Die Mauern in unseren Köpfen

Die Mauern

Als die Mauer fiel, war ich fünfzehn Jahre alt. Ich habe die Unruhe mitbekommen, das Flirren in der Luft, das von Veränderung und Neuem kündete. Doch damit anfangen konnte ich nicht viel. Ich war zu unpolitisch. Montagsdemos gab es und Gespräche an runden Tischen, die auffallend eckig waren. Kantig die Schädel der Politiker, die Kreise und Bezirke leiteten. Grimmig ihre Visagen. Ganz anders als die Gesichter der Gesprächspartner, die vor Tatendrang und Optimismus strahlten, auch wenn sie wütend waren. Ich hatte keine Ahnung, worum es ging und ich hätte gern viel mehr gewusst. Mehr als das, was die damals im Vergleich zu heute noch im Dornröschenschlaf liegenden Medien erzählten. Ein klein wenig beneidete ich die Mitschüler, die bereits eine EIGENE Meinung hatten. Ich war froh über einen EIGENEN Kassettenrekorder und ein EIGENES Fahrrad. Eine EIGENE Meinung; das klang wie etwas aus dem Reich der Erwachsenen und diese Welt hatte immer etwas Schwermütiges, Problembelastetes und sie war wenig optimistisch. Alle Erwachsenen, die ich kannte, hatten Sorgen, Nöte und Probleme. Mal klein, mal groß. Ich steckte noch zwischen meinen Kinderschuhen, die zu klein wurden und den großen Tretern, die noch nicht richtig passten. Die Mauer fiel und das erste Mal war ich in Duderstadt im goldenen Westen. Alle aus meiner Reisegruppe staunten. Ich konnte nicht verstehen, warum und worüber. Ich bekam einhundert Mark geschenkt. Einfach so, weil ich plötzlich ein verloren geglaubter Bruder war, der begrüßt werden musste. Später kam viel Neues. Das Leben wurde kompliziert. Ich wusste immer, dass es so werden würde. Nur hatte ich `89 keine Vorstellung über den Grad der Kompliziertheit. Und auch nicht darüber, ob das Mehr an Freiheit ein echter Gewinn war oder eben nicht. Dazu hatte ich in der DDR zu wenig gelitten und ich war noch zu klein, um sehnsuchtsvoll über die Mauer hinweg in die blühenden Gärten zu schauen.
Zur Währungsunion war ich bereits sechszehn Jahre alt. Mein erster Erwerb mit dem neuen Geld war eine Tafel Schokolade. Aber nur, weil ich nicht wusste, wo es diese geilen Pornohefte gab und ich es mir gar nicht getraut hätte, eines zu kaufen. Es war ein schöner Sommertag und stand mit der Verheißung in der Hand vor der Kaufhalle. Die Schokolade war nicht von Willy Wonka, aber ich hatte das Gefühl, dass sie selbst das GOLDENE TICKET war. Wohin auch immer. Vor allem, weil sie tatsächlich in goldene Folie eingewickelt war. Sie schmeckte angenehm cremig und schmolz himmlisch in meinem Mund. Ich hatte keine Ahnung, ob genau so die Freiheit schmeckte und Schlager-Süßtafel eben nur nach Gefängnis. Ich war noch jung und auf der Suche. Viel zu viel hatte ich mit mir selbst zu tun. Für die Politik blieb mir keine Zeit. Philosophische Fragen gab es genügend zu beantworten, aber für Wahrhaftigkeit und Erkenntnis war in meinen Augen die Politik noch nie zuständig.
Fünfundzwanzig Jahre sind vergangen. Wir sind eine Währung weiter und ich weiß nicht einmal, was ich mit meinem ersten Euro gekauft habe. Wir suchen noch immer nach Sinn, Wahrhaftigkeit und Sicherheit. Für mich selbst kann ich sagen, dass ich diese Dinge gefunden habe. Auch die Erkenntnis, dass die Freiheit neben der Liebe mein wichtigster Wert ist, habe ich erlangt. Ich bin mir sicher, dass ich mit der Mauer Probleme bekommen hätte. Nicht mit dem Bauwerk an sich oder wegen der Sehnsucht nach der Welt dahinter. Mit der tatsächlichen Beschränkung meiner Gedanken, mit dem Ende meiner Freiheit an einem vorgegebenen Punkt. Damit wäre ich nicht zurechtgekommen. Ich bin deshalb froh, dass die Mauer im Jahr 1989 fiel. Doch inzwischen passen mir die großen Schuhe ganz gut und ich weiß, dass die Mauern in unseren Köpfen weitaus dicker und beständiger sind.

