Im Fremdkörper zum Fahrverbot

Der Bußgeldbescheid liegt bereit, daneben die Kopie meines Widerspruchs und die Antwort der Frau Wilhelm, die sich als Sachbearbeiterin meines Falles ausweist. Ich habe stundenlang an meiner Verteidigungsrede gefeilt und spreche sie noch einmal leise vor mich hin, bevor ich die Dame anrufe. Ich hebe den Hörer und wähle ihre Nummer. Es klingelt. Sie meldet sich.
»Zentrale Bußgeldstelle Brandenburg, Wilhelm, guten Tag!«
»Hallo Frau Wilhelm, hier ist der Mark Jischinski und ich sollte mich bei Ihnen wegen meines Einspruchs gegen den Bußgeldbescheid und das Fahrverbot melden.
»Und?«, fragt sie freundlich, »Was wollen Sie dazu sagen?
»Nun, es ist so: Im Grunde bin ich ja kein Rowdy, sondern nur Opfer der neuen Regelung, da ich nur in der Summe zu schnell war, nicht aber auf den Einzelfall betrachtet. Und Sie sollten wissen, dass die Geschwindigkeit als eine billige Form der Ekstase gar nicht in mein Bewusstsein vordringt. Ich bin da eher der ursprüngliche, der Läufer unter den Geschwindigkeitsfanatikern. Denn, liebe Frau Wilhelm, es ist ja so, dass beim Laufen das Geschenk der Geschwindigkeit viel unmittelbarer ist. Ich spüre meine Beine, das Brennen in meiner Lunge, die Kälte der Luft im Winter, die lästigen kleinen Fliegen, die mir im Sommer in den offenen Mund schwirren. Wenn ich dann meine Runde durch den Wald gedreht habe und abgehetzt ankomme, weiß ich, dass ich lebe. Dann durchdringt mich das Leben und die Geschwindigkeit, die mein Körper hatte, habe ich hautnah erlebt. Ich bin gewissermaßen eins mit ihr und mir. Masse und Beschleunigung sind anwesend und nur durch mich existent. Ich erschaffe sie. Nur durch die Kraft meiner Muskeln und durch meinen Willen, immer wieder einen Schritt vor den anderen zu setzen.«
»Herr Jischinski? Was hat das Bitteschön mit Ihrem Fahrverbot zu tun?«
»Frau Wilhelm? Das ist doch sonnenklar! Der gewissenlose Raser, dem wirklich die Fahrerlaubnis entzogen gehört, erlebt die Geschwindigkeit der Maschine nur als billige Befriedigung. Dabei ist er aber entkörperlicht, weil schließlich die Maschine die Geschwindigkeit erzeugt. Er ist der Welt entrückt und erfährt Geschwindigkeit nur außerhalb seines Körpers, es ist kein direktes Erleben mehr. Es ist nicht eigenschöpferisch, nicht echt.«
»Ich verstehe Sie nicht.«
»Frau Wilhelm, was gibt es daran nicht zu verstehen? Ich bin ja schon von Haus aus kein gewissenloser Raser, der sich an einer immateriellen Geschwindigkeit aufgeilt, die für ihn völlig unkörperlich ist und nur dann richtig körperlich wird, wenn er zum Beispiel vor einen Baum fährt oder aber in ein anderes Auto.«
»Was sind Sie denn dann?«
»Ein Genießer! Ich bin ein Sinnenmensch. Und bloß, weil ich zweimal ein bisschen zu schnell gefahren bin, macht mich das nicht gleich zu einem Raser, der für einen Monat weggesperrt werden muss.«
»Zu schnell ist zu schnell. Und weggesperrt werden Sie ja nun auch nicht gleich.«
»Aber ich darf nicht Auto fahren! Und das für einen Monat. Da möchte ich mich gar nicht über die Grundrechte auslassen. Vor allem, da gerade erst entschieden wurde, dass das Internet zu den Grundrechten zählt. Da wird es das Führen eines Fahrzeugs wohl erst recht sein.«
»So will es das Gesetz aber nun einmal. Da kann ich nichts machen. Und Ihre bisherigen Einlassungen sind nicht gerade geeignet, mich umzustimmen.« Frau Wilhelm klingt nun etwas gereizt.
»Sie wollen mich nicht verstehen, oder? Der Raser, den Sie geblitzt haben und der, wie ich schon sagte, der wirklichen Welt entrückt, ihr entkörperlicht ist, kann gar nicht bestraft werden, weil er im eigentlichen Sinne nicht da war.«
Ich überlege, warum Frau Wilhelm so lange schweigt. Bis hierhin finde ich meine Argumentation schlüssig, weshalb ich fortfahre.
»Sollte ich also doch gerast sein, so war ich das im eigentlichen Sinne nicht selbst, sondern nur die entkörperlichte Projektion meiner Selbst im Zustand einer ekstatischen Geschwindigkeitsobsession, die ich nie und nimmer hätte, wenn ich ganz bei mir wäre. Oder anders: Nicht ich war der Raser, sondern jemand anderes, mein entkörperlichtes Ich.«
»Herr Jischinski?«
»Ja?«
»Hören Sie sich eigentlich noch selbst zu?«
»Ja, warum?«
»Weil ich es gleich nicht mehr tun werde. Sie bekommen das Fahrverbot und damit basta.«
»Ja, und wenn ich es aber gar nicht war, sondern der besagte entkörperlichte Raser?«
»Dann bekommen Sie es eben beide.«
»Jeder einen halben Monat?«, frage ich vorsichtig.
»Nein!!«, schreit Frau Wilhelm nun, »Sie bekommen beide einen ganzen, und wenn Sie mich noch einmal anrufen, ob nun entkörperlicht, oder nicht, dann sind Sie so lange Fußgänger, bis Sie Ihren Körper wieder richtig spüren!«
»Wie jetzt, wir beide?«, höre ich mich besorgt fragen.
