Jugendweihe 2021

Das ist ein altes Foto. Zum einen aus hygienischen Gründen und zum anderen sehe ich auf alten Fotos jünger aus.

Vielen Dank für die vielen positiven Rückmeldungen zu meiner Jugendweihe-Rede vom letzten Samstag. Ich bin immer wieder stolz darauf, diesen wichtigen Tag begleiten zu dürfen und freue mich sehr über die Rückmeldungen. Ich komme heute dem Wunsch einiger Teilnehmer nach und veröffentliche für einige Tage die Rede im Wortlaut. Viel Spaß noch einmal damit, aber auch die Zeit fürs Innehalten und Nachdenken.

Liebe junge Erwachsene, liebe Eltern, Großeltern und Gäste!
Heute ist Jugendweihe. So ein Tag markiert einen Wendepunkt, denn ihr werdet ganz offiziell in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen. Es ist aber auch ein besonderer Tag in einer unruhigen und unsicheren Zeit. Deshalb ist es wichtig, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, auf das Beieinandersein, auf die Zeit mit der Familie und Freunden und darauf, diesen einen Tag zu genießen, ganz gleich, welche Rahmenbedingungen uns begleiten. Heute geht es ums Erwachsenwerden, Verantwortung übernehmen, mehr Freiheiten haben und sie auskosten.
Wenn ich so etwas erzähle, frage ich mich, ob ich gerade für euch in den ersten Reihen glaubwürdig bin. Ich frage mich, ob wir Erwachsenen in den letzten Monaten echte Vorbilder für euch waren. Meine Meinung ist, dass wir euch unverblümt gezeigt haben, wie ungeeignet wir für diesen Job sind. Wir zerbrechen uns die Köpfe darüber, wie ihr verlorenen Schulstoff nachholt, den ihr in eurem gesamten Leben nie wieder braucht. Wir leben euch vor, wie eine Gesellschaft auf gar keinen Fall funktioniert. Wir haben Probleme in der Differenzierung zwischen Meinung und Wahrheit, hören einander nicht mehr zu und bilden furchtbare Gräben bis tief in Freundschaften und Familien. Und wenn wir endlich mal wieder etwas Gutes für euch tun wollen, dann empfehlen wir euch, im Klassenzimmer bei geöffneten Fenstern Hampelmänner und Kniebeugen zu machen, damit ihr nicht friert.
Wenn ich noch ein Kind wäre, würde ich mich fragen, wer hier eigentlich der Erwachsene ist. Was lernt ihr denn fürs Leben? Wir leben euch eine Peter-Pan-Gesellschaft vor, in der wir alle auf Reize reagieren wie Kinder und nun stehe ich hier und will euch etwas übers Erwachsenwerden erzählen. Das fällt mir echt schwer. Das einzig Beruhigende ist, dass die Eltern von früher auch nicht besser waren. Als ich Jugendweihe hatte, habe ich eine Urkunde erhalten, in der stand, dass sich meine Eltern verpflichten, mir eine Zukunft im Sozialismus zu sichern. Die haben versagt! Zwei Jahre später war ich mit meiner Mutter beim VEB Kraftverkehr und wir haben einen Wartburg für mich bestellt. Den sollte ich im Jahr 2000 bekommen! Ich warte heute noch! So richtig verlässlich wirken Eltern nicht.
Doch was interessieren euch als »junge Erwachsene« ab morgen noch eure Eltern? Wir haben es gerade gehört: »Schau nicht zurück, wenn ich mich nicht melde, gehts mir gut!«
Ernsthaft? Einfach mal abmelden und euren eigenen Weg gehen? So funktioniert das aber auch nicht. Und wisst ihr warum? Als ihr noch klein und hilflos wart, auf fremde Hilfe angewiesen … wer hat euch denn damals geholfen? Wir waren es, ja wir, eure Eltern! Nächte haben wir durchwacht, wir haben euch stundenlang auf den Armen gewiegt, so schief in eure Ohren gesungen, dass auch die Nachbarn froh waren, wenn ihr endlich eingeschlafen seid. Wir haben eure Windeln gewechselt und hirnrissige Spiele zehnmal hintereinander gespielt.
Eure ersten Schritte haben wir mit einer begeisterten Inbrunst gefeiert, als wäret ihr das einzige Lebewesen, das den aufrechten Gang beherrscht. Später haben wir euch zum Fußball gefahren, zum Ballett, zum Reittraining, zum Kindergeburtstag, zur Musikschule und zu guter Letzt haben wir uns den ersten Hüftschaden eingefangen, weil wir beim Elternabend auf diesen Ministühlchen sitzen mussten. Im Grunde sind doch die Autos eurer Eltern nichts weiter, als die größte illegale Taxiflotte der Welt!