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Vom Spirit im Sprit

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Die Buchstaben fliegen nur so über den Monitor und ich schreibe mich in einen wahren Rausch.
„Sagen Sie, haben Sie Probleme mit Alkohol?“
„Nö, eigentlich nicht. Ich trinke ihn immer gleich. Probleme können da gar nicht erst entstehen.“
Hört sich gut an, irgendwie. Möglicherweise sollte ich aber nach dem Konsum von Alkohol gar nicht mehr schreiben. Vielleicht schreibe ich aber gerade dann am besten? Wer weiß das schon. Wenn ich mir ein Schreibverbot bei über 0,8 Promille auferlege, ist es wie ein Fahrverbot unter Alkohol. Fühlt sich komisch an. Was kann schon passieren? Im schlimmsten Fall schreibe ich denselben Müll wie nüchtern. Es gibt Menschen, die fahren betrunken besser als sonst.
Und außerdem: Spirituose ist gar nicht so weit entfernt von spirituell!
Vom Spirit ganz zu schweigen und in jedem Himbeergeist steckt vor allem Geist. Der Durst nach einem geistigen Getränk ist womöglich nur der innere Drang, endlich wieder mit dem Weltengeist verbunden zu sein, die Hoffnung auf eine spirituelle Erfahrung, mehr nicht. Doch was heißt schon „mehr nicht“? So viel! Es soll Menschen geben, die dem Alkohol vor allem deshalb in nicht nur homöopathischen Dosen zusprechen, weil sie sich dadurch wieder Geist zuführen und in die einstmals heile, spirituelle Welt zurückgeführt werden. Eine Heimkehr zu Gott also, spirituelles Wachstum durch Alkohol. Nicht ohne Grund waren die ersten Hersteller und Wächter über den Alk Priester und Mönche. Alkohol ist ein grandioses Lebensmittel, das doppelt so viele Kalorien wie Kohlenhydrate und Eiweiß hat. Würde man die Weltraumfahrt also konsequent zu Ende denken, wäre der beste Proviant auf dem Weg zum Mars eine ordentliche Fuhre Sprit, zudem sowohl Shuttle, als auch die Astronauten im Shuttle die Erde verlassen und sich somit in einem veränderten Äther befinden, was Auswirkungen auf die persönliche Aura eines jeden hat.
Entweder ich trinke jetzt konsequent weiter oder ich höre auf und gehe ins Bett.

Für die Zukunft unseres Landes!

