Wir müssen gewinnen, alles andere ist primär!

Grüner Fußball Rasen - Green Soccer Grass

»Wo ist Jacky?«, frage ich Adam, der hinter dem Tresen steht und ein Timothy Taylor’s für einen der Gäste des Pubs zapft. Ich bin auf der Suche nach der Chefin vom »Jolly Brewers«, um herauszufinden, ob ich mein Zimmer noch bezahlen muss, oder ob es bereits bezahlt wurde. »Sie raucht draußen«, antwortet mir Adam knapp. Die Briten mussten bereits deutlich vor uns das Rauchen an die frische Luft verlegen, weshalb sich immer üppige Menschentrauben vor den Pubs bilden, die immense Rauchzeichen an andere Pubs verschicken. Ich finde Jacky im Nebel und sie sagt mir, dass ich nichts mehr zu bezahlen hätte. Ich freue mich und will mich von ihr verabschieden, weil ich am nächsten Morgen abreisen werde. Sie aber zieht mich zu sich. »Mein lieber Deutscher, so geht das nicht! Du musst zum Abschied noch ein Pint mit mir trinken!«
»Nein, Jacky, lass mal«, antworte ich freundlich, »ich habe während der letzten Woche in England so viel Bier getrunken wie sonst in einem Jahr zu Hause.«
Sie legt den Kopf schief und sagt langsam: »Aber ein Whisky ginge dann schon, oder?«
»Das ist etwas anderes«, sage ich ihr und schon hat sie mich ins Pub und hinter die Bar geschoben. Sie zeigt in das obere Regal.
»Such dir einen aus!«, sagt sie einladend. Ich greife zum »Monkey Shoulder«, weil es der Einzige ist, den ich nicht kenne.
»Schenk dir ein, soviel du magst«, sagt mir Jacky. Sie ist eine kleine, quirlige Frau von sechzig Jahren mit einem Haarschnitt, der mich irgendwie an die Beatles erinnert. Unter dem grauen Schopf schauen mich zwei neugierige braune Augen an, und wenn sie lächelt, zeigt die Zahnlücke links oben, dass alle Vorurteile gegenüber dem britischen Gesundheitssystem berechtigt sind. Ich gieße mir vorsichtig etwas ins Glas, was Jacky sofort korrigiert, indem sie es fast bis zum Rand füllt.
»Du bist mein Gast«, sagt sie bestimmt. Trotzdem muss sie in die Küche gehen, wofür sie sich entschuldigt. Ich bleibe nicht lange allein. In einem britischen Pub geht das auch schlecht. Steve kommt zu mir. Ein groß gewachsener Kerl mit der Statur eines Rugby-Spielers. In seiner linken Hand hat er ein Ale und mit der rechten zeigt er auf meinen Whisky.
»Weißt du überhaupt, warum der so heißt?«, fragt er schon fast lallend.
»Ja«, antworte ich grinsend. Das Erstaunen kann Steve nicht nur wegen des Alkohols in seinem Körper nicht verbergen. »Lass hören«, fordert er mich auf.
»Es ist ein Blended Whisky, der zu Ehren der Männer benannt wurde, die auf den Mälzboden die Gerste wenden. Da sie das ein Leben lang machen und immer schwer mit den Schaufeln arbeiten, bekommen sie einen Haltungsschaden, der ›Monkey Shoulder‹ genannt wird.«
Steve schaut mich an, als wäre ich der Papst, der die abtrünnigen Protestanten besucht, um ihnen am Ende doch noch recht zu geben.
»Shit«, sagt er treffend. Er fragt dann noch, ob ich auch noch den Unterschied zwischen einem Blended Whisky und einem Single Malt kenne. Auch da kann ich ihm weiterhelfen, während sich mein Glas wie von Geisterhand leert.
»Wer wird Fußball-Weltmeister?«, fragt Steven plötzlich. Ich lache und sage ihm: »England sicher nicht!«
»Vorsicht! Wir sind ohne Niederlage durch die Qualifikation gekommen und wir werden beim Titel ein Wörtchen mitreden!«
Wie sagte Tony Schumacher einst: »Ich habe das Gefühl, England ist nicht mehr das Mutterland des Fußballs, sondern eher das Großmutterland.« Sollte ich ihm das sagen? Mir fällt auch noch ein anderes schönes Zitat ein, das sich aber nicht so gut ins Englische übertragen lässt: »Vom Feeling her habe ich ein gutes Gefühl« – Andy Möller.
»Vielleicht sind wir mal wieder dran. Den letzten Titel gab es 1996 bei der Europameisterschaft. Und da haben wir übrigens im Halbfinale gegen euch gewonnen!« Ich proste ihm zu. »Im Elfmeterschießen!« Der Whisky schmeckt wirklich gut.
»Warte es ab! Wir gewinnen gegen Italien im ersten Spiel, dann auch gegen Uruguay und schließlich noch gegen Costa Rica. Als Gruppenerster spielen wir gegen Griechenland oder Kolumbien und im Viertelfinale hauen wir die Spanier raus. Im Halbfinale treffen wir auf Argentinien und euch schlagen wir dann im Finale auch. Mein Tipp fürs Finale lautet England gegen Deutschland 3:1. Du kannst jetzt noch einen Whisky auf Jackys Kosten trinken.« Er grinst mich an und leert sein Glas.
»Mach dir einfach keine Hoffnungen, lieber Steve«, sage ich schließlich, »ihr werdet nie gegen uns gewinnen, weil wir im Gegensatz zu euch immer mit einem Torwart spielen.«
Steves Gesichtsausdruck sagt mir, dass ich gewonnen habe.
»Und wer wird bei euch Meister?«, frage ich ihn, um die leidige Diskussion des kommenden Weltmeisters abzuschließen.
»Manchester City. Ganz klar. Die gewinnen die letzten Spiele, da kann Liverpool machen, was es will. Ich bin aber Tottenham-Fan.«
Jacky kommt zu uns. »Na, Männer, worüber sprecht ihr?«
»Sex«, sage ich schnell.
»Fußball«, Stephen.
»Nur gut, dass ihr euch einig seid. Und, wer wird Weltmeister?«
»England«, lallt Stephen.
»Deutschland oder Brasilien, Hauptsache, der Weltmeister kommt aus Europa!«
Sie sehen mich fragend an.
»Das war ein Insider. Fragt Andy Möller.«

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