Monty VI

»Guten Morgen, Schläger«, antwortet mein Erzeuger, ohne mich anzuschauen. Genüsslich liest er in seiner Zeitung, wie er es jeden Tag tut. Ich könnte wahrscheinlich morgens mit einer Perücke und geschminkt wie die letzte Transe am Tisch sitzen, er würde nur dann Notiz davon nehmen, wenn ihn Mama darauf aufmerksam macht. Oder eben schreit.
»Gerd, wolltest du nicht etwas sagen«, ermahnt ihn meine Mutter. Gleich wird er wieder mosern, dass er es hasst, wenn sie ihm vor seinem Sohn Anweisungen gibt, was er zu mir sagen soll oder nicht. Dann wird sie sagen, dass er gar nichts sagen würde, wenn sie ihn nicht dazu ermuntern würde. Danach wird er sagen, dass es aber wie nachgeplappert aussähe und ihr gemeinsamer Sohn kein Volldepp sei. Wobei es natürlich heute sein könnte, dass meine Mutter einwenden wird, dass man das nun nicht mehr genau wisse.
»Gibst du mir bitte mal das Müsli«, versuche ich das Gespräch auf die elementaren Dinge im Leben zu lenken. Mein Vater schaut zu mir rüber und lässt vor Schreck seine Zeitung fallen. Noch geistesgegenwärtig greift er zur Müslischachtel und reicht sie mir rüber.
»Kannst du schon kauen, Rocky?«
Manchmal ist mein Erzeuger echt witzig. Vielleicht sollten sich alle Eltern eine Art Zeugungsberechtigung holen. Die wird nur unter der Voraussetzung erteilt, dass sie sich Monty Python zwanzig Mal vor und zurück angeschaut haben.
»Ich werde es versuchen. Und glaub mir, es ist nicht so schlimm, wie es aussieht.«
»Schlimmer?«
»Nein, es geht wirklich. Und, ob ihr es glaubt, oder nicht, es war wirklich toll. Ich habe Sparring gegen Leo gemacht und ihn auch ab und zu getroffen. Der Trainer meint, dass ich bald meinen ersten Kampf machen kann.«
Meine Mutter horcht auf. »Erster Kampf? War das beim Training keiner?«
Vater schaut zu ihr und erklärt: »Das war nur Sparring. Wenn unser Thronfolger einen richtigen Kampf hat, schlägt der andere noch stärker zu als im Sparring. Es geht um Leben und Tod. Und wenn er überlebt, hat er eben seinen ersten Kampf gewonnen. Als Initiationsritus ist das durchaus …«
»Papa!«, unterbreche ich ihn energisch, »ihr müsst das nicht toll finden. Ihr habt eure Vorurteile und ich habe meine. Es sind auch schon genügend Menschen beim Joggen gestorben«, sage ich, meinen Blick auf Mama gerichtet.
»Beim Kegeln sterben statistisch gesehen die meisten Menschen«, springt mir mein Vater zur Seite.
Mutter schaut zu ihm hinüber und hat diesen Blick drauf, der noch nie etwas anderes als Ungemach brachte. Der männliche Teil unserer Familie sieht sich immer vor, diesen Blick von ihr tunlichst zu vermeiden. Die einfache Taktik meines Vaters ist in der Regel ein zustimmendes »Ja, Schatz!« und ich komme schon ganz gut durchs Leben, wenn ich mich einigermaßen ordentlich an den Hausarbeiten beteiligte.
»Jetzt mal ehrlich«, ereifert sich Mama und wird sich ihrer Führungsrolle in der Familie wieder voll bewusst, »das ergibt doch überhaupt keinen Sinn! Zwei Menschen prügeln aufeinander ein und es gewinnt der, der den anderen richtig vermöbelt. Ist das nicht zu archaisch? Das ist doch gar nicht mehr zeitgemäß!«
Vater schaut kauend zu ihr und ich zeige mit meinem Mund zeitgleich, dass Abstammung keine hohle Phrase ist. Mama schaut abwechselnd in unsere kauenden Gesichter.
»Vergesst es einfach. Streicht, was ich gesagt habe. Monty, lass dir ruhig weiter dein hübsches Gesicht zertrümmern und dein Hirn weichklopfen. Aber sagt bitte nicht, dass ich euch nicht gewarnt hätte. Und denkt daran, dass es mir in der Seele weh tut!« Jetzt beißt sie in ihr Frühstücksbrot und schaut betreten zum Fenster hinaus. Das macht sie immer so. Wir haben nun zwei Möglichkeiten. Entweder pflichten wir ihr bei und gestehen unsere Fehler ein, was wir selten tun, oder aber wir warten ab. Unsere übliche Strategie gewinnt. Also geht unser Frühstück wortlos zu Ende. Lediglich zu Sachfragen wird noch das Wort aneinander gerichtet. »Gibst du mir bitte die Butter, die Milch, einen Apfel? Kann ich aufstehen? Ich muss jetzt gehen.«
Ich verabschiede mich von meinen Erzeugern, werfe mir meine Schultasche auf den Rücken und laufe los. Es ist ein herrlicher Herbsttag. Die Sonne strahlt, aber es ist kühl und die Luft ist klar. Ich laufe mit einem straffen Schritt zur Schule und trage stolz mein Gesicht emporgereckt zur Schau. Hoffentlich sieht mich bald jemand. Es fällt so doll auf, dass ich darauf angesprochen werden muss. Und nicht nur das. Meine Visage muss dazu führen, dass ich anerkennende Blicke ernten werde.
Doch wen treffe ich? Frauke, unsere Klassenbeste. Gerade sie! Wenn jemand garantiert nicht in der Lage ist, meine Gesichtsveränderung zu würdigen, dann sie.

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