Aber … soll ich euch etwas verraten? Wir haben das alles so verdammt gern getan. Durchwachte Nächte, Stress, graue Haare und Streitereien … alles war es wert und wir sind stolz auf euch. Gerade heute schauen wir uns die Bilder von früher an und uns Eltern wird dabei klar, wie schnell die Zeit vergangen ist. Wie unsagbar rasant die Jahre an uns vorüber geflogen sind und ihr dabei immer größer wurdet. Schlauer, schneller, besser, manchmal nervender. Aber vor allem seid ihr … unsere Kinder … für uns das Liebste und Wichtigste in unseren Leben.
Der Tag der Jugendweihe … ob ihr es glaubt oder nicht, es ist gefühlt noch gar nicht so lange her, da saß ich an eurer Stelle. Ich war vierzehn Jahre alt und meine gedankliche Welt bestand aus wirklich elementaren Fragen. Diese hatten im Wesentlichen mit drei Dingen zu tun. Essen, Fußball und Mädchen. Auch wenn die Realität nur aus Essen und Fußball bestand.
Und letztlich ist die Wahrheit doch die, dass du mit 14 oder 15 keinen Plan hast, überschwemmt bist mit Hormonen und in deinem Hirn kein Platz für andere Sachen ist. Erwachsen wirst du irgendwann ab 30, wenn du eine Frau bist und zwischen 45 und 50, wenn du ein Mann bist … und bis dah in ist es ein langer und entbehrungsreicher Weg. In der Schule lernst du unsinnige Dinge, mit denen du nichts anfangen kannst. So versuchte man, mir damals die Kurvendiskussion beizubringen. Doch die einzigen Kurven, die mich wirklich interessierten, waren die von Kathleen, zwei Bankreihen vor mir. Überhaupt: Mathematik! Die Mathematik ist immer logisch, die Anweisungen der Eltern waren es nie! Und es gab so viele andere Fragen, auf die die Schulbücher keine Antworten hatten! Wir lernten etwas über die Photosynthese und wie die Bäume durch sie Sauerstoff herstellen. Als mir aber am Tag meiner Jugendweihe die Luft wegblieb, als ich Kathleen in diesem rattenscharfen Kleid sah, war nicht ein Baum in der Nähe, der mir Sauerstoff spendete! Warum nicht? Und wo ich einmal bei Kathleen bin: Sie hatte zu Beginn der Schulzeit eine Brille, in deren rechten Glas das Bild eines Schmetterlings war.
Ich wollte immer wissen, ob sie dort nie ein Auge hatte oder ob es die Raupe auf dem Weg zur Schönheit des Schmetterlings gefressen hat. Und ich habe mich gewundert, warum damals niemand mit ihr spielte, aber noch mehr darüber, dass sie in der Schule alles besser verstand, obwohl sie nur die Hälfte sah. Wahrscheinlich lag es daran, dass sie eine Frau ist. Und Frauen sind komisch, das lehrte mich mein Vater.
Ich hatte also das Buch »Vom Sinn unseres Lebens« auf meinem Schoß liegen, fühlte mich völlig unwohl in einem Anzug, der damals schon komisch aussah und aus heutiger Sicht mindestens gegen die Genfer Menschenrechtskonventionen verstößt. Mit meinem Haarschnitt von damals würde ich jede Klage gegen die Friseurinnung gewinnen. Aber all das war mir egal, denn direkt in der Reihe vor mir saß Kathleen, die ein schulterfreies Kleid in mintgrün trug. Sie sah aus wie eine Elfe und sie war wunderschön. Die meisten anderen Mädchen aus meiner Klasse trugen einen BH aus bloßer Erwartung. Oder aus Vorsicht, falls das Wachstum ganz schnell ging. Als Junge stellte ich mir das für Mädchen komisch vor. Du wachst eines Tages auf und liegst plötzlich in einem Tal in den Alpen. Kathleen aber war bereits vollständig.
Trotzdem war ich sauer auf sie. Ein paar Tage zuvor stand ich auf dem Pausenhof und aß brav mein Brot. Ich sah Kathleen schon von weitem auf mich zukommen. Anfangs war ich unsicher, denn warum sollte sie das tun? Doch mit jedem Schritt, den sie näher kam, wurde es offensichtlicher und mir wurde wärmer. In meinen Ohren klang Milli Vanilli mit »Girl You Know It’s True«, abgelöst von Whitney Houstons »One Moment in Time«. Mir wurde heiß.
