VorBILDwirkung

Schockbilder-auf-ZigarettenpackungenBildquelle: dpa/welt.de

Neulich in der Tankstelle. Ein Mann mit seinem etwa 10-jährigem Sohn steht vor mir. „Eine Packung Marlboro bitte“, sagt er der Verkäuferin. Diese bringt ihm das Begehrte, er schaut drauf und sagt: „Nö, die mit dem Lungenkrebsbild will ich nicht.“ Die Frau schaut verwirrt, nimmt die Packung Zigaretten weg und holt ihm eine neue. Dieses Mal sieht man auf dem Bild einen ziemlich üblen Mundraum mit fehlenden oder schwarzen Zähnen. Der Sohn schaut auf die Packung, dann zu seinem Vater und sagt: „Papa, das sieht aber nicht viel besser aus.“ Der Papa struwwelt ihm durch die Haare und antwortet: „Ach, die wollen uns doch nur Angst machen! Aber die Tabaksteuer nehmen sie trotzdem gern!“ Der Kleine greift die Hand seines Vaters, schaut vorsichtig lächelnd zu ihm auf und sie gehen gemeinsam nach draußen.

Von schwindelerregenden Spargelbestellern mit Sprengkraft


Als Autor schreibe ich in erster Linie für mich. Aus Gründen der Unterhaltung, der Selbstverwirklichung, der Ordnung von Gedanken und Gefühlen, der Therapie oder einfach nur, um Spaß zu haben. Wenn daraus ein Buch wird, ist es toll und unglaublich sinnstiftend und erfüllend. Natürlich wollen wir Autoren dann auch noch gelesen und gehört werden. Dieses Mindestmaß an Exhibitionismus und Anmaßung müssen wir haben, sonst bräuchten wir nur eine Kladde, die wir dann und wann uns selbst vorlesen. Dabei können wir wahlweise in Selbstmitleid ertrinken oder uns über unsere eigenen Witze amüsieren. Alles nicht so wahnsinnig erstrebenswert und mit einem Charme von Autismus light.
Dann haben wir doch lieber das Buch in der Öffentlichkeit. Und was wird daraus? In der Regel nichts oder fast nichts. Wenn aber eine große Zeitschrift darüber berichtet, wenn das Feuilleton in Gnade aus dem Olymp herabsteigt, um die gedruckten Zeilen zu würdigen oder zu zerreißen, dann haben wir es wirklich geschafft. Wie das geht? Schweigen wir darüber. Aber die Ergebnisse sind so wunderbar fassbar und so genau beschrieben, dass der Leser einfach zugreifen muss. Hier meine Favoriten aus dieser Woche, entnommen aus diversen Zeitschriften:

„Rau und ergreifend.“

„Dieser Roman hat Sprengkraft.“

„Man kann süchtig werden.“

„Ein intensives, forderndes Buch und die wohl schönste und unsentimentalste Liebesgeschichte dieses Jahrzehnts.“

„Schwindelerregend ambitioniert und auf höchst beglückende Weise gelungen.“

„Vergessen Sie alles, was Sie über diesen Roman gelesen haben. Lesen Sie ihn selbst.“

Ich kann zusammenfassen: Vergessen Sie alles, was Sie über meine rauen und ergreifenden Bücher gehört haben. Sie haben Sprengkraft und machen süchtig. Lesen Sie alle selbst, denn sie sind schwindelerregend ambitioniert und auf höchst beglückende Weise gelungen.
Nicht wenige Literaturkritiker behaupten, dass sie die Qualität eines kompletten Buchs nach dem Lesen der ersten Seite einschätzen können. Nur gut, dass wir Autoren nicht von der Qualität eines Kritiker-Satzes auf dessen Urteilsvermögen schließen.

