste am nächsten Tag ist schon wesentlich besser zu ertragen. Sie wird es schaffen. Die gehen auch wieder. Bloß Paul wird noch da sein, wenn die anderen gegangen sind. Eines – vielleicht nicht mehr so fernen – Tages wird auch er gehen. Für immer. Sie nimmt noch einen letzten Schluck, leckt sich das ölige Elixier von den Lippen und geht noch fast sicheren Schrittes zurück ins Schlafzimmer. Früher haben sie am Abend vor Heiligabend gemeinsam die Geschenke der Kinder verpackt. So viel haben sie nicht miteinander gemacht, aber das waren schöne Momente. Überhaupt war Weihnachten nur ein richtiges Fest, als die Kinder noch im Haus waren. Seitdem wurde es langweilig. Paul gab sich nicht einmal mehr Mühe, die Hässlichkeit und Unnötigkeit seiner Geschenke zu bedauern. Stoisch und teilnahmslos nahm er ihre Kränkung hin, bis er die Zeit für würdig und gekommen hielt, sich in sein Refugium zu verziehen. Nicole saß dann vor dem Fernseher und schaute das Programm, das sie gern sehen wollte. Ein schwacher Trost.
Sie steht wieder im Schlafzimmer. Es schmerzt schon fast in ihren Ohren. Sie wird unmöglich schlafen können. Paul legt eine Energie an den Tag, oder besser die Nacht, die er in keinem anderen Bereich seines Lebens und noch weniger in ihrer Beziehung hatte. Nicole setzt sich auf ihre Seite des Bettes, stemmt die Ellenbogen auf die Knie und legt den Kopf auf die Hände. Sie umfasst ihren Kopf, schließt die Augen, nimmt die Hände vor die Ohren und konzentriert sich ganz fest. Es nutzt nichts. Eine Maschinengewehrsalve dringt an ihr Ohr, der Lärm zerfetzt ihr das Trommelfell und schon schießen ihr die ersten Tränen in die Augen. Sie schaut über ihre Schulter zu Paul. Der Mund ist geöffnet, Speichelfäden ziehen sich von der Ober- zur Unterlippe und an den Geruch seines Atems will sie gerade gar nicht denken. Sie klopft sich mit den Händen vor die Ohren, beginnt zu wimmern und die Tränen werden immer mehr. Er merkt nicht einmal, wie sie neben ihm leidet. Er hört sie nicht, er sieht sie nicht, er spürt sie nicht. Sie ist so selbstverständlich für ihn. Eine Haushaltshilfe, die ihm Nahrung bereitet, die Wäsche wäscht und ihn duldsam erträgt. Als Partnerin ist sie nicht mehr da. Als Liebende ist sie bereits vor Jahren ausgezogen. Leidenschaft und körperliche Anziehung ist scheinbar nur etwas für die Jüngeren. Dabei fühlt sie da noch immer ein Feuer in sich brennen. Doch wenn sie neben sich schaut, sieht sie einen Mensch gewordenen Feuerlöscher für in Wallung geratenes Blut.
Es reicht! Das muss ein Ende haben! Nicht irgendwann, nicht morgen, jetzt!
Das Schnarchen wird unerträglich laut. Sie greift zu ihrem Kopfkissen, spannt es mit beiden Händen und wirft sich mit einer schnellen Bewegung auf Paul. Das Kissen erstickt den Lärm sofort. Sie presst es fest auf seinen Kopf und stemmt sich mit aller Kraft auf ihn. Ihre Knie hat sie auf seine Arme gedrückt. Sie spürt, wie sich eine unbändige Wut entlädt, wie sie ihm am liebsten noch all die Enttäuschung in die Haut prügeln will, sein Versagen als Mann, seine Lächerlichkeit als alter Nerd in seinem Scheiß-Hobbykeller. Vor allem aber will sie ihre Ruhe. Nicht mehr als die verdammte Stille, die er an den Tag legt, wenn er nicht schläft. Hat sie nicht ein Recht darauf, weil sie ihn all die Jahre ertragen hat? Ja, sie darf Ruhe einfordern, nichts als Ruhe! Endlich lässt der Widerstand unter ihr nach, bis gar nichts mehr von ihm zu spüren ist. Sie nimmt ihre Hände zurück und lockert den Druck auf das Kissen. Dann hebt sie es an. Paul ist ganz still. Paradiesisch. Sie legt das Kissen zurück auf ihre Seite und streicht es glatt. Sie streckt sich aus und schaut mit einem Lächeln an die Decke. Dann kuschelt sie sich in ihre Bettdecke und lauscht hinaus. Unendliche Stille. Friedlich ist es, fast gespenstisch ruhig. Weihnachten kann kommen.

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