Stille Nacht, heilige Nacht

Bei Peter ging es ganz schnell. Diagnose Krebs und er starb drei Wochen später. Das war in Ordnung. Kein langes Siechtum, keine Wochen oder Monate, die man menschenunwürdig zu Tode gepflegt wird. Einfach nur das Wissen, dass es schnell vorbei ist. Es gab für Peter auch in der knappen Zeit noch genügend Gelegenheiten zum Abschiednehmen, zum Regulieren, Aussprechen oder Bereuen.
Das würde ihr gut gefallen. Sie sieht ihrem schlafenden Mann ins Gesicht. Durch das Fenster wirft der Mond viel zu viel Helligkeit in den Raum. Seine Augen sind fest geschlossen. An den faltigen Lidern sind seine langen, fast weißen Wimpern. Als sie noch dunkelbraun waren, verliehen sie seinen Augen etwas ganz besonderes. Ein kleines Universum voller Versprechen, die er früher einmal gehalten hat. Bei weitem nicht alle, aber immerhin. Nun ist seine Haut fahl geworden, was nicht nur am Mondlicht liegt. Die Frische von einst fehlt. Und sie fehlt nicht nur seiner Haut. Früher hatte sie sich immer gewünscht, dass sie vor ihm stirbt. Wenn sie nun auf ihn blickt, ist sie sich dabei nicht mehr so sicher. Vor allem, weil der Anblick seiner alternden Gestalt noch zu ertragen wäre, würde er nicht wie jede Nacht schnarchen. Ganz gleich, wie sie sich hinlegt, das Schnarchen dringt an ihre Ohren. Sie schaut ihm ins Gesicht und hofft, dass allein die Kraft ihrer Gedanken reicht, sein Schnarchen zu beenden. Nichts passiert. Sie legt sich wieder hin und starrt an die Decke. Sie atmet tief ein und aus. Die Augen fallen von allein zu und eigentlich ist sie ohnmächtig vor Müdigkeit. Doch neben ihr liegt Paul und schnarcht seit Stunden. Am nächsten Morgen wird er wieder behaupten, dass er kaum Schlaf gefunden und kein Auge geschlossen habe. Nicole legt ihre Hände auf die Bettdecke und kann das Leben ihres Körpers spüren. Ihr Brustkorb hebt und senkt sich, doch jeder Atemzug ihres Gatten dringt wie ein Maschinengewehr an ihre Ohren. Es reicht.
Sie zieht die Bettdecke zurück und die Kälte des Raumes umschließt sie sofort. Neben ihr auf dem Stuhl liegt ihr Morgenmantel. Der wärmt zwar noch nicht, aber schon wenige Augenblicke, nachdem sie ihn angezogen hat, ist ihr wohler. Langsam tastet sie sich durch die Dunkelheit voran. Als sie in der Tür steht, blickt sie zurück auf Paul im Mondlicht. Er liegt da wie auf einer Bühne. Hervorgehoben durch die Scheinwerfer spielt er sein eigenes Konzert. Eins, das keiner hören will. Die letzte im Publikum verlässt den Saal. Nicole geht in die Küche, öffnet den Kühlschrank und nimmt die Milch heraus. Eiskalte Milch mitten in der Nacht, das ist ganz sicher nicht gesund. Doch es ist egal. Sie ist alt und hat alles erlebt. Was soll schon noch kommen? Am nächsten Tag wird Weihnachten sein. Heiligabend. Ihre Tochter Sylvia wird kommen, gemeinsam mit ihrem Mann und den zwei Enkeln. Wirklich süße Kinder haben sie gezeugt. Fiona und Josi. Dazu kommt ihr Sohn Martin. Mit seiner Frau und ihren wesentlich weniger gelungenen Kindern Chantalle und Florentine.  Das Haus wird voll werden und eigentlich hatte sie sich das früher wunderbar vorgestellt. Ein Bild, wie es romantischer nicht sein könnte. Sie und Paul sitzen im Wohnzimmer. In der Ecke steht, wie schon über viele Jahre hinweg immer wieder, ein geschmückter Baum. Nichts opulentes, ein paar Kugeln in harmonierenden Rottönen, mit dezenter Beleuchtung und etwas Goldschmuck. Irgendwo brennt eine Räucherkerze, die aromatisch Zimt- oder Bratapfelduft verströmt. Im besten Fall hat es geschneit und aus der warmen Stube schauen sie als große, glückliche Familie gemeinsam nach draußen, wohl wissend, dass es echten Frieden nur innerhalb dieser Mauern geben kann. Die Milch sticht ihr sofort in den Magen. War sie in der Speiseröhre noch angenehm erfrischend, bestraft sie Nicole jetzt sofort und sie muss schmerzerfüllt das Glas auf den Tisch stellen. Mit zusammengebissenen Zähnen läuft sie auf Zehenspitzen in das Wohnzimmer und schaut auf den Baum. Auch hier fällt das Mondlicht in den Raum. Ohne Beleuchtung hat der Baum etwas gespenstisches, fast totes. Andererseits ist die Nordmanntanne das einzige Element ihrer Vorstellung von einst, das wirklich stimmt. Die Kinder haben sich zerstritten und machen ihnen und den Enkeln für diesen Tag nur etwas vor, die Schwiegertochter und der Schwiegersohn sind beide mindestens die drittschlechteste Wahl, die ihre Kinder hätten treffen können. Chantalle und Florentine