Für die Zukunft unseres Landes!

GDPdU
Es ist ein wunderbarer Samstag, der letzte im August. Ich kann im T-Shirt auf dem Platz vor dem Kultur- und Kongresszentrum stehen. Die Sonne strahlt angenehm warm auf mich herab. Nicht so drückend und fast verletzend wie im Sommer. Ganz angenehm, wie eine vertraute, warme Decke, in die ich mich kuscheln kann. Eine leichte Brise weht und bringt den Geruch von Rostern näher. An einem Stand vor mir werden Bücher, Weine, Eierlikör und Naschereien verkauft. Der SteinwegErich in Persona Frau Huster in Aktion, nur sie ist nirgends zu sehen. Vielleicht drängt sie sich wie die anderen nah ans Podium, auf dem Gregor Gysi steht und eine flammende Rede im Wahlkampf hält. Um mich herum stehen Menschen. Alte, noch ältere und ganz alte. Dazwischen ein paar wenige jüngere. Partisanen der großen Idee, Urenkel Karls und Friedrichs, die genauso unrasiert sind wie ich, aber in ihren Köpfen noch den Glauben spazieren tragen, dass die Menschen absolut gleich sind. Ich glaube, dass es Bertrand Russel war, der die schönen Worte sagte: „Wer in seiner Jugend kein Kommunist war, hat kein Herz, wer es im Alter noch immer ist, hat keinen Verstand “. Seitdem wurde dieses Zitat diesem und jenem in den Mund gelegt oder aber der Zitierende hat es in Nuancen abgeändert, doch im Kern bleibt es gleich. Ich schaue mich um und versuche die zu entdecken, die noch Herz haben und die mit dem Verstand. Bei einigen kann ich beides entdecken. Doch ich bilde mir so vieles ein. Es geht mir an diesem wundervollen Tag auch nicht um linke Parolen oder sonstwie geartete politische Inhalte. Die PIRATEN sind auch mit einem Stand vertreten und tun das ihrige, um im Rahmen des Friedensfestes nicht nur den Frieden, sondern auch das eigene Programm zur Wahl zu verteidigen. Da und dort sind Plakate mit Bezügen zur Ukraine und zu Russland zu lesen. Wohl dem, der in diesem Konflikt im Besitz der einen Wahrheit ist. Wir sind es ganz sicher nicht. Ich auf gar keinen Fall. Ich hoffe nur, dass nicht irgendwo ein Sender Gleiwitz auftaucht und das Fass zum Überlaufen bringt. Herr Gysi redet und redet. Im Grunde ist er richtig gut. Viele sagen, dass er ein toller Politiker sei, der einfach nur das falsche Parteibuch trägt. Doch welches wäre dann wohl das richtige für ihn? Das der KPD? Die hat in Thüringen 30 Mitglieder und wenn ich nur meine Facebook-Freunde zusammentrommeln würde, könnten wir den Laden übernehmen. Aber was zum Geier macht man mit einer Partei? Das erscheint noch schlimmer, als den Kleingartenverein „Frohe Zukunft“ geschenkt zu bekommen. Neben Herrn Gysi steht eine Garde von Menschen, die gierig das vom Podium weglecken, was dem Herrn Bundestagsabgeordneten bei seiner flammenden Rede aus den Mundwinkeln tropft. Ich muss mich zwingen, genauer hinzuhören. Er sagt: „Die reichsten Männer Europas haben 10 Billionen Euro. Das sind 10.000 Milliarden! … (großartige Mimik und Gestik) … Einem Prozent der Menschen gehören 32 Prozent des Geldes! … (empörende Mimik und Gestik) … aber 50 Prozent der Menschen gehört nur 1 Prozent des Geldes … (Mimik und Gestik der Enttäuschung)… Die Reichen zahlen kaum Steuern! Und deshalb sage ich Ihnen klipp und klar …“
Das ist der Moment, auf den ich schon lange gewartet habe. Ein Politiker sagt etwas klipp und klar. Ich bin genauso gespannt wie alle anderen um mich herum. Herr Gysi wird lauter: „Soziale Gerechtigkeit geht nicht ohne Steuergerechtigkeit!