Frau Wilhelm legt auf.

Advertisements

Für Jule oder vom Ernst des Lebens

Da ist nur ein ganz schwaches Licht, das in sein Büro fällt. Es gibt dem Raum eine angenehme Weichheit und selbst den kantigen, grauen Möbeln verleiht es eine Spur Wärme. Martin sitzt an seinem Schreibtisch, auf dem Ordner und Papiere mit kleinen Klebezetteln liegen. In Greifweite vor ihm steht eine Coladose. Bis auf das Rascheln von Papier in seiner Hand ist nichts zu hören. Der Monitor flimmert und nur schwach ist daneben das Bild einer Frau zu sehen. Sie lächelt und er verliert sich für einen Augenblick in ihr. Aber er hat keine Zeit für Sentimentalitäten. Schnell wendet er sich wieder den Zahlen auf dem Bildschirm zu, die am nächsten Tag ein sinnvolles Ganzes ergeben müssen. Die Präsentation wird um zehn Uhr sein und er riskiert dieses Mal womöglich seinen Arbeitsplatz, wenn er es nicht rechtzeitig und absolut korrekt schafft. Für den Moment ergeben die unendlichen Zahlenreihen vor ihm aber noch keinen Sinn. Ganz egal, wie herum er sie auch liest. Martin sitzt bereits seit der Mittagspause an seinem Schreibtisch. Ohne Pause. Doch es gibt kein Entkommen. Er muss es in jedem Fall beenden.
»Sie schaffen das doch bis Donnerstag, nicht wahr?«, waren die Worte seines Chefs. Als hätte es eine Ausrede dagegen geben dürfen.
»Ach, wissen Sie, ich habe eine Freundin. Sie heißt Claudia. Und wenn ich nicht bald die Kurve kriege und mehr Zeit für sie habe, dann wird sie mich verlassen. Also sagen Sie doch bitte unserem Mandanten, dass es Wichtigeres für mich gibt als seine blöde Bilanz. Denn wenn Claudia mich verlässt, weiß ich eigentlich auch nicht mehr, warum ich hierher kommen soll.«
Das wäre eine schöne, vor allem passende und richtige Antwort gewesen. Stattdessen stimmte Martin eilfertig zu und hatte sich wieder einmal eine Arbeit an Land gezogen, die unendlich lang dauert, die er nie angemessen vergütet bekommt und für die er schlussendlich seine Beziehung aufs Spiel setzt. Martin schiebt sich die Brille mit beiden Händen auf die Stirn, reibt sich die Augen und blinzelt auf den Bildschirm. Unten rechts kann er die Zeit deutlich sehen. Zwanzig Uhr. Claudia sitzt zu Hause und wartet auf ihn. ›Vielleicht sollte ich sie anrufen und sagen, dass es später wird.‹
Doch diesen Gedanken schiebt er beiseite. Sie würde ihm nur eine Standpauke halten und dadurch würde er noch mehr Zeit verlieren. Natürlich hätte sie Recht mit allem, was sie sagen würde. Aber er konnte das unmöglich zugeben. Es ist nun Zeit für eine Pause. Eine kurze Auszeit zum Verschnaufen und Durchatmen. Eine weitere Cola vielleicht, mit einer doppelten, oder besser dreifachen Menge an Koffein. Dazu einen Happen zu essen, nichts Belastendes, etwas Leichtes, das beflügelt. Zu neuen geistigen Leistungen. Oder zur Bewältigung der Aufgabe. ›Vielleicht sollte ich eine Viertelstunde lang nichts tun.‹ So, wie er es neulich in diesem Ratgeber gelesen hatte. 15 Minuten pro Tag gar nichts machen. Nach innen wenden und sich überraschen lassen. Von der eigenen Müdigkeit, von den Entdeckungen, von sich selbst. Theoretisch ganz einfach und ein paar Tage lang hat er es auch geschafft. Doch es ging so schnell, dass er die Zeit nicht mehr fand und nun kehrt nur noch die Erinnerung an dieses Buch zurück.
Er sieht sich um in seinem Büro. Ohne Brille ist es noch trister als mit. Die weißen Raufaserwände und das Grau der Möbel sehen im winterlichen Abendlicht besser aus als sonst, aber Wohlfühlatmosphäre entsteht deshalb nicht gleich. Und was helfen ihm seine vergrößerten Fotos vom letzten Urlaub in der Toskana? Was nutzt das tolle Meer an der Wand, wenn sich das Gefühl von damals nie wieder einstellen will? Vor allem, da er nie die Muße hat, einen Blick darauf zu werfen. In diesem Moment scheint ihm das alles furchtbar unwirklich. Dieses Bild und der Urlaub, der wahrscheinlich schon fünf Jahre vergangen ist. Auch der billig gerahmte Kunstdruck mit einem Kandinsky an der Türseite des Büros scheint ihm nur wie die letzte Bastion eines über das berufliche Denken hinausgehenden Geistes, der mehr kann, als bloß ein paar Bilanzen zu erstellen. Über alles erhaben dagegen scheint der riesige Terminplan in der widerlichen grün-grauen Gestaltung der Kanzlei, die ihn bezahlt. Mit deutlich fett markierten Strichen sind die Termine zur Abgabe von Abschlüssen diverser Mandanten gekennzeichnet. Verschiebungen unmöglich. Irgendwo dazwischen sollen zwei Wochen Urlaub Platz finden, doch auch in diesem Jahr wird es wieder nichts werden. Er blickt noch einmal hinüber zur Toskana. Genau. Ganze fünf Jahre ist es jetzt her, dass er mit Claudia dort war. Ihr letzter gemeinsamer Urlaub. Und überhaupt, Claudia. Er schaut wieder auf das Bild von ihr.
