Berlin, Berlin, ich fahre nach Berlin!

Jeder Staatsbürger sollte einmal im Leben seine Hauptstadt gesehen haben. Am Tag der heiligen Könige sehe ich die eiligen Heiligen über das bedeutsame Pflaster der Bundespolitik flanieren, sehe echte Berliner zum Anfassen und kann mein Glück kaum fassen. Bereits am Vormittag fällt mir auf, dass es sehr viele Hauptstädter gibt. Sie mögen arbeitslos oder aber politisch oder touristisch aktiv sein. Anders ist diese Masse an Menschen nicht erklärbar. Und was so wunderbar angenehm auffällt, ist diese Nächstenliebe, der soziale Zusammenhalt! Alle paar Meter fragen mich junge Menschen mit einem scheinbar alternativen Lebensentwurf nach Geldern unterschiedlicher Stückelung. Ob ich diese nicht entbehren könne, fragen mich diese netten Raskolnikoffs und Jemeljans. Ich lasse sie hinter mir und kann an jeder Straßenecke die Geschichte dieser Stadt einatmen. Und Berlin ist so voller Geruch und Gestank der Geschichte! Aber auch Ambrosia liegt in der Luft, denn es riecht nach Selbstlosigkeit und Hingabe, nach Menschen, die unser staatsbürgerliches Wohl verfolgen. Historische Zeugnisse legen das Deutsche Historische Museum, das Pergamonmusem, das Museum für Naturkunde und diverse Mahnmale ab. Ich war als heranwachsender Jüngling einst im Museum für Naturkunde und bestaunte das Skelett des Brachiosaurus. Und heute, endlich, kann ich mitten in Berlin die größten noch lebenden Dinos bestaunen. Der Kranus Saurus! Eigentlich ist er ein scheuer Steinfresser, aber hier in Berlin kann man ihn im Rudel antreffen. Wenn man genau hinsieht, erkennt man sogar den großen Kranus Saurus Rex, der bis an den Fernsehturm heranreicht.

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Unsere Hauptstadt muss sehr reich sein, denn bekanntermaßen frisst der Kranus Saurus sehr viele Steine, gern auch große Mengen Kies. Er bedarf starker Pflege und muss viel bewegt werden. Ein kleines Rudel von sechs Kranus Saurus  hilft dabei, ein Schloss zu bauen, das ganz sicher nie fertig werden wird.
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Im Park treffe ich auf Marx und Engels und gleich neben ihnen verkaufen ein paar Jugendliche Opium fürs Volk.

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Und da! Mein Herz zieht sich zusammen. Ich sehe meine Jugendliebe wieder. Auf dem Rand des Neptunbrunnens räkelt sich die Rhein-Dame und ich erkenne sie sofort wieder. Damals, als ich auch den Brachiosaurus kennenlernte, ließ ich mich von meiner Mutter mit der Schönen zusammen ablichten. Und nachdem ich in unserer Beirette für die Nachwelt festgehalten war und meine Mutter sich anderen Schnappschüssen widmete, griff ich der Nymphe an die Hupen und hatte meine erste Erektion. Und nun stehe ich wieder vor ihr und nichts passiert. Sie sieht allerdings auch schon etwas abgegriffen aus.

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Kurz vor dem Alexanderplatz erlebe ich ein ganz seltenes Naturschauspiel. Ein Kranus Saurus hilft dem Apiformes Saurus, einem Vorläufer unserer heutigen Honigbiene, die Waben zu errichten.

