Anklage an einen Polizisten

Sehr geehrter Herr Polizist XY ungelöst,

Sie haben mich letzten Donnerstag in der Tatzeit zwischen 0.00 Uhr und 0.30 Uhr auf einem Parkplatz auf der BAB 9 zwischen Nürnberg und München in Fahrtrichtung München gebeten, meinen Kofferraum zu öffnen und auch den übrigen Fahrzeugraum Ihren Blicken und denen Ihrer Kollegen preis zu geben. Trotz der sofort ins Auge stechenden Unordnung habe ich Ihnen Ihren Wunsch erfüllt. Danach begehrten Sie einen Blick in einen verschlossenen Karton zu werfen. Ich entgegnete Ihnen: „Das Öffnen dieses Pakets verpflichtet aber zum Kauf des Inhalts.“ Worauf Sie sagten: „Was ist denn drin?“ Ich antwortete wahrheitsgemäß: „Bücher.“ Sie fragten: „Was für Bücher?“
Ich: „Meine Bücher?“
Sie: „Wie, Ihre Bücher?“
Ich: „Die habe ich geschrieben. Also jetzt nicht jedes einzeln, sondern nur eins und das wurde dann mehrfach gedr…“
Sie (mich heftig unterbrechend – was haben Sie eigentlich bezüglich des freundlichen Umgangs mit Bürgern auf der Polizeischule gelernt?): „Ich weiß, wie Bücher hergestellt werden! Und ich muss den Karton wirklich öffnen.“
Ich: „Wie ich schon sagte, müssen Sie die Bücher dann aber auch kaufen. Wir könnten auch ins Geschäft kommen. Ich gebe Sie Ihnen für zehn Euro das Stück und Sie verkaufen sie Ihren Kollegen dann für die tatsächlichen zehn neunzig.“
Sie: „Nein.“
Ich: „Überlegen Sie es sich noch einmal. Dann könnte sich der Abend noch lohnen. Hier schwirren doch mindestens hundert Polizisten rum.“
Sie: „Nein. Ich mach die Kiste jetzt auf.“
Ich: „Sie kennen die Gefahren.“
Sie (nachdem Sie die Kiste aufgerissen hatten und ein Buch in der Hand hielten): „Oh, ein Buch! ‚Spatzenmuse‘ heißt es. Komisch.“
Ich: „Habe ich doch gesagt, dass es ein Buch ist. Und komisch ist der Titel keinesfalls. Bekomme ich jetzt mein Geld?“
Sie: „Nein. Worum geht es in dem Buch?“
Ich:  „Um eine E-Mail-Beziehung zwischen einer Frau und einem Mann. Ist wirklich sehr gut. Sie sollten es unbedingt lesen.“
Sie, dieses Mal zu Ihren Kollegen, die im Fahrzeug herumgekrochen sind: „Habt ihr noch was?“
Ihre Kollegen: „Noch ein Buch. ‚Wunder sind weiblich‘ heißt es.“
Ich: „Das ist auch gut. Soll ich Ihnen erzählen, worum es geht?“
Sie: „Nein, das reicht mir jetzt. Hier sind Ihre Papiere. Packen Sie den Kram wieder ein. Sie können weiterfahren.“
Ich: „Und was ist mit unserem Deal? Ich hatte doch gesagt: Aufreißen verpflichtet zum Kauf.“
Sie: „Fahren Sie jetzt bitte los.“
Lieber Herr Polizist XY ungelöst, Sie haben mir wertvolle Lebenszeit gestohlen, während Sie damit beschäftigt waren, in meinem Auto Hinweise auf eine terroristische Bedrohung unseres Landes zu finden. Ich will gar nicht darauf eingehen, dass am selben Tag unser Herr Minister für Schläferangelegenheiten verkündet hat, das Volk solle ruhig bleiben und es bestehe kein Anlass zur Besorgnis. Nur so viel zur Klarstellung: Ich war der Falsche! Und noch was: Wenn ich sage, das Aufreißen des Pakets verpflichtet zum Kauf, meine ich das auch, ob Sie nun eine Uniform tragen oder nicht! Da Sie nach einem Blick in meinen Ausweis die richtige Namensanrede für mich hatten, gehe ich davon aus, dass Sie des Lesens mächtig sind. Sie gehören also unbedingt zur Zielgruppe für mein Produkt. Das unterscheidet uns beide übrigens voneinander. Ich gehörte nämlich nicht zu Ihrer. Ganz und gar nicht. Wenn Sie nun bitte so nett wären, mir meinen entgangenen Umsatz zu überweisen, lasse ich Ihnen im Gegenzug die Bücher zukommen. Nun natürlich zum vollen Preis, unser Deal hätte nur am Donnerstagabend gegolten. Geben Sie mir bitte nur kurz Bescheid, ob ich sie Ihnen schicken soll oder den Karton einfach auf einem Bahnsteig deponiere.

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