“ Die Menge spendet ihm tosenden Beifall. Sie johlt. Und pfeift. Und klatscht weiter. Ich nicht. Ich frage mich, ob wir in der Gruppe wirklich zur Schwarmintelligenz taugen oder doch nur so doof sind wie das dümmste Glied der Kette oder eben der IQ-fernste Klatscher auf diesem Platz. Merken die das eigentlich gar nicht? Nicht, dass sich die LINKEN nun irgendwie angegriffen fühlen, Herr Gysi ist keine Ausnahme. Das, was gerade klar und deutlich zu hören ist, machen alle so. Die gesamten demokratischen Parteien werden es nicht gern hören, aber gute Politikerreden, das wussten leider auch schon die Nazis, gehorchen einem hypnotischen Sprachmuster. Und es ist parteiübergreifend immer dasselbe: Drei Fakten – eine Suggestion. Jeder ambitionierte Politiker muss dabei eins immer und überall beherzigen: Eine gute Suggestion ist frei von Fakten!! Ich schreibe mir den Ausschnitt der Rede des Herrn Gysi in mein Notizbuch, wobei ich es etwas befremdlich finde. Ich habe mir einen wundervollen Kaweco-Füllhalter gekauft, der so sanft über das Papier gleitet, dass es eine Freude ist, Buchstaben zu Worten werden zu lassen. Ich schreibe in ein haptisch beinahe orgiastisches Moleskine und was schreibe ich dort hinein? Die Rede eines Bundestagsabgeordneten, die er im Thüringer Wahlkampf hält. Zu schade, dass die Wartezeiten bei Therapeuten so elend lang sind. Ich bin behandlungsüberfällig, tue es aber trotzdem:
„Die reichsten Männer Europas haben 10 Billionen Euro.“ Hier haben wir den Fakt 1, den ich nicht überprüft habe und bei dem ich Zweifel anmelde, weil ich mir durchaus vorstellen könnte, dass die eine oder andere Frau dabei sein könnte, aber Schwamm drüber, denn nun kommt Fakt 2: „Das sind 10.000 Milliarden.“ Das wirkt zwar wie ein billiger Trick, aber in diesem Zusammenhang können wir wohl kaum von billig sprechen. „ Einem Prozent der Menschen gehören 32 Prozent des Geldes.“ Das ist Fakt drei und der Herr Gysi und seine Berater werden es wohl wissen. Ich habe einmal gelesen, dass Ken Follet für Recherchezwecke für seine historischen Romane zu Spitzenzeiten 16 Angestellte hat, die ihn mit Faktenwissen versorgen, da wird der Herr Gysi wohl einen linken Praktikanten zum Mindestlohn haben, der ihm die Daten bringt. „50 Prozent der Menschen gehören 1 Prozent des Geldes“. Keine Ahnung, wer da nachgezählt hat, aber wir glauben aufgrund der etwas blöden Struktur unseres Hirns jemandem, der uns drei Wahrheiten nacheinander auftischt. Der Herr Gysi hat noch eine draufgesetzt, nur zur Sicherheit. Unser Hirn schaltet nun freudig ab und kann sich ganz entspannt einem ganz tollen Bindewort zuwenden: „Und deshalb sage ich Ihnen klipp und klar…“ Weshalb? Ich frage mich gedanklich noch WESHALB, da sind die Menschen um mich herum bereits bei „klipp und klar“. Jetzt muss es aber kommen, meint das Gehirn, das im Grunde schon ein mentales Schirmchengetränk im Hippocampus stecken hat. Nun kann der geübte Redner das waidwunde Vieh, auch Wahlvolk genannt, zur Strecke bringen: „ Soziale Gerechtigkeit geht nicht ohne Steuergerechtigkeit!“ Während die Menge tobt und Beifall skandiert, denke ich: „Geil! Unspezifische Substantive bringen die Menge zum Kochen. Jeder der Anwesenden versteht unter den großen Keulen Sozial und Gerechtigkeit etwas ganz anderes, aber der Gysi ist einfach eine dufte Type, der bringt es irgendwie auf den Punkt!“
Ich bin mir wieder schlagartig darüber bewusst, dass Politik und ich nie ein harmonisches Duo ergeben werden. Nach den hypnotischen Sprachmustern hätte Gysi auch sagen können, dass die Menschheit Frieden braucht. Oder: „Für die meisten Menschen ist es nur Ansichtssache, aber ich sage Ihnen, dass unsere Kinder in ihrer Betreuung mehr Zuwendung und sozialen Kontakt brauchen.“ Oder „Die Rolle der Bedeutung der inneren Zusammenhänge suboptimaler Gestaltungen im prozesshaften Denken der Wähler muss durch uns Politiker ernst genommen werden.“
Die Menge beruhigt sich. Ich nehme wieder den Geruch der Roster wahr. In meinem Magen rumort es. Mein Füller streikt und will nicht weiterschreiben. Hoffentlich ist ihm einfach nur die Tinte ausgegangen.

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