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Nur ganz selten gehen die scheuen Tiere eine solche Symbiose ein, aber in Berlin sind eben auch unmögliche Koalitionen möglich. Ungeachtet solcher Wunder gehe ich weiter und lausche auf dem Alex der faszinierenden Musik von Nuria Edwards, der ich ganz offiziell, aber ohne Quittung, fünf Euro für eine CD gebe. Da ich damit eindeutig als solventer Musikliebhaber enttarnt bin, tummeln sich um mich herum sofort eine Handvoll Kinder. Ich gebe den Kindern Raskolnikoffs und Jemeljans je 50 Cent. Sie haben ja auch so schöne Rappermützen auf. Auf dem Weg zu meinem eigentlichen Termin und dem Grund meiner Hauptstadt-Reise werde ich kurz sentimental. Gleich beim S-Bahnhof Friedrichstraße befindet sich die Turnhalle der Humboldt-Uni, in der ich 1998 während der Deutschen Studentenmeisterschaften genächtigt habe. Völlig entkräftet kam ich dort an, schleppte mich auf die Waage und war glücklich: 90,5 Kilogramm und damit ein halbes Kilo unter dem Limit. Sofort danach ging ich in die nächste Dönerbude und verputzte zwei Döner, während auf einem Fernseher zu sehen war, wie Frankreich bei der Fußball-WM mit 3:0 gegen Südafrika gewann und damit den Grundstein für den späteren Titelgewinn legte. Ich wollte eigentlich auch einen Titel gewinnen, verlor aber im Finale des Schwergewichtsboxens gegen einen Blödmann, der auch noch kleiner war als ich und BWL studierte. Hätte ich mal lieber drei Döner gegessen.
Heute aber gibt es kein Fastfood, zudem habe ich die Freude, meine Berlinreise mit einer Zeugenaussage vor dem Amtsgericht in Tiergarten zu krönen. Mit der S-Bahn fahre ich mit Tausenden von Arbeitslosen und -suchenden in den Westen und stehe dann vor einem geschmacklosen Bau. Ich komme durch die Personenkontrolle und sitze schließlich auf einem noch geschmackloseren Gang, um auf meinen Aufruf als Zeuge zu warten. Von links nähert sich eine Dame mittleren Alters mit der Frisur eines Nymphensittichs und einem Gesicht, das die Schwere ihres Amtes zum Ausdruck bringt, und von rechts kommt eine Frau in der 68er-Ausgabe in Kartoffelsackklamotten, für die die Zeit stehengeblieben ist. Beide fahren auf einem lustigen Wägelchen, das sonst für Akten bestimmt ist, je eine Topfpflanze spazieren. Wahrscheinlich brauchen alle vier Auslauf.
„Grüß dich! Und ein gesundes Neues noch!“, sagt die Linke von rechts. „Dir auch! Und? Bist du schon wieder voll dabei?“
„Nein! Ich mach erst mal ganz langsam. Und du?“
„Ich auch. Ich sortiere ein paar Akten und dann wird der Tag auch schon wieder rum sein.“
Sie tauschen noch ein paar Belanglosigkeiten aus und da ich inmitten von fünf weiteren Zeugen sitze, die allesamt durchaus Steuerzahler sein könnten, spüre ich eine gewisse, wenn auch noch unterschwellige Bereitschaft, die Zeugenschaft freudig gegen eine Täterschaft zu tauschen. Die beiden mutmaßlichen Opfer verabreden sich auf eine Zigarette und ich kann nun den Qualm geschmorter Plaste riechen, die von den Stellen aufsteigt, an denen sich die Zeugen mit ihren Händen in die billigen Wartestühle krallen. Nur wenige Stunden später mache ich meine Aussage (die eigentlich nichts zur Sache tut) und kann die Hauptstadt wieder verlassen. Die Kranus Saurus arbeiten fleißig weiter, bei Marx und Engels gibt es Opium fürs Volk und die Raskolnikoffs und Jemeljans sind noch mehr geworden. Berlin ist immer eine Reise wert. Nette Menschen, gestresste Menschen und tief entspannte Menschen kann man hier treffen. Menschen, soweit das Auge reicht! Sogar Politiker sieht man an jeder Ecke. Auf dem Heimweg erfahre ich aus den Nachrichten, dass die Kanzlerin auch wieder in Berlin ist und dieses Land trotz Krankheit regiert. Kein Wunder! Denn wer würde das denn im gesunden Zustand tun?

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