Selfmähd-Millionär

IMG_20140512_144250In richtig teuren Coachings und Seminaren lernen gestresste Menschen neben vielen anderen wichtigen Dingen vor allem »Nein-Sagen«, Meditieren und Entspannen. Beim ersten Punkt habe ich noch Optimierungspotential, denn meine mangelnde Fähigkeit, »Nein« zu sagen, manifestierte sich in einem freudigen »Ja«, als die Frage zu beantworten war, ob ich Zeit hätte, eine Wiese zu mähen. Als ginge es um ein Duell gegen einen Nebenbuhler, durfte ich mir die Waffen der Grasvernichtung aussuchen und entschied mich gegen den elektrischen Rasentrimmer und für die gute alte Sense. Bin schließlich keine Memme. Darüber hinaus ist ein Apfelbaum zu pflanzen das ist hinreichend bedeutungsschwer, sodass dabei erst recht keine Ablehnung möglich war.
Ich stehe vor den Einzelteilen des Geräts und habe bereits beim Zusammenbau Probleme. Der Sensenbaum muss irgendwie an der Sense befestigt werden und es dauert reichlich fünfzehn Minuten, bis ich die beiden Schrauben so festgedreht habe, dass es einigermaßen stabil und zum Sensen tauglich erscheint. Beim Blick auf die Wiese fällt mir sofort ein, dass ich im Anschluss an meine Arbeit wirklich dringend ein Seminar besuchen und lernen sollte »Nein« zu sagen. Es sieht nach einer Sisyphos-Arbeit aus. Aber war es nicht Camus, der sagte, dass wir uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen müssen? Zumindest habe ich für das Erlangen dieser Erkenntnis eine Menge Geld für ein Seminar gespart. Weniger sparsam bin ich bei meinem Enthusiasmus, der sich darin manifestiert, dass ich beim Schärfen des Sensenblattes mit dem Wetzstein einmal an meinem Daumen hängenbleibe und mir eine ordentliche Schnittwunde zufüge, noch bevor auch nur ein Grashalm gefallen ist. Mit dem Verbandszeug aus dem Auto gelingt mir eine Erstversorgung und ich stelle mich nach dem Überwinden eines kleinen Schwindelanfalls wieder der Aufgabe. Schließlich will ich nicht auf Kasse machen, wenn doch die absolute Entspannung und eine gepflegte Grünfläche winken. Ich hole kräftig zum ersten Hieb aus, das Gras fällt und der Optimismus in mir gewinnt die Oberhand. Das wird alles gut werden. Nicht zuletzt lernen ausgelaugte Menschen in Seminaren auch, dass es nicht um die Zeit geht, sondern darum, im Moment zu sein. Es gibt die Zeit gar nicht, nur das Leben im Augenblick. Ich genieße jeden davon, während ich die Sense immer einen Meter weiter nach vorn bewege und Hieb um Hieb das Gras fällt. Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Der Weg zum Sensenmann mit dem ersten Hieb. Tatsächlich machen sich in mir Ruhe und Freude breit. Keine Zukunftssorgen, keine Wenn-Dann-Illusionen, keine belastenden Gedanken um Beständigkeit und Sicherheit, einfach nur der Moment.
»Der mittelalte Mann und das Gras«, Hemmingway würde sich freuen.
Es wäre fatal darüber nachzudenken, dass Gras im Allgemeinen dazu tendiert, nachzuwachsen und die Grünfläche einen Monat später wieder so aussehen wird, wie vorher. Doch darüber sinniere ich nicht. Absichts- und Bedingungslosigkeit und unbedingtes Hier-Sein, so wird Gras vernünftig gemäht. Natürlich auch ohne einen perfektionistischen Anspruch. Ohne Planung, Organisation und Kontrolle. Einfach drauflos, und ob ein oder zwei Halme mal länger stehen bleiben oder nicht, berührt nicht im geringsten meine innere Haltung. Loslassen. Mähen um des Mähens willen, nicht wegen des Erfolgs einer klaren Graskante. Zwischendurch denke ich an meinen Opa. Der ist dauernd aufs Feld gezogen, mal mürrisch, bei bester Stimmung nur schimpfend, und hat hektargroße Flächen mit seiner Sense gemäht. Er musste sich abrackern und ich freue mich über das meditative Mähen mit der Sense.
»Können Sie das denn überhaupt«, schalmeit es mir aus dem Nachbargarten entgehen. Die Nachbar-Oma hat ihr Schachern in der Erde unterbrochen. ›Alte Menschen lieben scheinbar das morbide Tun, die Erdnähe‹, denke ich, während ich die Sense auf den Boden absetze und mich lässig daran lehne.