Er streicht über ihr Gesicht. »Ich habe keine Zeit mehr für dich. Meine Versprechungen, dass es bald besser wird, sind hohle Phrasen und ich glaube dir, dass du es dir nicht vorstellen kannst, mit mir eine Familie zu gründen«, sagt er vor sich hin. Vor ihrem Bild ist das einfach. Er denkt tagsüber so oft an sie. Bloß am Abend, wenn er völlig fertig neben ihr einschläft, merkt sie davon nichts. Dabei denkt Martin nicht nur an die Anfangszeit ihrer Beziehung, die immer leicht ist. Auch an die Jahre, die folgten. An all das, was ihn sicher auch nervt, das er aber mit der gleichen Intensität lieben kann. Es ist so schön, diesen Ort zu haben, zu dem er jederzeit heimkehren kann. Und es wäre sicher noch viel schöner, wenn dieser Ort einer wäre, an dem Claudia nicht nur den Martin bekommt, den die Arbeit für sie übrig lässt. Vielleicht wäre es auch gut, diese 15 Minuten ihr zu widmen. Lausige 15 Minuten. Doch selbst das schafft er nicht. Noch dazu müsste er es auch bewusst tun. Nicht als diese Kopie seiner selbst, die abends gespenstisch in die Wohnung schleicht, um langsam auf dem Sofa einzuschlafen.
Martin drückt beide Hände gegen die Schläfen. ›Wie soll ich das nur anstellen? Wie kann ich den Erwartungen hier genügen und dabei als Partner nicht versagen?‹
Er schaut auf den Bildschirm, der weder auf diese Fragen, noch auf die eigentliche Aufgabenstellung eine Antwort gibt. Weisheiten, wie es theoretisch alles besser laufen könnte, hat er so viele in seinem Kopf. Aber so richtig kommen sie in seiner Realität nicht an. Wenn er sich in Claudias Position begibt, wirkt es sogar noch befremdlicher, als es so schon ist. Es ist mit Sicherheit schlimm genug, dass sie beide die Tablette des Alltags jeden Tag brav schlucken, um beschwerdefrei ein Leben zu ertragen, dass sie beide nicht mögen. Aber, wenn es darum geht, dass die Kanzlei etwas veranstaltet, dann ist Martin natürlich mit dabei. Nach der Arbeit noch einen Absacker? Gar kein Problem. Irgendwann nach Hause kommen, ganz gleich wann? Scheinbar auch egal. Mit den eigentlich nervenden Kollegen einen Bowlingabend durchziehen? Jederzeit, auch wenn der Abend immer total langweilig ist und die einzig ansprechbare Kollegin ihn immer wieder abweist. Wenn er dann zu einer von ihm frei gewählten Zeit nach Hause kommt, gibt es immer wieder lang andauernde Diskussionen, die ihn nur nerven und bei denen er glücklicherweise meistens einschläft. Wenn er sich mit den Augen Claudias sieht, ist es unglaublich. Langsam lichtet sich der diffuse Schleier seiner männlich verkrüppelten Wahrnehmung und legt so den Blick auf seine eigene Unfähigkeit, seine Wort- und Machtlosigkeit offen. Und wie er sich so sieht, ist er einfach nur erbärmlich. Etwas zieht seinen Hals zusammen und sein Bauch verkrampft dabei auch. Etwas Saures bahnt sich von dort seinen Weg nach oben. Ja, natürlich. Er ist schuldig! Und im Grunde ist Claudia nicht mehr als seine Normalität. Er sieht sie nicht mehr mit den Augen des Verliebten. Sie ist da. Sie ist selbstverständlich.
›Und ich bin genau so ein Idiot geworden, wie all die anderen, die hier arbeiten.‹ Seine Gedanken tragen ihn zu den verlebten Gesichtern seiner Kollegen, zu den Geschiedenen, Fremdgängern und Alkoholikern. Zu den Ausgebrannten und den Zynikern.
Er schaut hinaus aus dem Fenster. ›Ich kann nicht so weiter machen. Ich gehe hier drin kaputt. Eines Tages sehe ich genauso aus wie die Anderen und denke auch so einen Schrott.‹ Seine Gedanken lassen ihn frösteln. Warum nicht einfach aufstehen und gehen? Jetzt? Wenn er die Arbeit nicht schafft, was wäre dann? Die Welt würde sich weiter drehen und am nächsten Tag würde die Sonne wieder aufgehen. Es müsste eine kluge Entschuldigung für den Mandanten gefunden werden. Oder aber, er würde sich vor ihn stellen und ihm sagen, dass er es einfach nicht geschafft hat. Weil es zig andere Termine für ihn gab und weil er es vielleicht am Abend zuvor hätte schaffen können, es aber vorgezogen hat, etwas für seine Beziehung zu tun. Weil er endlich einmal er selbst war und auf sein Gefühl vertraut hat.
Genau! Martin erfasst plötzlich ein fast vergessenes Gefühl. Der Hals ist wieder frei und es hat alles etwas Erhabenes. Er wird einfach Feierabend machen und zu Claudia gehen. Einen schönen Abend mit ihr haben und am nächsten Morgen als jemand Anderes zur Arbeit kommen. Als jemand, der sich wieder ein bisschen mehr ansehen kann. Als jemand, der weiß, dass er noch nicht ganz verloren ist.
Martin steht beschwingt auf und geht im Zimmer auf und ab. Einfach gehen, ist doch nicht so schlimm. Computer ausschalten, Licht ausmachen, mit dem Fahrstuhl nach unten fahren. Das ist alles. Er geht auf den Flur und schaut sich um. In drei Zimmern brennt noch Licht, das Klicken von Tastaturen ist zu hören und irgendwo wirft ein Drucker Berge von Papier aus.
