Für Jule oder vom Ernst des Lebens

Da ist nur ein ganz schwaches Licht, das in sein Büro fällt. Es gibt dem Raum eine angenehme Weichheit und selbst den kantigen, grauen Möbeln verleiht es eine Spur Wärme. Martin sitzt an seinem Schreibtisch, auf dem Ordner und Papiere mit kleinen Klebezetteln liegen. In Greifweite vor ihm steht eine Coladose. Bis auf das Rascheln von Papier in seiner Hand ist nichts zu hören. Der Monitor flimmert und nur schwach ist daneben das Bild einer Frau zu sehen. Sie lächelt und er verliert sich für einen Augenblick in ihr. Aber er hat keine Zeit für Sentimentalitäten. Schnell wendet er sich wieder den Zahlen auf dem Bildschirm zu, die am nächsten Tag ein sinnvolles Ganzes ergeben müssen. Die Präsentation wird um zehn Uhr sein und er riskiert dieses Mal womöglich seinen Arbeitsplatz, wenn er es nicht rechtzeitig und absolut korrekt schafft. Für den Moment ergeben die unendlichen Zahlenreihen vor ihm aber noch keinen Sinn. Ganz egal, wie herum er sie auch liest. Martin sitzt bereits seit der Mittagspause an seinem Schreibtisch. Ohne Pause. Doch es gibt kein Entkommen. Er muss es in jedem Fall beenden.
»Sie schaffen das doch bis Donnerstag, nicht wahr?«, waren die Worte seines Chefs. Als hätte es eine Ausrede dagegen geben dürfen.
»Ach, wissen Sie, ich habe eine Freundin. Sie heißt Claudia. Und wenn ich nicht bald die Kurve kriege und mehr Zeit für sie habe, dann wird sie mich verlassen. Also sagen Sie doch bitte unserem Mandanten, dass es Wichtigeres für mich gibt als seine blöde Bilanz. Denn wenn Claudia mich verlässt, weiß ich eigentlich auch nicht mehr, warum ich hierher kommen soll.«
Das wäre eine schöne, vor allem passende und richtige Antwort gewesen. Stattdessen stimmte Martin eilfertig zu und hatte sich wieder einmal eine Arbeit an Land gezogen, die unendlich lang dauert, die er nie angemessen vergütet bekommt und für die er schlussendlich seine Beziehung aufs Spiel setzt. Martin schiebt sich die Brille mit beiden Händen auf die Stirn, reibt sich die Augen und blinzelt auf den Bildschirm. Unten rechts kann er die Zeit deutlich sehen. Zwanzig Uhr. Claudia sitzt zu Hause und wartet auf ihn. ›Vielleicht sollte ich sie anrufen und sagen, dass es später wird.‹
Doch diesen Gedanken schiebt er beiseite. Sie würde ihm nur eine Standpauke halten und dadurch würde er noch mehr Zeit verlieren. Natürlich hätte sie Recht mit allem, was sie sagen würde. Aber er konnte das unmöglich zugeben. Es ist nun Zeit für eine Pause. Eine kurze Auszeit zum Verschnaufen und Durchatmen. Eine weitere Cola vielleicht, mit einer doppelten, oder besser dreifachen Menge an Koffein. Dazu einen Happen zu essen, nichts Belastendes, etwas Leichtes, das beflügelt. Zu neuen geistigen Leistungen. Oder zur Bewältigung der Aufgabe. ›Vielleicht sollte ich eine Viertelstunde lang nichts tun.‹ So, wie er es neulich in diesem Ratgeber gelesen hatte. 15 Minuten pro Tag gar nichts machen. Nach innen wenden und sich überraschen lassen. Von der eigenen Müdigkeit, von den Entdeckungen, von sich selbst. Theoretisch ganz einfach und ein paar Tage lang hat er es auch geschafft. Doch es ging so schnell, dass er die Zeit nicht mehr fand und nun kehrt nur noch die Erinnerung an dieses Buch zurück.