»Ja, sicher«, antworte ich ihr. »Ich habe das als Kind dauernd mit meinem Opa gemacht.« Dabei spare ich aus, dass ich nur mit einer kleinen Handsichel rumgewerkelt habe und meine Oma es sicherheitshalber für sinnvoller befand, mir diese zu entreißen, weil sie sowohl ihre Blumen, als auch meine Gesundheit in Gefahr sah. Außerdem verschweige ich, dass ich mir vor Arbeitsbeginn ein Anwendungsvideo auf Youtube angeschaut habe.
»Es wird wirklich Zeit, dass sich mal jemand um diesen Schandfleck kümmert!«, brüllt sie herüber. Ich hoffe, dass sich der Schandfleck auf die Wiese bezieht. »Wissen Sie eigentlich, wem das Grundstück gehört?«
»Nö, ich bin hier nur der Sensenmann«, lüge ich tiefenentspannt, sehr wohl wissend, in wessen Eigentum der Acker steht.
»Dann lassen Sie sich das aber gut bezahlen«, rät sie mir fast fürsorglich.
»Was soll eigentlich mit dem Bäumchen dort werden?«, fragt sie, während sie zum Apfelbaum zeigt.
»Den pflanze ich nachher noch ein«, antworte ich so höflich, wie es mir bei einer Antwort auf eine saublöde Frage eben möglich ist.
»Passen Sie aber bloß auf, dass er nicht zu nah an meinem Grundstück steht! Ich mag die Sonne in meinem Garten, und wenn dann nur noch Schatten ist, habe ich gar nichts mehr zum Freuen!«
Diese Zeit ist also nicht nur beim Grasmähen sehr lehrreich, sondern auch beim Dialog mit der Nachbarin. Es ist relativ sicher, dass ich noch gerade so erleben werde, dass dieser Baum einen richtigen Schatten wirft. Im besten Fall pflanzt man Bäume immer für die Nachwelt, ganz gleich, ob für den Schatten oder für den Genuss von Äpfeln. Ganz sicher ist, dass sie den Baum in groß nicht erleben wird. Aber Angst vor dem Schatten hat sie trotzdem. Bäumt sich hier die Metapher riesig auf und ist die Angst vor dem Schatten bei ihr im Grunde nur die Angst vor dem Ende, vor ewiger Dunkelheit und Verdammnis? Ich weiß es nicht. Ich lerne aber, dass wir Menschen uns vor allem vor der Unmöglichkeit ängstigen und unser Hirn im Angstzustand keinerlei Logik zulässt.
»Machen Sie sich keine Sorgen«, antworte ich überraschend freundlich. »Ich werde den Baum auf der anderen Seite des Grundstücks pflanzen. Dann haben Sie bei sich für Ewigkeiten Sonne.« Ein Schattendasein fristen Sie ja schon ausreichend, denke ich, aber ich halte den Mund.
Sie schaut mich mürrisch an, nickt und ich sense weiter. Das Gras fällt und der Haufen mit den Halmen wird immer größer. Ich harke ihn in relativer Nähe zum Nachbargrundstück zusammen, wohl wissend, dass von ihm eine latente Schattengefahr für die alte Dame ausgeht. Sie beobachtet mich, kommt an den Zaun und richtet das Wort an mich.
»Wie heißen Sie eigentlich?«
Ich frage mich, was es das Mütterchen angeht, da ich aber zum Entspannen und noch nicht zum »Nein-Sagen« da bin, kann ich es ihr sagen.
»Jischinski.«
Sie mustert mich. »Dann kommen Sie aber nicht von hier, oder?«
»Nein. Sie hören doch, dass ich dialektfrei spreche.«
»Aha.«
Ich bin überrascht, dass meine Ethnie damit geklärt ist. Sie hat bereits andere Sorgen.
»Aber bitte passen Sie bloß auf meine Pfingstrosen hier am Rand auf!!« Sie zeigt auf einen Busch und kümmert sich wieder um die Arbeit in ihrem Garten. Ich sense fröhlich weiter und bin erleichtert, dass ich weitermachen kann. Welche Dinger hatte sie doch gleich gezeigt? Wir Stadtmenschen können unmöglich eine Pfingstrose von Unkraut unterscheiden. Ich lasse vorsichtshalber alles stehen, was nicht wie Löwenzahn oder Gras aussieht und schwinge munter die Klinge, harke zusammen und genieße die Arbeit inzwischen sehr. Bei einer kleinen Pause schaue ich auf die riesige Menge Grünzeug, die sich zu einem bedrohlichen Schattenmonster auftürmt. Ich rufe zum Großmütterchen rüber:
»Sie haben nicht zufällig Viehzeug, an das ich diesen Haufen hier verfüttern kann?«
Sie schaut zu mir, dann zum Gras und wieder zu mir und antwortet: »Früher ja, da hatte ich immer Vieh, was das Zeuch fressen konnte! Aber heute? Heute, nein, da habe ich kein Viehzeug und keinen Mann mehr.«