Und er will sich einfach so davon stehlen? Die Anderen haben sicher auch Partnerinnen, vielleicht sogar Kinder. Martin steht unsicher vor seinem Zimmer. Ein aufbauendes Gespräch mit einem Kollegen wäre vielleicht auch eine Möglichkeit. Doch er verwirft diese Idee sofort wieder. Für Martin steht auf jeden Fall fest, dass seine Kollegen und Vorgesetzten nichts von seinem Seelenleben mitbekommen. In Diskussionen am Mittagstisch werden alle privaten Probleme gemieden und die Arbeit steht gemeinhin im Vordergrund. Also bemüht er sich, ab und zu etwas zum jeweiligen Thema beizutragen und ansonsten sieht er zu, dass seine Arbeitsergebnisse dem Durchschnitt entsprechen. Das ist in seiner Lage schon ein voller Erfolg.
Er geht wieder zurück in sein Zimmer und schließt die Tür. Doch wieder arbeiten und im Grunde kneifen vor dem, was eigentlich richtig ist? Also irgendwie durchkommen, bis das Leben wieder anfängt. Doch wann dies sein wird, weiß er nicht. Martin denkt noch einmal an seine Kollegen zurück. Alle kommen sie zu ihrer Arbeit. Mit ihren glatten Visagen und gebeugten Leben. Ihren Unleben, ihrer Verzweiflung, ihren Ängsten und unerfüllten Träumen. Niemand gibt sich zu erkennen. Keiner springt auf und brüllt seinen Schmerz hinaus. Den Schmerz seiner Seele und den seiner Augen, wenn er die Erbärmlichkeit der anderen sieht. Natürlich ist Martin klar, dass nur so eine Gesellschaft funktionieren kann. Indem alle in den stillschweigenden Pakt einstimmen, jeden Tag aufs Neue die große Maschinerie am Laufen zu halten. ›Wo kämen wir denn hin, wie würden wir leben, wenn sich jeder erst finden muss? Wenn jeder erst die eigenen Gefühle ordnet, sich seinen Ängsten stellt? Wenn sich jeder erst als Mensch erkennt?‹
Es brodelt wieder in ihm. Er schaut auf den Monitor, auf die Ordner auf seinem Schreibtisch und die immer noch unerledigte Arbeit. Ihm wird warm und er atmet tief durch. ›Ist das das, was ich immer wollte? Will ich dafür leben? Um Bilanzen zu erstellen? Um meinen Arbeitgeber immer reicher zu machen? Es ist also meine Bestimmung, meinen Chef Jahr für Jahr fetter zu machen, dessen Hausraten abzusichern, dazu die Gehälter für Haushaltshilfe und Kindermädchen und nicht zu vergessen den einen oder anderen Urlaub, den ich wiederum nicht nehmen kann.‹
Martin schaut noch einmal nach draußen in die von den Straßenlaternen und Ampeln erleuchtete Stadt. In den sein Abbild reflektierenden Fenstern sieht er die Vision seines Lebens als flammendes Inferno seiner einstmals gehegten Träume und Wünsche. Er wird also nach einem arbeitsreichen Leben abtreten. Möglicherweise wird er, wenn es weiter so geht, immer fetter werden und systemerhaltend freundlich kurz vor seiner Pensionierung an einem Infarkt sterben. Allein sterben. Ohne Claudia, denn die hat sich inzwischen einen Mann genommen, der alles rechtzeitig verstanden und vor allem auch gehandelt hat. Die Firma wird hastig einen Nachruf verfassen und die Erde über ihm ist nicht einmal richtig fest, da wird ein Neuer an seinem Platz sitzen und zusehen, dass er rechtzeitig bei seiner Frau zu Hause ist, damit er keinen Ärger bekommt. Vielleicht ist es aber auch ein Glückspilz, der den Spagat einfach schafft, der dem Leben die Stirn bietet und Willens genug ist, immer er selbst zu sein.
Dieses Zittern macht ihn einfach nur fertig. Jede Pore ist in Aufruhr und diese Unruhe wird ein Weiterarbeiten unmöglich machen. Wenn er aber darüber nachdenkt, ist es eigentlich ganz einfach. Es geht um Wahrhaftigkeit und Verbindlichkeit und darum, dass sein Leben zu jedem Moment keine Probe ist, sondern immer schon die entscheidende, einmalige Aufführung. Kein zurück auf Los und keine Rückspultaste. Er kann keine 15 Minuten Pause machen von einem Leben, das eigentlich keins ist. Er kann sich nicht eine Viertelstunde täglich erholen, um den Rest des Tages zu leiden. Es wird Zeit, den Spieß herum zu drehen. Eine Viertelstunde Leiden wäre genug.
Während er voller Zweifel in seinem Zimmer steht und aus dem Fenster schaut, scheint es ihm, als würde sein Kopf gleich platzen. All die Gedanken, das ewige Für und Wider. Es ist zu viel. Er atmet ein paar Mal tief ein und aus, versucht sich zu beruhigen und bekommt mehr und mehr das Gefühl, als würde sein Kopf langsam herunter fahren. So wie es der Computer am Ende eines jeden Arbeitstages tut. In seinem Kopf entfernen sich die Bilder von Claudia, seine Arbeit und alle Probleme immer weiter, bis nur noch wohltuende Leere vorzufinden ist. Sein Betriebssystem schaltet ab. Ein Moment zum Sterben schön. Am nächsten Morgen werden sie ihn dort finden. Der Monitor wird noch flackern und die Arbeit ist nicht beendet. Man wird ihn wegtragen und zu seiner Beerdigung kommen nur noch Claudia und seine Eltern, weil er sonst keine Freunde mehr hat. Für die hätte es eben mehr Zeit bedurft als einen Anruf pro Jahr und eine Karte zum Geburtstag. In seiner mehr als kurzen Grabrede wird erwähnt werden, dass er sehr fleißig war und die Arbeit sein ein und alles.
