Erfolgsballade für ganz viel Geld

dscf5011Wie sagte dieser Tage in Nürnberg ein sehr netter Buchhändler zu mir: „Ist es nicht ungerecht? Da setzt sich jemand ein paar Tage lang hin und schreibt ein Lied. Sagen wir er heißt ‚George Michael‘ und das Lied nennen wir ‚White Chistmas‘. Und danach muss dieser Jemand nie wieder arbeiten, weil es immer Geld gibt, wenn das Lied gespielt wird. Dann gibt es einen Autoren, der über ein Jahr lang einen ganz tollen Roman schreibt. Das Buch wird gekauft und gelesen, aber trotzdem hat er nie und nimmer einen monetär vergleichbaren Erfolg wie der Musiker. Vor allem nicht, wenn man dann noch die Arbeitszeit ins Verhältnis setzt.“

Er hat absolut Recht! Deshalb habe ich mich jetzt hingesetzt und meine Erfolgsballade geschrieben. Sozialkritisch und engagiert. Genau wie „White Christmas“:


Die Ballade vom bösen Kapitalismus, der nur auf Äußerlichkeiten Wert legt

Toms Freundin hieß Klara
Sie bügelte gern
Doch ließ sich kaum bügeln,
das lag ihr gar fern
Tom ging, trotz der knittrigen Hemden
zu groß der Verlust in den prallen Lenden
Dann traf er Karo, ihr Schoß stets bereit
sie bügelte ungern, es war ihr ein Leid
Mit knittrigen Hemden war Tom fix entlassen
der Job war dahin, er konnt es kaum fassen
Nun bügelt er Karo fünf Mal jeden Tag
Das Geld bringt die Stütze
die zahl’n auch den Sarg
Doch bis dahin gibts Sex, versaut, ungezügelt
Dann kommt die Kiste
mit weißem Hemd – frisch gebügelt