Iren ist menschlich – Kapitel 4 Pub und Spirit

DRINKINGDanach geht es ins »Dick Mack’s«. Für olfaktorisch sensible Menschen ist bereits die Mischung im »Foxy John’s« eine Herausforderung, weil der Geruch nach Öl, Schrauben, und Gummi sich nicht vollständig mit der Behaglichkeit eines Pubs verträgt. Bei »Dick Mack’s« setzen Schuhcreme und Leder noch eins drauf. Ich finde es einfach wunderbar, wenn der örtliche Schuster auf die Idee kommt, dass ihm das nächste Pub zu weit weg ist (auch wenn das Irland nur ein Treppenwitz sein kann) und aus diesem Grund den Laden um einen Tresen erweitert. In Deutschland würde ich gern sehen, wie viele Behörden und Schreibtischtäter sich berufen fühlen, die Auflagen und Bestimmungen zu sammeln, damit ein solches Vorhaben genehmigt wird. Im historisch durch Armut, Hunger und Emigration geprägten Irland geht das. Und ein Guinness schmeckt auch mit vielen Schuhen im Blick. Hier trifft analoges Zalando auf urigen Biergenuss…
… Das Guinness liegt gut in der Hand. Es ist kühl und am Glas perlt das Kondenswasser ab. Ich habe die Hälfte getrunken und muss lächeln bei dem Gedanken an die Interpretation des halbvollen oder halbleeren Glases. Bei einem alkoholischen Getränk stellt sich die Frage gar nicht. Nach einem halben Glas ist die Welt in der Regel in Ordnung. Wir sind beschwipst und lustig. Erst später werden wir berauscht und unkontrolliert. Irgendwann richtig betrunken und wenn wir nicht rechtzeitig aufhören, kann zuviel Alkohol zu Bewusstlosigkeit und Tod führen. Dem geht die Atemlähmung voraus, die etwa vierhundert Milligramm Alkohol auf einhundert Milligramm Blut braucht.
Warum trinken wir bereits seit tausenden Jahren Alkohol, warum nehmen wir Drogen, warum rauchen Menschen? Für ein paar Momente Glück? Für den Rausch oder diese seltenen Augenblicke der Flucht vor der Realität, die doch nur Urängste in sich trägt und uns viel zu oft vor Augen führt, dass sich eine Menge Wünsche und Träume nicht erfüllen lassen? Für den Genuss sind diese großen Fragen nicht gemacht. Ich kann ein Bier trinken und es lecker finden oder nicht. Einen Whisk(e)y ebenso und so weiter. Interessant wird es, wenn es nicht mehr um den Genuss geht. Wenn wir einen Abend mit Saufen zubringen. Dann gibt es alkoholische Abstürze. Momente des Abscheus und des Ekels. Es gibt den Morgen danach, wenn ich mir wünsche, nie wieder Alkohol zu trinken.
Niemals wieder. Manchmal reicht dieser Vorsatz nicht einmal zwölf Stunden. Dann sitze ich vor einem überraschend wohlschmeckenden Yamazaki und frage mich, wie diese Japaner diesen unglaublich runden Whisky zustande bringen.

