Apokalypse der Hamster

Liste

»Ihr werdet alle sterben«, sagt der Seminarleiter und schaut uns mit weit herausstehenden Augen an. Sein Gesicht ist zu einer Fratze verzerrt. Wir glauben es ihm sofort. Wir werden alle sterben. Unser neues Mantra.
»Doch«, hebt er an, »es gibt eine Rettung vor dem sicheren Ende!«
Ein Trommelwirbel ertönt, das Licht im Saal erlischt und in einem Spot erscheint neben ihm eine Halbliterflasche Zaubertrank. Der Messias stellt sich ins Licht und schwadroniert mit neuem Elan. Mit diesem Getränk werden wir überleben. Zweihundertfünfzig Euro müsse uns das Überleben wert sein, wenn es nicht schon die Seminargebühr von hundert war. Es ist mein drittes Seminar innerhalb von zwei Wochen. In der letzten Woche war ich Gast bei einer traurigen Veranstaltung bezüglich des sicheren Endes im Jahr 2012. Und ich legte all mein Geld in Gold an, nachdem ich erfahren hatte, dass es eine Währungsreform geben wird. Nur die Unsicherheit ist noch sicher. Es geht zu Ende. Die Apokalypse ist nah und jeder sollte sich darauf vorbereiten. Mein Keller ist inzwischen prall gefüllt mit Dosenravioli und Wasser für mehrere Jahre. Für hohe Feiertage habe ich Schmalzfleisch eingelagert. Die Goldbarren liegen auf der Bank, aber die schaffe ich auch noch in meinen Keller. Zum Glück bin ich routiniert in Weltuntergängen. Ein neuerlicher wird mich nicht umwerfen. Als ich in der fünften Klasse erfahren habe, dass mich meine Deutschlehrerin nicht liebt, ging zum ersten Mal die Welt für mich unter. Es war schrecklich und ich hatte nicht einmal einen Keller. Auch keine Goldbarren. Sie hat es mir nicht gesagt. Nur so nebenbei hat sie es mich spüren lassen, mich lange gequält, diese Schlange. Das ist wie ein Weltuntergang auf Raten. Wie Apokalypse in der Directors-Cut-Version. Es zieht mir schon wieder im Magen, wenn ich an sie denke. Ich hätte ihr den Himmel auf Erden geboten und ganz sicher wäre diese Welt heute nicht dem Untergang geweiht, wenn es in der Geschichte nicht so viele Frauen wie sie gegeben hätte.
Der Seminarleiter lobt ausschweifend die Vorteile seines Zaubertranks. Man überlebt nicht nur. Man bleibt agil und wird steinalt. Ich lehne mich zurück und beginne zu träumen.
Ich sehe mich kerngesund in meinem Keller hocken. Montag bis Samstag esse ich Dosenravioli und am Sonntag Schmalzfleisch. Nachgespült wird mit dem edlen Gebräu. Weil ich unendlich fit bin, hebe ich zur Körperertüchtigung die Goldbarren wieder und wieder hoch. Die Welt ist untergegangen, aber in einem einsamen Keller hockt ein völlig fitter, alter Sack. Dann und wann schaue ich aus meinem Fenster, ob die Welt wieder begehbar ist.
Jahre später krieche ich aus meinem Loch. Die Welt ist nicht mehr die, die sie einmal war. Aber dafür treffe ich mehr Leute als ich dachte. Clevere Menschen, die rechtzeitig in ihren Kellern Vorräte gehortet hatten. Und die sich mit dem Zaubertrank am Leben hielten. Ich treffe einen Mann, der auf Erbsensuppe mit Rauchfleisch gesetzt hat. Er heißt Guido und sieht richtig gut aus. Gemeinsam erkunden wir die Umgebung. Je mehr wir von unserer alten Welt sehen, desto trauriger wird es. Die Apokalypse war tatsächlich da. Und die Mahner hatten alle recht. Es begann zunächst scheinbar harmlos. Erst regierten uns Schwule und Frauen. Dann glaubten Griechen und Spanier, sie würden etwas von Wirtschaft verstehen. Später kam die globale Erwärmung, gefolgt von der neuen Eiszeit. Und schließlich brach alles zusammen. Keine Wirtschaft mehr, keine Banken und kein Arbeitsamt. Der unerleuchtete Teil der Welt wollte hektisch in Dosen flüchten, doch es gab keine mehr. Denn Menschen wie Erbsen-Guido und ich waren schlauer.
Wir freuen uns über unsere Voraussicht. Und darüber, dass wir kein Weltuntergangsseminar verpasst hatten. Wir gehören zu den Gewinnern. Vor allem aber bringt unsere Begegnung eine erfreuliche Abwechslung. Alle zwei Tage esse ich nun Erbsensuppe mit Rauchfleisch und Erbsen-Guido genießt Ravioli. Schmatzend und zufrieden sitzen wir über unseren Dosen, als Guido fragt: »Was machen wir eigentlich mit unseren Goldbarren?«
»Keine Ahnung! Vielleicht können wir sie gegen Dosenpfirsiche eintauschen.«
»Oh ja«, sagt Erbsen-Guido anerkennend, »Obst wäre wirklich toll. Vor allem bräuchten wir dann diese verflucht schweren Dinger nicht mehr mit uns rumzutragen.«
»Jetzt brauchen wir nur noch einen Idioten, der uns die Dinger abnimmt.«
»Vielleicht sollten wir ein Seminar halten. Der Aufschwung wird kommen! Tauscht Dosen in Gold!«
»Hört sich richtig gut an«, meine ich schmatzend. Dann essen wir weiter und sagen nichts mehr. Schweigen ist die Währung der neuen Welt. Und wir sind stinkreich. Später laufen wir durch ein verwahrlostes Land und wenn wir unseren Zaubertrank nicht hätten, würden wir grausam verrecken. Unsere Goldbarren können wir einem armen Irren gegen eine Palette Dosen mit gekochtem Rindfleisch verhökern.
Ich muss wohl eingeschlafen sein. Der Seminarleiter steht vor mir und schüttelt mich.
»Sie haben die Ruhe weg, was? Die Welt wird untergehen und Sie pennen hier ein!«
Müde blinzele ich ihn an. Wenn ich noch Geld hätte, würde ich dem Typen glatt ein paar Kisten Zaubertrank abkaufen. Nur so zur Sicherheit. Wenn mir das Schmalzfleisch irgendwann auf den Magen schlägt. Doch die Vision der überlebten Apokalypse gefällt mir gar nicht. Also verlasse ich den Saal und fahre nach Hause. Während ich den Schlaglöchern auf den Straßen ausweiche, wird es mir klar. Als erstes sollte ich meinen Keller ausbauen. Baustoffe könnten demnächst knapp werden.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s