GDPdU
Es ist ein wunderbarer Samstag, der letzte im August. Ich kann im T-Shirt auf dem Platz vor dem Kultur- und Kongresszentrum stehen. Die Sonne strahlt angenehm warm auf mich herab. Nicht so drückend und fast verletzend wie im Sommer. Ganz angenehm, wie eine vertraute, warme Decke, in die ich mich kuscheln kann. Eine leichte Brise weht und bringt den Geruch von Rostern näher. An einem Stand vor mir werden Bücher, Weine, Eierlikör und Naschereien verkauft. Der SteinwegErich in Persona Frau Huster in Aktion, nur sie ist nirgends zu sehen. Vielleicht drängt sie sich wie die anderen nah ans Podium, auf dem Gregor Gysi steht und eine flammende Rede im Wahlkampf hält. Um mich herum stehen Menschen. Alte, noch ältere und ganz alte. Dazwischen ein paar wenige jüngere. Partisanen der großen Idee, Urenkel Karls und Friedrichs, die genauso unrasiert sind wie ich, aber in ihren Köpfen noch den Glauben spazieren tragen, dass die Menschen absolut gleich sind. Ich glaube, dass es Bertrand Russel war, der die schönen Worte sagte: „Wer in seiner Jugend kein Kommunist war, hat kein Herz, wer es im Alter noch immer ist, hat keinen Verstand “. Seitdem wurde dieses Zitat diesem und jenem in den Mund gelegt oder aber der Zitierende hat es in Nuancen abgeändert, doch im Kern bleibt es gleich. Ich schaue mich um und versuche die zu entdecken, die noch Herz haben und die mit dem Verstand. Bei einigen kann ich beides entdecken. Doch ich bilde mir so vieles ein. Es geht mir an diesem wundervollen Tag auch nicht um linke Parolen oder sonstwie geartete politische Inhalte. Die PIRATEN sind auch mit einem Stand vertreten und tun das ihrige, um im Rahmen des Friedensfestes nicht nur den Frieden, sondern auch das eigene Programm zur Wahl zu verteidigen. Da und dort sind Plakate mit Bezügen zur Ukraine und zu Russland zu lesen. Wohl dem, der in diesem Konflikt im Besitz der einen Wahrheit ist. Wir sind es ganz sicher nicht. Ich auf gar keinen Fall. Ich hoffe nur, dass nicht irgendwo ein Sender Gleiwitz auftaucht und das Fass zum Überlaufen bringt. Herr Gysi redet und redet. Im Grunde ist er richtig gut. Viele sagen, dass er ein toller Politiker sei, der einfach nur das falsche Parteibuch trägt. Doch welches wäre dann wohl das richtige für ihn? Das der KPD? Die hat in Thüringen 30 Mitglieder und wenn ich nur meine Facebook-Freunde zusammentrommeln würde, könnten wir den Laden übernehmen. Aber was zum Geier macht man mit einer Partei? Das erscheint noch schlimmer, als den Kleingartenverein „Frohe Zukunft“ geschenkt zu bekommen. Neben Herrn Gysi steht eine Garde von Menschen, die gierig das vom Podium weglecken, was dem Herrn Bundestagsabgeordneten bei seiner flammenden Rede aus den Mundwinkeln tropft. Ich muss mich zwingen, genauer hinzuhören. Er sagt: „Die reichsten Männer Europas haben 10 Billionen Euro. Das sind 10.000 Milliarden! … (großartige Mimik und Gestik) … Einem Prozent der Menschen gehören 32 Prozent des Geldes! … (empörende Mimik und Gestik) … aber 50 Prozent der Menschen gehört nur 1 Prozent des Geldes … (Mimik und Gestik der Enttäuschung)… Die Reichen zahlen kaum Steuern! Und deshalb sage ich Ihnen klipp und klar …“
Das ist der Moment, auf den ich schon lange gewartet habe. Ein Politiker sagt etwas klipp und klar. Ich bin genauso gespannt wie alle anderen um mich herum. Herr Gysi wird lauter: „Soziale Gerechtigkeit geht nicht ohne Steuergerechtigkeit!