Einfache BWL – Investitionsentscheidungen unter Unsicherheit

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Ich stehe in einer Gruppe, in der darüber gesprochen wird, welche Airline sicher ist, wer den besten Service hat und was Flüge kosten. Ich werfe ein, dass ich einmal das Glück hatte, nach Dublin in der Businessklasse zu fliegen, weil ich zu spät zum Check-in kam und man mich der Einfachheit halber ganz vorn hinsetzte. Dabei verschweige ich nicht, dass ich beim Landen völlig hinüber war, weil es dauerhaft und kostenlos Gin Tonic gab. „Normal würde ich mir das gar nicht leisten können“, sage ich noch. Ein Mann sagt: „Businessclass geht ja noch, da kostet der Flug nach New York zum Beispiel zweitausend Euro. Aber in der Firstclass sind es schon sechstausend!“ Da entrüstet sich eine Frau: „Was? Sechstausend Euro für einen Flug?! Das würde ich nie ausgeben! Dafür bekomme ich eine Tasche von Louis Vuitton!!“
Frauen muss man einfach lieben. Sie treffen die mit Abstand sinnvolleren Investitionsentscheidungen.

Iren ist menschlich – nur noch neun Tage!

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»Auf der Überfahrt von Frankreich nach Irland schaukelte die Fähre bedenklich und ich hatte zu tun, dass ich alle Nahrung bei mir behielt. Zur Ablenkung stellte ich mich an die Reling und schaute auf das Meer. Zu mir kam ein Ire, der allen Klischees gerecht wurde: Rote Haare, Sommersprossen und Klamotten aus Tweed und Wolle. Er musterte mich und fragte: »Fahren Sie auch nach Hause?«
Ein Ire bin ich sicher nicht, auch wenn ich optisch als einer durchgehen könnte. Aber im Herzen fühle ich mich diesem Land verbunden. Unsere Schnelligkeit des Digitalen, fernab der Natur ist nicht meine Welt. Ich bin ein analoger Kelte. Fest verwurzelt mit der Erde, nah der Natur. Manchmal kann ich mich zum Himmel recken und nach den Sternen greifen, doch meistens stehe ich im Morast.«