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Advent, Advent …

advents_lesung_plakatEs ist doch jedes Jahr dasselbe. Alle Welt wünscht sich Besinnlichkeit, Ruhe und Zeit für die wichtigen Dinge im Leben, aber tatsächlich nerven wir uns gegenseitig mit all den doch viel wichtigeren Sachen, die unbedingt noch in diesem Jahr erledigt werden müssen. Ohne Aufschub, Erledigung unausweichlich. Die letzten guten Vorsätze für 2014 sind zu schaffen, Geschenke müssen gekauft, Weihnachtsfeiern überstanden und notwendige Verwandtschaftsbesuche zum Teil erlitten werden. Zu allem Überfluss fordert das Finanzamt die Steuererklärung für 2012. Wir haben das alle so nicht verdient. Unabhängig vom immer wieder drohenden Weltuntergang sollten wir die Dinge ändern und Weihnachten wirklich einmal in Ruhe verbringen. In innerer Ausgeglichenheit und Harmonie, mit Freude und Besinnlichkeit. Besonders wohltuend ist in diesem Zusammenhang ein Backnachmittag, ganz für sich allein. Ohne Versagensängste, ohne Kinder, die mehr Mehl im Raum verteilen, denn in die Schüssel bringen und ohne den Zwang, irgendwelche Dosen zu befüllen, deren Inhalt später unschuldigen Menschen ein »Oh, die sind aber lecker!« abringen soll. Verbringen Sie deshalb die Zeit der Besinnung einmal anders! Besorgen Sie sich Milch, Zucker, Mehl, Eier, Butter, Salz, Nüsse, Orangen und Zitronen in handelsüblichen Mengen. Seien Sie bei der Auswahl individuell und einzigartig. Wichtig ist nur, dass Sie außerdem eine Flasche irischen Whiskey kaufen. Ich empfehle Ihnen derzeit einen Midleton Very Rare (malzig, mit Noten von Apfel und Banane, lang und trocken im Abgang, mit einem Hauch Eiche und Getreide), aber Sie können natürlich auch mit der Spirituose Ihres Vertrauens backen, es soll ja ein Erlebnis sein, das allen Freude bereitet. Ganz nach Gusto setzen Sie also bei den kommenden Anleitungen statt Whiskey eben Whisky, Cognac, Rum oder Brandy ein. Bier geht gar nicht. Wein und Sekt auch nicht.
Beginnen Sie das Backen mit einem drei Finger breit gefüllten Glas Whiskey und überfliegen Sie die Vollständigkeit der Zutaten. Katalogisieren Sie die Zutaten alphabetisch auf einem Blatt Papier. Holen Sie sich danach eine Rührschüssel und trinken Sie noch einen Whiskey. Schauen Sie, ob Sie einen Mixer haben. Haben Sie einen, trinken Sie bitte darauf. Haben Sie keinen, trinken Sie auch. Prüfen Sie danach bitte, ob auch der mittlere Teil des Whiskeys geschmacklich in Ordnung ist. Legen Sie anschließend die Zutaten dekorativ zurecht, verändern Sie nun die Reihenfolge auf einem weiteren Blatt Papier entsprechend der ästhetisch besten Anordnung und belohnen Sie sich für diesen Arbeitsschritt mit einem ordentlichen Schluck.
Inzwischen dürfte Ihnen warm sein. Schalten Sie nun die Heizung aus und machen Sie Licht im Ofen. Schmücken Sie ihn und sich selbst mit Lametta und hängen Sie sich zwei rote Kugeln an die Ohren. Da es gerade so besinnlich geworden ist, trinken Sie einen drauf. Inzwischen ist es Ihnen egal, ob der Kuchen was wird, die Geschenke vollständig sind oder der Weihnachtsbraten gelingt. Sie erreichen Ihre innere Mitte, finden zu Ruhe und Frieden. Genau darum geht es bei Weihnachten! Belohnen Sie sich für diese Erkenntnis mit fünf Finger breit. Stellen Sie sich jetzt bitte mit schulterbreit auseinanderstehenden Beinen in die Mitte des Raumes und stimmen Sie »Stille Nacht, Heilige Nacht« an. So laut, wie Sie nur können. Auch für die Nachbarn ist Weihnachten. Lassen Sie es raus, befreien Sie Ihre bisher unterdrückte, kreative Ader. Trinken Sie anschließend einen Schluck. Formen Sie aus den zwei Blatt Papier je einen Flieger, gehen Sie auf den Balkon und testen Sie die Flugfähigkeit der tollen Objekte. Achten Sie dabei darauf, dass Sie weder die Kugeln an den Ohren, noch das Lametta verlieren. Freuen Sie sich dann über Ihre Backkünste, Ihre wiederentdeckte Kreativität, die Dummheit der Leute, die Sie gerade von der Straße her blöde angeschaut haben und holen Sie sich ein weiteres Blatt Papier. Schreiben Sie die Kündigung an Ihren Arbeitgeber und Ihre Bewerbung für »Deutschland sucht den Superbäcker«. Leeren Sie nun die Flasche, ohne das Glas zu benutzen. Machen Sie im Ofen das Licht aus, gehen Sie ins Bett und schlafen Sie bis Neujahr. Alles wird gut.

Hohoho …

… in einem Monat ist die Bescherung bereits Geschichte. Damit die kulturbegeisterten Konsumenten aber vorher noch einmal in den Genuss literarischer Unterhaltung kommen, schenken Jana und ich den gehetzten und im Vorweihnachtsstress befindlichen Menschen ein wenig Einkehr, Entschleunigung und Labsal für die Ohren. Am 3. Advent lesen wir gemeinsam ein paar heitere Weihnachtsgeschichten:

