Blinddarm im Kopf

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Der Kaffee ist längst kalt. Professor Dr. Brain-Hurts schaut durch das Fenster auf die verschneite Straße vor der Charité in Berlin. Wieder und wieder schüttelt er den Kopf. Er ringt um Worte, setzt an, sucht nach Erklärungen – für sich selbst, für die Anderen –, um dann doch wieder mit einem Lächeln ins Leere zu blicken. Minuten vergehen. Der Reporter ihm gegenüber wartet. Es darf seine Zeit dauern. Angeblich soll der Professor etwas Außergewöhnliches entdeckt haben. Hier lauert eine echte Story. Kein halbseidener Skandal, nichts, was morgen schon niemanden mehr interessieren wird, nein das hier ist richtig groß. Riesengroß. Epochal. Universal. Dafür hat der Reporter einen Riecher. Er schnäuzt sich kräftig in ein Taschentuch.
Das übliche hektische Treiben umgibt die beiden, aber Professor Dr. Brain-Hurts wirkt bei alledem wie ein Fremdkörper, ein zur Ruhe gekommenes Teilchen inmitten eines Sturms. Endlich kann er darüber reden. »Es war eine Routineuntersuchung in der neurologischen Abteilung. Es fing auch ganz harmlos an. Aber dann kam eins zum anderen. Es hätte uns stutzig machen sollen, dass diese Person den Fragebogen komplett ohne Rückfragen ausgefüllt hat. Aber das gibt es schon ab und zu mal. Auch dass ein Patient rücksichtsvoll ist und erkennbar Dankbarkeit und Demut zeigt, kommt auch in einem von tausend Fällen vor. Doch dann konnte die Person ohne fremde Hilfe Wortfolgen über 140 Zeichen hinaus bilden. Einfach so! Das muss man sich mal vorstellen!« Wieder dieses Kopfschütteln. Im Ruhestand würde der Professor jederzeit eine geringfügige Anstellung als Wackeldackel finden. »Wir kamen aus dem Staunen gar nicht mehr raus! Diese Person war in der Lage, fernab von schwarz oder weiß zu denken! Sie konnte eigenmächtig abstrahieren, unterschiedliche Standpunkte beleuchten und dadurch zwischen den Polen schwarz und weiß so viele Schattierungen von grau erkennen, dass es uns die Sprache verschlug. Diese Person nahm eine Metaposition ein, wog verschiedene Meinungen kritisch ab und schlug sich nicht einfach so auf die eine oder die andere Seite. Sie verurteilte nicht vorschnell, schrieb keine gehässigen Posts, fotografierte weder sich selbst, noch jede Form von Nahrung und hatte ein originär eigenes Urteilsvermögen. Es war unglaublich!«
Der Professor nippt am Kaffee und verzieht das Gesicht. »Die Person konnte sich artikulieren, beherrschte mehr als die Grundrechenarten, war kaum in den sozialen Netzwerken aktiv, kannte sie aber; nutzte bei Aufgabenstellungen nicht Wikipedia oder Google und verblüffte uns mit Antworten, die wir, vielleicht etwas hemdsärmelig, aber so doch fürs erste ›gesunder Menschenverstand‹ getauft haben. Natürlich erst, nachdem wir die Person vollständig untersucht haben. Es war völlig klar, dass wir sie röntgen mussten. Dabei stellten wir eine Anomalie im Kopf der Person fest. Eine weitergehende Untersuchung im Rahmen der Autopsie, und es ging ja gar nicht anders, brachte es dann ans Licht.«
Der Professor schaut versonnen, aber voller Stolz in die riesige Halle der Charité. »Wir haben ein neues Organ gefunden. Es sitzt im Kopf der Person und wir haben es ›Gehirn‹ getauft.«
Wieder dieses Kopfschütteln. »Eine einmalige Entdeckung. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Damit stehen wir natürlich ganz am Anfang der Hirnforschung. Wir wissen noch nicht viel über dieses Organ, glauben aber, dass die Person die selbstreflektierenden Gedanken, die Fähigkeit zur Abstraktion, ja sogar das eigene Bewusstsein und die Präsenz und Anwendung echter Werte aus diesem Organ schöpft.«
»Darf man denn wissen, welches Geschlecht diese Person hat? Schließlich wäre es von erheblichem Interesse für die Geschlechterforschung, für den Fortgang von Gendermainstreaming und das gesamte menschliche Paarverhalten, wenn wir wüssten, welches der Geschlechter dieses unglaubliche Organ besitzt!« Der Reporter verharrt mit dem Kugelschreiber über seinem Block. Vor seinem geistigen Auge sieht er bereits den Leitartikel mit seinem Namen abgedruckt. Morgen früh, vor allen anderen.
Professor Dr. Brain-Hurts schmunzelt, dann streicht er über die weiße Tischdecke, zupft etwas an der Kunstblume und schnauft. »Wissen Sie, ich weiß auch noch nicht, wie ich das meiner Frau beibringen soll. Oder wie wir es den Menschen vermitteln. Es ist nämlich so …« Der Professor schaut nun mit klarem Blick, die Stimme ist wieder fester. »Also diese Person ist weder eine Frau noch ein Mann. Aber das ist letztlich folgerichtig. Ich meine … wenn Männer oder Frauen so ein phantastisches Organ hätten … überhaupt die uns bekannten Menschen … ich meine … das wäre uns doch schon längst aufgefallen, oder?«

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