Bibliomanie

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Alle Augen sind auf mich gerichtet. Meine Hände sind schweißnass und ich reibe sie an den Oberschenkeln trocken, während ich aufstehe. Volker, der Moderator, schaut besonders erwartungsvoll zu mir. Er ist mir unsympathisch. Ich würde ihm gern in seine ewig lächelnde, langweilig ausgeglichene Visage schlagen. Aber Scheiß auf Volker, Scheiß auf sie alle, nun bin ich dran.
»Hallo, ich bin Mark«, sage ich unsicher.
»Hallo Mark«, sagen sie alle und ich kann Volkers Stimme raushören. Ich stehe inzwischen und ich weiß, was von mir erwartet wird. Es kommt nur schwer über meine Lippen, doch ich überspiele meine Unsicherheit und die Säure, die mir die Speiseröhre heraufkriecht, mit meinen Worten.
»Ich bin Mark und ich bin biblioman.«
Anerkennendes, mitfühlendes, aufmunterndes Nicken. Von allen. Besonders von Volker. Der sagt schließlich: »Danke, Mark. Schön, dass du bei uns bist. Erzähle uns mehr von dir. Wie ist es dazu gekommen, was hat dich zu uns gebracht und wie fühlst du dich jetzt?«
Er grinst sein Moderatoren-Ich-weiß-wie-es-euch-geht-Lächeln in die Runde. Bin ich der Einzige mit Aggressionsphantasien? Will nur ich ihm die Lippen blutig schlagen? Den ewig leidend-mitfühlenden Blick ganz tief in die Augen hämmern? Biblioman, was heißt das schon? Eine weitere Einordnung, nichts weiter. Ich bin ein Mann, einsneunzig groß, nordischer Typ, ein paar Macken, aber ansonsten ganz in Ordnung. Gut, die Sache mit den Büchern … Na und? Andere Leute sammeln jeden Mist und keiner sagt was. Überraschungseierfiguren, Briefmarken, Zehennägel. Ich habe maximal dreitausend Bücher, genau weiß ich es nicht, weil ich nicht zum Zählen komme. Und nun stehe ich vor Volker und den anderen Idioten und muss mich rechtfertigen, weil meine Mutter mich in »die Gruppe« geschickt hat. »Das wird dir gut tun«, sagte sie. Und: »Da bist du unter Gleichgesinnten!«
Die Gleichgesinnten und ihre Bücher sind mir alle egal. Ich will einfach nur nach Hause.
»Mark?« Der Volker nervt wieder. Ich spüre Blicke wie Stiche auf meinem Gesicht, auf meinen Armen, auf meinen Beinen … sie tun mir weh. Sie sollen mich in Ruhe lassen! Meine Atmung beschleunigt sich, meine Hände beginnen zu zittern und es kriecht nun endgültig meine Lungen hoch, sammelt sich in meinem Mund und da, endlich! Ich schreie …
… und wache auf.
Wenn mir doch meine Mutter bloß nicht diesen Blödsinn mit der Selbsthilfegruppe erzählt hätte! Nun träume ich jeden zweiten Tag davon. Es drückt noch immer in meiner Brust. Genau dort, wo der Schrei begann. Und wenn ich an Volker denke, wird mir schlecht. Ich bin schweißgebadet. Langsam schlage ich die Bettdecke zurück. Die Luft kühlt meine Haut und ich atme durch. Während ich mit meinen Füßen die Hausschuhe suche, stolpere ich über zwei Bücher von Sartre. Hatte ich gestern Abend noch drin gelesen? Mir fällt es nicht mehr ein. Wie ich mich nach ihnen bücke, fällt mein Blick auf ein Buch unter dem Bett. Oh! Huxley! Wann ist mir denn die schöne neue Welt unters Bett gerutscht? Keine Ahnung. Ich lasse die Bücher liegen und gehe aufs Klo. Jeder Schritt fällt mir schwer und meine Oberschenkel fühlen sich an, als hätte ich Muskelkater. Dabei habe ich gar keinen Sport gemacht. Schon lange nicht mehr. Alles nur von diesem blöden Aufstehen in der Gruppe. Ich setze mich auf die Kloschüssel und lese Amélie Nothomb weiter. Schöne Klolektüre, »Den Vater töten«. Noch maximal zehn Sitzungen, dann bin ich durch.
Beim Frühstück räume ich einen Stapel Bücher beiseite, den ich vor ein paar Tagen in die Küche gelegt habe, keinen Plan, warum. Irgendwie wollte ich mal wieder was von Boyle lesen und habe alle Romane von ihm vorgekramt. Dabei bin ich zufällig auf Murakami gestoßen und war überrascht, dass ich diesen Tazaki schon gekauft hatte. War mir gar nicht mehr bewusst.