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Der Ladenhüter

LadenhüterWenn die Jana in ihrem Laden sitzt, kommen scheinbar immer lustige Leute rein und sorgen für köstliche Unterhaltung, für Umsatz und ein schönes Leben. Als ich ihr Ladenhüter war, kamen die anderen. Ich will mich nicht beschweren, schließlich habe ich es so gewollt. Es war die pure Absicht, einen Tag im Leben im Einzelhandel in Gera zu verbringen. Und es ist schließlich kein so schlimmes Ziel wie einen Tag in Bangladesch bei der Müllabfuhr zu arbeiten oder eine Nacht als Callboy in Bangkok. Ich habe es so gewollt, mit allen Konsequenzen. Doch dass ich den Laden mit Kopfschmerzen verlasse und mich auf den Markt stellen und schreien könnte, damit habe ich ganz sicher nicht gerechnet.
Beginnen wir am Anfang. Am Morgen, als der Tag noch jung und ich voller Zuversicht und Kraft war. Jana nutzte die Zeit, frei von der Kassenaufsicht und Kundenbetreuung zu sein, um den Laden auf Vordermann zu bringen. Eine Kundin schwebte in den Laden und griff sich die Inhaberin trotz meiner Anwesenheit, um sie in eine Krankengeschichte zu verwickeln. Erst nach einiger Zeit des Zuhörens bekam ich mit, dass die Kundin nicht krank, sondern schwanger war. Ihr Zeter und Mordio war also nicht Ausdruck einer tatsächlichen Bedürftigkeit heilender Anwendungen, sondern vielmehr einem Mangel an Austausch und Kommunikation geschuldet. ›Das kann ja heiter werden‹, dachte ich so bei mir. ›Wenn das so weiter geht, schraube ich heute Abend das Schild draußen ab und mache ein neues dran. Begegnungsstelle und Kommunikationszentrum. Reden Sie mit uns, aber kaufen Sie bloß nicht! Ihre Anwesenheit erhellt unser Bewusstsein und ein höheres Bewusstsein braucht keinen Umsatz, keinen Kommerz.‹
Die Frau schien bereits einige Seminare streitbaren Inhalts hinter sich gebracht zu haben und beobachtete mich, als hätte sie meine Gedanken gewittert. Ich wollte schnell ein paar verbale Streicheleinheiten austeilen (Wann ist es denn soweit? Was wird es denn? Haben Sie das Zimmer bereits eingerichtet? Haben Sie die Tasche für das Krankenhaus bereits gepackt? Wie geht es dem künftigen Vater?), beließ es aber bei einem freundlichen Lächeln.
Nach einer Weile konnte ich mich endlich dem merkantilen Aspekt meiner Stippvisite im stationären Einzelhandel Ostthüringens widmen. Ein Mann begehrte die Auszahlung eines Geldbetrages gegen Vorlage diverser Quittungen. Da ich den Bezug zum Laden weder beurteilen noch überprüfen konnte, musste ich die Inhaberin herbeiholen. Selbige hatte sich im Buchlager niedergelassen, um sich zum einen Gedanken über die künftige Einrichtung dessen zu machen und zum anderen ihre noch immer überpräsente Erkältung zu kurieren. Es stellte sich heraus, dass es sich um Janas Vater handelte, der Porto für Buchversand und anderen Klimbim ersetzt bekam. Mein innerer Buchhalter registrierte nach der Auszahlung einen Negativsaldo der Einnahmen über die Ausgaben von einem Euro vierundvierzig. Kurz überschlug ich diese Tendenz im Stile eines Brokers oder Wahlforschers und kam zu einem katastrophalen Ergebnis zum Ladenschluss.
Von zehn bis elf ließ sich kein Kunde im Laden blicken und rückblickend kann ich sagen, dass dies die schönste Zeit im SteinwegErich war. Frau Huster erholte sich zusehends vom Husten und gesellte sich bei einem Kaffee zu mir. Ich nutzte sowohl Zeit, als auch ihre Hilflosigkeit und las ihr eine Passage aus dem Manuskript von »Iren ist menschlich« vor. Sofort griff Jana zum Besen und fegte den Laden. Ich sinnierte darüber, welcher Zusammenhang bestehen könnte. Würden alle Leser künftig nach dem Lesen des Buchs zum Besen greifen und ihre Wohnung wienern? Sollte ich antizipativ handeln und in der Woche darauf eine Kooperationsvereinbarung mit dem Henkel-Konzern, Rossmann oder DM abschließen? Ich war verzweifelt. Mindestens genauso, wie die etatmäßige Ladenhüterin, die sich in ihre privaten Gemächer verabschiedete, um die Erkältung und mich loszuwerden. Ich saß weiter die Zeit ab. Die Zeit … ein wunderbares Gebilde. Ich hatte reichlich davon und kam in meinem Manuskript gut voran. Sagte nicht Richard Feynman: »Zeit ist, was geschieht, wenn sonst nichts geschieht«? Also geschah vor allem Zeit. Sowohl diese, als auch meine Arbeit wurden durch eine Frau unterbrochen, die ihren Kopf zur Tür reinsteckte und mich überrascht anschaute.
»Ähm …«
»Ja bitte?«, antwortete ich ihrem Erstaunen.
»Ich, ähm, wollte eigentlich mal bei der Jana nach dem Rechten schauen? Wo ist sie denn?«
»Sie wollen nur nach dem Rechten schauen? Obwohl es hier sicher heißen muss, nach der Linken schauen?«
»Ähm, ja, ich wollte mal mit Jana quatschen.«
»Nun müssen Sie mit mir vorlieb nehmen.«
»Mmh, das muss ich erst mal verdauen.«
»Dann machen Sie das und dann kommen Sie wieder und quatschen mit mir.«
»Gut. Bis später.«
Es gab kein später. Jedenfalls nicht mit dieser Dame. Lag ihr wahrscheinlich zu schwer im Magen und sie konnte den Stein nicht verdauen.
Drei Damen kamen in den Laden.
»Schau mal, das ist aber hübsch«, sagte die eine.
»In Weimar gibt es auch so einen schönen Laden«, sagte eine Andere.
Dann verließen sie die Schönheit des Ladens, ohne ihm weiteres Überleben in Form von Umsatz zu hinterlassen. Es gab überall einmal, immer und zu jeder Zeit so wunderbare Läden mit ganz tollen, liebenswerten Inhabern. Man konnte sich super mit ihnen unterhalten, aber am Ende waren die Läden nicht mehr da. Schade eigentlich.
