Senfgas in Lübbenau

Aufgrund der aktuellen politischen Entwicklungen noch einmal zur eindringlichen Mahnung:

9783943935167

Es wird immer schwieriger, die Waren zu verkaufen. Das denkt Pavel, als er seinen Wagen vom Markt schiebt. Von früh um sieben bis abends um acht steht er jeden Tag auf Märkten. Pavel kommt aus Bautzen und fährt zwischen seinem Heimatort, Kamenz, Hoyerswerda, Vetschau und Lübbenau hin und her. Er verkauft vor allem an Touristen Kamenzer Würstchen, Sorbische Leberwurst, aber auch die Klassiker wie Original Spreewälder Gurken und Bautzner Senf. So landet die sorbische Tradition wenigstens in den Bäuchen, wenn es schon mit den Köpfen nicht klappt. Endlich ist das Tagwerk geschafft. Die Tage sind kürzer geworden und es dämmert bereits, als er zusammenpackt und alles im Transporter und auf den Anhänger verladen hat. Wie jeden Abend, wenn er startet, ruft er seine Frau an.
»Hallo Schatz, ich starte jetzt«, legt er gleich los.
»Schön! Aber heute bist du in Lübbenau, nicht wahr? Das heißt, dass es erst später wird, ja?«, fragt ihn seine Frau, die sich insgeheim schon auf einen angenehmen Weiberabend daheim in Bautzen freut.
»Ja, tut mir leid«, sagt Pavel, »mit unserem gemeinsamen Abendessen wird es heute nichts. Sei mir nicht böse, ja?«
»Mach dir keine Sorgen, mein Liebling, ich mache es mir gemütlich und warte auf dich«, sagt sie, während sie in der Programmzeitung blättert. »Vielleicht kommt Ina noch rum und leistet mir Gesellschaft«. Hatte Ina nicht gesagt, dass sie eine DVD mitbringt? Eineinhalb Stunden wird Pavel mindestens brauchen.
»Gut, bis später dann«, antwortet Pavel.
Dann startet er den Transporter und fährt los. Er ist müde und erschöpft vom Markttag. Den lieben langen Tag nur Reden und Überzeugen. »Wollen Sie probieren?«, »Ich kann Ihnen auch einen Rabatt geben.«, »Das ist alles ganz natürlich und ohne Konservierungsstoffe.« Immer wieder dieselbe Leier, um ein paar Euro zu verdienen. Von denen er dann die Rate für den Wagen zahlt, die Standmiete, die Krankenversicherung und ein klein wenig fürs Leben. Zumindest von dem Rest, den ihm dann noch das Finanzamt lässt. Nicht zu vergessen der Beitrag für den Traditionsverein der Sorben. Er schaltet das Radio ein. Der Konflikt in Syrien spitzt sich zu. Präsident Backaroma will einen Blitzkrieg und braucht dazu die Zustimmung des Kongresses. Blitzkrieg. Wie schön das klingt, denkt Pavel. Und als Anlass brauchen sie doch am Ende nur einen neuen Sender Gleiwitz, ein neues Attentat in Sarajevo. Einfach nur ein paar unwiderlegbare Beweise. Die Geschichte des Krieges wird immer vom Sieger geschrieben, war es nicht so? Wie er so gedankenverloren den Wagen lenkt, bekommt er gerade noch mit, dass ihm auf einer Brücke ein Mopedfahrer so überholt, dass er scharf ausweichen muss. Der Transporter gerät ins Schlingern und der Anhänger kippt fast um. Endlich kommt er zum Stehen, sein Puls hämmert in seinen Adern und er schnauft. Pavel sieht in den Rückspiegel. Nichts passiert. Auf den ersten Blick zumindest. Der Mopedfahrer ist auf und davon. Er steigt aus und geht zum Anhänger. Die Plane hat sich gelöst und eine Stiege Bautzner Senf ist heruntergefallen. Auf einer Strecke von fünf Metern liegen die Gläser verteilt. Nun sieht er auch, dass ein paar Gläser bedrohlich nah am Rand der Brücke liegen. Er geht bis zur Brüstung und schaut nach unten. So ein Mist! Ein Senfglas ist nach unten gestürzt und es muss einem Passanten direkt auf den Kopf gefallen sein. Der liegt auf dem Boden, sein Kopf blutet und um ihn herum steht eine Menschentraube. Einige zeigen nach oben und Pavel spürt sofort, dass Wegrennen ziemlich sinnlos sein wird. Er muss die Verantwortung dafür tragen. Und vor allem wird es länger dauern. Er ruft seine Frau an.