Langsam kriecht von irgendwoher wieder ein Impuls in seinen Kopf, sein Hirn regt sich. Jetzt einfach wieder hochfahren, Betriebstemperatur erreichen und weiter. Doch mit der Wiederherstellung seiner geistigen Kapazität stellt sich ein hämmernder Schmerz ein. Als will sich dort etwas Luft verschaffen. Eine Kraft, die freigelassen werden muss. Es ist dieses Gefühl aus seinem Bauch, das immer bis ganz nach oben in den Schädel drängt, das er aber versucht, mit aller Kraft herunter zu schlucken. Irgendwie muss es nun auf anderem Wege emporgestiegen sein, denn schließlich landet es wie jedes Mal mit kleinen Hammerschlägen hinter seiner Stirn. Er weiß doch alles. Dass diese Arbeit unmöglich die Erfüllung seiner Träume sein kann. Dass es schwer ist, ganz von vorn anzufangen, wenn ein paar Annehmlichkeiten sein Leben standardisiert haben. Wenn die Pause für die Sinnsuche mit Entbehrungen verbunden ist und am Ende nicht klar ist, wohin der Weg führt. Diese leblose Arbeit ohne Gefühl kann unmöglich all das kompensieren, das in ihm schlummert, aber nicht herauskommt. Als würde er seine gesamte Gefühlswelt wie Wirtschafts- und Steuerrecht normieren und in einem Gesetzbuch verankern. Einschließlich diverser Anwendungsvorschriften, wann welche Gefühlslage zugelassen ist und wann nicht. Er schließt die Augen, atmet tief durch, öffnet sie wieder und schaut sich um. Seine Umgebung ist nicht schöner geworden. Er muss raus aus diesem scheußlichen Büro. Wenigstens für ein paar Minuten. Eben diese Viertelstunde vielleicht. Einfach nur weg. Am besten gar nicht wieder kommen. Soll der Mandant doch am nächsten Morgen sehen, woher er seine Zahlen bekommt. Martin ist es egal. Er steht auf, schnappt sich seinen Mantel und verlässt das Büro. Der Rechner läuft noch und erhellt das Zimmer.
Trotz des dicken Mantels umschließt ihn die eisige Kälte fest und kleine Eiskristalle stechen in jede Pore seiner Haut. Der Schnee knirscht unter seinen Füßen und er muss an einen Spaziergang mit Claudia vor ein paar Jahren denken. Es war genauso kalt, aber sie haben so viel miteinander gelacht, dass ihnen die Kälte nichts ausmachte. Er denkt noch einmal an all die Vorwürfe, die sie ihm macht. Dass er zu wenig Zeit für sie hat, dass die Arbeit über allem, vor allem über ihr steht und dass er sie nicht achtet. Dabei ist sie alles für ihn. ›Claudia, ich habe endlich verstanden‹, denkt er, lächelt und geht über die Straße.
Das Auto fährt zu schnell. Der Fahrer bremst viel zu spät und erwischt den Passanten im Mantel, der so versonnen lächelt, voll. Martin wird über das Fahrzeug geschleudert, fliegt durch die Luft und prallt gegen einen Laternenmast. Der heftige Aufprall führt zu sofortigen inneren Blutungen. Die Mediziner werden später sagen, dass bei einem Mann mit 90 Kilogramm Körpergewicht schon 4 Liter Blutverlust ausreichen, um den klinischen Tod herbeizuführen. Dass schon beim Verlust des ersten Liters der Blutdruck absinkt. Dass sich der Pulsschlag beschleunigt, um das verringerte Schlagvolumen auszugleichen. Später schafft es der faszinierende Regelungsmechanismus des Körpers nicht mehr, den Blutverlust auszugleichen. Sie werden sagen, dass das der Moment war, als Martin bewusstlos wurde und ins Koma fiel.
Als erstes versagt dann die Funktion seiner Hirnrinde. Die Atmung wird noch aufrechterhalten, weil Stammhirn und Rückenmark ein wenig länger durchhalten. Doch etwas später hört das Herz auf zu schlagen. Die Agonie beginnt und langsam erlischt das Leben. Alles in allem keine 15 Minuten.

Per Therapie zum Wohlfühlgewicht

Ich sitze in einem mintgrünen Wartezimmer. In meinen Ohren säuselt etwas wie ein rauschender Bach, dessen Fluss nur durch meditative Klangschalenromantik durchbrochen wird. In ausgewählten Fachzeitschriften informiere ich mich über Yogaübungen und den Weg zur eigenen Mitte. Ich würde gern wissen, wo ich meine eigene Mitte im Moment lokalisieren kann. Aber die weisen und spirituellen Ratgeber geben mir keine Antwort. Dafür sagen sie mir alle in unterschiedlichen Worten dasselbe. Werde gelassen, finde dich selbst, liebe dich und alles wird gut. Doch ich kann mich nicht mehr lieben. Ich arbeite als Paketpacker in einem großen Versandhaus und in den letzten Monaten habe ich fünfzehn Kilo oder mehr zugenommen. Ich bin nun ein kapitaler, Pakete packender Fettklops, den die anderen nur deshalb nicht hänseln, weil wir nicht mehr auf einem Schulhof unsere Runden drehen. Und weil sie alle so schrecklich vernünftig und leise geworden sind. Dabei stehen ihnen ihre Gedanken auf der Stirn geschrieben.
Ich werde aufgerufen und trete in einer angenehmen Klangschalentrance in das Behandlungszimmer ein. Da sitzt sie. Die Frau Psychologin. Sieht mir direkt in die Augen und hat damit wahrscheinlich schon alle meine Verfehlungen der letzten drei Dekaden entschlüsselt. Einschließlich eigentlich zu verschweigender Schweinereien als pubertierender Möchtegern und Disharmonien meines Daseins in der analen Phase.
