Lieber eine Muse auf dem Dach …

Ich habe sie im Knast kennengelernt. Ich habe mich dort auch in sie verliebt. Obwohl ich sie noch nie gesehen hatte. Alles begann mit einer Mail von ihr. Die galt zwar nicht mir, aber sie lag in meinem Postfach. Carlotta schrieb wütend, schrill und doch irgendwie süß. Sie schrieb sich ihren Frust über eine verlorene Nacht mit einem Penner von Kerl von der Seele und ich war darüber einfach nur amüsiert. Also habe ich ihr geantwortet. Dass ich der Falsche bin und sie sich beim Adressaten geirrt haben muss. Daraus hat sich ein monatelanger Briefwechsel ergeben. Anfangs dachte ich noch, dass ich nur ein einfacher Zeitvertreib für sie bin. Die Frau Lehrerin, die ihrer Work-Life-Balance nachgeht, indem sie mit einem Unbekannten mailt. Sich ihm anvertraut und ihr Leben ein bisschen mehr auf die Reihe bekommt. Wir haben nicht nur oberflächlich geschrieben, nein, das kann ich nicht sagen. Mit der Zeit vermisste ich ihre Mails, wenn sie mir nicht geschrieben hat.
Ein Tag im Knast ist furchtbar eintönig. Du stehst auf, machst dich frisch, frühstückst und dann geht es zu der Beschäftigung, zu der sie dich eingeteilt haben. Wie im Kindergarten. Die Gruppe zwei macht jetzt die und die Beschäftigung. Gruppe drei eine andere. Und so weiter. Wenn es Mittag ist, geht es zum Essen, danach kommt die Nachmittagsschicht. Um fünf beginnt das, was wir Freizeit nennen. Wir gehen einander auf den Geist, machen Sport oder Lesen. Wenn das Wetter gut ist, dürfen wir auf den Hof. Diese frische Luft zu atmen ist, als ob sie dir gleichzeitig den Hals zuschnüren. Du weißt, dass hinter den viel zu hohen Mauern die Welt von früher ist. Aber du bist kein Teil mehr von ihr. Deshalb schmerzt jeder Atemzug.
Manchen Tag bin ich gut motiviert und gehe zu den schweren Jungs beim Hanteltraining. Ich bin nur halb so stark wie sie, aber sie lassen mich mittrainieren. Doch wenn ich es ein paar Tage geschafft habe, frage ich mich, warum ich das tue. Wann soll ich hier wieder rauskommen? In zwanzig Jahren, wenn alles gut geht, in fünfzehn? Wozu diese Schinderei? Es macht alles keinen Sinn. Die Frage nach dem Überleben stellt sich nur, wenn es ein Morgen gibt. Ein echtes »Morgen«. Keins in vielen Jahren, wenn sich die Anstaltstür öffnet und du Angst vor der Welt draußen hast, weil sich alles geändert hat. Kerle, die vor fünfundzwanzig Jahren eingebuchtet worden sind, wissen nicht einmal, was das Internet oder wer Facebook ist. Du degenerierst hier völlig und weißt nicht mehr, was in der Welt vor sich geht. Du bekommst es am Rande mit, aber es hat keine Auswirkung auf dein eigenes Leben. Es ist vor allem weit weg.
In der Zeit, als ich die Mails an Carlotta geschrieben habe, hatte ich Hoffnung. Ich hätte auch nicht sagen können, dass diese Hoffnung ein Aussehen hatte, dass ich mit ihr ein Ziel hätte visualisieren können. Es war nur so ein Gefühl. Anfangs hatte das auch nichts mit ihr als Person und noch weniger mit ihr als Frau zu tun. Eine Stimme sprach zu mir, ein Ohr hörte mir zu. Ganz einfach so. Sie verstand mich nicht als Knasti und Verbrecher. Gut, ich habe ihr am Anfang auch nichts darüber erzählt. Aber es war auch nicht notwendig. Wir erzählten uns alles. Wobei, wenn ich es recht bedenke, erzählte vor allem sie alles. Sie ist eine Quasselstrippe. Sie labert unglaublich viel. Per Mail war das wirklich in Ordnung. Wenn sie aber im realen Leben losgelassen wird, hat man den Eindruck, ein Vulkan wird mit einem Erdbeben gekreuzt. Die pure Naturgewalt, die alles mit sich reißt und kein Erbarmen kennt. Das Einzige, das sich ihr in den Weg stellen kann, ist ihr Ego. Aber ansonsten ist sie unfehlbar und die Welt um sie herum muss ihr gehorchen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s