Später kamen zwei Damen, die durch Senfkauf kräftig an der Umsatzschraube drehten. Sie sahen haargenau gleich aus und kauften den gleichen Senf. Ich hätte sie im normalen Leben für Zwillinge gehalten, war mir aber nicht sicher, ob ich bereits doppelt sah. Zumindest hatte es für Jana den Vorteil, dass ich auf jeden Fall doppelt kassierte.
Nach drei ging der Umsatz nochmals sprunghaft nach oben. Ich kaufte nacheinander Nougattütchen, Kekse und Nudeln, verschlang die Süßigkeiten, verstaute die Nudeln in meiner Tasche und las weiter im Manuskript. Vollständig hatte ich den Umgang mit der Kasse und den verschiedenen Produktgruppen intus, als ich ein Spiel kaufte, bei dem meine kleine Tochter Englisch lernen kann. Beruhigend war nun, dass der Kassensaldo im Plus landete. Was tat man nicht alles für den Einzelhandel? An mir könnte sich jeder Angestellte ein Beispiel nehmen!
Die Ladeninhaberin schaute kurz nach mir und diagnostizierte bei mir eine gewisse Blässe. Dann zog sie sich wieder zurück.
Ab um vier setzte starker Regen ein und mit ihm kam die Sintflut. Nicht in biblischer Form, nein, in gänzlich profan menschlicher, da sich die nassen Schäfchen einen Unterstand suchten. Und was lag näher, als die warme, behaglich erleuchtete Stube im Steinweg, wenn Bethlehem so weit weg war? Nacheinander suchten Menschen Schutz vor dem Regen. Das war nicht weiter schlimm und ich hätte es ihnen im Rahmen meines unendlichen Gutmenschentums und meiner Empathie nachgesehen. Doch weder konsumierten sie, noch holten sie sich Inspirationen für den nächsten Einkauf. Nein! Sie stürzten sich wie Wölfe im Schafspelz auf das einzig wirklich schutzlose Lämmchen im Laden, nämlich auf mich! Unwissend, ob sie Jana jeden Monat tausende Euros Umsatz bescheren oder nicht, redeten sie mit mir. Wobei das nicht stimmt, denn »miteinander reden« könnte man als eine Form des Dialogs auffassen. Sie monologisierten mit mir! Ich war die bloße Wichsvorlage für ihre Verbalonanie und an meinem Stuhl festgenagelt wie das Taschentuch eines Teenagers auf dem Laken. Es ist einfach unglaublich, was Menschen von sich geben, wenn sie nicht durch Gewalt oder Gegenrede davon abgehalten werden! Inhalts- und belanglos, bar jeden Geistes und an Schwachsinn und Wahn kaum zu überbieten. Nachdem sich die ersten todesmutig zurück in die Fluten verabschiedet hatten, glitt mein Blick sehnsüchtig zu den Wein- und Eierlikörflaschen, die Jana im Angebot hat. Ich erinnerte mich an eine ihrer Geschichten. »Schnapsdrossel« heißt sie und sie ist in »Mehr Weltererklärer und andere Wegeriche« nachzulesen. »Saufen Sie sich tot, bevor Sie alt werden, das haben Sie wieder!« Wenn es nicht so streitbar ausgesehen hätte, als Verkäufer mit einer Hacke im Laden zu sitzen, ich hatte große Ambitionen, mich volllaufen zu lassen und genoss die einsetzende Ruhe im Laden, auch wenn es draußen in Weltuntergangsmanier regnete und entsprechend Krach machte.
Ich dachte, dass ich das Schlimmste überstanden hätte, doch dann öffnete sich die Tür.
»Wie kann es eigentlich sein, dass gleich beim Laden ein Wahlplakat der NPD hängt?«, fragte ein junger Kerl ohne Vorrede.
Ich war etwas verdattert und lag quasi noch im Wachkoma von seinen Vorrednern.
»Keine Ahnung!«, antwortete ich ihm. »Machen Sie es doch weg, wenn es Sie stört!«
Nun stand er direkt vor mir und eröffnete mir, dass es sich um eine Straftat handele, wenn er dies täte. Ich merkte sofort, dass nun die zweifellos größte Prüfung des Tages vor mir stand. Jana kann sich in so einem Fall vor ihre Nähmaschine setzen und komische Säckchen nähen, die sich Menschen unter ihren Kopf klemmen. Oder Häubchen für Fruchtaufstriche. Das schaffte Ablenkung und suggerierte dem Anwesenden eine gewisse Überflüssigkeit. Was konnte ich tun? Nähen fiel aus. Sollte ich mich auf rudimentäre, tief in mir ruhende Verhaltensweisen zurückziehen? Tot stellen, weglaufen oder kämpfen? Leider tat ich nichts dergleichen. Ich tat das Schlimmste überhaupt und war gefällig. Bloß nicht anecken, das Schicksal ertragen und nicht aufbegehren. Kein Wunder, dass es bei uns Deutschen möglich war, dass eine Organisation über ein Volk herrschen konnte, deren zum Glück verblichener Zeit die Partei hinterhertrauerte, die Anlass für das Erscheinen des Quälgeistes vor mir war. Es regnete und er redete. Es regnete und er führte – ohne von mir dazu aufgefordert zu werden – einen Sketch auf. Es regnete und er redete weiter. Von seiner Ausbildung und seiner Chefin, von politischen Ideen und Lösungen, die wir anstreben sollten. Ich versuchte mich in einer entspannenden Atmung und setzte die Lippenbremse beim Ausatmen ein. Es störte ihn nicht. In Gedanken sprang ich aus meinem Stuhl hoch, stürzte mich auf ihn, würgte ihn und hing ihn im Anschluss so lange am Wahlplakat der NPD auf, bis es runterfiel. Alle Probleme waren auf einmal gelöst. Doch in der Realität redete er. Ich stahl mich gedanklich auf eine Metaposition davon, fernab vom Laden, doch auch dort redete er. Wäre es mein Laden, hätte ich ihn rausgeworfen. Es war aber Janas Laden und er konsumierte eine Packung Waffelröllchen für zwo neunzig. Wenn dieser Kerl eines Tages die Revolution gewinnen würde, kämen Heerscharen von politischen Jüngern in Janas Laden und Groupies würden sagen: »Ich will genau das kaufen, was unser Parteivorsitzender hier immer gekauft hat!«
Kurz vor meinem Nervenzusammenbruch verließ er mit Worten des Bedauerns den Laden. Ich schaute auf die Uhr. Noch zehn Minuten, dann hatte ich es geschafft! Der Eierlikör lächelte mich an. »Saufen Sie sich tot, bevor Sie einen Laden aufmachen! Das hamse wieder!«