sind Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom, auch wenn Martin gebetsmühlenartig wiederholt, sie seien bloß lebhaft und temperamentvoll. Paul wird wie immer dasitzen und seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen. Schweigen. Wenn endlich alle gegangen sind und Nicole das Geschirr abgeräumt, das Geschenkpapier verstaut und den Dreck im Flur entfernt hat, verzieht sich Paul. Dann geht er in seinen Hobbykeller. Was er dort macht, ist ihr ein Rätsel. Er könnte bei ihr sitzen und sich mit ihr unterhalten, aber nein, er sitzt im Hobbykeller. Sie stellt sich vor, wie er dort vor einem Spiegel sitzt und schweigt. Die ganze Zeit. Eine Art meditatives Schweigen für den inneren Frieden. Überlastete Manager zahlen für so etwas viel Geld und Paul hat es gratis jeden Tag. Dann wird er wieder hochkommen, sich neben sie setzen und schweigen. Geübt ist geübt. Er wird die im Keller erarbeitete Perfektion neben ihr demonstrieren. Oft gibt es den einen oder anderen Streit, welches Programm sie schauen und einen wie immer sinnlosen Disput darüber, wann sie am ersten Feiertag mit dem Mittagessen beginnen. Verdammt! Nichts und niemand bedrängt sie. Sie könnten lange ausschlafen, einen Spaziergang machen, den Tag genießen und wenn das Wetter Mist wäre, könnten sie auch im Bett liegen bleiben und miteinander schlafen. Aber, weiß Gott, die Idee daran hatte Paul wahrscheinlich bereits zu Grabe getragen. Dort wird seine Libido auf ihn warten, wenn sie ihn eines Tages beerdigen wird. Aber für einen Blick auf die jungen, knackigen Frauen von zwanzig bis dreißig reicht es noch. Er ist so erbärmlich geworden. Sie sitzt inzwischen auf dem Sofa und schaut auf den Baum im Mondlicht. So soll es also weitergehen? Die restlichen zehn, vielleicht sogar zwanzig Jahre? Da klingt ein Platz im Heim verlockender. Das war so nicht vereinbart, als sie einander ewige Liebe, Treue und Achtung versprachen. Es hatte auch niemand gesagt, dass sie ein Leben lang miteinander sprechen müssen. Das hätte Paul ganz sicher nicht unterschrieben. Von einem Nicht-Schnarchen steht ebenfalls nirgendwo etwas. Die seelischen Grausamkeiten im Ehealltag werden von Tag zu Tag mehr. Weihnachten dient im besten Fall noch zu einer Bestandsaufnahme. Eine Art Inventur der Ehe. Inzwischen schreibt sie jedes Jahr mehr ab. Keine Buchgewinne mehr, keine stillen Reserven. Abschreibung auf den Erinnerungswert ist angesagt. Sie steht auf, die Fransen des Teppichs kitzeln an ihren Füßen, während sie zur Bar geht. Leise öffnet sie die alte Tür. Das Licht in der Bar erhellt den Raum und sie greift zur Grappaflasche. Ein wundervoller »Grappa Riserva«, in Portweinfässern gereift. Golden und ölig fließt er in das Glas. Sie stellt die Flasche zurück, nimmt das Glas und hält es gegen das Licht. Einfach wunderbar, wie diese Flüssigkeit schimmert! Sie schließt die Bar, geht zurück zum Sofa und setzt sich. Schon der erste Schluck ist delikat. Rund und voll mit leichten Karamell- und Fruchttönen und im Abgang spürt sie ganz klar einen kräftigen Port. Unglaublich. Soll Paul doch so viel schnarchen, wie er will! Nachdem sie das Glas geleert hat, geht sie zurück zur Bar und schenkt sich nach. Etwas mehr als vorher. Deutlich mehr.  Das Glas ist bis zum Rand voll und sieht fantastisch aus, wenn sie es im Lichtschein anschaut. Wieder schließt sie die Tür, geht zum Sofa zurück und trinkt mit großen Schlucken. Der Gedanke an die Gäste am nächsten Tag ist schon wesentlich besser zu ertragen. Sie wird es schaffen. Die gehen auch wieder. Bloß Paul wird noch da sein, wenn die anderen gegangen sind. Eines – vielleicht nicht mehr so fernen – Tages wird auch er gehen. Für immer. Sie nimmt noch einen letzten Schluck, leckt sich das ölige Elixier von den Lippen und geht noch fast sicheren Schrittes zurück ins Schlafzimmer. Früher haben sie am Abend vor Heiligabend gemeinsam die Geschenke der Kinder verpackt. So viel haben sie nicht miteinander gemacht, aber das waren schöne Momente. Überhaupt war Weihnachten nur ein richtiges Fest, als die Kinder noch im Haus waren. Seitdem wurde es langweilig. Paul gab sich nicht einmal mehr Mühe, die Hässlichkeit und Unnötigkeit seiner Geschenke zu bedauern. Stoisch und teilnahmslos nahm er ihre Kränkung hin, bis er die Zeit für würdig und gekommen hielt, sich in sein Refugium zu verziehen. Nicole saß dann vor dem Fernseher und schaute das Programm, das sie gern sehen wollte. Ein schwacher Trost.
