Lieber eine Muse auf dem Dach … (Folge 2)

Wo war ich? Ach ja, unsere Mailgeschichte. Wir mailten noch eine ganze Weile hin und her und ich erfuhr von ihr, dass sie einen neuen Freund hatte, der auch ganz toll war. Der Sebastian hätte es sein können. Aus heutiger Sicht würde ich ihr wünschen, dass er es geworden wäre. Carlotta aber musste beim Sex mit ihm meinen Namen brüllen. Mann, Mann! Das musst du dir als Kerl einmal vorstellen. Du mühst dich ab, fährst das volle Programm auf, verwöhnst sie nach Strich und Faden und gibst alles, was du hast. Sie ist auf dem sicheren Weg zum Glück, während du irgendwo zwischen ihren Schenkeln nach Gold gräbst. Das Stöhnen wird immer lauter, du hast das sichere Gefühl, dass du der größte Hengst im Stall bist und dann schreit sie, dass dir das Trommelfell platzt. Aber was schreit sie? Sie schreit einen Namen, der nicht deiner ist. Denn du heißt ja Sebastian und nicht Max. Nicht einmal mit Zweitnamen. Das hat Carlotta jedenfalls gebracht und es mir gebeichtet.
Bis dahin konnte ich mit ihr mailen, ohne meine ganze Geschichte erzählen zu müssen. Ich war ganz froh darüber, denn das brachte ein paar Minuten heile Welt, kleine Momente des Glücks, die nicht aus Knast und meiner unheilvollen Geschichte bestanden. Da sie nun aber glaubte, dass ihr im Moment der Ekstase aufgegangen sei, sie würde mich lieben, war es an der Zeit, ihr die ganze Wahrheit zu beichten.
Das kann man sich kaum vorstellen! Sie mailt mir und ich antworte darauf. Es entspinnt sich ein Dialog, der länger anhält und den ich auch nicht missen möchte. Und was macht diese durchgeknallte Carlotta daraus? Eine Liebesgeschichte! Eine billige Schmonzette mit uns beiden als Hauptdarsteller. Sie will mir allen Ernstes erzählen, dass man sich im Internet verlieben kann. Im Internet! Dass ich nicht lache. Das Medium für Nerds und Gestörte, wo sich Zivilversager und die Hässlichen der Gesellschaft in virtuellen Darkrooms verabreden müssen, weil sie im Lichte der wirklichen Welt keiner sieht und noch viel weniger jemand sehen will. Genau dort will sie sich verliebt haben! Ich kann es nicht glauben. Online verliebt sich niemand. Du kannst dich online einwählen und Lulu oder Mieze4U so lange tanzen lassen, bis du kein Wort mehr auf der Tastatur schreiben kannst, aber Liebe? Mein Gott, Liebe ist das nicht. Meine Meinung dazu habe ich ihr auch geschrieben und ich denke, dass sie eindeutig war. Ich fand sie nett. Aber nicht netter als meine Brieffreundin, die ich in der siebten Klasse in Amerika hatte. Du kannst doch eine Frau nicht begehren, wenn du nur ein paar Briefwechsel hattest. Du musst sie vor dir sitzen haben. Ihre Aura muss dich durchfluten, ihr Duft betören und im Grunde muss diese Gier entstehen, dass du sie anfassen möchtest. Überall und mit allem, was du hast. Das ist wie ein Vorspiel ohne Berührungen. Tagträume füllen sich mit Versprechungen, die vielleicht nie erfüllt werden. Aber du hast diese Vision einer Frau vor dir und du findest Dinge niedlich und begehrenswert, die dir nach zehn Jahren Ehe total auf den Sender gehen. Aber in diesem Moment, bei Gott, würdest du sterben, wenn sie diese faszinierende Marotte nicht hätte.

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