Trinkgeld vom Leben

Der Winter war zu lang, wir fressen Pferd und Schlimmeres, das Geld ist nichts mehr wert und überhaupt ist alles anders.
»Was ist das nur für eine Welt geworden?«, fragst du dich schon seit geraumer Zeit. Die Wirtschaft ist auf Talfahrt, Rohstoffe und Nahrungsmittel werden immer teurer. Nicht zuletzt vermisst du noch immer drei Schornsteine, aus denen du zumindest gedanklich den Rauch aus einer wunderbaren Zeit hast aufsteigen sehen, wenn du mit deinem Wagen wieder zurück in die Stadt der Träume gekommen bist. Inzwischen fährst du natürlich kein Auto mehr, weil der Sprit zu teuer geworden ist. Eine Weile konntest du dich noch damit trösten, dass du immer für fünfzig Euro tankst und deshalb von Preissteigerungen verschont bleibst, doch seit dem Tag, als du für fünfzig Euro nicht einmal mehr dein Auto, sondern nur noch einen kleinen Kanister mit zur Tanke nehmen musstest, ist auch dir der Humor vergangen.
Die Banken versinken im Chaos und du freust dich zum ersten Mal in deinem Leben darüber, dass du nur in einer Mietwohnung steckst, ganz abgesehen davon, dass inzwischen die Nebenkosten fünfmal so hoch sind wie die eigentliche Miete.
Zum Glück hast du noch diesen Arbeitsplatz bekommen, der dir ein wenig die Illusion der Sicherheit gibt, aber so richtig Schritt hält deine magere Alimentation mit dem simplen Lebensbedarf und deinen wirklichen Bedürfnissen nicht.
Wären um dich herum bloß nicht diese vielen Jammersäcke, denkst du dir, denn durch die wird alles erst richtig unerträglich. Vielleicht brauchen wir einfach nur ein wenig Optimismus.
Um dich von diesem ganzen Elend standesgemäß abzulenken, kaufst du dir einen wahnsinnig billigen Flachbildfernseher, für dessen Wert du nicht zweimal hättest volltanken können, und schaust den lieben langen Tag hinein. Doch diese geschaffene Realität dort deckt sich nicht mit deiner. Bei einer Pizza sinnierst du darüber, was aus deinem Leben geworden ist und in einem sehr lebendigen Traum hast du das Gefühl, als würden alle in einen Zug steigen, der ganz deutlich sichtbar vor eine Mauer fährt. Sie steigen ein und haben natürlich kein Gepäck dabei. Weder in ihren Köpfen noch in ihren Händen, denn der ganze Ballast würde doch nur stören. Und wenn alle brav auf ihren Stühlen sitzen, startet ein Hartz-IV-Empfänger, der sich ein wenig hinzuverdient, den Zug. Draußen vor den Scheiben winken die nicht heilbaren Optimisten mit ihren weißen Tüchern zum Abschied. In diesem Zug wird fröhlich gesungen, dass der Crash kommt und es keinen Ausweg mehr gibt. Derweil fährt Peer Steinbrück mit einem kleinen Wagen durch die Gänge und verkauft rote Brause in Dosen, die niemandem wirklich schmeckt, und hält Vorträge, die ihm keiner bezahlt. Natürlich hältst du es bei dieser Weltuntergangsstimmung nicht lange aus, kannst nicht mehr sitzen und springst auf. Am liebsten möchtest du schreien, aber inzwischen sind ja alle taub auf dem Ohr der Vernunft.
Und dann rennst du fiebernd durch diesen Zug und stellst fest: Hoppla, jetzt haben diese Idioten doch auch noch die Notbremse vergessen!
Erschöpft setzt du dich neben eine ältere Dame, die aussieht wie Madonna in einhundert Jahren, und fängst ein sinnloses Gespräch über die guten alten Zeiten an. Derweil reicht dir Peer Steinbrück eine seiner Brausen, du gibst ihm zehn Euro und sagst »Stimmt so!«, während die Alte neben dir schreit: »Gar nichts stimmt mehr!«

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s