Sie steht wieder im Schlafzimmer. Es schmerzt schon fast in ihren Ohren. Sie wird unmöglich schlafen können. Paul legt eine Energie an den Tag, oder besser die Nacht, die er in keinem anderen Bereich seines Lebens und noch weniger in ihrer Beziehung hatte. Nicole setzt sich auf ihre Seite des Bettes, stemmt die Ellenbogen auf die Knie und legt den Kopf auf die Hände. Sie umfasst ihren Kopf, schließt die Augen, nimmt die Hände vor die Ohren und konzentriert sich ganz fest. Es nutzt nichts. Eine Maschinengewehrsalve dringt an ihr Ohr, der Lärm zerfetzt ihr das Trommelfell und schon schießen ihr die ersten Tränen in die Augen. Sie schaut über ihre Schulter zu Paul. Der Mund ist geöffnet, Speichelfäden ziehen sich von der Ober- zur Unterlippe und an den Geruch seines Atems will sie gerade gar nicht denken. Sie klopft sich mit den Händen vor die Ohren, beginnt zu wimmern und die Tränen werden immer mehr. Er merkt nicht einmal, wie sie neben ihm leidet. Er hört sie nicht, er sieht sie nicht, er spürt sie nicht. Sie ist so selbstverständlich für ihn. Eine Haushaltshilfe, die ihm Nahrung bereitet, die Wäsche wäscht und ihn duldsam erträgt. Als Partnerin ist sie nicht mehr da. Als Liebende ist sie bereits vor Jahren ausgezogen. Leidenschaft und körperliche Anziehung ist scheinbar nur etwas für die Jüngeren. Dabei fühlt sie da noch immer ein Feuer in sich brennen. Doch wenn sie neben sich schaut, sieht sie einen Mensch gewordenen Feuerlöscher für in Wallung geratenes Blut.
Es reicht! Das muss ein Ende haben! Nicht irgendwann, nicht morgen, jetzt!
Das Schnarchen wird unerträglich laut. Sie greift zu ihrem Kopfkissen, spannt es mit beiden Händen und wirft sich mit einer schnellen Bewegung auf Paul. Das Kissen erstickt den Lärm sofort. Sie presst es fest auf seinen Kopf und stemmt sich mit aller Kraft auf ihn. Ihre Knie hat sie auf seine Arme gedrückt. Sie spürt, wie sich eine unbändige Wut entlädt, wie sie ihm am liebsten noch all die Enttäuschung in die Haut prügeln will, sein Versagen als Mann, seine Lächerlichkeit als alter Nerd in seinem Scheiß-Hobbykeller. Vor allem aber will sie ihre Ruhe. Nicht mehr als die verdammte Stille, die er an den Tag legt, wenn er nicht schläft. Hat sie nicht ein Recht darauf, weil sie ihn all die Jahre ertragen hat? Ja, sie darf Ruhe einfordern, nichts als Ruhe! Endlich lässt der Widerstand unter ihr nach, bis gar nichts mehr von ihm zu spüren ist. Sie nimmt ihre Hände zurück und lockert den Druck auf das Kissen. Dann hebt sie es an. Paul ist ganz still. Paradiesisch. Sie legt das Kissen zurück auf ihre Seite und streicht es glatt. Sie streckt sich aus und schaut mit einem Lächeln an die Decke. Dann kuschelt sie sich in ihre Bettdecke und lauscht hinaus. Unendliche Stille. Friedlich ist es, fast gespenstisch ruhig. Weihnachten kann kommen.

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Frohes Fest!

Es kann losgehen! Die Zutaten für das Festtagsgericht liegen vor mir und entgegen meinem ansonsten eher spärlichen Hang zu Ordnung und Disziplin habe ich alles gemäß Rezept vorbereitet. Das Gemüse habe ich klein geschnitten, die Innereien des Tieres dazu, Tomatenmark steht bereit, ebenso wie die Hühnerbrühe. Die Gans schmort im Ofen. Den Rotkohl habe ich bereits fertig und zuvor sogar selbst geschnitten und mit einem Apfel verfeinert. Karla hat sich zu einem kleinen weihnachtlichen Workout verabschiedet, was zum einen gut für ihre Figur und zum anderen bestens für den internen Weihnachtsfrieden ist, denn die Küche bleibt so Männergebiet. Das Refugium für Testosteron, Balsamico und Küchenbullen. Jede partnerschaftliche Auseinandersetzung zu Zubereitungsalgorithmen würde den Prozess auch nur verlangsamen und der Qualität wenig förderlich sein. Nicht zuletzt besteht die eigentliche Herausforderung heute darin, Karlas Eltern zu beeindrucken. Nachdem wir letztes Jahr die Ente samt selbst gemachter Klöße und erlesenem Gemüse des Herrn Schwiegervater in spe mehr als die Geburt des Herrn Jesus lobpreisen durften, wurde beschlossen, dass wir in diesem Jahr dran sind. Meine Schwiegereltern Kurt und Helga sind ausgewiesene Gourmets, die kurz vor der Pensionierung stehen und die Krönung des ehelichen Miteinanders nur noch in der Küche erleben. Zudem ist Kurt als Geschäftsführer irgend so einer Chemiebude gebildet und akkurat und Helga als Lehrerin am Gymnasium nicht minder erhaben über das Wissen der Welt, nicht zuletzt am Herd. Sie beäugen mich Schreiberling immer mit einer gewissen Abscheu, als hätte sich Karla einen Speil in den Fuß getreten, der nur schwer rauseitert. Ja, für die einzige Tochter der gutbürgerlichen Verschmelzung hätte der Markt mehr hergegeben als einen mittellosen Autor, der auch noch Zwielichtiges zu Papier bringt.