Er sieht sich um in seinem Büro. Ohne Brille ist es noch trister als mit. Die weißen Raufaserwände und das Grau der Möbel sehen im winterlichen Abendlicht besser aus als sonst, aber Wohlfühlatmosphäre entsteht deshalb nicht gleich. Und was helfen ihm seine vergrößerten Fotos vom letzten Urlaub in der Toskana? Was nutzt das tolle Meer an der Wand, wenn sich das Gefühl von damals nie wieder einstellen will? Vor allem, da er nie die Muße hat, einen Blick darauf zu werfen. In diesem Moment scheint ihm das alles furchtbar unwirklich. Dieses Bild und der Urlaub, der wahrscheinlich schon fünf Jahre vergangen ist. Auch der billig gerahmte Kunstdruck mit einem Kandinsky an der Türseite des Büros scheint ihm nur wie die letzte Bastion eines über das berufliche Denken hinausgehenden Geistes, der mehr kann, als bloß ein paar Bilanzen zu erstellen. Über alles erhaben dagegen scheint der riesige Terminplan in der widerlichen grün-grauen Gestaltung der Kanzlei, die ihn bezahlt. Mit deutlich fett markierten Strichen sind die Termine zur Abgabe von Abschlüssen diverser Mandanten gekennzeichnet. Verschiebungen unmöglich. Irgendwo dazwischen sollen zwei Wochen Urlaub Platz finden, doch auch in diesem Jahr wird es wieder nichts werden. Er blickt noch einmal hinüber zur Toskana. Genau. Ganze fünf Jahre ist es jetzt her, dass er mit Claudia dort war. Ihr letzter gemeinsamer Urlaub. Und überhaupt, Claudia. Er schaut wieder auf das Bild von ihr.
Er streicht über ihr Gesicht. »Ich habe keine Zeit mehr für dich. Meine Versprechungen, dass es bald besser wird, sind hohle Phrasen und ich glaube dir, dass du es dir nicht vorstellen kannst, mit mir eine Familie zu gründen«, sagt er vor sich hin. Vor ihrem Bild ist das einfach. Er denkt tagsüber so oft an sie. Bloß am Abend, wenn er völlig fertig neben ihr einschläft, merkt sie davon nichts. Dabei denkt Martin nicht nur an die Anfangszeit ihrer Beziehung, die immer leicht ist. Auch an die Jahre, die folgten. An all das, was ihn sicher auch nervt, das er aber mit der gleichen Intensität lieben kann. Es ist so schön, diesen Ort zu haben, zu dem er jederzeit heimkehren kann. Und es wäre sicher noch viel schöner, wenn dieser Ort einer wäre, an dem Claudia nicht nur den Martin bekommt, den die Arbeit für sie übrig lässt. Vielleicht wäre es auch gut, diese 15 Minuten ihr zu widmen. Lausige 15 Minuten. Doch selbst das schafft er nicht. Noch dazu müsste er es auch bewusst tun. Nicht als diese Kopie seiner selbst, die abends gespenstisch in die Wohnung schleicht, um langsam auf dem Sofa einzuschlafen.
Martin drückt beide Hände gegen die Schläfen. ›Wie soll ich das nur anstellen? Wie kann ich den Erwartungen hier genügen und dabei als Partner nicht versagen?‹
Er schaut auf den Bildschirm, der weder auf diese Fragen, noch auf die eigentliche Aufgabenstellung eine Antwort gibt. Weisheiten, wie es theoretisch alles besser laufen könnte, hat er so viele in seinem Kopf. Aber so richtig kommen sie in seiner Realität nicht an. Wenn er sich in Claudias Position begibt, wirkt es sogar noch befremdlicher, als es so schon ist. Es ist mit Sicherheit schlimm genug, dass sie beide die Tablette des Alltags jeden Tag brav schlucken, um beschwerdefrei ein Leben zu ertragen, dass sie beide nicht mögen. Aber, wenn es darum geht, dass die Kanzlei etwas veranstaltet, dann ist Martin natürlich mit dabei. Nach der Arbeit noch einen Absacker? Gar kein Problem. Irgendwann nach Hause kommen, ganz gleich wann? Scheinbar auch egal. Mit den eigentlich nervenden Kollegen einen Bowlingabend durchziehen? Jederzeit, auch wenn der Abend immer total langweilig ist und die einzig ansprechbare Kollegin ihn immer wieder abweist. Wenn er dann zu einer von ihm frei gewählten Zeit nach Hause kommt, gibt es immer wieder lang andauernde Diskussionen, die ihn nur nerven und bei denen er glücklicherweise meistens einschläft. Wenn er sich mit den Augen Claudias sieht, ist es unglaublich. Langsam lichtet sich der diffuse Schleier seiner männlich verkrüppelten Wahrnehmung und legt so den Blick auf seine eigene Unfähigkeit, seine Wort- und Machtlosigkeit offen. Und wie er sich so sieht, ist er einfach nur erbärmlich. Etwas zieht seinen Hals zusammen und sein Bauch verkrampft dabei auch. Etwas Saures bahnt sich von dort seinen Weg nach oben. Ja, natürlich. Er ist schuldig! Und im Grunde ist Claudia nicht mehr als seine Normalität. Er sieht sie nicht mehr mit den Augen des Verliebten. Sie ist da. Sie ist selbstverständlich.
