Es gibt Tage, da liebt man die Frau erst, wenn sie aus dem Haus ist

Karla
Karla hat es eilig. Sie muss zu einem Termin. Mit fahrigen Bewegungen ihrer Hände steht sie vor dem Badezimmerspiegel und versucht, ihrer Haarpracht Herr zu werden. Ich täusche ein wenig Geschäftigkeit vor und schlendere durch die Wohnung. Hoffentlich fragt sie mich nicht, wie sie aussieht. Ganz gleich, was ich antworte, es ist die falsche Antwort. Oder die Pause bis zur Antwort dauert ihr zu lang oder ich antworte zu schnell. Vielleicht stellt sie einfach nur die falsche, oder aber überflüssige Frage, aber das will sie nicht hören. Ich stehe vor dem Bad in einem Winkel zur Zimmertür, dass ich sie, aber sie unmöglich mich sehen kann. Zwar drückt es in meiner Leibesmitte kräftig und ich müsste dringend in unser Badezimmer, aber ich kann sie jetzt unmöglich stören. Noch unmöglicher ist, dass ich sie unterbreche, mein Geschäft verrichte und sie dann bitte, sich weiter schön zu machen. Das geht vor allem nicht, weil ich das ungern unter Druck tue. Und sie wird den halben Tag brauchen, um über den Geruch hinwegzukommen. Dazu wird sie darüber orakeln, was mit meiner Verdauung nicht stimmt. Nur gut, dass ich ihr nie eine Kotprobe reichen muss. Das Zusammenleben mit einer Frau ist gar nicht so einfach, denke ich in diesem geschenkten Moment der Stille und Einkehr. Worüber haben wir uns eigentlich damals in der Phase des Kennenlernens unterhalten? Vor so langer Zeit, als Karla die Ernährungswissenschaften voller Hingabe studierte und sie mich heute schon allein dafür schelten würde, dass ich mich derart daran erinnere, obwohl es doch dieses Studium mit Öktoirgendwas war. Jedenfalls unterhielten wir uns über die großen Fragen der Welt und der Politik, unseren Musikgeschmack und unsere Haltungen zu allgemeinen Lebensfragen, über Werte und Träume. Ausgespart haben wir die Dinge, bei denen es im Zusammenleben interessant wird. Schnittmengen bei den großen Fragen, Wutpotential im Tagesgeschäft. Auf der Suche nach einem Partner sind wir einzigartig und originell. Eloquent, belesen und an allem interessiert, vor allem am Gegenüber. Wir können träumen und Phantasien erschaffen, wie leben und lassen leben. Und weil wir so sind, erwarten wir das auch vom Anderen. Nicht nur das, nein, im Grunde erschaffen wir bei der Gelegenheit gleich noch die perfekte Vision von mir und vom Partner. Ich schaue zu Karla. Wegen mir bräuchte sie den ganzen Kram nicht. Die Cremes und Puderdöschen, dieses Folterinstrument, mit dem sie auch ihre Augäpfel ausschälen könnte und all den anderen Kokolores. Sie kann so bleiben, wie sie ist, sie darf. Stattdessen staffiert sie sich aus, als würde sie auf den Markt gehen und sich zur Schau tragen. Muss sie nicht. Sie ist mir genug, so wie ich mir selbst meist genüge.
Bin ich selbstgenügsam oder einfach nur faul? Lasse ich mich gehen oder habe ich das erreicht, was viele anstreben? Die innere Mitte … kaum ist sie da, merkt man es nicht. Es kommt ja auch nirgendwo ein Lebensobmann aus der Hecke gesprungen, der mir einen Präsentkorb und einen Sekt mit dem Bemerken schenkt, dass ich nun alle Bemühungen einstellen kann, weil: Die Mitte ist erreicht! Nicht die des Lebens, sondern die des guten Gefühls.
Karla wuselt durch ihre Haare. Gleich wird sie mich fragen, wie sie aussieht und dazu die Mundwinkel nach unten ziehen. Unterstützen wird sie das durch den Habitus des kleinen Mädchens, das etwas nörgelig sagt: »Ich sehe total kacke aus! So kann ich nicht auf die Straße!« So müsste sie mal reagieren, wenn sie mein Reinigungsverhalten im Haushalt bewertet. Karla, Körper- und echte Sprache wie eben: »Mark (quengel, quengel), hier hast du aber nicht schön Staub gewischt … (quengel, quengel) … so können wir uns unser Wohnzimmer nicht präsentieren.« Dann würde ich sie in die Arme nehmen und ihr sagen, dass ich es einfach noch einmal mache und dass es mir Leid tut. Die Realität sieht in diesen Fällen anders aus. Dann wird Karla zu unserem Haustier, dem Drachen. Sie wundert sich, dass ich diesen bekämpfen will, dabei liegt es auf der Hand. Drachen speien Feuer. Feuer ist nicht gut für meine Bücher. Wenn ich meine Bücher beschützen muss, werde ich zum Ritter.
Es ist wirklich interessant, wie sich Menschen zu Paaren finden. Die Flirtportale der Realität sind im Grunde nicht anders als die virtuellen. Wir präsentieren uns gegenseitig als unglaublich tolle Wesen und fallen dann auch noch auf den jeweils anderen rein. Das kann gar nicht funktionieren, stelle ich fest, während Karla mich entdeckt.