Ein letzter Blick auf die sonnengebräunte Gans, die im Herd vor sich hinbrutzelt, und schon lege ich los. Für die Sauce brate ich die Möhren und den Sellerie an und werfe die Zwiebel dazu. Bereits jetzt werde ich hungrig, denn ein angenehmer Duft strömt mir in die Nase. Als ich einige Minuten später die Kleinteile und Innereien der Gans dazugebe, wirbeln meine olfaktorischen Rezeptoren durcheinander. Nun noch etwas Tomatenmark dazu, Salz und …
Huch! Rotwein! So gar nicht meine Domäne. Wenn aber im Rezept Rotwein steht, kann ich schlecht einen Bowmore hinzugeben. Zum Glück hält Karla für hohe Feiertage solche Getränke vor und ich finde in ihrem Weinregal eine Flasche, die ich für angemessen halte. Eine Flasche »Puriri Hills« von 2008. Ich erinnere mich dunkel, dass sie die einmal von ihrem Chef geschenkt bekommen hat, und subsummiere dieselbe Ebene einer Hierarchie: Chef – Eltern von Karla. Sollte also passen. Außerdem klingt es ja nicht gleich so elitär wie beispielsweise ein »Midleton Very Rare 18 Jahre«. Karla selbst trinkt diese Tröpfchen wahlweise bei besonderer Euphorie ob beruflicher Erfolge oder aber nach Gesprächsrunden mit mir, die unsere Beziehungsebene zum Gegenstand haben. Ich entkorke den Wein und gieße ihn komplett in einen Liter-Messbecher. Laut Rezept muss ich dreihundert Milliliter einkochen lassen. Er verströmt bereits beim Einschenken ein wunderbares Aroma. Ich bin angenehm überrascht und stelle fest: ein guter Koch muss kosten. Also hebe ich den Becher zum Mund und trinke. Wow! Als Nichtrotweinkenner und -trinker muss ich anerkennend feststellen: Sehr lecker! Ich trinke gefühlt bis an die 300-ml-Markierung und stelle beim Absetzen fest, dass ich sie leicht unterschritten habe. Mist! Außer mir sitzen in zwei Stunden drei Pedanten mit am Tisch und Kurt wird jede Abweichung vom Rezept im Nanobereich rausschmecken. Ich gieße also die knapp 250 Milliliter in ein Glas und gehe erneut an Karlas Weinregal. Dort finde ich einen Wein mit einem recht hübschen Etikett. Es kommt nicht an das des »Oban 14 Years« heran, aber immerhin. Ich lese »Chateau Mouton-Rothschild« und denke, dass es den Gästen und der Gans angemessen sein sollte. Wieder in der Küche angekommen, trinke ich den Rest des Glases aus und messe nun genau 300 Milliliter im Messbecher ab, damit ich nicht wieder Probleme bekomme. Fix gieße ich den Wein auf und lasse ihn einkochen. In der Küche verbreitet sich ein wunderbares Aroma und in meinem Kopf wirkt der Rotwein Wunder. Ich schaue nochmal aufs Etikett des »Puriri Hills« und lese 13,3%. Nicht schlecht! Die Wirkung ist wie ein isotonisches Getränk: Geht sofort ins Blut. Ich warte, bis der Rotwein im Topf völlig einkocht ist. Derweil trinke ich ein paar Schlückchen aus der Flasche des »Chateau«. Mundet richtig gut. Meine Karla hat Geschmack. Ich notiere mir im Geiste, dass ich das unbedingt erwähne, wenn sie zurück ist. Die Hühnerbrühe gieße ich über den schon ansehnlichen Fond und nun habe ich endlich eine Viertelstunde Zeit. Ich beschließe, mir diese mit einem netten Buch auf der Toilette zu vertreiben. Das Klo ist neben der Küche die letzte wirkliche Bastion und wahrer Rückzugsort des Mannes geworden. Deshalb auch die vielen Kochshows. Das hat gar nichts mit Essen, sondern viel mehr mit Meditation und Besinnung zu tun. Bloß eine Kloshow gibt es noch nicht. Aber es wird sicher nicht mehr lange dauern. Während ich in meiner Leibesmitte die Totalentspannung erfahre, blättere ich ein wenig in Goethes »Faust« und lasse den Rotwein durch meinen kompletten Schädel kreisen. Eigentlich ist das schon ein sehr festlicher Moment. Viel schöner kann der Tag nicht werden. Nachdem ich fertig bin, das Buch zur Seite gelegt und mich sanitär-hygienisch erstversorgt habe, betätige ich die Spülung und erhebe mich. Und schon sehe ich das Malheur. Das Klo ist verstopft. So ein Mist! Gerade jetzt! Schnell springe ich in die Küche, um nach der Gans im Herd zu schauen und die Sauce umzurühren. Wieder zurück auf dem Klo hat sich nichts verändert. Der Mist läuft nicht ab. Wo hatte ich beim letzten Mal doch diese blöde Spirale hingetan, die man gefühlte hundert Meter in die Kanalisation schrauben kann? Mir fällt es einfach nicht ein, aber ich brauche eine Lösung. Eine schnelle Lösung. Mir wird sehr warm und das liegt nicht mehr nur am Rotwein. Ich kann schon Karlas Gesicht vor mir sehen, wenn sie mich so sieht. Ich koche in aller Seelenruhe das Weihnachtsmahl, habe natürlich nur eine Unterhose und ein Hemd an, vom Rotwein habe ich eine leichte Hacke und das Scheißhaus ist verstopft. Ihre gesamte innere Mitte und das Wohlgefühl durch den feiertäglichen Sport wären schneller weggespült, als meine Exkremente in unserer Toilette. Ha! Da fällt es mir ein. Als wir eingezogen waren, musste ich eine neue Badarmatur kaufen, weil Karla es nicht mit sich und ihrer Hygiene vereinbaren konnte, die Brause des Vormieters in die Nähe ihres Körpers zu bringen oder gar an ihr Allerheiligstes zu halten. Ich würde einfach diesen blöden Schlauch nehmen, ihn mit dem einen Ende in das Klo einführen und in das andere Ende hineinblasen, bis sich die Verstopfung gelöst hat. Ich renne in den Keller und hoffe darauf, dass mich dabei niemand sieht. Die Erklärung meiner Situation würde sicher Erstaunen hervorrufen. Im Keller finde ich zum Glück sofort den Brauseschlauch und renne wieder nach oben. Nun ist der Rotwein überpräsent und ich bin ziemlich daneben. Schnell stopfe ich den Schlauch ins Klo, wobei mir neben dem inzwischen recht dominierenden Geruch auf der Toilette ein anderer in die Nase sticht. Die Gans! Fast in derselben Sekunde stehe ich vor dem Herd, öffne ihn und wende den Vogel. Die Haut des Vogels ist leicht lädiert aber ich werde ihn einfach auf die andere Seite legen, wenn wir ihn unseren Gästen präsentieren. Sicherheitshalber gieße ich etwas Wasser auf das Vieh und spüle meinen aufkommenden Ärger mit einem Schluck Rotwein runter.