Wir Männer sind so was von reinlich …

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Ich habe gestern auf einer öffentlichen Toilette etwas über Reinlichkeit und Eitelkeit bei Männern gelernt. Es hat mich sehr überrascht.
Neben mir am Urinal steht ein Mann, der beide Hände im Bereich seiner Körpermitte hält und sich erleichtert. Durch den Sichtschutz kann ich nicht beurteilen, ob er wirklich beide Hände braucht, um der Sache Herr zu werden, aber jeder nach seiner Fasson, auch beim Urinieren. Mittendrin schaut er auf die aktiven elf Finger hinunter und bekommt einen nachdenklichen Blick. Er führt die rechte Hand direkt vor sein Auge und besieht sich den Zeigefinger genauer. Dann knabbert er am Nagelbett herum und manikürt den Finger mit Hilfe seiner Zähne ausgiebig. Nach getaner Arbeit führt er die Hand zurück und nämliche nimmt das vorherige Anstellungsverhältnis wieder auf. Er bringt alles zu Ende und fast zeitgleich verlassen wir das Urinal. Ich gehe zu den Waschbecken und er verlässt die Toilette einfach so …
Wenn er nun zu seiner Liebsten zurückgeht und ihr mit seinen Fingern über das Gesicht fährt, ihr eine Locke zur Seite schiebt und vielleicht sogar ihre sinnlichen Lippen streichelt, wird ihr sofort das tadellose Nagelbett auffallen. Wir Männer sind doch reinlicher und eitler als gedacht.