Die Magie des Moments

Sie hatte diese wunderbare Art, mit der Frauen selbst etwas ganz Schlichtes in einen magischen Moment verwandeln können. Wenn sie zum Beispiel ein Glas Rotwein trank, dann führte sie den Rand des Glases ein paar Millisekunden länger als notwendig wäre, an ihren Lippen vorbei. Vielleicht merkte sie das nicht einmal bewusst. Und in dieser Zeit bildete sich ein Rotweinfilm zwischen ihren Lippen und dem Glasrand, der eine so erotische Wirkung entfaltete, wie man sie nie hätte in einem Film oder in einem Buch entstehen lassen können. Ich habe mich oft gefragt, ob ich sie die ganze Zeit nur durch eine rosarote Scheibe hindurch betrachtet habe und alles an ihr wundervoll fand, gleichwohl sie vielleicht für einen Außenstehenden völlig banale Dinge tat. Natürlich habe ich ihr nie gesagt, dass ich sie sehr mochte.
Eines Tages saß sie allein zu Hause. Sie rief mich an und fragte, ob ich nicht zu ihr kommen wolle. „Ja gern“, sagte ich, „einfach so oder gibt es einen Anlass?“
Sie sagte mir, dass es schon einen Anlass gäbe, aber so richtig freuen könne sie sich nicht darüber. An jenem Tag hatte sie Geburtstag und niemand rief sie an. Wenn ich es vorher gewusst hätte, na klar, dann wäre ich mit Sicherheit ein Anrufer gewesen. Der Einzige. Warum sind die Besonderen eigentlich so oft allein? Und was macht sie so traurig? Als ich bei ihr eintraf, hatte sie schon eine halbe Flasche Rotwein getrunken und saß mit ziemlich zerwuselten Haaren vor einem selbst gebackenen Kuchen. „So jung?“, fragte ich mit einem Blick auf die einzige Kerze.
„Nein, nur so allein.“
Ich setzte mich zu ihr. „Wenn du einen Wunsch frei hättest, den ich dir erfüllen könnte, was würdest du dir wünschen?“
„Einen, für den du dich anstrengen müsstest oder einen einfachen?“
„Ganz gleich.“
„Ich würde mir eine Reise ans Meer wünschen. Um mich herum tanzen Menschen, wir singen zusammen und haben jede Menge Spaß. Am Abend gibt es Pizza und Wein und dann sitzen wir einfach so da und lauschen dem Meer.“
Wir fuhren sofort los. Ich schnappte sie mir, setzte sie in mein Auto und fuhr sie ans Meer. Es war kein Mensch dort, der mit uns tanzte und sang, aber wir kauften uns eine Pizza, tranken Wein und hörten dem Meeresrauschen zu. Mehr taten wir nicht. Es waren Stunden der Ruhe und Momente des Glücks. Sie saß an meiner Seite und ich wärmte sie an ihrem Geburtstag. Jeder für sich war weniger allein. Als es uns zu kalt wurde, packten wir unsere Sachen zusammen und fuhren wieder zurück. Ich brachte sie nach Hause und wir verabschiedeten uns. Sie sagte noch, dass es der schönste Geburtstag war, den sie je hatte. Ich bekam einen warmen Kuss auf meine Wange.
Dann ging ich mit einem wohligen Gefühl im Bauch nach Hause.
Ich habe sie danach nie wieder gesehen. Wir haben uns aus den Augen verloren und die Zeit legte eine dicke Staubschicht über die Bilder unseres gemeinsamen Tages am Meer. Wenn ich aber die Hand auf die Stelle an meiner Wange lege, kann ich die Wärme ihres Kusses noch spüren.
Immer, wenn ich an ihrem Grab stehe, frage ich mich, ob ich ihre Blässe gesehen hätte, wenn ich diese rosarote Scheibe vor meinen Augen nicht gehabt hätte. Ob ich etwas hätte tun können. Ich frage mich, ob der Tag am Meer nicht doch zu beschwerlich war oder aber eben ein ganz wichtiges Erlebnis für sie. Aber es kann gar keine Scheibe zwischen uns gewesen sein, denn ich weiß noch genau, wie der Kuchen bei ihr roch. Wie der Rotweinfilm auf ihren Lippen glänzte und wie schön sie aussah, als sie mit einem zarten Lächeln auf den Ozean blickte. Erst jetzt, viele Jahre später, erinnere ich mich an einen Satz von ihr, den sie einfach so an jenem Abend sagte. Mittendrin in unserem innigen Schweigen. „Was das Leben so wertvoll macht, ist nicht das, was wir bekommen, sondern das, was wir verlieren.“ Einer dieser magischen Momente mit ihr, die ich erst viel später und vor allem nur durch sie verstanden habe.

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