Iren ist menschlich – Kapitel 2 Tralee

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Hierher kommen die Einheimischen und Touristen. Man kann sie gut auseinanderhalten. Nur die Touristen glauben, »Jack Wolfskin« oder »The North Face« können sie vor den Widrigkeiten des irischen Wetters bewahren. Die Einheimischen aber sind völlig normal angezogen, als gäbe es dort draußen nie Regen oder aber als würden sie ihn nicht abbekommen. Der irische Regen ist für die Touristen reserviert, damit sie zu Hause erzählen können, dass es in Irland ganz schön oft regnet. Sehr verbreitet ist bei den Touristen ganz offensichtlich der Hang zur »Outdoor-Ausrüstung«, als würde kurz hinter Tralee das Basislager vom Mount Everest liegen. Schwere Wanderschuhe, funktionale Hosen aus modefernen Stoffen und über dem ebenfalls funktionalen Shirts aus Hydromesh die obligatorische Jacke vom Jack oder eben »North Face«. Paare neigen dazu, selbige, völlig hässliche und im besten Fall »praktische« Trikotagen in unterschiedlichen Größen, aber in jedem Fall gleich zu tragen. Möglicherweise gab es einen Rabatt, aber vielleicht ist der Rabatt für identische Paarkleidung auch der Anfang vom Ende der Beziehung. Während ich in meinem Kaffee rühre, denke ich über diesen Aspekt des menschlichen Miteinanders nach. Ja, wenn Nützlichkeit die oberste Maxime in der Partnerschaft wird, ist wohl das Ende erreicht. Nur der innere Buchhalter eines jeden wird befriedigt auf das Kontenbuch aus meine, deine, unsere schauen und einen angenehmen Saldo bei »unsere« feststellen. Doch so ein Buchhalter in der Seele hat eben kein Herz und in der Folge ist die gleiche Outdoorjacke das letzte verbindende Element eines sich verlierenden Paares. Womöglich habe ich aber die nächste Stufe der Erleuchtung noch nicht erreicht und die anderen machen es genau richtig. Dann gibt es den Homo oeconomicus auch in der Beziehung und zweckrationales Handeln ist das höchste der Gefühle.
Dabei brauchen weder Paare noch Einzelreisende in Irland solche Kleidung. Festes Schuhwerk, eine normale Jeans und eine Jacke reichen völlig aus. Bei einem Regen stellt man sich unter oder flüchtet in ein Café oder in einen Pub. Und selbst wenn man durch den Regen nass wird, was dann? Ein bisschen Wasser, Ursprung des Lebens auf der Haut, kann nicht schaden. Etwas lebendiges und wahres, durch das wir noch merken, dass wir ein Teil der Natur sind. Ich schaue auf die Touristen und frage mich, ob das Leben von ihnen abperlt. Genauso, wie von ihren teuren, imprägnierten Jacken.
Die Iren strahlen immer eine gewisse Verbundenheit mit der Natur aus. Mag es auch nur meine Projektion sein, weil ich sie so sehen will und in ihrem wirklichen irischen Leben haben sie die gleichen alltäglichen Sorgen und Nöte wie wir. Dabei gehen ihnen, genau wie uns, die wichtigsten Dinge im Leben verloren, weil sie in einem irischen Hamsterrad gefangen sind, aus dem sie auch nicht einfach aussteigen können. Und selbst wenn ich sie am Ende nur so sehen will, erscheinen zumindest die Damen im Café, die offenkundig zum Mittagessen hier sind, sehr entspannt, ganz ohne Zeitdruck und Hektik. Sie reden womöglich auch nur über die Alltagsprobleme, die jeder hat, aber sie wirken locker und dem Leben auf eine herzliche Art und Weise zugewandt. Vor allem scheinen sie gänzlich ohne Funktionskleidung durch den Regen gekommen zu sein. Wie sie das wohl anstellen, kann man sich als Tourist nur fragen.

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