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Dann hetze ich wieder ins Bad und stelle mit Erschrecken fest, dass dieser blöde Schlauch wieder aus dem Klo geploppt ist. Mist! Welches Ende hatte ich denn nun schon in der Schüssel?? Für ausgedehnte Überprüfungen habe ich keine Zeit mehr, denn Karla wird gleich zur Tür reinschweben. Deshalb schnappe ich mir das Ende mit der höheren Wahrscheinlichkeit, stopfe es in das Klo und nehme das andere Ende in den Mund. Ich atme tief durch, denn es schmeckt wie die richtige Entscheidung. In der Kloschüssel blubbert es gewaltig und Unaussprechliches tritt zu Tage. Es stinkt erbärmlich. Nach mindestens zehn Luftstößen, die mich kurz vor die Ohnmacht bringen, kann ich weder durch Nase, noch durch den Mund einatmen, aber der Scheiß läuft ab. Ich spüle ein paar Mal nach, säubere alles mit der Bürste und einem Lappen und schnappe mir den Schlauch. Wieder renne ich in den Keller, verstaue das stinkende Teil notdürftig und eile nach oben. Dort angekommen, rühre ich den Fond um, bewege die Gans und schaue auch nach dem Rotkohl. Ich bin fix und fertig, setze mich an den Tisch und trinke noch etwas Rotwein. Kein Wunder, dass in der Zeit um das Fest die meisten Streitereien in Familien stattfinden. Ich bekomme das alles nicht einmal allein in Ruhe auf die Reihe. Ich bin völlig durchgeschwitzt, meine Hände riechen nach dem Brauseschlauch und ich habe noch eine knappe Stunde, bis Kurt und Helga kommen. Gerade als ich sehnsüchtig an meine Karla denke, höre ich das Türschloss und meine Geliebte in die Wohnung treten.
»Aaaaahhh!!« Sie schreit. »Mark, was ist hier los?«
Ich torkele in unseren Flur und schaue sie an. Sie hat sich gleich nach dem Fitnessstudio schön gemacht und mir fällt es sofort auf. Sie wird stolz auf mich sein. »Du siehst toll aus, mein Schatz! Sogar noch besser als nach dem Friseur.«
Karla hat einen nochroten Kopf, schält sich aus ihrem Mantel, und wenn ich nicht so hacke wäre, würde ich ihr auch raushelfen. Dann steht sie vor mir und brüllt lauter, als dies auf diese Entfernung notwendig wäre: »Kannst du mir bitte mal erklären, warum es hier überall nach Scheiße riecht?«
Ich glaube, dass sie mich gleich töten wird. Deshalb versuche ich sie zu besänftigen. »Geh einfach in die Küche, dort riecht es nach Gans!«, sage ich ihr und an ihrem Blick kann ich ablesen, dass ich eigentlich schon tot bin. Sie geht aber tatsächlich an mir vorbei in die Küche und ich bin noch nicht ganz bei ihr, als ich sie schon wieder schreien höre. »Aaaaahhh!! Jischinski!! Bist du völlig geisteskrank? Du sollst hier ein tolles Gericht für meine Eltern zaubern, schickst mich dafür extra außer Haus, damit ich dich auf keinen Fall störe, und was machst du? Du stehst im Slip und Hemd vor mir, im Flur riecht es nach Scheiße und ich will die Erklärung gar nicht wissen, die Gans sieht halb verkohlt aus, aber die Krönung, wenn es da überhaupt noch eine gibt, ist, dass du meine zwei wertvollsten Weine zum Kochen und offensichtlich auch zum Saufen verwendet hast!«
Ich muss mich im Türrahmen anlehnen, als ich frage. »Echt, die sind wertvoll? Also lecker sind sie allemal und die Sauce wird bestimmt klasse.«
»Aaaaahh! Ja, die sind wertvoll. Der Australische kostet um die achtzig Euro und der Chateau sollte um die zweihundertfünfzig wert sein.«
Es ist deutlich hörbar, wie ich Speichel herunterschlucke. Um das Thema zu wechseln sage ich »Und das mit der Scheiße im Flur kann ich erklären. Die Toilette war leider verstopft und ich habe sie wieder frei bekommen.« In einem dieser Beziehungsratgeber habe ich neulich gelesen, dass es in jedem Streit Wunder wirkt, wenn man den Partner in den Arm nimmt und tröstet. Deshalb schwanke ich auf Karla zu und lege vorsichtig meine Hände auf ihre Wangen, streiche mit den Fingern ganz zart darüber, vorbei an ihrer Nase …
»Aaaaahh! Deine Hände riechen nach Scheiße!« Wutentbrannt löst sie sich von mir los, schnappt sich das Telefon und verbarrikadiert sich im Schlafzimmer. Durch die Tür höre ich, wie sie ihren Eltern absagt. Die Begründung will ich gar nicht mehr hören. Ich gehe in die Küche, trinke den restlichen Rotwein und bin mir sicher: Die gesamte Ratgeberliteratur ist völlig überbewertet. Kochbücher, Do-it-yourself-Bücher für den Haushalt und diese bescheuerten Beziehungsratgeber. Beim nächsten Mal essen wir wieder bei Kurt und Helga.