›Und ich bin genau so ein Idiot geworden, wie all die anderen, die hier arbeiten.‹ Seine Gedanken tragen ihn zu den verlebten Gesichtern seiner Kollegen, zu den Geschiedenen, Fremdgängern und Alkoholikern. Zu den Ausgebrannten und den Zynikern.
Er schaut hinaus aus dem Fenster. ›Ich kann nicht so weiter machen. Ich gehe hier drin kaputt. Eines Tages sehe ich genauso aus wie die Anderen und denke auch so einen Schrott.‹ Seine Gedanken lassen ihn frösteln. Warum nicht einfach aufstehen und gehen? Jetzt? Wenn er die Arbeit nicht schafft, was wäre dann? Die Welt würde sich weiter drehen und am nächsten Tag würde die Sonne wieder aufgehen. Es müsste eine kluge Entschuldigung für den Mandanten gefunden werden. Oder aber, er würde sich vor ihn stellen und ihm sagen, dass er es einfach nicht geschafft hat. Weil es zig andere Termine für ihn gab und weil er es vielleicht am Abend zuvor hätte schaffen können, es aber vorgezogen hat, etwas für seine Beziehung zu tun. Weil er endlich einmal er selbst war und auf sein Gefühl vertraut hat.
Genau! Martin erfasst plötzlich ein fast vergessenes Gefühl. Der Hals ist wieder frei und es hat alles etwas Erhabenes. Er wird einfach Feierabend machen und zu Claudia gehen. Einen schönen Abend mit ihr haben und am nächsten Morgen als jemand Anderes zur Arbeit kommen. Als jemand, der sich wieder ein bisschen mehr ansehen kann. Als jemand, der weiß, dass er noch nicht ganz verloren ist.
Martin steht beschwingt auf und geht im Zimmer auf und ab. Einfach gehen, ist doch nicht so schlimm. Computer ausschalten, Licht ausmachen, mit dem Fahrstuhl nach unten fahren. Das ist alles. Er geht auf den Flur und schaut sich um. In drei Zimmern brennt noch Licht, das Klicken von Tastaturen ist zu hören und irgendwo wirft ein Drucker Berge von Papier aus.
Und er will sich einfach so davon stehlen? Die Anderen haben sicher auch Partnerinnen, vielleicht sogar Kinder. Martin steht unsicher vor seinem Zimmer. Ein aufbauendes Gespräch mit einem Kollegen wäre vielleicht auch eine Möglichkeit. Doch er verwirft diese Idee sofort wieder. Für Martin steht auf jeden Fall fest, dass seine Kollegen und Vorgesetzten nichts von seinem Seelenleben mitbekommen. In Diskussionen am Mittagstisch werden alle privaten Probleme gemieden und die Arbeit steht gemeinhin im Vordergrund. Also bemüht er sich, ab und zu etwas zum jeweiligen Thema beizutragen und ansonsten sieht er zu, dass seine Arbeitsergebnisse dem Durchschnitt entsprechen. Das ist in seiner Lage schon ein voller Erfolg.