»Hallo, Sie sind das also!«
Was heißt das aus dem Mund einer Psychologin? ›Sie sind das also!‹?
›Soso, der Fettsack. Hm, Sie sind aber auch ordentlich fett. Ihr Hausharzt hat mir schon von ihnen erzählt. Sie glauben, dass Sie zu wenig schlafen und zu viel Stress haben. Tatsächlich aber haben Sie ein ganz einfaches ödipales Syndrom mit zusätzlichem Verdacht auf redundanten Tittenfetischismus.‹
Oder was hat mein Hausarzt ihr über mich erzählt? Dass er kürzlich bei der Überprüfung meiner Prostata armtief in mir steckte und uns dabei seine eigene Frau erwischte? Was sagt das über meine Psyche aus? Mangel an zwischenmenschlicher Zuneigung? Anale Verklemmung? Unterdrückte Homosexualität? Das Universum meiner Gedanken und Gefühle liegt ihr zu Füßen und sie braucht sich nur zu bücken, um jede Information aufzuheben und in ihr therapeutisches Körbchen zu werfen, um es später genüsslich zu analysieren.
»Und wer bin ich also?«
»Vielleicht können wir auch diese Frage klären, aber zunächst einmal hat mir ihr Hausarzt von Ihren körperlichen Veränderungen erzählt, die medizinisch nicht zu erklären sind. Er meinte, wir sollten einmal in ihre Seele hineinschauen.«
Dieses Lächeln, diese blauen Augen und ihre hellbraunen Haare, die sie sich kunstvoll hochgesteckt hat. Diese hohen Wangenknochen und diese vollen Lippen. Sie darf überall in mich hineinschauen. Ich erzähle ihr alles, was sich zugetragen hat. Nichts lasse ich aus. Gar nichts. Mir fällt sogar noch ein, wie ich als Zwölfjähriger in einem voll besetzten Bus neben einer Frau stehe, die sich an einer Stange unter der Decke des Busses festhält. Ich kann in diesem Moment wieder ganz genau unter ihre Achseln schauen und an ihnen vorbei mitten rauf auf ihre Brust. Obwohl ich vor der Psychologin sitze, kann ich in diesem Moment wieder die Brustwarze sehen und ich bin wie damals eins mit ihren Atembewegungen. Wie sich der Busen hebt und senkt, hebt und senkt. Leider vermassele ich, wie schon damals, diesen wahrhaft göttlichen Ausblick. Ich passe meine Atembewegungen selbst so viele Jahre danach so offenkundig den ihrigen an, dass es die Therapeutin sogar merken könnte, wenn sie sich in der Teeküche einen Kaffee holen würde. Ich bin ein offenes Buch, das die Frau Psychologin schließlich vehement schließt.
»Gut. Das war ja schon eine ganze Menge für unseren ersten Termin. Aber Anamnese hin oder her, ich glaube, dass Sie im Moment einfach zu wenig schlafen. Sie wirken völlig übermüdet. Bei den meisten Menschen führt das zwar zu mehr Nahrungsaufnahme bei gleichzeitigem Gewichtsverlust. Das heißt aber nicht, dass es bei Ihnen nicht umgekehrt sein kann.«
»Mhm.« Mehr kann ich nicht sagen. Aber aus meiner Sicht ist es sowieso die schönste Antwort, die ein Mann auf alle Fragen geben kann, die ihm Frauen und das Universum stellen.
»Also. Ab heute gehen Sie jeden Abend um zehn ins Bett und schlafen mindestens bis halb sieben in der Früh. Das sind immerhin achteinhalb Stunden und somit mindestens zwei Stunden mehr als Sie jetzt haben.«
Was diese Psychologen nicht alles wissen!
»Das klingt schon verlockend. Aber was, wenn ich nicht einschlafen kann?«
Vielleicht schaue ich beim vorsichtigen Formulieren meiner Frage ein wenig zu deutlich auf die offenkundigen Versprechungen ihres sagenhaften Körpers und insbesondere auf ihre tollen Beine. Sie holt meinen Blick gekonnt ab und schaut mir sündig in meine Augen.
»Dann zählen Sie Schafe. Oder trinken Sie eine heiße Milch. Sie können auch ein ermüdendes Geräusch auf eine CD aufnehmen und es sich selbst als Endlosscheife vorspielen.«
»An was denken Sie da? Rein inhaltlich meine ich?«, frage ich schelmisch.
Was kann in der Gegenwart dieser Frau Psychologin schon ermüdend sein?
Wenn ich beim künftigen Einschlafen an meine Therapeutin denke, wird Schlaf wohl kaum möglich sein.
»Das ist bei jedem verschieden. Bei dem einen ist es das Brummen des Kühlschranks, bei dem Anderen die Litanei seiner Frau, bei ihr ist es sein Grunzen beim Sex.«
»Dann schaue ich mal nach, was ich so finden kann.«
»Nicht schauen. Hören müssen Sie.«
Ihr Lehrerton macht sie sehr sexy. Und ihre 80 B ist mir schon lange aufgefallen. Rosiger Warzenhof, feste Spitzen, ein Traum für Nippelsauger, diagnostiziere ich gedankenschnell. Eine ganz wohlige Form. Voll, aber dennoch nicht hängend. Warzen, die dich direkt anschauen und nicht auf deine Füße blicken. Eine glasklare Oberschichtbrust. Sehr gepflegt einschließlich Salbungen mit feinsten Cremes. Aber warum ist sie unter diesen Voraussetzungen Psychologin geworden? Brustevolutionstechnisch steht ihr die Welt eindeutig völlig offen. Wahrscheinlich gibt es einen Makel, schlussfolgere ich. Ganz klar. Sie zupft sich hässlich drahtige Haare von den Brustwarzen! Alle zwei Monate zückt sie die Pinzette und dann wird gezupft. Drei, vier Härchen, wirklich nicht die Welt, aber eben an einer strategisch ungünstigen Stelle. Meine Anamnese ist allerdings zu offenkundig. Ich muss noch ein wenig die Intensität meiner Beobachtung trainieren. Ich hebe meinen Kopf und sie schaut mich fröhlich an.