Die Erlösung zum Fest

Wie pünktlich zum Wiegenfeste unseres Erlösers bekannt wurde, besteht unsere gesamte Bundesregierung aus Drohnen. Der #Whistleblower Eddy Rainden, früherer Agent der #NSA hat den Sack der Offenbarung geöffnet und heute Morgen während einer Pressekonferenz in Jakutsk die Tatsachen veröffentlicht. Die deutsche Bundesregierung ist seit einigen Jahren ein Pilotprojekt der #NSA, bei dem getestet wird, ob Drohnen in der Lage sind, ein Land zu führen. Unklar ist noch, ob nur Deutschland davon betroffen ist, Europa, die Welt oder sogar die USA selbst. Rainden betonte, dass die #NSA sehr zufrieden mit den ersten Ergebnissen war, weshalb nicht ausgeschlossen werden könne, ob weltweit und in den USA ebenfalls Drohnen politisch aktiv geworden sind. Bekanntermaßen beteiligen sich Drohnen nicht an notwendigen Arbeiten im Bundesstock oder am Sammeln von Pollen und Nektar. Sie leben ein karges Leben in Bestimmungslosigkeit und Komplentation. Dies schien ideal für die Besetzung von Ministerposten. Die gemeine Drohne ist dabei nicht in der Lage, Nektar aus Blüten aufzunehmen. Sie ist zum Zwecke der eigenen Ernährung und damit des weiteren Fortbestands auf den sozialen Futteraustausch mit dem Bundesvolk angewiesen. Hierzu wurden Steuern erfunden, um die regelmäßige Wartung der Drohnen zu gewährleisten. Drohnen, die offenkundig ihren Dienst versagen, werden unter fadenscheinigen Gründen zurück in die Werkstatt geflogen. Dazu gehörte unter anderem Karl-Theodor zu Guttenberg. Diese Drohne ist seit ihrer Generalüberholung in Oxford als Speisedrohne aktiv, um in der Mensa jungen Doktoranden die schweren Tabletts abzunehmen und zum Nahrungsaufnahmeplatz zu fliegen. Unbestätigten Gerüchten zufolge wurde die Drohe Peter Ramsauer als Mautdrohne ins Gespräch gebracht. Sie soll Plaketten von der Bundesdruckerei an die jeweiligen Ausgabestellen liefern. Hier werden aber noch Preisvergleiche mit dem Bundesverband der Brieftaubenzüchter abgewartet.
Die Merkelbundesdrohne wurde als Königin eingesetzt. Eigentlich fliegen die Drohnen gemäß ihrer Bestimmung direkt nach der Geschlechtsreife zum Drohnensammelplatz, um nach begattungsfähigen Königinnen zu suchen. #Whistleblower Eddy Rainden bestätigte aber, dass für politische Feldversuche nur Königinnen verwendet werden, die sich jenseits der Menopause befinden und die regelmäßigen Wartungen über sich ergehen lassen. Die Bundesdrohne kann also weiterhin unbehelligt über dem Bundesvolk kreisen. Der Plan, Ursula von der Drohne zur Verteidigungsdrohne zu küren, wurde laut Rainden bereits seit Jahren diskutiert, weil sie die erste tatsächlich unbemannte Drohne ist. Außerdem seien von einer solchen Drohne weniger Drohngebärden zu erwarten. Bereits kurz nach Bekanntwerden des Eklats diskutierten die übrigen Nichtdrohnenpolitiker die Möglichkeit, wenn nicht Notwendigkeit von Neuwahlen, wobei Rainden vorausschauend vorab betonte, man könne nie sicher sein, bei wem es sich um eine Drohne handele, und bei wem nicht. DIE GRÜNEN forderten deshalb sofort einen Drohnenuntersuchungsausschuss unter zwingenden Vorsitz einer Nichtdrohne, was aber parteiübergreifend als kritisch gesehen wird, weil noch keine geeigneten Verfahren zur Identifizierung vorliegen. Hier können nun wieder die Hinweise des #Whistleblowers Rainden hilfreich sein. Die Drohne zeichne sich nach seinen Ausführungen durch Kopflosigkeit und willfähriges Navigieren aus.
Horst R., ein Passant vor dem Bundesdrohnenamt meinte dazu auf Nachfragen des Fachmagazins DAS DEUTSCHE BIENENJOURNAL: »Ich habe denen noch nie getraut! Und wenn ich das höre, ist wahrscheinlich jeder eine Drohne. Vielleicht sollte ich wieder FDP wählen.«
Helmut F., ein arbeitsloser Arbeitsloser aus Gera meinte im Onlineforum derselben Zeitschrift: »Zieht sich das bis in die Regionalpolitik? Ich dachte mir schon, dass wir nur eine dicke Hummel haben, aber als Drohne geht die auch durch.«

Traumfrau

Ich habe keine übertriebenen Ansprüche an Frauen. Nein, wirklich nicht. Deshalb weiß ich auch ganz genau, wie ich mir einen Tag mit meiner Traumfrau vorstelle. Nehmen wir einen völlig frei ausgewählten, x-beliebigen Tag der Woche und schauen uns an, wie sich mein Leben mit dieser Frau darstellen wird. Dass sie toll aussieht, witzig, kreativ, gebildet und sportlich ist, versteht sich von selbst und bedarf deshalb keiner gesonderten Erwähnung.