“ Die Menge spendet ihm tosenden Beifall. Sie johlt. Und pfeift. Und klatscht weiter. Ich nicht. Ich frage mich, ob wir in der Gruppe wirklich zur Schwarmintelligenz taugen oder doch nur so doof sind wie das dümmste Glied der Kette oder eben der IQ-fernste Klatscher auf diesem Platz. Merken die das eigentlich gar nicht? Nicht, dass sich die LINKEN nun irgendwie angegriffen fühlen, Herr Gysi ist keine Ausnahme. Das, was gerade klar und deutlich zu hören ist, machen alle so. Die gesamten demokratischen Parteien werden es nicht gern hören, aber gute Politikerreden, das wussten leider auch schon die Nazis, gehorchen einem hypnotischen Sprachmuster. Und es ist parteiübergreifend immer dasselbe: Drei Fakten – eine Suggestion. Jeder ambitionierte Politiker muss dabei eins immer und überall beherzigen: Eine gute Suggestion ist frei von Fakten!! Ich schreibe mir den Ausschnitt der Rede des Herrn Gysi in mein Notizbuch, wobei ich es etwas befremdlich finde. Ich habe mir einen wundervollen Kaweco-Füllhalter gekauft, der so sanft über das Papier gleitet, dass es eine Freude ist, Buchstaben zu Worten werden zu lassen. Ich schreibe in ein haptisch beinahe orgiastisches Moleskine und was schreibe ich dort hinein? Die Rede eines Bundestagsabgeordneten, die er im Thüringer Wahlkampf hält. Zu schade, dass die Wartezeiten bei Therapeuten so elend lang sind. Ich bin behandlungsüberfällig, tue es aber trotzdem:
„Die reichsten Männer Europas haben 10 Billionen Euro.“ Hier haben wir den Fakt 1, den ich nicht überprüft habe und bei dem ich Zweifel anmelde, weil ich mir durchaus vorstellen könnte, dass die eine oder andere Frau dabei sein könnte, aber Schwamm drüber, denn nun kommt Fakt 2: „Das sind 10.000 Milliarden.“ Das wirkt zwar wie ein billiger Trick, aber in diesem Zusammenhang können wir wohl kaum von billig sprechen. „ Einem Prozent der Menschen gehören 32 Prozent des Geldes.“ Das ist Fakt drei und der Herr Gysi und seine Berater werden es wohl wissen. Ich habe einmal gelesen, dass Ken Follet für Recherchezwecke für seine historischen Romane zu Spitzenzeiten 16 Angestellte hat, die ihn mit Faktenwissen versorgen, da wird der Herr Gysi wohl einen linken Praktikanten zum Mindestlohn haben, der ihm die Daten bringt. „50 Prozent der Menschen gehören 1 Prozent des Geldes“. Keine Ahnung, wer da nachgezählt hat, aber wir glauben aufgrund der etwas blöden Struktur unseres Hirns jemandem, der uns drei Wahrheiten nacheinander auftischt. Der Herr Gysi hat noch eine draufgesetzt, nur zur Sicherheit. Unser Hirn schaltet nun freudig ab und kann sich ganz entspannt einem ganz tollen Bindewort zuwenden: „Und deshalb sage ich Ihnen klipp und klar…“ Weshalb? Ich frage mich gedanklich noch WESHALB, da sind die Menschen um mich herum bereits bei „klipp und klar“. Jetzt muss es aber kommen, meint das Gehirn, das im Grunde schon ein mentales Schirmchengetränk im Hippocampus stecken hat. Nun kann der geübte Redner das waidwunde Vieh, auch Wahlvolk genannt, zur Strecke bringen: „ Soziale Gerechtigkeit geht nicht ohne Steuergerechtigkeit!“ Während die Menge tobt und Beifall skandiert, denke ich: „Geil! Unspezifische Substantive bringen die Menge zum Kochen. Jeder der Anwesenden versteht unter den großen Keulen Sozial und Gerechtigkeit etwas ganz anderes, aber der Gysi ist einfach eine dufte Type, der bringt es irgendwie auf den Punkt!“
Ich bin mir wieder schlagartig darüber bewusst, dass Politik und ich nie ein harmonisches Duo ergeben werden. Nach den hypnotischen Sprachmustern hätte Gysi auch sagen können, dass die Menschheit Frieden braucht. Oder: „Für die meisten Menschen ist es nur Ansichtssache, aber ich sage Ihnen, dass unsere Kinder in ihrer Betreuung mehr Zuwendung und sozialen Kontakt brauchen.“ Oder „Die Rolle der Bedeutung der inneren Zusammenhänge suboptimaler Gestaltungen im prozesshaften Denken der Wähler muss durch uns Politiker ernst genommen werden.“
Die Menge beruhigt sich. Ich nehme wieder den Geruch der Roster wahr. In meinem Magen rumort es. Mein Füller streikt und will nicht weiterschreiben. Hoffentlich ist ihm einfach nur die Tinte ausgegangen.