»Sex geht natürlich auch. Danach schlafen Männer für gewöhnlich sehr gut. Und vor allem schnell.«
Habe ich da ein Zwinkern in ihren Augen gesehen? Ich rutsche nun sehr unruhig in meinem Sessel hin und her und ahme ihre Haltung nach, um ihr getreu einigen psychologischen Ratgebern näher zu sein. In einem sehr realistischen Tagtraum sehe ich sie schon mit ihren frisch gezupften Oberschichtbrüsten über meine Pforte schweben.
»Ich bin im Moment Single«, sage ich im Stile eines Hochstaplers und überaus zuversichtlich. Es einfach im Raum zwischen uns stehen zu lassen, halte ich für unbeschreiblich wirkungsvoll. Dazu meine Haltung, mein Blick, der mögliche attraktive Kern meines vom Fett nur kurzfristig überwucherten Körpers. Wenn ich nur erst wieder ausgeschlafen und damit schlank bin; meine Botschaften müssen einfach ankommen. Auch wenn das mit dem Single natürlich eine Lüge ist und meine Freundin Claudia mich steinigen würde, wenn sie meine Worte hören könnte. Vielleicht wandelt sich meine Aussage aber schon bald in Wahrheit. Denn wenn ich es mir genau überlege, gibt es trotz der geregelten Arbeit in körperlicher Hinsicht immer weniger Gründe für Claudia, noch bei mir zu bleiben.
Meine Therapeutin lächelt mich an, verschränkt langsam und genüsslich ihre Beine, wobei sich ihr Busen wie von Zauberhand getragen hebt. Sie beugt sich ein Stück weit zu mir, tausend Schweißperlen entstehen auf meiner Stirn, ungehörige Bilder  in meinem Kopf und sie haucht mir zart schmelzend ins Gesicht:
»Masturbation geht natürlich auch.«

(Ausschnitt aus: „Brustapostel“, Roman, erscheint 2014)

Dr. Mark Jischinski

Es hätte alles so einfach sein können. Ich hatte diese wunderbare Doktorarbeit über die transtemporale Identität bewusstseinsfähiger Wesen geschrieben. Dabei war es mir wichtig zu beweisen, dass die Antizipation genau dann realitätskonform ist, wenn eine beliebige Person A zu einem Zeitpunkt t ein Erlebnis X für den späteren Zeitpunkt t‘ antizipiert, und dann, zum Zeitpunkt t‘ auch ein solches Erlebnis X hat. Mein Doktorvater, oder besser meine Doktormutter, klärte mich dann aber auf, dass das Antizipationsproblem nicht die nicht-realistische These der Möglichkeit unbestimmter Fälle transtemporaler personaler Identität beträfe. In solchen Fällen könne nur unwillkürlich entschieden werden, ob eine bestimmte, zu einem Zeitpunkt t existierende Person A identisch ist mit einer zu einem späteren Zeitpunkt t‘ existierenden Person B. Der tatsächliche Lauf der Dinge würde in diesen Fällen eben nicht festlegen, welche Antwort auf die Frage der Identität korrekt ist. Ich war darüber so betrübt, dass ich es aufgab, den Doktortitel an dieser Stelle zu erwerben. Da kam die Möglichkeit, an der Universität Eriwan den Doktorgrad zu erhalten, wie gerufen. Die Aufgabenstellung war im Grunde machbar. „Glauben Sie ernsthaft, dass es eine deutsche Regierung zulassen wird, dass ein verbal völlig entgleistes Gesetz erlassen wird? Beweisen Sie Ihre Ausführungen an diesem Beispiel: Kleinstkapitalgesellschaften-Bilanzrechtsänderungsgesetz“! Über 80 Seiten habe ich völlig schlüssig nachgewiesen, dass es nie eine deutsche Regierung geben könne, die einen solch ausgemachten Blödsinn als Gesetz postulieren würde. Nur ein Trottel mit Hang zum Tourette würde wohl auf diese Idee kommen. Mein Ergebnis war schlüssig und brandmarkte künftige Regierungen als Schwachsinnskabinette, wobei das noch die harmloseste Bezeichnung war. Leider ist meine Doktorarbeit seit dem 27.12.2012 hinfällig, denn wir haben nun dieses Gesetz.
Ich gebe hiermit meinen Doktortitel zurück. Ich widerrufe allerdings die Inhalte meiner Arbeit nicht. Wobei interessanterweise nun doch mein Standpunkt zur transtemporalen Identität bewusstseinsfähiger Wesen bewiesen wäre, wenn meine Doktormutter nicht richtigerweise einwenden würde, dass eine Regierung nie ein bewusstseinsfähiges Wesen sein kann.