Ich würge ein ziemlich geschmackloses Müsli runter, während ich in Murakamis Buch blättere. Dabei fällt mein Blick auf das Küchenfenster. Letzte Woche hat mir meine Mutter damit gedroht, den Bücherstapel zu entsorgen, wenn er weiterhin den Blick nach draußen versperrt. Ich sagte ihr, dass dieser Blick allemal schöner ist, als der auf Frau Faust von gegenüber, wenn sie ihren schwammigen Körper über das Fensterbrett hängt, die Arme auf den Brüsten parkt und in einer Stunde eine Schachtel Zigaretten raucht. Wenn sie dann noch ihre grauen, strähnigen Haare mit ihrer gelben Raucherhand durchfurcht, können selbst die schlechtesten Bücher die Sicht angenehm versperren.
Eigentlich müsste ich duschen. Aber ich habe keine Lust dazu. Weiß nicht, wann ich das letzte Mal unter der Dusche stand. Stört ja auch niemanden. Ich schiebe das Müsli beiseite, gehe ins Schlafzimmer und ziehe mich um. Es ist inzwischen kurz vor zehn und ich muss raus.
Es ist zu hell und zu laut auf der Straße. Zu viele Menschen außerdem. Ich frage mich, ob die alle nichts zu tun haben. Nach einer knappen halben Stunde erreiche ich die Buchhandlung. Es ist fast Monatsende und das Geld wird knapp. Deshalb brauche ich gar nicht in die Ecke mit den Hardcoverausgaben zu gehen. Heute sind maximal die preisreduzierten Remittenden drin. Aber vielleicht haben sie die endlich mal aufgefüllt.
Ich bekomme schwitzige Hände. »Die tausend Herbste des Jacob de Zoet« von David Mitchel als Hardcover, runtergesetzt auf 8,90 Euro! Sofort nehme ich es an mich, streiche über den wunderbaren Schutzumschlag, leichte Prägung, angenehme Verwerfungen im Material. Irgendwo muss ich »Wolkenatlas« rumliegen haben, aber ich kam noch nicht zum Lesen. Und da! »Der Idiot« von Dostojewski! Runtergesetzt, wundervoll. Sie haben meine Gebete erhört und Neuware bekommen. Oh! »Arbeitsheft Zeitmanagement« für nur 4,99 Euro. Das wird mir gut tun! Gleich darauf fällt mein Blick auf »Französisch in 30 Tagen mit 2 Audio-CDs«. Auch gut. Ich sollte mal wieder meine Sprachkenntnisse auffrischen. Nun wird es langsam Zeit für einen Einkaufskorb. Ich balanciere den Stapel Bücher zurück zum Eingang und greife zu einem Korb, in den ich sie ganz vorsichtig hineinlege. Ich streiche noch einmal über das Cover vom Mitchel, dann gehe ich zurück. Die Auswahl ist gut und es fällt mir schwer, mich zu entscheiden. Sogar ein paar philosophische Sachen sind dabei. Russel, Hobbes und Schopenhauer. Ich nehme sie mit. Darf nicht stehenbleiben mit meinem Wissen. Auch bei den belletristischen Sachen sind endlich neue dabei. Ich bin mir nicht sicher, ob ich »Irrlicht« von O’Connor schon habe, nehme es aber trotzdem mit. Fünf neunundneunzig sind okay. Hardcover. Ich werfe noch zwei Bücher, die mir nichts sagen, in den Korb. Die Cover sind schön. Nun wird mir alles zu schwer und ich denke, dass es besser ist, noch einmal zu kommen. Deshalb schleppe ich alles zur Kasse.
Ich packe die Bücher auf den Tresen. Die Verkäuferin schaut auf den Berg und sagt: »Oh, da haben Sie sich aber was vorgenommen, oder?«
»Hm, war nicht so geplant«, brumme ich in meinen Bart.
»Geht mir auch so«, flötet sie etwas zu freundlich, während sie die Bücher über den Scanner zieht. »Bücher kann man nie genug haben!«
Was sie nicht sagt. Sie ist mir trotzdem sympathisch. Während ich sie anschaue, sehe Volker vor mir. In einem Sarg.
»Das ist Ansichtssache«, bescheide ich ihr betont sachlich. »Ich denke auch so und glaube, dass es letztlich nur eine Frage von zu wenig Regalen ist.«