Auschnitt aus dem Ratgeber „Schatz, scheiß auf die Frage, die Antwort ist …“

Weil dieser Ausschnitt aus dem Ratgeber bei der Kollegin Jana Huster so gut ankam, kommt hier das komplette Kapitel 18 mit der entsprechenden Facheinschätzung. Für den interessierten Leser folgt ganz unten der Anlass für Cover und Text.

Kommunikation Web
Kommunikation in der Partnerschaft – Intimität und Unabhängigkeit
Fast nichts ist erfreulicher, als eine gelungene Kommunikation in der Partnerschaft. Sie ist Türöffner zur Seele des Partners, in das Herz der Geliebten und Garant für dauerhaften und hemmungslosen Sex. Nicht selten auch innerhalb der Partnerschaft. Um den Paaren Hilfestellung zu leisten, hier ein alltägliches Beispiel für wirklich gelungene Kommunikation:
Bernd will am Freitagabend mit den Jungs einen saufen gehen, Bärbel dagegen will mit ihren Mädels einen Weiberabend machen. Doch wer passt nun auf Bruno, den vierjährigen Labradorrüden auf? Wir beobachten Bernd und Bärbel.
Bernd: „Pass auf, Alte!“ (Sehr gut, Bernd! Wichtig ist schon die Anrede. Immer im gleichen Ton, Tonlage halten, nicht vorwurfsvoll, ganz neutral und immer dasselbe Wort. Eins, das auf alle Frauen in der partnerschaftlichen Historie Bernds passt und auf jede mögliche Künftige übertragbar ist. „Alte“ ist der Königsweg der Ansprache, weil der dauerhafte Gebrauch derselben Anrede im gleichen Ton, ganz neutral und nicht vorwurfsvoll, für seine Frau Bärbel eine Konstante bringt. Konstante Dinge geben Frauen Sicherheit und Frauen lieben Sicherheit.)
„Pass auf, Alte!“ (Bernd ist ein Meister der Kommunikation. Die Dopplung bewirkt Verstärkung, wodurch sich Bärbel noch sicherer fühlt.) „Ich gehe am Freitag mit Jörg und Knut in die Kneipe. Bundesliga gucken und so.“ (Wunderbar! Bernd unterstreicht durch seine klare Festlegung, dass er unabhängig entscheidet und durch die Endung „und so“ lässt er offen, ob der Abend in einem alkoholischen Absturz oder aber zehn Minuten später mit der Rückkehr endet. Bravourös! )
Bärbel antwortet brüllend und mit Blitzen unbekannter Herkunft in den Augen: „Ich würde mir in Zukunft von dir wünschen, dass du so etwas vorher mit mir absprichst. Ich wollte nämlich auch am Freitag mit Bruni und Gudrun ausgehen und wollte mich vorher noch darüber mit dir austauschen. Aber dir sind deine Saufkumpels ja wichtiger als ich!“ (Fast noch besser! Bärbel sagt ihrem Bernd trotz ihrer Kränkung und des mangelnden Austausches das, was sie sich in der Zukunft von ihm wünscht. Kein Vorwurf, keine kommunikativen Todsünden, schlicht und ergreifend eine liebende Frau. Und ihre Sehnsucht nach Intimität unterstreicht sie dadurch, dass sie ihrem Mann offenbart, dass sie vorher gern noch mit ihm darüber gesprochen hätte, sich mit den Mädels zu treffen und sich das auch von ihm wünscht.)
Was in diesem Beispiel durch die Liebenden so wunderbar gelöst wurde, gerät nicht selten im normalen Leben ins Ungleichgewicht. Es mag sein, dass Bernds meisterhafte Eröffnung bereits Garant für die gelungene Kommunikation ist, es ist aber auch möglich, dass Bärbel und Bernd so harmonisch miteinander verbunden sind, wie es eben nur wirklich offene und immer gleichbleibend kommunikative Paare sein können. Bernd würde mit seiner Frau nie vorher darüber sprechen, mit Jörg und Knut wegzugehen. Es wäre wie die Bitte um die Erlaubnis, wie eine verbale Kastration, die kommunikative Guillotine seiner Männlichkeit. Er wäre nicht unabhängig und hätte nicht die Freiheit, selbst zu entscheiden. Unmöglich! So etwas machen nur Kinder und Angestellte. Für Bärbel dagegen hätte ein kommunikativer Austausch gar nichts damit zu tun (nur weiß unser Bernd das nicht). Nein, sie will nur die Pläne gemeinsam mit Bernd besprechen, weil ihr Leben so wunderbar mit diesem noch wunderbareren Mann verknüpft ist, weil sie eins sind und weil die Handlung eines jedes Partners schon allein energetisch eine Auswirkung auf den anderen hat. Für Bärbel ist der Satz: „Tut mir leid, Bruni und Gudrun, aber ich muss das vorher mit Bernd besprechen“ keine Einengung. Sie erhält dadurch ein gutes Gefühl, weil sie eine tiefe und echte Beziehung zu Bernd hat und spürt, dass ihrer beiden Leben verbunden sind. Bernd dagegen sind in ihren Augen seine Freunde wichtiger als eben diese tiefe und innige Beziehung. Bernd ist ein Arschloch. Aus Bärbels Sicht. Und Bärbel eine Schnepfe. Aus Bernds Sicht. Auf dem folgenden Arbeitsblatt finden Sie die Übungen, wie die Auflösung der oben stehenden Situation erfolgt. Viel Erfolg!