Nun also: Es ist sechs Uhr früh am Morgen, die Sonne blinzelt durch unsere herrlich weißen ADO-Gardinen und die Doppelverbundgläser unseres mittels eines Schnäppchenkredits finanzierten Eigenheimes und ihre wärmenden Strahlen kitzeln uns mit Unterstützung der seichten Klänge unseres SONY-CD-Weckers ganz sanft wach. Meine Frau springt wie von der Tarantel gestochen auf, hetzt in die Küche, bringt mit flotten Vorbereitungshandlungen und mittels eines finalen Knopfdrucks auf unsere Krups-Kaffeemaschine den Morgenkaffee zur tropfenweisen Entfaltung und zieht sich dank ihres außergewöhnlichen Aufnahmevermögens die FAZ von vorn bis hinten rein, selbst die Börsenkurse unseres gesamten Aktienpaketes meißelt sie noch in unser Küchenlaptop und druckt die Tageskurven aus, bevor der letzte Tropfen Krönung-Light aus dem Filter ploppt, just als ich gerade den letzten Tropfen Morgenurin von mir gebe. Ich lege mich noch mal entspannt hin, sie ist schon an der Tür, öffnet diese mit unverständlichem Elan, die Sonnenstrahlen streicheln sie und die an ihr perfekt sitzenden Nike-Schuhe und vom Adidas-Trilobalanzug strahlt das Licht zurück wie von einer Göttin.
Eine halbe Stunde später kommt sie verschwitzt, aber nicht wirklich fertig zurück, stellt die beim Bäcker im nächsten Dorf eingekauften Backwaren auf den Küchentisch, arrangiert den Tisch für mich, schreibt mir einen mit Liebesbekundungen verzierten Zettel, wo ich was finde, versorgt unseren Hund, wischt noch fix die Küche, markiert die für mich lesenswerten Stellen in der FAZ, weckt unser gemeinsames Kind, zieht es an, liest ihm Harry Potter Band 4 geduldig komplett vor, streicht ihm liebevoll über sein weiches Gesicht, fragt noch einmal die Schularbeiten für den Tag ab, achtet darauf, dass es das Müsli nicht zu sehr schlingt und geht dann entspannt und mit einem Lächeln zur Dusche und bringt sich für den Tag in Form. Da sie einmal in unserem marmorierten Bad steht, nimmt sie die Wäsche aus der Miele-Waschmaschine, hängt sie flugs in unserem weitläufigen Garten auf, jätet fix das auf dem Weg störende Unkraut, stellt die Zeitschaltuhr unseres japanischen Rasensprengers auf um elf und unserer Nachbarin erläutert sie in einem diskreten Frauengespräch die Vorzüge der Camelia-Binde für Tangas und erörtert mit ihr die Nahrungsmittel, die einer gesunden Scheidenflora zuträglich sind. Anschließend hechtet sie die Treppen nach oben, haucht mir einen sündhaften Kuss auf meine Stirn und saust im selben Moment wieder nach unten. Im enganliegenden Chanel-Kostümchen und über die Schulter das Gucci-Ledermäppchen aus dem Angebot schwingt sie ihren Sahnehintern aus dem Haus und wenn ich nicht so verdammt müde wäre, ich würde ihr jeden Morgen hinterher pfeifen oder auf meine Morgenerektion hinweisen, wenn ich noch eine hätte.
Punkt sieben schwingt sie sich kraftvoll-elegant in ihr BMW-Cabrio, setzt den Kleinen auf den Beifahrersitz, scherzt noch ein wenig mit ihm herum, schaltet das Radio ein, hinter ihr auf dem Rücksitz liegt schon das Tagesprogramm bereit und auch an die Verpflegung hat sie gedacht: Obst, belegte Vollkornbrötchen, eine Milchschnitte und die Kaffeeration für den Tag, zwei Päckchen Krönung-Light. Der Wind weht ihr während der zügigen Fahrt durchs gepflegte Drei-Wetter-Taft-Haar und gemeinsam mit unserem Stammhalter singt sie: Schön ist es, auf der Welt zu sein. In der Schule angekommen, bringt sie unseren Sohn in seine Klasse, rügt bei dieser Gelegenheit seine Klassenlehrerin ob der letzten Benotung seines ohne Frage ausgezeichneten Aufsatzes über die Kernaussagen von Kants »Selbstverschuldeter Unmündigkeit«, auch wenn das in den Augen dieser Schnepfe in einem Schulaufsatz der fünften Klasse mit dem Thema: »Wie wird Politik gemacht?« nichts zu suchen habe, springt fix in das Büro der Direktorin, um über die Eckpunkte der letzten Elternbeiratssitzung zu philosophieren und geht dann lässig, lächelnd und entspannt zurück zum Wagen, den sie in die Waschanlage lenkt, um ihn mit der Komplettwäsche einschließlich Motorreinigung und Unterbodenschutz zu versehen.
