… alles soll sein, wie es bleibt …

Nun ist es wieder soweit. Sanftmütig blicken wir zurück, entdecken dabei voller Schwermut all die Dinge, die wir doch nicht geschafft haben und planen mit neuem Tatendrang ein frisches Jahr, das noch jungfräulich und gerade deshalb plan- und steuerbar vor uns liegt. Es beginnt die Phase des „ich müsste mal wieder“. Endlich wieder Aquarelle malen, den Körper mit Bewegung und den Geist mit intellektuellem Input verzücken, länger und gesünder leben und vor allem vom latenten Selbstmörder der eigenen Träume zum lebensbejahenden Optimisten werden. Das ist schon alles. Unsere Psyche hat alle Synapsen voll zu tun, denn sie muss wahre Wunder zwischen Anspruch und Wirklichkeit vollbringen. Gewohntes aufgeben, Neues entdecken, aber bitte: So sicher wie möglich!! Individuell sein und keinesfalls wie die Anderen, aber auch nie ohne die Anderen.  Ein Leben als Gummiband zwischen den Extremen. Dieses dauernde Miasma im Kopf, das endlich verschwinden soll.

Vielleicht wäre es bei diesen Herausforderungen doch besser, den einfachen Weg zu gehen: Wir sollten auch im neuen Jahr die Antidepressiva der täglichen Verblendung schlucken und aus dem Quell der Fernsehsender „Beta-Blocker-TV“ einschalten, ihn ruhig konsumieren, damit wir weiter jeden Morgen mit Frohsinn aus den Betten schnellen und den angenehmen Chemiefraß in uns kippen, den wir kunstvoll Cerealien, Functional Food und Energydrinks  nennen. Cerealien für den Körper und „Bauer sucht Frau“ für den Geist – so gedeihen prächtig neue Ähren auf dem Acker unserer Illusionen. Die guten Vorsätze wehen derweil dahin wie die Lumpen an einer Vogelscheuche und wenn es uns doch etwas mulmig wird, ziehen wir raus in die Welt, verziehen uns in neue Tempel und konsumieren dort. Vor der Nahrungsaufnahme erfolgt mit unseren Smartphones die Nahrungs-Aufnahme. Wir haben die Verbindung zum Netz immer griffbereit in unseren Halftern, damit zumindest die Nachwelt nicht das verpasst, was wir gerade verpassen: Den Moment. Hingabe. Erleben. Vor jedem Erleben steht das Veröffentlichen. Wir regen uns über die NSA auf, posten uns aber zu Tode, nur um sicher zu sein, dass wir vorher gelebt haben. Wenigstens irgendwo da draußen, in diesem virtuellen Nirwana, wenn es schon im richtigen Leben nicht klappt. Food-Porn, Konsum-Porn und Travel-Porn für die Seele, Unsterblichkeit, ganz virtuell. Zwar wollten wir mehr Sport treiben, weniger rauchen, weniger trinken, weniger verblöden, doch am Ende glimmt all das an einem dünnen Stängel wie ein letzter Funken Hoffnung, den wir mit genau den Füßen treten, mit denen wir lieber in die Konsumtempel laufen. Zum Schluss sind wir Menschen auf der Erde wie ein Haufen viel zu vieler Fische, die aus einem völlig verdreckten Aquarium nach draußen schauen, ohne zu begreifen, was dieses „Draußen“ ist. Und schuld daran ist sowieso immer dieser blöde Fisch neben mir. Der, der zwar genauso blöd glotzt wie ich, aber ausnehmend bescheuert aussieht. Außerdem malt er auch noch so wunderbare Aquarelle, hier, landunter.

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