Mark deckt auf – Stunk in der Agentur

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»Herr Macho, so geht das nicht weiter«, sagt der Sachbearbeiter von Embispé mit einer tiefen Stirnfalte.
Macho beugt sich zu ihm hinüber und schielt auf den Bildschirm.
»Was’n los?«, fragt er neugierig.
Der Sachbearbeiter von Embispé nimmt die Brille ab und vergräbt das Gesicht in den Händen. »Herr Macho, Sie kommen von jedem Vorstellungsgespräch mit einer Absage zurück und wenn Sie mal zur Probe arbeiten, dann dauert das im besten Fall zwei Tage.«
Machos Augen verengen sich zu Schlitzen, er gibt ein gepresstes Geräusch von sich. »Hmmm, rrrrr, ohh, mhh, ohh …«
Embispé tritt Schweiß auf die Stirn. »Herr Macho? Geht es Ihnen nicht gut?«
»Ach, Sie wissen doch … mein Problem!! Ich versuche wirklich, damit klar zu kommen, aber wenn es kommt, dann kommt es … Moment …!«, stößt Macho gepresst hervor.
Fluchtartig verlässt er das Büro. Er stürzt hinaus und sieht sich hilfesuchend um. Eine Mittvierzigerin schwebt in Birkenstocksandalen über den Flur, auf ihrem Kopf etwas Nestartiges in braun und in ihrer Hand eine dampfende Tasse Kaffee, aus dem sich der Geruch wie Feenstaub im Gang verteilt. Sie sieht entsetzt zu Macho und verschwindet sofort in einer der vielen Türen. Macho rennt über den Gang und dann, endlich, entdeckt er eine geöffnete Fahrstuhltür. Er geht hinein und drückt den Knopf für das Erdgeschoss. Die Türen schließen sich und Macho lässt los.
Auf dem Rückweg nimmt er die Treppe. Vorsichtig klopft er bei Embispé, der eigentlich Schumann heißt. Zumindest laut Namensschild an der Tür.
»Da bin ich wieder«, strahlt er den Sachbearbeiter an.
»Was war denn los? Geht es Ihnen wieder besser?«
»Ja, ja, alles wieder gut. Es nur so … diese Sache, also mein Problem. Und deshalb auch die vielen Absagen. Auch erst neulich beim Vorstellungsgespräch bei diesem Callcenter. Ich habe vorher extra ganz normal gegessen. Ich meine, was bekomme ich schon für die paar Kröten? Und dann, mitten im Gespräch, ging es los. Ich konnte es nicht halten. Und dieses Mal das komplette Programm … Sie wissen schon.«
Macho sieht Embispé bedrückt ins Gesicht. Der schielt auf den Monitor und scrollt mit der Maus nach unten. Endlich sieht er es: »Besonderheiten: Anale Inkontinenz, gegebenenfalls schwer vermittelbar.«
Embispé zuckt zusammen. „Haben Sie das auch gehört?«
»Nein, was? «, fragt Macho.
»Da hat jemand geschrien … draußen auf dem Gang. Oder?«
Macho beobachtet den Sachbearbeiter. »Nein, da war nichts. Aber … ähm … würden Sie bitte mal ein Fenster öffnen … nur so zur Vorsicht?«
Das Gesicht des Sachbearbeiters ist versteinert. Eine männliche Gorgone, die versehentlich in den Spiegel geschaut hat. Er bewegt sich keinen Millimeter. Jahrtausendealte Verhaltensmuster. Flucht, Kampf oder Totstellen. Embispé ist kein Fluchttier, aber auch kein Kämpfer. Er hat sich längst an die Arbeitsweise seiner Behörde angepasst. Innerlich tot, äußerlich hat er den Aktionsradius‘ eines Faultiers.
»Herr Schumann, darf ich?«, fragt Macho und erhebt sich vorsichtig. Es wird Zeit. Auf dem Weg zum Fenster sagt er ruhig: »Sie müssen wissen, dass ich gestern Abend beim Griechen eingeladen war. Ein Freund von mir. Und wenn ich schon mal dazu komme … na ja … dann schlage ich auch zu. Olympiaplatte, ein Häppchen von der Rhodosplatte meines Kumpels und vorher Gyros mit Zwiebeln und Tsatsiki. «
Schumann atmet flach. Wenn er in einer Bank säße, würde er genau jetzt den roten »Überfall-Knopf« drücken. Auf dem Gang sind deutlich hörbar noch mehr Schreie zu hören. Macho zerrt am Fenstergriff. Der klemmt und er zieht mit aller Kraft und beiden Händen, bis das Fenster endlich knarrend aus dem Rahmen springt. Genau in diesem Moment passiert das Unvermeidbare.
»Sorry«, presst Macho zwischen seinen dünnen Lippen hervor. Langsam bewegt er sich zur Tür.
Der Kopf von Embispé IST inzwischen der Rote Knopf. Der Sachbearbeiter versucht sich heldenhalft im Üben des Atemstillstands. Apnoetaucher wären stolz auf ihn. Langsam aber kriechen winzige Moleküle in die Schleimhäute der Nase und der Augen. Tränen fließen ihm über die Wangen. Auf der Stirn bilden sich Bläschen.
Macho schleicht sich aus dem Raum und verschließt die Tür. Über die Gänge rennen Menschen in Todesangst, so schnell sie es in den Bürosandalen schaffen. Macho nimmt das Treppenhaus und geht vorsichtig Stufe um Stufe nach unten. Er konzentriert sich und hat die volle Körperkontrolle zurückerlangt. Ein Stockwerk nur, maximal zwanzig Treppenstufen, aber er will es wirklich schaffen. Eine Viertelstunde später ist er im Erdgeschoss angekommen. Zwei Feuerwehrleute mit Atemschutzmasken inspizieren den Fahrstuhl. Macho läuft durch die aufgebrachte Menge nach draußen.
Vor dem Eingang wartet sein Kumpel Herbert. »Ey Scheiße! Ich dachte, du kommst nie wieder raus! Was ist denn da los?«
»Keine Ahnung«, sagt Macho. »Lass uns einfach verschwinden. Kannst du mich wieder nach Hause fahren?«
»Klar Mann. Aber sag mal, wann bekommst du deinen Lappen eigentlich wieder zurück?«
»In drei Wochen.«
»Und warum haben Sie dir den nochmal abgenommen?«
Macho spürt ein Grummeln in seinen Eingeweiden und sieht wieder diese Bilder vor sich. Der Abend nach der Lauchsuppe … es war so schön im Auto … und er war allein … eigentlich. Bloß dieser blöde Polizist bestand ja bei der Routinekontrolle darauf, dass er das Fenster öffnen sollte …
»Ach, das ist eine lange Geschichte. Willst du gar nicht wissen.«

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