»Du Schatz, ich hatte fast einen Unfall.«
»Was?? Geht es dir gut? Soll ich zu dir kommen?«, fragt seine Frau besorgt und unterdrückt dabei das Knirschen der Chips in ihrem Mund.
»Nein, das musst du nicht. Mir geht es gut. Ich musste nur einem Idioten auf einem Moped ausweichen, dabei ist eine Stiege mit Senf vom Anhänger gerutscht und da ich auf einer Brücke war, ist leider ein Glas nach unten gefallen. Und das hat einen Mann am Kopf getroffen. Es war ja keine Absicht von mir. Warum sollte ich das tun? Ich verübe schließlich keinen Anschlag mit einem Senfglas! Aber nach ihm schauen muss ich schon.«
Sie versichern sich noch eine Weile, dass wirklich alles in Ordnung ist und Pavel sich um den Verletzten kümmern kann, während die Frau sich bei Chips und Wein den Abend um die Ohren schlagen muss. Pavel steigt schweren Schrittes die Stufen hinab und bewegt sich auf den Verletzten zu.
Derweil bewegen sich unzählige Datenmengen in einem scheinbaren Labyrinth. Gesprächsfetzen werden aufgezeichnet, ausgewertet, gesammelt und verteilt. Spracherkennungsprogramme lassen Prüfungsalgorithmen ablaufen. Sie sind genau geeicht und erkennen selbst kryptische Informationen. In Fort Mead sitzt Pawel, Urenkel sorbischer Einwanderer in die USA, vor seinem Bildschirm und erhält eine verdächtige Information.
»Anschlag mit Senfgas.«
Er spielt den Mitschnitt noch einmal ab.
»Anschlag mit Senfgas«, ganz klar!
Oh Gott! Das kann doch nicht wahr sein. Vor allem nicht, weil es ganz eindeutig aus Deutschland kommt. Ein Anschlag mit Senfgas in Deutschland? Er hört sich die Aufzeichnung noch einmal an. Dann schaut er auf die Nummer, den Aufnahmeort und stellt die Person fest. Ein Pavel. Lustig. Ein Namensvetter in Deutschland. Und ein Sorbe ist er auch noch. Er lässt die Datenbank arbeiten. Oha. Dieser Pavel tritt offen für die Unabhängigkeit der Sorben in Deutschland ein und fordert die Abspaltung. Das liegt offen auf der Hand: Ein Rebell, der die Unabhängigkeit der Sorben in Deutschland fordert, plant einen Anschlag mit Senfgas, um seine Forderungen durchzusetzen. Nun ist Eile geboten. Pawel greift zum Handbuch für Notfälle und studiert die Abläufe.
Einige Stunden später beugen sich zehn Männer und zwei Frauen an einem Tisch über Ausdrucke und verfolgen auf einem Flatscreen die Datenanalyse. Ganz eindeutig. Ein Senfgasanschlag der Sorben Deutschland! Das kann unmöglich sein! Aber die Datenlage ist eindeutig. Präsident Backaroma schaut zu Außenminister Kerrygold. »Was sollen wir tun?«
»Die USS George H.W. Bush ankert vor Hamburg«, antwortet Kerrygold. »Eigentlich sollen unsere Jungs vor Beirut in Stellung gehen, um Damaskus ins Visier zu nehmen.«
»Hm«, antwortet Backaroma weltmännisch. »Wie schnell können sie in …« Er schaut noch einmal in die Akten »… Lübbenau sein?«
»Über die Nord- und Ostsee, die Oder und die Neiße geht das ganz schnell.«
»Wir müssen die Zentrale der Rebellen ausschalten!« Backaroma merkt, dass ihm keiner zuhört. Wie immer in diesem Sauladen. Und nicht einmal eine Kamera ist in der Nähe.