Sie lächelt ein wunderbares Lächeln. Sie ist wunderschön, fährt auf Bücher ab und arbeitet in einem Buchladen. Ich glaube, dass ich sie liebe. »Ah, das Problem kenne ich! Und ich finde, dass man Bücher auch in drei Reihen ins Regal stellen kann!«
Oder in das Küchenfenster, um alte, hässliche Nachbarinnen nicht zu sehen, denke ich, sage aber: »Finde ich auch!«
Sie beugt sich über den Tresen und flüstert in mein Ohr: »Wie erklären Sie zu Hause DAS hier?« Dabei lässt sie eine Hand über den Bücherstapel gleiten.
Ich muss es niemandem erklären! Volker nicht und meiner Mutter auch nicht. Außerdem sind es nur zehn Bücher, nicht der Rede wert. »Hm, da habe ich noch keine Ahnung«, sage ich ihr und würde es IHR gern erklären, wenn ich nach Hause komme. Dabei müsste ich es IHR gar nicht erklären. Habe sie ja bei IHR gekauft.
»Ich schmuggle die Tüte immer erst einmal heimlich in die Wohnung und stelle die Bücher ins Regal, wenn mein Freund nicht da ist. Wenn ich dann irgendwann eins davon aus dem Regal nehme und lese, fällt es nicht mehr so auf!«
Ich schaue anerkennend zu ihr, versinke in ihren Augen, in denen ich sie verführerisch vor einem Bü-cherregal sehe. Es quillt über, weil die vierte Reihe nicht mehr hält und das einzige, was sie anhat, ist eine Leselampe. Ich schlucke schwer. »Clever«, sage ich langsam und spüre, wie trocken mein Mund auf einmal ist. »Und … Ihr Freund bekommt gar nichts mit? Auch nicht, wenn bei dauerhafter Anwendung dieser Technik irgendwann doch ein neues Regal fällig ist?«
Sie hat ein wunderbares Lächeln. Ich würde ihr gern etwas vorlesen. Sofort.
»Ein Regal ist etwas anderes. Darüber freut er sich. Das ist ein Möbelstück. Aber ein paar gelesene Bücher, die nicht so dolle sind, schaffe ich einfach in den Keller oder verborge sie. Geborgte Bücher bekommt man eh nicht zurück!«
Sie packt die Bücher in die Tüte und ihre Aura verliert an Glanz, bis sie ganz verschwindet. Sie war so wunderschön! Aber sie verleiht Bücher!! Ich verstehe diese Welt einfach nicht. Sie kann nicht vollkommen sein. Dieses Mädchen sieht so schön aus, hat ganz feingliedrige Hände, auf denen sanft blaue Adern schimmern. Sie ist blass und hat Augen, die aussehen, als würde sie immerzu weinen. Die Haare sind braun gefärbt und am Ansatz kann ich dieses unbestimmbare Gemisch aus Unfarbe sehen. Alles ist per-fekt. Aber sie muss ja Bücher verleihen! Sie zieht meine EC-Karte durch das Lesegerät. Dann gibt sie mir die Quittung zum Unterschreiben.
Während sie die zwei Tüten über den Tresen wuchtet, sagt sie: »Sie machen das schon ganz gut! Ist auch eine alte Masche von mir. Immer mal ein paar angestoßene Remittenden kaufen. Dann kann man immer sagen: ›Aber Schatz! Schau doch mal, das ist von ganz hinten im Regal, das habe ich schon seit Jahren!‹ Das klappt eigentlich immer.«
Ich nehme die Tüten, umfasse sie mit beiden Armen, damit die Henkel nicht abreißen oder der Boden durchreißt. Ich schaue sie noch einmal an. Sie ist fast eine Traumfrau. Aber eben nur fast. Ich sehe sie in Gedanken. Wie sie es hinbekommt, ein Buch aus der Hand zu geben. Einfach so! Sie borgt es einer fremden Person und sieht es vielleicht nie wieder.
»Ja«, fragt sie. »Ist noch was?«
Sie spekuliert jetzt wahrscheinlich auf meine Telefonnummer. Darauf, dass sie bald einen besseren Partner zu Hause hat. Einen wie mich, mit dem sie ihre Bücher teilen oder besprechen kann, wem sie ein Buch verborgt, das sie nicht mehr mag. Aber solche Frauen werfen auch Kinder in die Babyklappe.
Ich schaue ihr noch einmal kurz in die Augen und da sehe ich es. Ganz deutlich. Wie sie, ohne mit der Wimper zu zucken, Bücher weggibt. Kleine Kunstwerke, Kostbarkeiten, in Leinen gebunden, mit Präge-druck und wertvollem Vorsatzpapier. Sie ist herzlos. Kein echter Bücherfreund.
»Nein«, sage ich bestimmt, drehe mich um und gehe.