Kurz nach acht flaniert sie betont lässig in ihr Büro, grüßt alle Anwesenden freundlich und bereitet sich kurz auf das tägliche Halb-Neun-Meeting vor. Mit ihrem Montblanc-Kugelschreiber, den ich ihr zu unserem sechsten Hochzeitstag zusammen mit dem IBM-Laptop und dem AEG-Allesschneider geschenkt habe, zeichnet sie kurz vor halb neun die Ausgangspost der ihr unterstellten vierunddreißig Mitarbeiter ab, nicht ohne die kleinen und größeren Fehler genauestens zu korrigieren und die Schreiben an die Verfasser zurückzuleiten und geht akribisch die vierhundertzehn Briefe der Morgenpost durch. Zwischendurch nippt sie dann und wann an einer köstlichen Tasse Krönung-Light, die ihr wieder Kraft für die nächsten Stunden gibt, auch wenn sie die Plärre eigentlich gar nicht bräuchte.
Nach einem recht aufreibenden, aber nie wirklich anstrengenden Vormittag im Büro schwingt sie zur Mittagszeit ihren knackigen Hintern ins Fitneßstudio, in dem sie stundenweise Tai-Bo-Kurse gibt. Nach diesem entspannenden Stündchen geht sie mit neuem Enthusiasmus gesegnet in ein Restaurant der gehobenen Klasse und wirft sich, jeden Bissen 32 mal kauend, eine Vorsuppe, ein durchgebratenes Rindersteak an Salatblatt sowie zum Nachtisch einen in Melasse geschwenkten und danach kandierten Tofu ein. Wenn sie kurz vor halb zwei in der Firma aufschlägt, kippt sie sich noch ein Täßchen hinter die Binde und schon ist sie auch wieder Miss Hundertzehnprozent.
Derweil beginnt mein Tag. Ich stehe betont langsam auf und betrachte unsere 19jährige polnische Haushälterin, wie sie gerade das Bad wischt. Nachdem ich mir von ihr ein Frühstück habe zubereiten lassen, strecke ich mich noch ein wenig im Garten aus und beginne gegen halb fünf damit, meinen Artikel über die Thematik »Das 21. Jahrhundert – Ende des globalen Patriarchats« zu schreiben. Zur selben Zeit schürzt meine Frau noch mal kurz die Lippen, um einen letzten Schluck Krönung Light aus ihrer nie versiegenden Tasse zu schlürfen. Mit dieser Energiebombe im Magen brettert sie zum Termin mit ihrer Freundin, um sich in der nächsten Stunde angeregt über unverzichtbare Modetrends, schicke Accessoires und die neuesten Entwicklungen in den Beziehungen ihrer Mitmenschen auszutauschen. Anschließend befreit sie unseren lieben Buben aus der pädagogischen Knechtschaft und fragt ihn schon auf der Heimfahrt für die folgende Klausur ab. Nonchalant erklärt sie ihm den Dreisatz und bei dieser Gelegenheit gleich noch die Vektorrechnung. Der Junge könnte es ja mal brauchen. Schnell halten sie unterwegs noch beim Fußballtraining, damit unser Kleiner nicht so ein Fachidiot wird, der kaum seine Stelzen bewegen kann. Wenn das Training zwei Stunden später zu Ende ist, merkt unser Sprößling gar nicht, dass seine Mama bereits via Internetkonferenz über Handy und Laptop einen überflüssigen Mitarbeiter entlassen, danach im Marktkauf den Wochenendeinkauf erledigt hat und sogar noch beim Aldi war, weil ich ihr schon immer gesagt habe, dass deren Limburger zwar billig, aber wirklich der Beste ist. Ein Schatz ist sie. Auf dem Rückweg zum Fußballplatz war selbstverständlich auch noch Zeit, die Kostümchen aus der Reinigung zu holen und in meinem Auftrag im Buchladen nachzufragen, warum es »Das Manifest der Kommunistischen Partei« noch immer nicht als Hörbuch gibt. Sie ist wirklich ein Goldstück. Und schon hat sie unseren Buben wieder geschnappt und sie machen sich auf den Weg zu mir, dem liebevollen Familienvater und Ernährer, der  nicht eine Zeile zu Papier gebracht hat und schon seit Stunden durch die Kanäle zappt. Zuhause angekommen, fliegt sie mir in die Arme, so gut ich sie eben von der Fernbedienung und aus der Hose bekomme, küsst mich stürmisch, bringt den Kleinen in sein Zimmer, hüllt ihn in sein Schlafgewand, spielt hurtig ein Spiel mit ihm, um dann fix ein Tässchen zu brühen und mit neuer Kraft das dreigängige Abendessen zu kredenzen. Wir lassen es uns gut gehen bei unserem abendlichen Male, doch meine Frau kommt natürlich nicht umhin, nach dem kulinarischen Genuss alles in den Geschirrspüler zu stopfen und die Bügelwäsche zu plätten. Weil ich gerade nicht kann, streichelt sie dem Kleinen noch mal über die nasse Stirn und obwohl ich eigentlich lesen wollte, lege ich mich schon mal ins Bett.
Keine Viertelstunde später schleicht sie in unser Schlafzimmer, frisch geduscht und gesalbt, an ihrem Körper ein sündiger Fetzen Stoff, den ich ihr früher schon lange mit den Zähnen von den Hüften gezerrt hätte. Sie kommt zu mir rübergetigert, legt sich auf mich, reibt sich an mir, küsst mich auf meine Lenden, meinen Bauch, meine Brust, meinen Mund. Und sicher, da ist etwas von diesem Krönung-Light-Geschmack auf ihrer Zunge und ich hasse diesen Kaffeeatem, aber die Show ist heiß und sie steckt mir ihre harte Brustwarze in den Mund, stößt spitze Schreie aus, greift mir zielsicher und lustvoll zwischen die Beine und fragt:
»Schatz, was ist los?«
»Tut mir leid, Darling, aber ich hatte wirklich einen harten Tag«