Kathleen kam auf mich zu! Kathleen wollte etwas von mir! Irgendwas. Ich schwitze. Ich bestand zu 99 Prozent aus Wasser und zu einem Prozent aus Angst. Vielleicht war es auch umgekehrt. Und obwohl da Wasser war, blieb meine Kehle trocken. Sie sprach mich an. »Hallo, Mark, kannst du mir einen Gefallen tun?«
»Natürlich, jeden, den du willst, Hauptsache ist, dass wir mal etwas Zeit miteinander verbringen und ich dabei mit meinen in deinen Augen baden kann«, dachte ich.
»J … J … Ja«, stotterte ich.
Kathleen griff in die Tasche ihrer Jacke und hielt mir einen zusammengefalteten Zettel entgegen. »Kannst du den bitte dem Stefan geben?«
Und da wurde es mir klar! Ich war gar nicht interessant für sie, sondern nur der billige Hermes für ihre niederen Bedürfnisse, der blöde Nachrichtenüberbringer. Ich war traurig, aber konnte ihr nicht böse sein. Sie stand immerhin direkt vor mir und ich schaute eine Ewigkeit in ihre wasserblauen Augen. Doch, was rede ich da? Die Erinnerung kann uns trügen. Ich sage natürlich nur in meiner erwachsenen Haltung, dass ich in ihre wasserblauen Augen geschaut hätte. Wo aber habe ich damals wirklich hingesehen? Genau! Auf ihren Charakter. Und davon hatte sie sogar zwei.
Ganz gleich, was euch jungen Erwachsenen heute durch den Kopf geht; ob Essen, Fußball, Mädchen, Jungs oder mehr. Auch in der Gegenwart ist die Jugendweihe der Startschuss für einen neuen Lebensabschnitt und die Grundfragen sind geblieben. Was werde ich tun? Wo werde ich leben? Wie werde ich arbeiten? Mit wem lebe ich zusammen? Was ist der Sinn des Ganzen und warum bin ich überhaupt hier?
Die Erwachsenen beantworten diese Fragen gern mit Dingen wie: Erst einmal musst du die Schule beenden. Dann eine Ausbildung machen oder studieren. Danach eine Arbeit finden. Und sicher werden auf diesem Weg auch Fragen wie Partnerschaft, Familie und Kinder ihren Raum haben. Nachgelagert aber, denn vor allem ist Sicherheit wichtig.
Wenn ihr dann endlich alle Gipfel erklommen habt, seid ihr in der scheinbar sicheren Welt der Erwachsenen angekommen. Blöd nur, dass so so viel Zeit vergangen ist. Und noch blöder ist, dass im Lernen und Streben, im Studieren und Arbeiten immer nur ein kleiner Teil des Sinns steckt. Und dass ihr erkennt, dass gar nichts sicher ist. Was auf euch wirklich wartet, ist ein Hamsterrad, aber wenn wir Erwachsene gut sind, verkaufen wir es euch als Karriereleiter. Auf dieser werdet ihr später noch halb so gut bezahlt, müsst aber doppelt so viel arbeiten. Und das auch noch überall, immerzu, hoch kommunikativ, unendlich frei und immer darauf hoffend, dass irgendwann einmal die Rente kommt, denn die ist nun wirklich sicher. In Berufen, die wir am meisten brauchen, werdet ihr am schlechtesten bezahlt und in den unsinnigsten Bullshit-Jobs könnt ihr richtig reich werden.
Euch wird dauernd suggeriert, dass man das Glück, wenn es da ist, auch messen kann. Die Maßeinheiten dafür sind Arbeit, Geld, Haus, Auto und Konsum. Deshalb schuften die scheinbar Erwachsenen in Berufen, die sie nicht mögen, um Geld zu verdienen, für die Dinge, die sie nicht brauchen. Zu allem Überfluss vergessen die Erwachsenen auf diesem Weg viel zu oft tolle Dinge aus der Kindheit. Neugierig sein, sich wundern, tanzen, singen und lachen.
Was ist passiert?
Ganz einfach. Wir suchen den Sinn des Lebens, aber wir gebrauchen dafür unsere Sinne nicht mehr. Im blinden Vertrauen auf die Ratio vergessen wir das, was uns zu Menschen macht. Wir fragen nicht mehr, ob Dinge wertvoll sind, sondern, was sie kosten. Wir haben unser Leben ökonomisiert. Wir kleiden diese Suche hübsch und hoffen auf Sinn, doch es kommt unweigerlich der Tag, an dem wir erkennen, dass alles Staffage ist. Eine schöne und herausfordernde, eine, die uns Mühe und Zeit kostet und vielleicht sogar eine Menge Geld für Miete und Konsum gebracht hat. Aber es bleibt Schmuck in einem ansonsten schmucklosen Leben. Irgendwann erkennen wir, dass Treuepunkte, Paybackkarte, Schnäppchen und Vorsorge uns nicht weiter bringen. Es sind im Ergebnis weder Laktose oder Histamin. Wir haben eine Lebensunverträglichkeit entwickelt.
