Töchtersorgen – für Sophie

So schnell geht das also. Ich stehe vor der Aula der Penne und warte auf meine Tochter. Sechste Klasse. Nicht mehr so richtig klein, aber auch noch nicht wirklich groß. Irgendwo dazwischen. An mir vorbei laufen Schüler, die zwischen dreizehn und sechzehn Jahren alt sein müssten. Die Mädels sehen im Schnitt drei Jahre älter aus, die Jungs haben zum Teil noch ihre Eierschalen vom Schlüpfen zwischen den Haaren.

Ich werde wie etwas aus dem Tertiär angeschaut. Ein Relikt aus einer unbekannten Zeit. Mein Gott, denke ich, es war doch erst Gestern, da lief ich genauso herum. Komische Frisur, komische Klamotten und ein Körper, der erst noch einer werden musste. Und nun stehe ich da und werde nicht beachtet, maximal kritisch beäugt. Ein alter Mann eben. Einer von diesen Eltern. Ein Spießer, Regularienbefolger, Eingrenzer und Eingegrenzter, ein Angepasster. Wenn ich mich so zurück erinnere, dann passt aber alles wieder zusammen. Als ich in der sechsten Klasse war, waren meine Eltern auch Mitte dreißig und ich bin wohl nur ehrlich, wenn ich zugebe, dass sie für mich alte Menschen waren. Noch nicht so alt wie Oma und Opa, aber schon über den Berg allemal.
An mir vorbei hetzen zwei Lehrer. Auch die sehen aus wie zu meiner Zeit. Zu kurze Hosen, streitbare Hemden und Schuhe, wahlweise aus den Achtzigern oder dem Secondhand-Shop. Einer von ihnen erinnert mich sehr an meinen Physiklehrer. Er war damals so um die Fünfzig und hatte ein optimistisch-resigniertes Wesen. Resigniert deshalb, weil er in seinem schon viel zu langen Lehrerdasein schon soviel Dummheit erleben musste, dass er seine gesamte pädagogische Energie zunächst in Mitleid und später in verzeihende Güte wandeln musste. Wenn das nicht wahre Umwandlung von Energie ist, denke ich heute, auch wenn ich nach wie vor keinen blassen Schimmer von Physik habe. Vielleicht würde er sich heute aber besser fühlen, wenn er erfahren könnte, dass ich den ersten Hauptsatz der Thermodynamik schon allein durch die energetische Umwandlung seiner Verzweiflung an unserer Begriffsstutzigkeit von damals beweisen kann. Seine optimistische Ader bewahrte er sich, weil er jedes Jahr aufs Neue hoffte, besser beschlagenen Schülern zu begegnen. In meinem Jahrgang wurde er nicht fündig und soweit ich weiß, stand es auch um die Schüler nach mir in physikalischer Hinsicht nicht viel besser.

Ich stehe also noch eine Weile vor der Aula und meine Tochter lässt mich warten. An mir schieben sich drei Jungen vorbei, die offenkundig sehr viel Freude am Physikunterricht, an Computerspielen und mit Fastfood haben. Ich komme gar nicht umhin, in solchen Stereotypen zu denken, denn sie sind der Inbegriff von eingeschlossenen Teenagern, die ihre Jugend vor Monitoren und in den unendlichen Weiten von Bits und Bytes verbringen. Zum Glück kann ich sie als mögliche erste Freunde meiner Tochter ausschließen. Sie wird doch nicht einen solchen Langweiler nach Hause bringen? Obwohl ein Punker oder Rocker, womöglich ein, zwei Jahre älter, auch nicht das Wahre ist. Diese Kerle haben doch nur eins im Kopf in diesem Alter. Ich weiß, wovon ich rede, denn schließlich brachte mich schon allein der Unterwäscheteil des Neckermann-Katalogs zur Verzweiflung.

Meine Tochter kommt mit zwei Freundinnen auf mich zu und ihr Blick signalisiert nicht gerade Freude über meinen Überraschungsbesuch.

„Hallo Papa, was machst du denn hier?“, fragt sie mich einigermaßen gelangweilt in einem Zickenton, der mir gar nicht passt. Ihre Freundinnen schauen mich wie etwas an, was sie jeden Morgen im Spiegel ausdrücken.

„Ich wollte dich abholen und einmal ein Eis essen gehen“, sage ich freudig.

Wenn mich nicht alles täuscht, hat meine Tochter gerade ihre Augen gerollert und das ist etwas, das in mir normalerweise eine Art Raubtiermechanismus freisetzt. In Anbetracht der Anwesenheit der beiden Zicklein neben ihr will ich den Tiger in mir aber einmal bändigen.

„Och Papa, sei mir nicht böse, aber ich habe Laura und Michele versprochen, dass wir zusammen ein Eis essen gehen. Du kannst natürlich mitkommen, aber…“

„Ist schon gut“, höre ich mich sagen, „geht ihr mal. Dann kann ich mal in Ruhe durch die Stadt schlendern und dann nach Hause laufen, wird mir gut tun.“

Meine Tochter küsst mich auf die Wange und verabschiedet sich. Die Mädels neben ihr verabschieden sich nicht. Ich schreibe mir ins Gedächtnis, dass ich meine Tochter fragen will, ob sie tatsächlich stumme Freundinnen hat und ob es für ihre sprachliche Entwicklung nicht besser wäre, Freundinnen zu haben, die sich artikulieren können. Irgendwie komme ich dann nicht weg. Ich stehe weiter einfach so da. Ein Körper verharrt im Zustand der Ruhe, sofern er nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung seines Zustandes gezwungen wird. Erstes Newtonsches Gesetz, soweit ich mich erinnere. So einfach geht das also. Das Erstaunen und die Enttäuschung über meine Tochter fördern längst verloren geglaubte Physikkenntnisse zu Tage. Ich sollte meinem Lehrer einmal schreiben.

Langsam trabe ich dann aber doch ab, schaue in die Gesichter der Schüler auf den Gängen und frage mich bei jedem, was er wohl von mir denkt. Die sehen alle aus, als hätten sie nicht viel mehr Ahnung von Naturwissenschaften als ich, aber schon in wenigen Jahren können sie meiner Tochter gefährlich nahe kommen. Dann hole ich meine Kleine wahrscheinlich um drei Uhr in der Früh von der Disco ab, um sie vor diesen Visagen zu schützen. Ich glaube, ich bin älter, als ich dachte.

2 Kommentare zu „Töchtersorgen – für Sophie“

  1. Schön eingefangen! Bei uns ist derzeit vor allem der gemeinsame Gang zum Bahnhof unerwünscht, auch wenn alle in dieselbe Richtung müssen. Zusammen Socken kaufen? Geht gar nicht! Bekannte auf dem Weg gesichtet? Schnell drei Schritte schneller oder fünf langsamer als der Rest der Familie gehen!
    Aber die Freundinnen sagen alle brav hallo und tschüss. Immerhin… 😉

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