»Hm«, räuspert er sich und hat sofort die volle Aufmerksamkeit. »Bringt die Kameras her!«, befielt er einem Statisten, der hastig das Tablett mit den Häppchen beiseite stellt und den Raum verlässt. Ein Pult wird herbeigeholt, eine Kamera davor drapiert. Backaroma lässt sich pudern, dann tritt er vor das Pult. Die Kamera läuft.
»Guten Morgen, liebe Landsleute, liebe Brüder und Schwestern in Deutschland! In einer der schwersten Stunden stehen wir unserem Bündnispartner Deutschland zur Seite. Wir werden erstens die Lübbenau-Frage, zweitens die Frage des Korridors der Sorben lösen und drittens dafür zu sorgen, dass im Verhältnis Deutschlands zu den Sorben eine Wendung eintritt, eine Änderung, die ein friedliches Zusammenleben sicherstellt. Ich bin dabei entschlossen, so lange zu kämpfen, bis entweder die derzeitige provisorische sorbische Regierung unter Pavel geneigt ist, diese Voraussetzung herzustellen, oder bis eine andere sorbische Regierung dazu geneigt ist. Ich will von den deutschen Grenzen das Element der Unsicherheit, die Atmosphäre ewiger bürgerkriegsähnlicher Zustände entfernen. Ich will dafür sorgen, dass im Osten der Friede an der Grenze kein anderer ist, als wir ihn an unseren anderen Grenzen kennen. Ich will dabei die notwendigen Handlungen so vornehmen, dass sie nicht dem widersprechen, was ich Ihnen hier und im Kongress selbst als Vorschläge an die übrige Welt bekanntgab. Das heißt, ich will nicht den Kampf gegen Frauen und Kinder führen. Ich habe meinen Streitkräften den Auftrag gegeben, sich auf militärische sorbische Objekte bei ihren Angriffen zu beschränken. Wenn aber der Gegner daraus einen Freibrief ablesen zu können glaubt, seinerseits mit umgekehrten Methoden kämpfen zu können, dann wird er eine Antwort erhalten, dass ihm Hören und Sehen vergeht! Die Sorben haben heute abend zum erstenmal auf dem Territorium eines Bündnispartners mit Senfgas angegriffen. Ab 5.45 Uhr wird zurückgeschossen! Und ab dann wird Senfgas mit Senfgas vergolten! Wer mit Gift kämpft, wird mit Giftgas bekämpft. Wer selbst sich von den Regeln einer humanen Kriegsführung entfernt, kann von uns nichts anderes erwarten, als dass wir den gleichen Schritt tun. Ich werde diesen Kampf, ganz gleich, gegen wen, so lange führen, bis die Sicherheit des amerikanischen Volkes und seiner Bündnispartner gewährleistet ist. Und ich habe hier und heute wieder jenen Rock angezogen, der mir einst selbst der heiligste und teuerste war. Ich werde ihn nur ausziehen nach dem Sieg, oder ich werde dieses Ende nicht erleben!«
»Klasse Rede, Mister President«, sagt Kerrygold. »Die Aufzeichnung geht dann gleich raus an alle Sender und ich habe den Marschbefehl an unsere Jungs weitergeleitet.«
Währenddessen freut sich ein erschöpfter Pavel, als er sich im Krankenhaus über den schlafenden Verletzten beugt, dass dieser nur eine kleinere Wunde und eine Gehirnerschütterung hat. Keine bleibenden Schäden, das Senfglas hat ihn nur gestriffen. Glück gehabt.

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