Er geht wieder zurück in sein Zimmer und schließt die Tür. Doch wieder arbeiten und im Grunde kneifen vor dem, was eigentlich richtig ist? Also irgendwie durchkommen, bis das Leben wieder anfängt. Doch wann dies sein wird, weiß er nicht. Martin denkt noch einmal an seine Kollegen zurück. Alle kommen sie zu ihrer Arbeit. Mit ihren glatten Visagen und gebeugten Leben. Ihren Unleben, ihrer Verzweiflung, ihren Ängsten und unerfüllten Träumen. Niemand gibt sich zu erkennen. Keiner springt auf und brüllt seinen Schmerz hinaus. Den Schmerz seiner Seele und den seiner Augen, wenn er die Erbärmlichkeit der anderen sieht. Natürlich ist Martin klar, dass nur so eine Gesellschaft funktionieren kann. Indem alle in den stillschweigenden Pakt einstimmen, jeden Tag aufs Neue die große Maschinerie am Laufen zu halten. ›Wo kämen wir denn hin, wie würden wir leben, wenn sich jeder erst finden muss? Wenn jeder erst die eigenen Gefühle ordnet, sich seinen Ängsten stellt? Wenn sich jeder erst als Mensch erkennt?‹
Es brodelt wieder in ihm. Er schaut auf den Monitor, auf die Ordner auf seinem Schreibtisch und die immer noch unerledigte Arbeit. Ihm wird warm und er atmet tief durch. ›Ist das das, was ich immer wollte? Will ich dafür leben? Um Bilanzen zu erstellen? Um meinen Arbeitgeber immer reicher zu machen? Es ist also meine Bestimmung, meinen Chef Jahr für Jahr fetter zu machen, dessen Hausraten abzusichern, dazu die Gehälter für Haushaltshilfe und Kindermädchen und nicht zu vergessen den einen oder anderen Urlaub, den ich wiederum nicht nehmen kann.‹
Martin schaut noch einmal nach draußen in die von den Straßenlaternen und Ampeln erleuchtete Stadt. In den sein Abbild reflektierenden Fenstern sieht er die Vision seines Lebens als flammendes Inferno seiner einstmals gehegten Träume und Wünsche. Er wird also nach einem arbeitsreichen Leben abtreten. Möglicherweise wird er, wenn es weiter so geht, immer fetter werden und systemerhaltend freundlich kurz vor seiner Pensionierung an einem Infarkt sterben. Allein sterben. Ohne Claudia, denn die hat sich inzwischen einen Mann genommen, der alles rechtzeitig verstanden und vor allem auch gehandelt hat. Die Firma wird hastig einen Nachruf verfassen und die Erde über ihm ist nicht einmal richtig fest, da wird ein Neuer an seinem Platz sitzen und zusehen, dass er rechtzeitig bei seiner Frau zu Hause ist, damit er keinen Ärger bekommt. Vielleicht ist es aber auch ein Glückspilz, der den Spagat einfach schafft, der dem Leben die Stirn bietet und Willens genug ist, immer er selbst zu sein.
Dieses Zittern macht ihn einfach nur fertig. Jede Pore ist in Aufruhr und diese Unruhe wird ein Weiterarbeiten unmöglich machen. Wenn er aber darüber nachdenkt, ist es eigentlich ganz einfach. Es geht um Wahrhaftigkeit und Verbindlichkeit und darum, dass sein Leben zu jedem Moment keine Probe ist, sondern immer schon die entscheidende, einmalige Aufführung. Kein zurück auf Los und keine Rückspultaste. Er kann keine 15 Minuten Pause machen von einem Leben, das eigentlich keins ist. Er kann sich nicht eine Viertelstunde täglich erholen, um den Rest des Tages zu leiden. Es wird Zeit, den Spieß herum zu drehen. Eine Viertelstunde Leiden wäre genug.
Während er voller Zweifel in seinem Zimmer steht und aus dem Fenster schaut, scheint es ihm, als würde sein Kopf gleich platzen. All die Gedanken, das ewige Für und Wider. Es ist zu viel. Er atmet ein paar Mal tief ein und aus, versucht sich zu beruhigen und bekommt mehr und mehr das Gefühl, als würde sein Kopf langsam herunter fahren. So wie es der Computer am Ende eines jeden Arbeitstages tut. In seinem Kopf entfernen sich die Bilder von Claudia, seine Arbeit und alle Probleme immer weiter, bis nur noch wohltuende Leere vorzufinden ist. Sein Betriebssystem schaltet ab. Ein Moment zum Sterben schön. Am nächsten Morgen werden sie ihn dort finden. Der Monitor wird noch flackern und die Arbeit ist nicht beendet. Man wird ihn wegtragen und zu seiner Beerdigung kommen nur noch Claudia und seine Eltern, weil er sonst keine Freunde mehr hat. Für die hätte es eben mehr Zeit bedurft als einen Anruf pro Jahr und eine Karte zum Geburtstag. In seiner mehr als kurzen Grabrede wird erwähnt werden, dass er sehr fleißig war und die Arbeit sein ein und alles.