»Was stehst du denn da?«, fährt sie mich an und ich kann der Frage keinerlei logische Substanz zuordnen. Soll ich ihr zunächst sagen, dass die Frage von der Syntax her verbesserungswürdig ist? Nein, besser nicht. Es ist Samstag und sie ist in Eile.
»Du siehst schön aus, mein Schatz!«, sage ich deshalb.
»Quatsch!«, geifert sie so stark, dass ein Schwung Galle durch den Raum fliegt. »Meine Haare sind scheiße, an meinem Kinn habe ich einen Pickel und Augenränder habe ich auch! Aber ich muss unbedingt los.«
Den Zustand der Haare hätte ich gern zu einer galanten Überleitung genutzt. Schließlich ist es Samstagmorgen und den nutze ich gern, um in aller Seelenruhe auf dem Klo zu sitzen, mich zu entleeren und dabei zu lesen. Auch darüber haben wir beim Kennenlernen nicht gesprochen. Schade eigentlich. Was nutzen uns die große Politik und der Musikgeschmack, wenn wir miteinander leben müssen? Hätte mir Karla nicht gleich sagen müssen, dass sie gern pünktlich und es für ihr Seelenheil unabdingbar ist, Dinge zu sortieren, aufzuräumen, zu entstauben und in Reinsträumen zu leben? Am Ende ist es Wurst, ob beide FDP, CDU oder sonst was wählen. Wenn du am Samstag in den Reinstraum scheißt, sind über neunzig Prozent Übereinstimmung bei den großen Fragen der Menschheit für die Katz. Und gegen die hat sie auch noch eine Allergie. Allerdings hatte Karla das erwähnt.
»Sag mal, was denkst du eigentlich gerade?«, fragt sie in kritischem Ton, während sie analytisch schaut und den Kopf schief legt. Gerade jetzt gefallen mir ihre Haare besonders.
»Nichts«, antworte ich schnell und wahrheitsgemäß.
»Ich muss jetzt aber auch los, egal, wie ich aussehe!«, stellt sie fest und geht zur Garderobe, um sich Jacke und Tasche zu schnappen. Ich kehre zurück zu meinen Gedanken. Vielleicht sollte jeder Mensch eine Art private Visitenkarte mit sich führen, auf der die Antworten auf die wirklich wichtigen Fragen stehen, die für das Zusammenleben wichtig sind. Habe ich zwanghaftes Verhalten bei der Haushaltsführung? Wie gehe ich mit Macken meines Partners um? Wie ist meine Definition von »sauber«? Wie löse ich Probleme? Bin ich einer für die Details oder das große Ganze? Habe ich Grundkenntnisse der Kommunikation? Kenne ich alle drei Bände von »Miteinander reden«? Finde ich mich ungeschminkt schön? Ist es in Ordnung, in der eigenen Wohnung zu furzen? Was ist guter Sex? Was ist Sex? Zählen Lebensmittel und tote Tiere noch zu Sexspielzeug? Und dann könnte diese Flirtcard Elemente beinhalten, wie sie im Onlinehandel hilfreich sind.
»Ich bin so gegen drei wieder da. Tu mir bitte einen Gefallen und lüfte, wenn du auf dem Klo warst. Und dann könntest du bitte noch den Geschirrspüler einräumen und anwerfen. Ja, und Staub müsste auch mal gewischt werden.«
Gleich wird sie sich wundern, warum ich auf solche Sätze nicht eine Verabschiedung wie in Hollywood-Schmonzetten hinlege. Warum ich ihr nicht sage, dass ich sie vermissen werde und dass ich sie abgöttisch liebe. Und wenn sie das fragt, muss ich lügen. Denn ich vermisse sie im Moment wirklich nicht und das mit der Liebe, nun ja, das könnte auf den Moment betrachtet auch leicht in eine gewisse Abneigung umschwenken. Und schließlich predigen alle Ratgeber, dass wir mehr im Moment leben sollen. Aber ich will mich nicht beschweren. Auch in anderen Beziehungen wird die Partnerin so gehen und nicht Dinge sagen wie: Schön, dass du nachher ins Fitnessstudio gehst. Ich mag es, wenn du so sportlich aussiehst. Oder: Lies unbedingt dieses tolle Buch weiter, von dem du so schwärmst. Es freut mich, wenn du dann voller Begeisterung davon erzählst! Oder: Kochst du uns wieder was Leckeres? Ich freue mich schon, wenn wir zusammen das Essen genießen (und ich dich danach als Dessert vernaschen werde – letzteres optional).
Karla haucht mir einen Kuss auf die Wange. Die Wange!!! Sie hastet nach draußen und die Tür fällt ins Schloss. Nix mit all den schönen Sätzen, nach denen ich mich sehne. Nein, ich bin abkommandiert als Lüfter, Geschirrspülmaschineneinräumer und Staubwedelwedler. Ach ja, die Flirtcard, die Karla und ich genauso wenig hatten wie all die anderen Paare, und die schönen Elemente des Onlinehandels. Nach diesen Kriterien würde auch Platz auf der Karte finden, wie bisherige Partner die Partnerschaft bewerteten und was auch nicht ganz unwichtig ist:
»Partner, die Karla vögelten, vögelten auch …«

