Fußball ist unser Leben oder die Angst des Schützen vor dem Tormann

Die Angst des Schützen vor dem Tormann

Unser Jan-Oliver war nicht unbedingt ein schöner Mann. Von der Systematik eher ein Großschädliger, hatte er das Pech, dass eine ausgeprägte Stirnpartie und der offenkundige Augenwulst eine sehr enge Verwandtschaft zum Primaten nahe legten. Darüber hinaus segnete ihn der Schöpfer mit überdimensionierten Augenbrauen, die zwar zunächst eine Karriere als Finanzminister zumindest als möglich erschienen ließen, aber die allenfalls mäßige Ausstattung des Organs hinter seinen Augen erstickte diese elterliche Hoffnung schnell im Keim. Hinzu kam, dass man ihm jederzeit einen gewissen Mangel an regelmäßigem Schlaf und ausgewogener Ernährung unterstellen konnte. Und man sah ihm an, dass er das Tageslicht und frische Luft scheute. Sein Teint hatte stets etwas Teigiges, eine Farbe, die nicht nur mit eleganter Blässe beschrieben werden konnte, sondern vielmehr ein Ton war, den andere Menschen für die Auslegware in ihrer Garage oder ihren Keller auswählten.
Selbstverständlich wurde Jan-Oliver zum Gespött seiner Mitschüler, die ihn, in ihrer oberflächlichen Sicht der Dinge, nur auf seine Äußerlichkeiten reduzierten. Doch worauf sollte man ihn denn reduzieren, wenn aus seinem Inneren kein Signal kam, das Außenstehende als eine Art menschlicher Kommunikation hätten verstehen können? Jan-Oliver war stumm, und solange sich alle Beteiligten erinnern konnten, sprach er kein Wort. Nun könnten ewig positiv denkende Menschen einwenden, dass dies immerhin eine hervorragende Voraussetzung für eine harmonische Ehe sei, doch selbstredend hatte Jan-Oliver damals keinen Kontakt zum weiblichen Geschlecht.
Eines Tages aber solle sich alles ändern. Aufgrund eines nicht näher untersuchten kosmischen Zufalls kullerte ein Fußball vor Jan-Olivers Füße. Ein winziges Signal bahnte sich behäbig seinen Weg in Jan-Olivers Hirn und flüsterte ihm nach langer Zeit in sein inneres Ohr: »Oh, ein Ball!« Leider war das Objekt der Begierde schon wieder in den Händen eines kleinen Jungen, der mit dem Ball auf die anderen Straßenseite spielte. Das hätte sich der Kleine besser überlegen sollen, denn nur wenige Augenblicke später lag er mit blutender Nase auf dem Bordstein, während sich der Ball in den Händen von Jan-Oliver befand. Seit dieser Begebenheit spielte Jan-Oliver jeden Tag mit dem Ball. Er schoss ihn stumm an die Hauswand und fing ihn danach wieder auf. Immer wieder. Jeden verdammten Tag. Bei Wind und Wetter. Neben dem Putz an der Hauswand fiel seine neue Betätigung auch anderen auf und so lud ihn der Trainer der örtlichen Fußballmannschaft ein, nicht mehr mit einer Wand zu trainieren, sondern mit anderen Menschen. Eine Sache, die Jan-Oliver zunächst sehr suspekt war, schließlich war so eine Wand angenehm still, während die Jungs im Training dauernd redeten. Doch am Ende setzte er sich durch. Er wurde der beste Torwart, den sein Verein je hatte, schaffte es ganz jung in die Männermannschaft zu kommen und schien eine große Karriere vor sich zu haben. Sogar eine Frau gab es nun in seinem Leben. Die liebe Brigitte, deren linkes Bein kürzer als das rechte war und die deshalb nur an Bordkanten laufen konnte, ohne zu humpeln. In Anerkennung ihrer wirklich außerordentlich guten schulischen Leistungen und aus Respekt vor ihrer Behinderung wurde sie von allen »Miss Bildung« gerufen. Jan-Oliver und sie wurden ein schönes Paar und sie hätten gewiss viele schöne Kinder gehabt, hätte nicht ein sagenhafter Gewaltschuss und eine prächtige Parade Jan-Olivers seiner Zeugungsfähigkeit und seiner Karriere ein jähes Ende gesetzt. Nun schaut er sich mit gewisser Wehmut Dienstag und Mittwoch die Champions League und Samstags die Sportschau im Fernsehen an. Ohne Ton.

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