Langsam kriecht von irgendwoher wieder ein Impuls in seinen Kopf, sein Hirn regt sich. Jetzt einfach wieder hochfahren, Betriebstemperatur erreichen und weiter. Doch mit der Wiederherstellung seiner geistigen Kapazität stellt sich ein hämmernder Schmerz ein. Als will sich dort etwas Luft verschaffen. Eine Kraft, die freigelassen werden muss. Es ist dieses Gefühl aus seinem Bauch, das immer bis ganz nach oben in den Schädel drängt, das er aber versucht, mit aller Kraft herunter zu schlucken. Irgendwie muss es nun auf anderem Wege emporgestiegen sein, denn schließlich landet es wie jedes Mal mit kleinen Hammerschlägen hinter seiner Stirn. Er weiß doch alles. Dass diese Arbeit unmöglich die Erfüllung seiner Träume sein kann. Dass es schwer ist, ganz von vorn anzufangen, wenn ein paar Annehmlichkeiten sein Leben standardisiert haben. Wenn die Pause für die Sinnsuche mit Entbehrungen verbunden ist und am Ende nicht klar ist, wohin der Weg führt. Diese leblose Arbeit ohne Gefühl kann unmöglich all das kompensieren, das in ihm schlummert, aber nicht herauskommt. Als würde er seine gesamte Gefühlswelt wie Wirtschafts- und Steuerrecht normieren und in einem Gesetzbuch verankern. Einschließlich diverser Anwendungsvorschriften, wann welche Gefühlslage zugelassen ist und wann nicht. Er schließt die Augen, atmet tief durch, öffnet sie wieder und schaut sich um. Seine Umgebung ist nicht schöner geworden. Er muss raus aus diesem scheußlichen Büro. Wenigstens für ein paar Minuten. Eben diese Viertelstunde vielleicht. Einfach nur weg. Am besten gar nicht wieder kommen. Soll der Mandant doch am nächsten Morgen sehen, woher er seine Zahlen bekommt. Martin ist es egal. Er steht auf, schnappt sich seinen Mantel und verlässt das Büro. Der Rechner läuft noch und erhellt das Zimmer.
Trotz des dicken Mantels umschließt ihn die eisige Kälte fest und kleine Eiskristalle stechen in jede Pore seiner Haut. Der Schnee knirscht unter seinen Füßen und er muss an einen Spaziergang mit Claudia vor ein paar Jahren denken. Es war genauso kalt, aber sie haben so viel miteinander gelacht, dass ihnen die Kälte nichts ausmachte. Er denkt noch einmal an all die Vorwürfe, die sie ihm macht. Dass er zu wenig Zeit für sie hat, dass die Arbeit über allem, vor allem über ihr steht und dass er sie nicht achtet. Dabei ist sie alles für ihn. ›Claudia, ich habe endlich verstanden‹, denkt er, lächelt und geht über die Straße.
Das Auto fährt zu schnell. Der Fahrer bremst viel zu spät und erwischt den Passanten im Mantel, der so versonnen lächelt, voll. Martin wird über das Fahrzeug geschleudert, fliegt durch die Luft und prallt gegen einen Laternenmast. Der heftige Aufprall führt zu sofortigen inneren Blutungen. Die Mediziner werden später sagen, dass bei einem Mann mit 90 Kilogramm Körpergewicht schon 4 Liter Blutverlust ausreichen, um den klinischen Tod herbeizuführen. Dass schon beim Verlust des ersten Liters der Blutdruck absinkt. Dass sich der Pulsschlag beschleunigt, um das verringerte Schlagvolumen auszugleichen. Später schafft es der faszinierende Regelungsmechanismus des Körpers nicht mehr, den Blutverlust auszugleichen. Sie werden sagen, dass das der Moment war, als Martin bewusstlos wurde und ins Koma fiel.
Als erstes versagt dann die Funktion seiner Hirnrinde. Die Atmung wird noch aufrechterhalten, weil Stammhirn und Rückenmark ein wenig länger durchhalten. Doch etwas später hört das Herz auf zu schlagen. Die Agonie beginnt und langsam erlischt das Leben. Alles in allem keine 15 Minuten.

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