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Weihnachten ist gerettet!

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Gerade zur Weihnachtszeit offenbaren sich Zeitnot und Einfallslosigkeit. Ausgerechnet dann, wenn es gilt, die Liebste mit Geschenken zu überhäufen, zu überlisten, zu besänftigen. Es darf natürlich längst nicht mehr das träge vor dem Fernseher auf dem iPad ausgewählte und vom Postboten zugestellte Paket mit irgendeinem Klimbim sein. Auch die Last-Minute-Käufe am Heiligabend offenbaren letztlich nur Ideenödnis und mangelnde Empathie. Deshalb liefere ich, rechtzeitig vor dem Fest, das ideale Geschenk: Tampon Color – bringen Farbe in trübe Tage. Zudem merkt die Beschenkte sofort, was sie in den Händen hält: Ein ganz persönliches Geschenk, eine filigrane Bastelarbeit und eine Reminiszenz an die Wiedergeburt, an den Kreislauf des Lebens und an die immerwährende Erneuerung. Es empfiehlt sich, vorher die Wäscheabteilung der Geliebten zu durchstöbern, denn gerade die richtige Farbwahl bei der Gestaltung der Rückholbändchen zeigt Voraussicht und ästhetisches Empfinden, was sich wiederum in zwischenmenschlichen Zuwendungen an und zwischen den Feiertagen niederschlagen kann. Doch nicht nur dabei kann ein Zusatznutzen für den Schenkenden entstehen. Wir haben es wahrlich mit einer Win-Win-Situation zu tun, weil der Mann bei der Bastelarbeit ein süßes Stück der Welt entrückt ist, entschleunigt und ganz bei sich. Und welches andere Geschenk – außer Backwerk und Weihnachtsbraten – nimmt die Beschenkte derart innig in sich auf? Weihnachten ist gerettet! Auf die Tampons, fertig, los!

Pressestimmen zum Kinderbuch

Lesung MJ©Matz (8b)
Der Traum des Schmieds: König John hat Angst um seine wunderschöne Tochter Helena. Deshalb schließt er sie in einem Turm ein. Leider verliert er den Schlüssel.Unzählige Männer versuchen sich daran, das Schloss zu öffnen, doch niemandem gelingt es. Bis der Prinz des Nachbarlandes eintrifft.
Ein einfacher Schmied träumt derweil davon, eine Prinzessin zu befreien. Er weiß, dass er es kann. Doch er hat ein Problem. Wer die Prinzessin befreit, bekommt sie zur Frau und das halbe Königreich dazu. Der Schmied aber ist verheiratet und hat zwölf Kinder.

Hier die ersten Stimmen zum Buch:

“Endlich hast du mal ein Buch geschrieben, das nicht versaut ist!”
Mutter

“Jischinski gibt auf! Die Zielgruppenverschiebung im Alter nach unten zeigt die Resignation vor der Zurückweisung einer erwachsenen und mündigen Leserschaft.”
Psychologische Allgemeine

“Ein einsamer König, eine verstorbene Mutter und ein Turm als Fanal des nimmermüden Phallus’ – Jischinski zeigt Vater- und Mutterkomplexe ebenso wie die pure Kastrationsangst. Ein psychologischer Offenbarungseid!”
Erna