Und wir entfremden uns weiter nach Kräften! Unser Körper besteht aus 75 Billionen Zellen und wir verwenden große Teile unserer Lebenszeit darauf, jede einzelne davon in Pixel zu verwandeln, damit wir gesehen und geliked werden. Wir erhoffen uns Klicks, damit wir sicher sind, dass wir sind, dass wir JEMAND sind. Und so verbringen wir unglaublich viel Zeit damit, Informationen an die all die anderen zu senden, um ihnen zu zeigen, dass wir glücklich sind. Dabei verkümmern wir selbst immer mehr und werden unsichtbar in einem Netz voller Möglichkeiten. Ich gebe dir mein Handy, und du sagst mir, wer ich bin.
Irgendwann wird der Tag kommen, an dem wir erkennen, dass es nicht die Pixel, Klicks und Likes der anderen sind, die uns ausmachen, sondern dass wir uns selbst unserer Einzigartigkeit bewusst werden müssen.
Ihr seid es jetzt schon. Ihr seid nur unsicher und auf der Suche nach Bestätigung von außen, von den Vielen. Dabei reicht manchmal genau ein Mensch, um euch zu zeigen, wie wunderbar ihr seid. Sehr oft sitzt er neben euch, wenn ihr die zwanzigste Folge der dritten Staffel einer grandiosen Serie schaut. Doch allzu schnell wird auch der außergewöhnlichste Mensch selbstverständlich, wenn wir ihn nicht mehr anschauen.
Glaubt mir, Erwachsene waren und sind komisch. Und eine der Kernfragen, ob Mann und Frau wirklich zusammenpassen, werdet auch ihr einmal stellen. Ihr müsst lernen, ungesehen und ungehört mit den Augen rollen zu können. Und ihr werdet euch fragen, wann die Ehefrau diesen Masterabschluss gemacht hat, weil sie die einzige Person auf der Erde ist, die wirklich weiß, wie ein Geschirrspüler richtig eingeräumt wird. Die Mutter plant und organisiert, weil es ja sonst keiner macht und sie schreit euch manchmal an, als wäret ihr im Strategiespiel »Familie« jämmerliche Versager. Und Papa? Papa denkt immer noch, er sei lustig. Dabei zwängt er sich heute in den knappen Hochzeitsanzug und seine schalen Witze sind voll 80er und an guten Tagen mal 90er. Eltern können so was von peinlich sein. Sie haben überhaupt keine Ahnung davon, dass ihr tief in eurem Herzen bereits erwachsen seid und tatsächlich schon diese eigene Meinung habt, die sehr oft von Mama und Papa abweicht.
Also, wisst ihr was? Manchmal wissen wir Erwachsenen auch nicht genau, wie das alles geht. Wir fühlen uns erdrückt von einem System, das wir nicht ändern können, unverstanden von den anderen und sind müde beim Blick auf den Weg, der noch vor uns liegt. Dann holen uns die Banalität des Daseins, die tägliche Wiederholung, Ärger und Verdruss ein. Wir wollen am liebsten eine kunterbunte Welt um uns herum, aber wir malen sie selbst meistens schwarz-weiß. Manchmal fällt dieses Leben auch uns schwer. Aber genau in diesen Momenten schauen wir voller Liebe auf euch, unsere Kinder, und alles ist gut. Weil wir dann wieder wissen, wofür wir leben. Und eben auch, warum es manchmal schwerfällt, euch loszulassen. Natürlich wollt ihr unbedingt losfliegen, euer Leben leben. Und so liegt es wohl an uns Eltern, euch Schritt für Schritt beim Abheben zu begleiten. Wir können euch helfen, dass etwas Wind unter eure Flügel kommt und dass ihr gut und sicher in die von euch gewählte Richtung fliegt. Und dann müssen wir loslassen und darauf vertrauen, dass ihr hinfallt und ohne unsere Hilfe wieder aufsteht. Wir Eltern wollen, dass ihr euer perfektes Glück findet, aber verzeiht uns bitte, wenn wir sehr oft auch nicht perfekt sind. Auf eurem Weg durch das Abenteuer Leben sollt ihr nur wissen, dass bei eurer Familie und euren Freunden ein sicherer Hafen ist, in dem ihr immer wieder landen könnt.
Und nun wünsche ich euch einen guten Start, immer genug Schub und einen phantastischen Flug in eine Welt, die mit Freude auf euch wartet und in der ihr ganz sicher vieles besser machen werdet.

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