Ein Schwesterle im Paradies

»Antidiskriminierungsstelle des Bundes, guten Tag. Ich heiße Alice Weiß, was kann ich für Sie tun?«
»Ja, ähm, hier ist der Mario.«
»Habe ich Sie richtig verstanden, Maria? Sie heißen Maria?«
»Nein, ich bin DER Mario.«
»Ja, und was wollen Sie dann?«
»Ich will bei Ihnen eine sexuelle Belästigung anzeigen.«
»Also sind Sie doch Maria, nicht wahr, Mario? Sehen Sie, wir sind für Sie als Betroffene da. Haben Sie keine Scheu und öffnen Sie sich. Sie müssen sich nicht verstecken, liebe Maria.«
»Ich heiße MARIO!! Und ich bin ein Mann. Merken Sie das nicht an meiner Stimme?«
»Naja, jetzt, wo Sie es sagen … kann schon sein. Und was wollen Sie dann, Mario?«
»Wie ich schon sagte: Eine Anzeige wegen sexueller Belästigung erstatten.«
»Oh Gott! Entschuldigen Sie bitte, lieber Mario! Wie konnte ich nur! Das ist mir jetzt aber peinlich. Sie haben einen schwulen Chef, stimmt’s?!«
»Nein. Ich habe ein Chefin. Und sie hat mich sexuell belästigt.«
»Moment bitte, Mario.«

»Hallo Mario, da bin ich wieder, die Alice. Ich habe bei uns nachgeschaut. Das geht leider nicht. Sie müssen sich irren.«
»Nein, das tue ich nicht! Hören Sie mir jetzt einfach zu, Alice! Ich saß in meinem Büro am Schreibtisch, als es klopfte. Frau Paradies, meine Chefin, kam herein, postierte sich mir gegenüber am Schreibtisch und grüßte förmlich. Dann legte sie eine Akte auf den Tisch, schob sie mir rüber und beugte sich über den Schreibtisch hinweg zu mir. Dabei spitzte sie lasziv die Lippen und gewährte mir einen Einblick in ihre Bluse, dass mir fast der Atem stockte.«
»Darf ich Sie kurz unterbrechen, Mario?«
»Warum denn?«
»Würden Sie zustimmen, dass Ihre Chefin auch ein Dirndl gut ausfüllen könnte?«
»Oh ja, mehr als das. Aber abgesehen davon konnte ich fast zu ihrem Bauchnabel schauen und ich entdeckte kurz über diesem ein Muttermal, das mich erregte.«
»Soso. Reden Sie ruhig weiter, Mario, ich bin ganz Ohr.«
»Jedenfalls sagte Frau Paradies, dass ich es sicher schaffen werde, diesen Vorgang bis übermorgen zu bearbeiten, so flink, wie ich immer sei. Außerdem sei ihr schon aufgefallen, dass ich athletisch sei und sie wisse auch, wie belastbar ich wäre. Ich konnte gar nicht mehr ihren Worten lauschen, weil ich immer auf ihre Titten starren musste.«
»MARIO????«
»Ja?«
»Sagen Sie, haben Sie gerade ›Titten‹ gesagt?«
»Ja, warum?«
»Nun ja, die stehen hier auf meiner Liste.«
»Die Titten von Frau Paradies? Sie ist also eine Wiederholungstäterin?«
»Nein, jetzt haben Sie mich falsch verstanden. Sie dürfen nicht ›Titten‹ sagen. Oder, Moment mal, ich bin gleich wieder da …

… Mario?«

»Ja?«
»Da bin ich wieder. Ich habe mit meiner Abteilungsleiterin gesprochen und es ist jetzt natürlich etwas anderes, da Sie ›Titten‹ gesagt haben. Im günstigsten Fall könnten wir es als Selbstanzeige werten.«
»Wie bitte?«
»Na, Mario, Sie können doch unmöglich die Brüste ihrer Chefin als ›Titten‹ bezeichnen. Das ist eindeutig sexuelle Belästigung, zumal Sie vorhin auch behauptet haben, dass die Brüste von Frau Paradies auch in ein Dirndl ausfüllen könnten. Und Sie sagten sogar: mehr als das.«
»Aber doch nur, weil Sie gefragt haben!!«
»Lieber Mario, gesagt ist gesagt, das ist ja das Schlimme bei der sexuellen Belästigung. Das lässt sich nicht so schön wieder gut machen, wie ein Blechschaden am Auto. Sie wirkt tiefer, in der Seele der Betroffenen.«
»Wie bitte?? Und was ist mit meiner Seele? Frau Paradies hat mich sexuell belästigt und ihre Reize eingesetzt, um unter Ausnutzung ihrer Machtposition dafür zu sorgen, dass ich mich schlecht fühle und die mir vorgelegte Arbeit in jedem Fall mache.«
»Mario, jetzt muss ich aber einmal bestimmter werden, es tut mir leid. Sie rufen hier an und sagen ganz eindeutig, dass es um die ›Titten‹ Ihrer Mitarbeiterin geht und Sie diese auch gern in einem Dirndl sehen würden. Nicht zuletzt sagten Sie auch, dass Sie der Blick auf diesen Leberfleck erregt hat. Wenn ich das zusammenrechne, dann haben wir bestimmt acht Brüderle auf der Brüderle-Skala, die bis zehn reicht. Das ist nicht ohne und ich weiß nicht, ob da eine Selbstanzeige überhaupt noch geht.«
»Jetzt reicht es aber, Frau Weiß!! Frau Paradies ist nicht meine Mitarbeiterin, sondern meine Chefin und Sie verdrehen mir gerade die Worte im Mund! Was sind Sie eigentlich für eine verklemmte Emanze? Sie sollten sich zu Hause mal ordentlich durch …«
»MARIO!!! Jetzt vergreifen Sie sich im Ton!! Männer wie Sie sind es, die die Erfolge der Emanzipation mit Füßen treten! Kerle wie Sie sehen uns Frauen nur als bloßes Objekt der Begierde, wo wir doch aber INNERE Werte haben, die denen der Männer um ein vielfaches überlegen sind.«
»Ich lege jetzt auf.«
»Das sieht Männern wie Ihnen so ähnlich!! Erst starren Sie auf die ›Titten‹ Ihrer Mitarbeiterin und holen sich mental einen auf den Leberfleck runter, dann wollen Sie die arme Frau Paradies in ein Mieder stecken und jetzt, wo es darum geht, mir Rede und Antwort zu stehen, stehlen Sie sich aus der Verantwortung. Wenn es nicht so albern wäre, könnte man glatt sagen, dass Sie den Schwanz ein …
… Mario, sind Sie eigentlich noch dran? Mario?«