Ein Schwesterle im Paradies

»Antidiskriminierungsstelle des Bundes, guten Tag. Ich heiße Alice Weiß, was kann ich für Sie tun?«
»Ja, ähm, hier ist der Mario.«
»Habe ich Sie richtig verstanden, Maria? Sie heißen Maria?«
»Nein, ich bin DER Mario.«
»Ja, und was wollen Sie dann?«
»Ich will bei Ihnen eine sexuelle Belästigung anzeigen.«
»Also sind Sie doch Maria, nicht wahr, Mario? Sehen Sie, wir sind für Sie als Betroffene da. Haben Sie keine Scheu und öffnen Sie sich. Sie müssen sich nicht verstecken, liebe Maria.«
»Ich heiße MARIO!! Und ich bin ein Mann. Merken Sie das nicht an meiner Stimme?«
»Naja, jetzt, wo Sie es sagen … kann schon sein. Und was wollen Sie dann, Mario?«
»Wie ich schon sagte: Eine Anzeige wegen sexueller Belästigung erstatten.«
»Oh Gott! Entschuldigen Sie bitte, lieber Mario! Wie konnte ich nur! Das ist mir jetzt aber peinlich. Sie haben einen schwulen Chef, stimmt’s?!«
»Nein. Ich habe ein Chefin. Und sie hat mich sexuell belästigt.«
»Moment bitte, Mario.«

»Hallo Mario, da bin ich wieder, die Alice. Ich habe bei uns nachgeschaut. Das geht leider nicht. Sie müssen sich irren.«
»Nein, das tue ich nicht! Hören Sie mir jetzt einfach zu, Alice! Ich saß in meinem Büro am Schreibtisch, als es klopfte. Frau Paradies, meine Chefin, kam herein, postierte sich mir gegenüber am Schreibtisch und grüßte förmlich. Dann legte sie eine Akte auf den Tisch, schob sie mir rüber und beugte sich über den Schreibtisch hinweg zu mir. Dabei spitzte sie lasziv die Lippen und gewährte mir einen Einblick in ihre Bluse, dass mir fast der Atem stockte.«
»Darf ich Sie kurz unterbrechen, Mario?«
»Warum denn?«
»Würden Sie zustimmen, dass Ihre Chefin auch ein Dirndl gut ausfüllen könnte?«
»Oh ja, mehr als das. Aber abgesehen davon konnte ich fast zu ihrem Bauchnabel schauen und ich entdeckte kurz über diesem ein Muttermal, das mich erregte.«
»Soso. Reden Sie ruhig weiter, Mario, ich bin ganz Ohr.«
»Jedenfalls sagte Frau Paradies, dass ich es sicher schaffen werde, diesen Vorgang bis übermorgen zu bearbeiten, so flink, wie ich immer sei. Außerdem sei ihr schon aufgefallen, dass ich athletisch sei und sie wisse auch, wie belastbar ich wäre. Ich konnte gar nicht mehr ihren Worten lauschen, weil ich immer auf ihre Titten starren musste.«
»MARIO????«
»Ja?«
»Sagen Sie, haben Sie gerade ›Titten‹ gesagt?«
»Ja, warum?«
»Nun ja, die stehen hier auf meiner Liste.«
»Die Titten von Frau Paradies? Sie ist also eine Wiederholungstäterin?«
»Nein, jetzt haben Sie mich falsch verstanden. Sie dürfen nicht ›Titten‹ sagen. Oder, Moment mal, ich bin gleich wieder da …

… Mario?«

»Ja?«
»Da bin ich wieder. Ich habe mit meiner Abteilungsleiterin gesprochen und es ist jetzt natürlich etwas anderes, da Sie ›Titten‹ gesagt haben. Im günstigsten Fall könnten wir es als Selbstanzeige werten.«
»Wie bitte?«
»Na, Mario, Sie können doch unmöglich die Brüste ihrer Chefin als ›Titten‹ bezeichnen. Das ist eindeutig sexuelle Belästigung, zumal Sie vorhin auch behauptet haben, dass die Brüste von Frau Paradies auch in ein Dirndl ausfüllen könnten. Und Sie sagten sogar: mehr als das.«
»Aber doch nur, weil Sie gefragt haben!!«
»Lieber Mario, gesagt ist gesagt, das ist ja das Schlimme bei der sexuellen Belästigung. Das lässt sich nicht so schön wieder gut machen, wie ein Blechschaden am Auto. Sie wirkt tiefer, in der Seele der Betroffenen.«
»Wie bitte?? Und was ist mit meiner Seele? Frau Paradies hat mich sexuell belästigt und ihre Reize eingesetzt, um unter Ausnutzung ihrer Machtposition dafür zu sorgen, dass ich mich schlecht fühle und die mir vorgelegte Arbeit in jedem Fall mache.«
»Mario, jetzt muss ich aber einmal bestimmter werden, es tut mir leid. Sie rufen hier an und sagen ganz eindeutig, dass es um die ›Titten‹ Ihrer Mitarbeiterin geht und Sie diese auch gern in einem Dirndl sehen würden. Nicht zuletzt sagten Sie auch, dass Sie der Blick auf diesen Leberfleck erregt hat. Wenn ich das zusammenrechne, dann haben wir bestimmt acht Brüderle auf der Brüderle-Skala, die bis zehn reicht. Das ist nicht ohne und ich weiß nicht, ob da eine Selbstanzeige überhaupt noch geht.«
»Jetzt reicht es aber, Frau Weiß!! Frau Paradies ist nicht meine Mitarbeiterin, sondern meine Chefin und Sie verdrehen mir gerade die Worte im Mund! Was sind Sie eigentlich für eine verklemmte Emanze? Sie sollten sich zu Hause mal ordentlich durch …«
»MARIO!!! Jetzt vergreifen Sie sich im Ton!! Männer wie Sie sind es, die die Erfolge der Emanzipation mit Füßen treten! Kerle wie Sie sehen uns Frauen nur als bloßes Objekt der Begierde, wo wir doch aber INNERE Werte haben, die denen der Männer um ein vielfaches überlegen sind.«
»Ich lege jetzt auf.«
»Das sieht Männern wie Ihnen so ähnlich!! Erst starren Sie auf die ›Titten‹ Ihrer Mitarbeiterin und holen sich mental einen auf den Leberfleck runter, dann wollen Sie die arme Frau Paradies in ein Mieder stecken und jetzt, wo es darum geht, mir Rede und Antwort zu stehen, stehlen Sie sich aus der Verantwortung. Wenn es nicht so albern wäre, könnte man glatt sagen, dass Sie den Schwanz ein …
… Mario, sind Sie eigentlich noch dran? Mario?«

3 Kommentare zu „Ein Schwesterle im Paradies“

  1. Hallo Mark,
    ich gehe davon aus, dass Namen und Handlungen in dieser Geschichte frei erfunden sind. Ich müsste mich sonst belästigt und diskriminiert fühlen. 🙂
    Liebe Grüße
    Mario

    1. Hallo Mario,
      ja, Namen und Handlungen sind frei erfunden. Nur eignete sich dein Name besonders gut für das Missverständnis. Außerdem bin ich mir sicher, dass du immun gegen sexuelle Belästigungen bist.

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