Im Fremdkörper zum Fahrverbot

Der Bußgeldbescheid liegt bereit, daneben die Kopie meines Widerspruchs und die Antwort der Frau Wilhelm, die sich als Sachbearbeiterin meines Falles ausweist. Ich habe stundenlang an meiner Verteidigungsrede gefeilt und spreche sie noch einmal leise vor mich hin, bevor ich die Dame anrufe. Ich hebe den Hörer und wähle ihre Nummer. Es klingelt. Sie meldet sich.
»Zentrale Bußgeldstelle Brandenburg, Wilhelm, guten Tag!«
»Hallo Frau Wilhelm, hier ist der Mark Jischinski und ich sollte mich bei Ihnen wegen meines Einspruchs gegen den Bußgeldbescheid und das Fahrverbot melden.
»Und?«, fragt sie freundlich, »Was wollen Sie dazu sagen?
»Nun, es ist so: Im Grunde bin ich ja kein Rowdy, sondern nur Opfer der neuen Regelung, da ich nur in der Summe zu schnell war, nicht aber auf den Einzelfall betrachtet. Und Sie sollten wissen, dass die Geschwindigkeit als eine billige Form der Ekstase gar nicht in mein Bewusstsein vordringt. Ich bin da eher der ursprüngliche, der Läufer unter den Geschwindigkeitsfanatikern. Denn, liebe Frau Wilhelm, es ist ja so, dass beim Laufen das Geschenk der Geschwindigkeit viel unmittelbarer ist. Ich spüre meine Beine, das Brennen in meiner Lunge, die Kälte der Luft im Winter, die lästigen kleinen Fliegen, die mir im Sommer in den offenen Mund schwirren. Wenn ich dann meine Runde durch den Wald gedreht habe und abgehetzt ankomme, weiß ich, dass ich lebe. Dann durchdringt mich das Leben und die Geschwindigkeit, die mein Körper hatte, habe ich hautnah erlebt. Ich bin gewissermaßen eins mit ihr und mir. Masse und Beschleunigung sind anwesend und nur durch mich existent. Ich erschaffe sie. Nur durch die Kraft meiner Muskeln und durch meinen Willen, immer wieder einen Schritt vor den anderen zu setzen.«
»Herr Jischinski? Was hat das Bitteschön mit Ihrem Fahrverbot zu tun?«
»Frau Wilhelm? Das ist doch sonnenklar! Der gewissenlose Raser, dem wirklich die Fahrerlaubnis entzogen gehört, erlebt die Geschwindigkeit der Maschine nur als billige Befriedigung. Dabei ist er aber entkörperlicht, weil schließlich die Maschine die Geschwindigkeit erzeugt. Er ist der Welt entrückt und erfährt Geschwindigkeit nur außerhalb seines Körpers, es ist kein direktes Erleben mehr. Es ist nicht eigenschöpferisch, nicht echt.«
»Ich verstehe Sie nicht.«
»Frau Wilhelm, was gibt es daran nicht zu verstehen? Ich bin ja schon von Haus aus kein gewissenloser Raser, der sich an einer immateriellen Geschwindigkeit aufgeilt, die für ihn völlig unkörperlich ist und nur dann richtig körperlich wird, wenn er zum Beispiel vor einen Baum fährt oder aber in ein anderes Auto.«
»Was sind Sie denn dann?«
»Ein Genießer! Ich bin ein Sinnenmensch. Und bloß, weil ich zweimal ein bisschen zu schnell gefahren bin, macht mich das nicht gleich zu einem Raser, der für einen Monat weggesperrt werden muss.«
»Zu schnell ist zu schnell. Und weggesperrt werden Sie ja nun auch nicht gleich.«
»Aber ich darf nicht Auto fahren! Und das für einen Monat. Da möchte ich mich gar nicht über die Grundrechte auslassen. Vor allem, da gerade erst entschieden wurde, dass das Internet zu den Grundrechten zählt. Da wird es das Führen eines Fahrzeugs wohl erst recht sein.«
»So will es das Gesetz aber nun einmal. Da kann ich nichts machen. Und Ihre bisherigen Einlassungen sind nicht gerade geeignet, mich umzustimmen.« Frau Wilhelm klingt nun etwas gereizt.
»Sie wollen mich nicht verstehen, oder? Der Raser, den Sie geblitzt haben und der, wie ich schon sagte, der wirklichen Welt entrückt, ihr entkörperlicht ist, kann gar nicht bestraft werden, weil er im eigentlichen Sinne nicht da war.«
Ich überlege, warum Frau Wilhelm so lange schweigt. Bis hierhin finde ich meine Argumentation schlüssig, weshalb ich fortfahre.
»Sollte ich also doch gerast sein, so war ich das im eigentlichen Sinne nicht selbst, sondern nur die entkörperlichte Projektion meiner Selbst im Zustand einer ekstatischen Geschwindigkeitsobsession, die ich nie und nimmer hätte, wenn ich ganz bei mir wäre. Oder anders: Nicht ich war der Raser, sondern jemand anderes, mein entkörperlichtes Ich.«
»Herr Jischinski?«
»Ja?«
»Hören Sie sich eigentlich noch selbst zu?«
»Ja, warum?«
»Weil ich es gleich nicht mehr tun werde. Sie bekommen das Fahrverbot und damit basta.«
»Ja, und wenn ich es aber gar nicht war, sondern der besagte entkörperlichte Raser?«
»Dann bekommen Sie es eben beide.«
»Jeder einen halben Monat?«, frage ich vorsichtig.
»Nein!!«, schreit Frau Wilhelm nun, »Sie bekommen beide einen ganzen, und wenn Sie mich noch einmal anrufen, ob nun entkörperlicht, oder nicht, dann sind Sie so lange Fußgänger, bis Sie Ihren Körper wieder richtig spüren!«
»Wie jetzt, wir beide?«, höre ich mich besorgt fragen.
Frau Wilhelm legt auf.

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