Im nächsten Kapitel:
Wie apportiert mein Mann richtig? Und welche Leckerlis sind die Besten? Bernd in seiner besten Rolle.

 

Der Ursprung:

Jana Huster:

Dieser Text ist für alle, die Mark Jischinski und mich kennen oder bald kennenlernen sollten:

Oswald Kolle in Gera

Ja, es gibt sie auch in meinem Leben: Diese Tage, an denen man denkt, es ist alles Mist. Ich versuche dann, etwas Verrücktes zu tun, um meinem Leben einen neuen Sinn zu geben. Letzten Montag war es soweit. Ich tat etwas, was ich sonst nie tue:

Ich ging in einen großen Buchladen einer großen Buchkette.

Dort suchte ich mir die am unreflektiertesten aussehende Verkäuferin und fragte sie, ob sie ein Buch von Mark Jischinski da hätten. „Wer ist das?“, fragte sie und legte einen Stapel Mainstreambücher aus der Hand. „Ein ziemlich bekannter Autor aus Gera“, erwiderte ich. „Kenn ich nicht, haben wir auch nicht“, sagte sie und nahm ihren Stapel Mainstreambücher wieder auf. „Könnte ich da ein Buch von ihm hier bestellen, wenn ich in den richtigen Buchläden keins finde?“ „Hm. Da müssen wir mal schauen.“ Sie legte den Stapel Mainstreambücher wieder vor sich hin.

Angestrengt schnaufend ging sie an einen Computer und ließ sich den Namen buchstabieren. „Ji-schins-ki, ja, hier, der hat paar Bücher geschrieben.“ Sie nickte andächtig und scrollte mit der Maus herum. „Sag ich doch.“ sagte ich doch und fragte nach seinem letzten Buch mit dem ironischen Titel „ironisch“.

Sie tippte und tippte und scrollte und schnaufte: „Ja, das sind so Lebenshilfe-/Psychobücher, ge?“ „Naja,“, sage ich, „Mehr so Sexualratgeber.“
„Ach echt?“ fragte sie jetzt interessierter. „Jaja, der schreibt das ganz gut. Kann ich also seine Bücher hier bestellen, wenn ich sie nicht in einem richtigen Buchladen in der Stadt kriege?“
„Ja“, sagte sie, „könnte ich bestellen und ist dann am nächsten Tag da.“ Ich bedankte mich und ging kichernd. Sie blieb an ihrem Rechner stehen und scrollte weiter.

Wahrscheinlich bin ich jetzt für den großen Durchbruch des Adakia Verlag und die vertausendfachte Nachfrage nach Mark Jischinskis Sexualratgebern verantwortlich.