Die verbotene Frucht

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Der Apfel ist schon etwas sonderbares. Von außen so hart, aber doch besteht er zum Großteil aus Wasser. Er kann gleichsam süß und sauer sein. Und nicht zuletzt gilt er als die „verbotene Frucht“, auch wenn das wahrscheinlich nur eine Marketingaktion des Christentums ist, denn was für ein Baum es nun genau war, wissen wohl nur Adam und Eva. Tatsächlich war der Apfel den Menschen schon immer unheimlich. Schneidet man ihn längs auf, wollte man vor Urzeiten die sakrosankte Mitte Evas erkennen. Teilt man ihn indes horizontal, erblickt man ein Pentagramm, das Zeichen des Teufels.
Heute hat der Apfel eine andere kultische Bedeutung erhalten. Er prangt auf Laptops, Telefonen und elektronischen Dingern, die eigentlich kein Mensch braucht. Aus einem Apfel kommt Musik, man kann in ihm lesen oder aber tolle Bildchen gestalten. Mag Steve Jobs fragwürdig in der Behandlung seiner Mitarbeiter gewesen sein, aber er hat den Apfel zu einem neuen Götzen aufgebaut. Die Götzenverehrung geschieht in edel-weißen Tempeln, in denen man versonnen über Weißlackoberflächen streichen kann oder aber krampfhaft den Typen sucht, der den Apfel angeknabbert hat.
Da ich in einem Bahnhofsgiganten auf einen Anschlusszug warten muss, vertreibe ich mir die Zeit in einem blühend weißen Laden und schlendere ein wenig durch die Regale. Ein Apfeljünger wittert die Kaufeslust in mir und spricht mich an. „Kann ich Ihnen vielleicht helfen? Suchen Sie einen iPod oder das neue iPhone? Oder unser iPad?“ Ich schaue ihn verwirrt an. Was heißt das eigentlich?  Haben diese neu erschaffenen Begriffe eine Bedeutung? Ich-Kasten, Ich-Telefon und Ich-Polster?
„Wenn ich schon einmal da bin, können Sie mir ja mal das iPad zeigen.“ „Sehr gern“, strahlt er mich an, „kommen Sie mit, Sie werden staunen!“
Ich staune vor allem, wie schnell er durch die Gänge hetzt. Schließlich stehen wir vor einem glänzenden Bilderrahmen. In affenartiger Geschwindigkeit schaltet er das Gerät ein und springt vom Internet zu einem Buch und von dort zu den Emails, um dann bei einer Fotogalerie zu landen. Er strahlt mich an.
„Und? Was sagen Sie? Toll, oder? Ich sage Ihnen, das ist eine absolute Revolution!“ Sein Gesicht schwebt vor mir wie das der bösen Königin vor Schneewittchen. Der Apfel muss einfach vergiftet sein.
„Na ja“, sage ich, „das kann mein Rechner auch. Und mein Laptop erst recht.“
„Das mag ja sein. Doch berühren Sie das iPad nur einmal, streichen sie darüber und sehen sie sich dann noch die Auflösung an.“ Wie ein Junkie streicht er über das Gerät und ich muss unweigerlich an meine Jugendjahre denken. Ich bin wenigstens noch für „Erotisches zur Nacht“ aus dem Bett gekrochen, wenn meine Eltern schliefen, aber dieser völlig kranke Typ nimmt wahrscheinlich seinen iPad mit ins Bett. Mitleidig schaue ich ihn an.
„Ich glaube nicht, dass ich das brauche.“ Er springt zur Seite. „Dann haben Sie aber noch nicht alle Vorzüge kennengelernt! Lesen Sie gern?“
„Ja. Sehr sogar.“
„Auf dieses iPad passen mehr Bücher, als Sie je lesen werden!“
Ich schaue ihn an und runzle die Stirn. „Sagen Sie mir bitte noch, warum ich mehr Bücher haben sollte, als ich lesen kann?“
„Darum geht es doch gar nicht. Sie könnten sie lesen.“
„Und wozu brauche ich mehr Bücher, als ich je lesen könnte?“
„Damit Sie die Gewissheit haben, dass Sie sie bei sich haben, für den Fall, dass sie irgendwann einmal genau das Buch lesen können, was Sie gerade wollen.“
„Könnte ich dann nicht einfach aufstehen und zum Bücherregal gehen?“
„Und wenn Sie das Buch gar nicht haben?“
„Dann lese ich es später.“ Er schaut mich an, als wäre ich ein Relikt aus einer vergangenen Zeit. Ich überlege, ob ich ihm sage, dass ich einen BASIC-Grundkurs belegt habe und es zu meiner Jugendzeit noch Kassettenrekorder gab. Doch er fängt sich.
„Aber sehen Sie doch. Genau darum geht es! Sie können jederzeit das lesen, was Sie wollen. Immer im Internet sein oder Mails schreiben. Sie haben dieses stylische Gerät bei sich und sind jederzeit vernetzt mit allen Möglichkeiten!“
„Toll. Und wenn ich das gar nicht will?“
Er schaut mich betreten an. Ein bisschen tut er mir leid. So ein tolles kleines Teil und ich will nicht. Wahrscheinlich kann man mit dem Ding auch noch kochen und backen und bei weiterem technologischen Fortschritt ploppen aus dem Display nacheinander ein Sixpack und eine ukrainische Prostituierte, die nicht weiß, wie sie hierher gekommen ist, aber trotzdem mitmacht. Weil er sich so angestrengt hat, will ich ihm einen Erfolg gönnen.
„Schauen Sie, mein Telefon ist kaputt. Was haben Sie denn da für mich?“
„Gerade eben reingekommen!“ Er greift in seine Hosentasche. „Ich habe es selbst gleich genommen. Schauen Sie nur! Das neue iPhone 6. Das Beste, das es je gab. Sehen Sie sich nur einmal diese brillante Darstellung an! Ermöglicht durch ein hochauflösendes Retina-Display.“
„Fein“, antworte ich, „das habe ich auch.“
„Nein. Entschuldigen Sie, aber wenn Sie nicht dieses Gerät hier besitzen, geht das gar nicht.“
„Doch, doch. Ich schaue Sie jetzt damit an. Genau in diesem Moment. Und ich sehe Sie glasklar.“
Er übergeht meinen Netzhauthinweis galant und beschreibt mir minutenlang die Vorzüge des zugegebenermaßen formvollendeten Kastens. Am Ende strahlt er mich an.
Ich strahle zurück: „Sagen Sie, kann das Ding auch telefonieren?“
Er sieht mich wieder entgeistert an. „Hören Sie mal! Vor Ihnen liegt das meist begehrteste Smartphone der Welt. Das iPhone war in der ersten Generation die Erfindung des Jahres 2007! Alle anderen Hersteller kopieren die Genialität von Apple nur, schaffen es aber trotzdem nicht. Sie haben hier nicht einfach nur ein Telefon vor sich, nein das ist Kult. Ach, was sage ich, das ist Religion!“
Ich bin beeindruckt. „Ist Steve Jobs dann so etwas wie Gott und muss ich künftig Kirchensteuer an Apple zahlen?“
Nun schaut er grimmig. „Wollen Sie mich verarschen?“
„Das läge mir fern. Außerdem wäre bei Ihnen veräppeln wohl angebrachter. Und da Sie mich schon auf die Idee bringen: Haben Sie auch was mit Birnen? Die mag ich eigentlich lieber als Äpfel.“

1 Kommentar zu „Die verbotene Frucht“

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